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bin ich Dir ganz nah.



Was gäb' ich drum, könnt' ich einen Blick in Deine Seele tun, geliebte Sus! Oder könnt' ich doch hineinsehen in Dein Herz, kleine Elf! Könntet ihr doch sprechen, wünsche ich mir manchmal. Aber wäre ich dann weiter?
Würdet ihr nicht mit der Fähigkeit der Sprache auch gleichzeitig die Fähigkeit zur Lüge erlernen? Würdet ihr nicht versuchen, euch in günstigem Licht darzustellen? Würdet ihr nicht, da ihr reden könntet, auch manches verschweigen?
Nein, ich denke, es ist besser so, wie es ist. Wenn ich euch auch nicht auf den Grund der Seele schauen kann, so ist doch das, was ihr mich wahrnehmen laßt, wahrhaftig. Ich hatte den Tag eurer Ankunft gut vorbereitet. In einer Kiste solltet ihr zur Welt kommen, geräumig, oben geschlossen, mit einer Decke gepolstert. Ich schaffte es sogar, eure mißtrauische Mutter zu überreden, probeweise zwei Nächte darin zu verbringen. Daß sie die Kiste gründlich beschnüffelte und die Decke darin mit Maul und Krallen hierhin zog, dann wieder dorthin, wertete ich als Zeichen der Anerkennung.
Ist nicht die Nacht wie geschaffen für Geburten? Die Statistik belegt, daß Geburten überwiegend in der Dunkelphase des Tages stattfinden. Auch meine Mutter hatte sich dieser Regel gefügt. Ihr aber wurdet am hellichten Tage geboren, am Vormittag, bei gleißendem Sonnenlicht! Ihren ursprünglichen Plan, euch in der Kiste in die Welt zu setzen, ließ eure freiheitsliebende Mama fallen. Naturverbunden, wie sie war, warf sie euch im hohen Gras. Zwei Brüder waren noch da. Einer davon erregte sofort das Mißfallen seiner Mutter derart, daß sie ihn bis zur Unkenntlichkeit zerfleischte, auf der Stelle.
Du, kleine Susi, wärst um ein Haar auch nicht älter als ein paar Stunden geworden. In eine Schlingpflanze war dein Hals geraten. Jede deiner Bewegungen und das Zerren deiner Mutter brachte dich dem Erstickungstod näher. Stolz, als wäret ihr meine leiblichen Drillinge, wollte ich euch meinem Besuch zeigen. Der aber nahm nichts weiter wahr, als daß du in Todesgefahr schwebtest und befreite dich sofort.
So habe ich Susi und Elfie die Geschichte erzählt. Doch will ich vor niemandem so hundeverrückt erscheinen, als daß ich ihn glauben machen möchte, meine beiden Hündinnen hätten auch nur ein Wort von dem verstanden, was ich da in der Tonart des im Schaukelstuhl wippenden, Pfeife rauchenden Großvaters von mir gegeben habe. Dennoch steht fest, daß Hunde vielmehr von dem verstehen, was wir sagen, als man gemeinhin glaubt. Wenn ich - im Gesprächston - zum Beispiel erwähne, daß die Tiere heute mitfahren könnten, bricht Jubel aus. Teile ich ihnen hingegen mit, sie müßten zu Hause bleiben, legen sie sich traurig auf ihre Plätze. Sage ich: "Ihr müßt warten!", setzen sie sich. Auch Fragen beantworten sie auf ihre Weise. "Wollt ihr jetzt nach draußen?" wird genau so gut beantwortet wie: "Wollt ihr nicht lieber hereinkommen?"

Je länger wir zusammen sind, umso besser verstehen wir einander. Nie spreche ich mit den Hunden in einer Art Babysprache. Wie sollen sie uns verstehen lernen, wenn wir ihnen gegenüber anders sprechen als untereinander! Wollen wir ihnen zumuten, zwei Sprachen zu deuten? Hunde nehmen auch kleinste Nuancen wahr - in unserem Benehmen, in unserer Ausdrucksweise und versuchen, ihre Schlüsse daraus zu ziehen. Die sind meist richtig, aber Irrtümer gibt es auch, nicht anders als bei uns Menschen.

