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Freiheit - eine Wolfsgeschichte


Geschichten werden ausgedacht, sobald die Sonne untergeht. Geschichten, die manchmal eine andere Zeit, eine andere Wirklichkeit auferstehen lassen. Die Wände weichen zurück und geben den Blick auf die Vergangenheit frei - auf die Sterne einer längst vergangenen Nacht und unendliche Wälder, durch deren Finsternis noch lange keine Straßen führen würden.

Dort erwachten gelbe, glühende Augen zum Leben und durchdrangen gierig die Nacht. Ein hellgrauer Schatten löste sich aus der Dunkelheit, nur ein Schemen vor dem Schwarz der Wälder. Lautlos bewegte sich die Wölfin hinaus auf die Ebene und betrat als ungebetener Gast das Reich der wilden Pferde .
Von den Hügeln hinab drang der uralte Gesang ihrer Artgenossen zu ihr, das immer gleiche Lied an den Mond, das die Wölfe seit Jahrtausenden sangen. Doch dieses eine Mal antwortete sie nicht, der Hunger war stärker.
Irgendwo da draußen graste ihre Mahlzeit, ein Fohlen vielleicht in dieser Nacht, das sich ein Stück von der aufmerksamen Mutter entfernt haben würde. Warmes, lebendiges Futter für die hungrige Jägerin.

Sie stand einen Augenblick still und spitzte die pelzigen Ohren, die schwarzglänzende Nase in den Wind gereckt. Der grasbewachsene Boden war ihre Landkarte, der Nachtwind der Verräter, der sie zu ihrer Beute führen würde.
Langsam, fast gemächlich trabte sie in die Richtung los, in der sie ihre Mahlzeit wußte - ein Gedanke an den Tod auf weichen Pfoten. Die Jägerin mit den elfenbeinfarbenen Reißzähnen dachte darüber nicht nach, als sie stolz und gelassen die Weite der Ebene durchquerte - und in die Falle ging.

Es schien, als hätten die beiden eisernen Kiefer, die unsichtbar geöffnet auf dem Boden gelegen hatten, nur darauf gewartet, sich bösartig um ihr Hinterbein schließen zu können. Ein eisiger Schreck durchfuhr die Jägerin, die auf einmal selbst zum Opfer geworden war, als ihr stetiger Lauf so unverhofft unterbrochen wurde. In ihrer Angst und ihrem Schmerz begann sie wild an der Fessel zu zerren. Doch die metallenen Fänge bissen sich nur noch fester und drangen tiefer durch Pelz und Fleisch bis auf die Knochen. Erschöpft und noch immer hungrig saß die Wölfin still und hob den Kopf. Diesmal sang eine einzelne Stimme das Lied der Wölfe, rief verzweifelt um Hilfe, doch niemand antwortete. Sie waren fort - die Artgenossen, die ihr jetzt doch nicht hätten helfen können. Allein auf der scheinbar unendlichen Ebene kämpfte die Wölfin gegen die grellen Schmerzen, die ihr der leblose Feind zufügte, kämpfte mit der sinnlosen Ausdauer des Geschöpfs der Freiheit.

Viele einsame Stunden später stieg über den Wäldern der Nebel auf, der den nahenden Morgen ankündigte, und bedeckte die Gräser mit funkelnden Tropfen aus Tau. Aus den getrübten gelben Augen der Wölfin tropften bittere Tränen. Sie hatte keine Stimme mehr, um nach der Freiheit zu rufen, das Herz war leergeweint, so leer wie die Ebene, die sich vor ihr bis zum Horizont erstreckte.
Als dann schließlich die Sonne aufging, brachen die Augen. Das Licht des neuen Morgens spiegelte sich nicht mehr darin, als die hellgraue Wölfin still, reglos im Gras lag - denn jetzt war sie frei. Von allen Fesseln erlöst, hatte der Tod sie in die Freiheit gerufen.

Ihre Geschichte aber lebt bis heute und beginnt immer von neuem, solange es Gefangenschaft gibt.


Wolf

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