Zunächst muß ich anmerken, daß wir uns vom kleinen Bruder der Hundemädchen, Bob, hatten trennen müssen. Er war von meinen Freunden einem Bekannten versprochen worden. Es kostete mir Tränen, ihn abzugeben. Auch Bob hat herzzerbrechend geweint. Ich schäme mich heute noch, ihn hergegeben zu haben. Hätten wir ihn nicht doch irgendwie mit durchfüttern können? Aber er hat eine Familie gefunden, die ihn zum Mittelpunkt machte. Er fühlt sich dort wohl. Drei Hunde zu halten, ging über meine finanziellen Kräfte. Schon zwei, so muß ich gestehen, belasten den Finanzetat bis an die tragbare Grenze, denn ich meine, wenn sie einmal da sind, darf es an nichts fehlen.
Die beiden Hündinnen gehörten von Rechts wegen meinen Freunden. Da mir ihre Mutter während ihrer Abwesenheit nur zur Pflege anvertraut war, konnten sie selbstverständlich über die Welpen verfügen. Wir vereinbarten, daß die beiden am 1. Juni mir übereignet werden sollten, falls man sie bis dahin nicht in andere Hände abgegeben hätte. Nähme ich sie nicht, würde man sie töten lassen.
Mein Verstand wehrte sich dagegen, einen Hund zu haben. Ich kannte mich selbst gut genug, um zu wissen, daß ein solches Geschöpf mich sehr in Anspruch nehmen würde. Ich kann kein Tier "nur so nebenbei" haben. Ich freue mich mit ihm und leide mit ihm. Ich mochte mir auch nicht eingestehen, daß die beiden schon in mein Herz eingezogen waren.
Meine Freunde unternahmen recht halbherzige Versuche, Susi und Elfie ein neues Zuhause zu verschaffen. Ich selbst redete mir krampfhaft ein, ich könne sehr gut ohne die beiden auskommen und unterstützte die Bemühungen - allerdings ebenso halbherzig. Wäre eine der Hunde würdige Person gekommen, die beide hätte aufnehmen wollen, wäre diese Geschichte nicht geschrieben worden. Kein Problem. Aber - viele unersetzliche, glückliche Stunden würden in meinem Leben fehlen.
Doch der Tag "Erster Juni" verging, ohne daß eine solch erstklassige Person erschien. Eine Dame hatte uns einige Zeit zuvor besucht, um Susi und Elfie in Augenschein zu nehmen. Sie erklärte, die beiden seien genau das, was sie suchte und wurde nicht müde, die wachen Augen, den eleganten Gang und die ansprechende Musterung des Fells zu loben.
Doch zum vereinbarten Zeitpunkt erschien sie nicht. Am Telefon erfuhr ich von ihr, die Hündinnen seien zu sehr an mich gebunden, um eine neue Herrin lieben zu lernen. Sie hätte einen Blick dafür. Wenn mein Herz nicht ganz aus Stein sei, dürfe ich dem Gedanken, mich von diesen beiden zu trennen, keinen Raum geben.
Ein Freund, der überstürzt hatte abreisen müssen, bat mich, seine zurückgebliebenen Habseligkeiten in den Koffer zu packen und einer Spedition zu übergeben. Susi und Elfie beobachteten meine Tätigkeit mit offensichtlichem Entsetzen. Hatten sie doch schon einmal erlebt, daß ich sie für vier Wochen verlassen und jemand anders mit ihrer Versorgung beauftragen mußte. Immer wieder kamen sie, um mir zuzuschauen und liefen dann unstet im Haus herum. Ich versuchte, ihnen zu erklären, worum es ging, doch das war zu kompliziert für ihr einfaches Denken.
Als ich schließlich den Koffer in meinen Wagen schob und sie ins Haus brachte, hatten sie immer noch einen kleinen Hoffnungschimmer. Vielleicht würden ihre Befürchtungen sich doch nicht bestätigen? Sie schauten mich gespannt an. Als ich aber vom Hof fuhr, hörte ich sie laut aufheulen. Doch - mich nach einer Stunde wiederzusehen - damit hatten sie nicht gerechnet! Ihre Freude war überschwenglich - viel, viel größer als nach Rückkehr von einer Reise!
Doch das eben Geschilderte ereignete sich später, als die Hündinnen schon erwachsen waren.
Am Abend des entscheidenden Tages, als wir sicher sein konnten, keinen Besuch mehr zu erhalten, saßen wir drei auf dem Sofa, Susi links, Elfie rechts von mir. Ich hielt sie mit den Armen umfaßt. Diese lebendigen, warmen Körper in ihrem weichen Fell, die sich jetzt an mich drängten, diese mit Augen, Ohren, Schnauzen und Pfoten so vertrauten Wesen waren jetzt meine Hunde! Ich fühlte mich glücklich, leicht und froh!
"Ich werde Euch nie schlagen", versprach ich, "Ich werde für euch sorgen, so lange ich selbst etwas zu essen habe. Ich werde euch nicht länger allein lassen, als unbedingt nötig. Ich werde immer versuchen, euch zu schützen."
Elfie braucht ein neues Halsband.
Damit sich in Ihren Vorstellungen kein falsches Bild einnistet, werde ich beschreiben, wie meine Hunde aussehen. Beide Hundemädchen sind kurzhaarig. Sonst aber unterscheiden sie sich sehr. Es fällt schwer, zu glauben, daß Susi und Elfie die selben Eltern haben.
Elfies Äußeres mußte ich vor ein paar Tagen im Pet-Shop skizzieren. Sie hatte ihr Halsband verloren. Ein neues war zu erstehen. Drei Größen gab es. Folgender Dialog entspann sich zwischen der hübschen schwarzen Verkäuferin und mir:- Ich sage: "Es wäre besser gewesen, wenn ich den Hund mitgebracht hätte." Die Verkäuferin fragt: "Aber Sie wissen doch sicher, wie groß Ihr Hund ist?"
Ich antworte: "Doch, das weiß ich. Es handelt sich um eine angenehm mittlere Größe. Darum geht es aber nicht. Es geht um die Farbe." (Es gibt nur Nylonhalsbänder in grellen Farben.) "Was für ein Fell hat Ihr Hund denn?" - "Ein braunes, seidenartiges Fell, etwas dunkler auf dem Rücken und heller am Kopf, fast weiß am Bauch, ein schönes, leichtes Braun an den Beinen." - "Dann würde doch dieses hier gut passen!" Sie schwenkt ein rosa Halsband vor meiner Nase. "Ja," sage ich, "das mögen wir so sehen. Ich hätte den Hund aber trotzdem mitbringen müssen." -"Warum?" - "Ich weiß ja nicht, ob ihm dieses Halsband gefällt." - "Ist es ein männliches oder ein weibliches Tier?", fragt sie ohne eine Miene zu verziehen. - "Ein weibliches." - "Dann nehmen Sie besser dieses violette. Ich bin sicher, das wird sie leiden mögen."
Wir beide blieben völlig ernst. Ich muß sagen, daß ich die Verkäuferin sehr bewundere, weiß allerdings nicht, ob sie für mich ein ähnliches Gefühl hegt.
Susi ist gleichgroß, doch kräftiger und schwerer als ihre Schwester. Sie hat eine schwarze Decke, aber braune Beine, die in weißen Pfoten auslaufen. Das Fell auf dem Kopf ist im Grundton braun und schwarz gezeichnet. Schaut man sie von vorn an, wird man sofort an die frühere Moskau-Korrespondentin des ARD erinnert, die sich im wesentlichen durch eine vorn spitz zugeschnittene Ponyfrisur in schwarz von anderen Frauen unterscheidet. Susis Augenbrauen erscheinen hochgeschwungen, wie es in den dreißiger Jahren bei den Damen Mode war, nur eben mit dem Unterschied, daß mein Hundemädchen sie nicht mit dem Stift aufmalen muß.
Beide Tiere tragen Schlappohren, Susi in schwarz, Elfie in braun. Sie können sie bis zu einem gewissen Grade aufrichten, Elfie zumindest eines manchmal ganz, wenn sie den Kopf etwas schräg hält. Ihre Schwänze sind dunkel. Von gleicher, imponierender Länge, reichen sie herunter bis zum Fußgelenk. So sieht man sie aber selten. Meist werden sie stolz und hoch getragen.
Susi hat Ohrenschmerzen.
Susis Ohren taten weh. Das besserte sich durch Ohrentropfen nicht so schnell. Als ich schlafen ging, und die beiden Schwestern sich auf ihre Matten nahe meinem Schlafraum begeben hatten, stieß Sußchen immer noch Klagelaute aus. Ich nahm sie zu mir ins Bett (ja, Sie lesen richtig), massierte um ihr Ohr herum und erzählte dabei eine kleine Geschichte. Ich war noch nicht zum Ende gekommen, da streckte sie sich, verstaute ihre Schnauze in meiner Achselhöhle und schlief mit einem Seufzer ein.
Ich bin durchaus nicht dafür, Hunde ins Bett zu nehmen. Sie sollen in ihrer Kiste oder auf ihrer Matte schlafen und fühlen sich dort wohler als anderswo. Doch außergewöhnliche Situationen rechtfertigen außergewöhnliche Maßnahmen. Auch vertrete ich die Ansicht, daß Hunde immer zu ihrem Herren kommen dürfen, wenn sie sich in Gefahr glauben oder sonst etwas mitzuteilen haben.
Blitz und Donner.
Auch die hier sehr schweren Gewitter gestatte ich mir als außergewöhnliche Situationen anzusehen. Da ist mein Schlafzimmer eine wichtige Zuflucht. Beginnt das Donnergrollen, finden sich beide Tiere dort ein. Beim ersten lauten Donnerschlag hechtet Elfie, die sonst Mutigere, ins Bett und vergräbt ihren Kopf unter meinem Kissen, bis Luftmangel sie zwingt, die Nase wieder zurückzuziehen. Susi drängt sich von der anderen Seite an meinen Körper. Beide zittern und hecheln. Ich erzähle ihnen etwas in meiner langweiligen, monotonen Art. Das beruhigt sie offensichtlich, denn sie gähnen nach einer Weile, wie Sie es hoffentlich bei dieser Lektüre noch nicht getan haben, aber sie bleiben, bis alles vorüber ist.
Hunde - mit meinen Augen gesehen.
Wie sollen Hunde behandelt werden? Wie sind sie zu füttern, wie vor Krankheiten zu bewahren? Darüber sind Bücher geschrieben worden. Es erscheinen Zeitschriften, die diesen Themen immer neue Aspekte abgewinnen oder die alten wiederholen. In dieser Schrift werden Sie weder eine Gebrauchsanweisung für Hunde vorfinden noch den Versuch, Gedanken von Hunden in die menschliche Sprache zu übersetzen. Es sind meine Gedanken, die ich zu formulieren versuche. Zum großen Teil entstanden sie während des Zusammenlebens mit Susi und Elfie.
Ich kann hier ohne Übertreibung von "Zusammenleben" sprechen. Wir Drei wohnen nämlich in einem etwas abgelegenen Haus am Meer, am Karibischen Meer genauer gesagt, und haben wenig mit Menschen zu tun. Oft sehen wir ein paar Tage lang keinen Vertreter dieser Rasse. Das schafft, denke ich, eine gute, selten gegebene Voraussetzung, Hunde zu beobachten. Einzuräumen ist, daß auch das Verhalten der Tiere durch diese einsame Gemeinsamkeit bestimmt wird. Doch ihre grundsätzlichen Eigenschaften und ihre Instinkte ändern sich dadurch genauso wenig wie meine.
Selbstverständlich sehe ich alles mit meinen Augen, durch ein bereits gefärbtes Glas. Die Farbe ergibt sich aus meiner Einstellung zu Tieren im allgemeinen und zu Hunden im besonderen. Die wiederum wurde geprägt durch meine Eltern, meine Großeltern, meine Erlebnisse mit großen und kleinen Säugetieren. Sie sind für mich Lebewesen, mit denen wir diesen Planeten teilen. Sie haben die gleiche Existenzberechtigung wie wir. Betrachten wir uns als die Herren der Welt, übernehmen wir die Verpflichtung, für unsere Untertanen zu sorgen.
Anderer Leute Weg ist anders verlaufen. Sie können nichts dafür. Meist ist ihr Denken und Verhalten entstanden durch ein anerzogenes Überlegenheitsgefühl dem Tier gegenüber. Das nähert sich allerdings der Marke Null rapide, wenn ein Mensch auf freier Wildbahn einem wütenden Nashorn gegenübersteht, einer gefährlichen Schlange oder einem gereizten Tiger. Doch unter "normalen" Umständen sind solche Tiere eingesperrt und aus sicherer Entfernung im Zoo zu besichtigen. Vögel, Katzen und Hunde werden in der Wohnung geduldet, haben aber zu parieren. Das tun sie meist auch. Den Wünschen der Ernährer permanent entgegenzutreten, wäre Selbstmord.
Also sind wir die Überlegenen. Wir tun das, was wir als verworfen und primitiv erklären: Wir herrschen mit Gewalt. Das Recht dazu leiten wir aus der Überlegenheit ab. Darum lohnt es sich, diese Überlegenheit kritisch zu untersuchen.
"Du schaust mich an", sagt mein Gegenüber in strengem Tonfall, "als könne es Zweifel daran geben, daß der Mensch dem Tier überlegen sei." Mein Gesprächspartner ist in Ordnung, keine Frage. Er ist Maschinenmeister in einem Motorenwerk, eine tüchtige Hausfrau seine Gemahlin. Zwei sauber angezogene Kinder, denen er schon mal eins hinter die Löffel gibt, wenn es ihm zu dumm wird, machen mehr Freude als Ärger. Und - Balduin, der Dackel, auch.
Unser Gespräch fand statt, als ich ihn vor einigen Monaten in Deutschland in seinem Reihenhaus besuchte.
"Es kommt darauf an, worin man die Überlegenheit sieht", gebe ich zu bedenken. "Na hör' mal!", sagt Ludwig - so heißt der Maschinenmeister, "Wir können zum Beispiel rechnen, wir können die Zeitung lesen..." - "Du hast Recht", stimme ich zu. "Aber was bringt dir das? Du bist Meister geworden und verdienst gutes Geld. Dafür stehst du morgens früh um Sieben im Werk. Balduin liegt derweil auf deinem Sessel und schläft. Mittags geht er mit deiner Gemahlin spazieren. Das würdest du auch gern tun, aber Du darfst es nicht, damit du deine Frau, deine Kinder und nicht zuletzt den Dackel ernähren kannst. Ich weiß nicht, wer hier wem überlegen ist."
Wenn über den entscheidenden Unterschied zwischen Mensch und Tier gesprochen wird, ist die Superiorität des Menschen Grundlage der Diskussion. Die überragende menschliche Intelligenz hat diese Überlegenheit geschaffen. Auch die Dümmsten der Runde stimmen hier gern zu, ja gerade sie, denn sie werden ja nicht ausdrücklich aus der intelligenten Rasse ausgeschlossen.
Wenn wir unter Intelligenz die Fähigkeit verstehen, abstrakte Probleme zu lösen, muß man dem Tier diese Qualität absprechen. Definiert man so, fehlt aber auch manchem Menschen die ihn angeblich kennzeichnende Eigenschaft. Einigen wir uns lieber darauf, als Intelligenz das einsichtige Verhalten zu verstehen, das es ermöglicht, neue Aufgaben infolge eines richtigen Einfalls, bzw. einen Rückgriff auf gespeicherte Erfahrung zu bewältigen. Dann aber sind auch die Tiere intelligent.
Zwischen unserer und der tierischen Intelligenz besteht ein gradueller, kein fundamentaler Unterschied, wie mancher gern glaubt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß es Menschen u.a. gelungen ist, zum Mond zu fliegen und mit Computern mathematische Probleme in unvorstellbar kurzer Zeit zu lösen. Das sind nebenbei bemerkt Errungenschaften, von deren Funktionsverständnis der weitaus größere Teil der Menschheit genau so weit entfernt ist, wie der Hund vom Begreifen der Fahrradmechanik.
Geistige Leistungsfähigkeit ist meßbar. Lernfähigkeit, der Einsatz von Werkzeug, Erinnerungsvermögen sind ein paar jener Kriterien, die als Meßlatte dienen. Da schneiden wir gut ab. Müßte nicht einer anderen Beurteilung größere Bedeutung beigemessen werden? Müßte man nicht auch den Wert der Hirnleistung nach diesem Kriterium beurteilen: Welches Glück bringt sie den Lebewesen der Erde? Wäre das nicht der einzig sinnvolle Maßstab? Ich fürchte, das Ergebnis wird für uns Menschen eher kläglich ausfallen. Ist es nicht so, daß wir uns Dank der mit jener überragenden Intelligenz gemachten Erfindungen in immer größere Schwierigkeiten begeben? Wiegen die Nachteile nicht schwerer als die Vorteile? Haben wir mit unserer geballten geistigen Kraft Kriege, Hungerkatastrophen und Überbevölkerung verhindert? Allzu großer Stolz auf unser hochentwickeltes Gehirn ist doch wohl nicht angezeigt.
Sus und Elf (So werden sie gerufen, als klar wurde, daß das gemeinsame "i" am Namensende ihnen die Unterscheidung, wer von beiden gemeint ist, schwer macht) versündigen sich nicht an der Menschheit. Sie lassen Fremde nicht ins Haus, wenn ich nicht da bin, wecken mich mit lautem Gebell, wenn eine der giftigen Vogelspinnen eingedrungen ist, oder eine große Krabbe sich zu uns verirrt hat - um nur ein wenig von ihrem positiven Wirken zu erwähnen.
Lautstärke.
"Hektor!", brüllte mein Gastgeber, und nochmals: "Hektor! Sofort kommst Du hierher!" Wir saßen auf der Terrasse seines Hauses auf Antigua. Von dort aus konnte man das herrliche Türkis-Blau des Meeres sehen. Es war ein warmer, angenehmer Tag. Gleich würde die Frau des Stimmgewaltigen Kaffee und Kuchen auftragen. Hektor hatte sich im Schatten eines Baumes ausgestreckt und näherte sich nun gemächlich seinem Herren, der mit ausgestrecktem Zeigefinger auf einen imaginären Punkt vor seinen Beinen deutete. Die letzten Meter legte Hektor fast kriechend zurück, bis er sich unter dem Finger seines Herren niederlegte. Er ist ein wunderschöner Langhaar-Schäferhund, dem diese unterwürfige Haltung gar nicht gut zu Gesicht steht.
"Hat das arme Tier etwas mit den Ohren?", fragte ich seinen Besitzer, meinen Freund Otto. Der sah mich erstaunt an: "Nein - er ist ganz und gar gesund. Wie kommen Sie darauf?" - "Weil Sie eben so schreien mußten, dachte ich, Hektor sei schwerhörig."
"Hören Sie mal!", begann Otto, "Kommandos müssen klar und laut gegeben werden. Dann gehorcht der Hund auch. Und meiner muß gehorchen, vor allen Dingen. Wenn er nicht pariert, dann setzt es was." Er begleitete diesen Satz mit einer unmißverständlichen Handgebärde.
Laute Befehle, soweit sie nicht über größere Distanzen oder gegen Lärm hörbar gemacht werden müssen, sind Imponiergehabe. Der Chef schreit den Untergebenen an, der Unteroffizier den Rekruten, schlechte Eltern die Kinder. In manchem Streit soll die Lautstärke die guten Argumente ersetzen. Otto, das weiß ich, gehorcht seiner Frau aufs Wort, ohne, daß sie schreien muß. Mehr noch, sie hat ihn soweit dressiert, daß schon Blicke genügen. So dient Hektor nicht nur als Wächter von Haus und Hof, sondern auch als Krücke für Otto's angeschlagenes Selbstbewußtsein. Darum hatte er auch einen großen Hund gewählt, mit einem starken, furchterregenden Gebiß.
Obwohl der Vergleich nicht ganz paßt, mußte ich an jene Berliner Göre denken, die mit mir beobachtete, wie ein älterer Herr seinen Spaniel anschrie und mit einem Stock bedrohte. Den Vorgang kommentierte das Berliner Kind (Hände tief in den Hosentaschen vergraben, Kaugummi kauend): "Wer sonst nischt zu saaen hat, muß'n kleenen Hund kommandiern!"
Zu Hause ertappte ich mich dabei, wie ich meine Stimme anhob, als Susi nicht sofort auf meinen Ruf reagierte. Warum wurde ich eigentlich laut? Ich wußte doch, daß sie mich gehört hatte. Sie wiederum wußte, daß sie zu mir kommen sollte. Aber was tun, wenn sie nun nicht kam? Lautstärke steigern? Im Allgemeinen gehorchen beide Schwestern gut. Elfie reagiert etwas schneller.
Ich beschloß, das Verfahren zu ändern. Seither rufe ich mit normaler Stimme, immer nur einmal. Tut eine der Schwestern nicht gleich, was ich sage, warte ich etwas, denn Tiere sind keine Automaten. Wird der Befehl dann nicht ausgeführt, helfe ich sanft und ohne Zorn nach. Die Experten sagen: "Wenn man das Tier ruft und es gehorcht nicht, niemals zum Hund gehen! Er wird sonst jedesmal darauf warten, daß sein Herr zu ihm kommt." Über diese eiserne Regel setze ich mich hinweg. Ich gehe zu meiner Susi, und führe sie dorthin, wo ich sie hinhaben will. Dann lobe ich, als sei sie von selbst gekommen. Sie versteht es.
Seit ich nicht mehr so laut bin, hat sich die Beziehung zwischen den Hunden und mir weiter verbessert. Jetzt versuchen sie noch mehr als bisher, zu erahnen und aus vielerlei kleinen Anzeichen zu erkennen, was ich beabsichtige. Ganz offensichtlich sind sie bemüht, nichts falsch zu machen. Ich setze jeden Befehl - oder sagen wir besser jede Aufforderung - nur soweit durch, wie es sein muß: Abends melden sich beide Hunde an der Tür und wollen ins Haus. Manchmal aber fordere ich sie vor der gewohnten Zeit auf, herein zu kommen, wenn Regen droht beispielsweise. Oft bliebe Susi lieber noch draußen. Sie kommt zwar, gibt mir aber ihren Wunsch zu erkennen: Sie drängt ihren Kopf zwischen meine Beine. (Das ist ihre Art, mich um etwas zu bitten.) Ich überlege, ob sie unbedingt hereinkommen muß. Wenn nicht, lasse ich sie wieder gehen.
Susi und Elfie bedurften keiner besonderen Erziehung, um sich in die Hauswirtschaft einzufügen. Sie haben einige Vorgänger und auch bei diesen gab es in dieser Hinsicht keinerlei Probleme. Vorausetzung ist, daß die Hunde beachtet werden, daß ein ständiger Kontakt besteht, daß man lernt, ihre Äußerungen zu verstehen - und darauf zu reagieren. Hunde sind Rudeltiere. Sie werden ihrereseits immer bemüht sein, sich dem Rudel, also uns, anzupassen
"Aber meinst Du nicht, daß es auch dickfellige Tölen gibt, denen man energisch zeigen muß, wo's lang geht?", fragt Nachbar Paul, der einen straffen Befehlston anschlägt, wenn er mit seinem Struppi spricht. "Ja, ja schon", antworte ich, "Es gibt genau wie bei den Menschen schlaue und dumme, lebhafte und träge. Doch ihr Wahrnehmungsvermögen ist noch nicht durch Dauerberieselung von Radio und Fernsehen, und weiß-Gott-was für Einflüsse, denen wir ausgesetzt sind, abgestumpft. Und - sie sind nur dann wirklich böse, wenn sie von uns Menschen böse gemacht wurden."
Ziegen.
Susi und Elfie haben unbeschränkt freien Auslauf. Das Grundstück kann nicht lückenlos eingezäunt werden, denn es ist an der Westseite in voller Breite vom Meer begrenzt. Meine Hunde sind nicht wasserscheu, sondern gute, ausdauernde Schwimmer.
Kleine Ziegenherden ("Flocks" sagt man hier) durchkämmen die Buschlandschaft und grasen an den Straßenrändern. Diese Tiere ziehen Hunde geradezu magnetisch an. Sie werden verbellt und gejagt. Leider kommt es auch vor, daß Ziegen angefallen und gebissen werden. Zu Recht erboste Ziegenbesitzer werfen mit Steinen nach den Hunden oder versuchen nicht selten, sie zu vergiften. So schwebt man ständig in Ungewißheit und Sorge, wenn die Hunde das Grundstück verlassen. Es bedarf einiger Mühe und Geduld, ihnen beizubringen, sich nicht zu weit vom Haus zu entfernen.
Susi und Elfie fahren für ihr Leben gern im Auto mit. Ich benutze einen Geländewagen mit geschlossenem Kastenaufbau. Da steigen sie mit Begeisterung ein, ja sie können kaum erwarten, daß die Tür für sie geöffnet wird. Wenn wir länger unterwegs sind, muß eine Pause eingelegt werden, damit sie aussteigen und ein wenig laufen können.
Die Hauptstadtbesuche schätzen wir Drei nicht sonderlich, vor allem dann nicht, wenn es sehr heiß ist. Am Stadtrand habe ich einen Hügel entdeckt, von niedrigem Holz bestanden, der den Tieren einen guten Auslauf bietet. Ziegen schienen da nicht zu weiden. So ließ ich Sus und Elf auch diesmal dort aus dem Auto springen. Sie verschwanden wie gewohnt zwischen den Büschen. Ziegen waren nicht zu erblicken. Ich las guten Gewissens die "Antigua News". Plötzlich aber fiel mir vor Schreck das Blatt aus der Hand! Hörte ich richtig? Ziegengeschrei gemischt mit den wohlbekannten Stimmen meiner Hunde!
Mir fuhr trotz der Hitze eisiges Entsetzen in die Glieder. Dem Lärm nachzulaufen, ist sinn- und zwecklos. Bis man sich durch das Gestrüpp gearbeitet hat, sind weder Hunde noch Ziegen dort, wo sie eben noch waren. Es blieb mir also nur übrig, aus Leibeskräften nach den Hunden zu schreien.
Plötzlich geschah ein Wunder: Die Ziegen brachen aus dem Gehölz. Ich starrte sie an, als käme der weiße Hirsch persönlich auf mich zugeschritten! Sie eilten im leichten Trab zu mir. Ihnen nach folgten Susi und Elfie mit den Allüren von Hütehunden. Sie hielten die Herde zusammen, trieben Zicklein, die ausbrechen wollten, zurück zum Flock. Dann kamen meine Heldinnen zu mir, schauten mich hocherfreut an und wedelten heftig mit den Schwänzen. Sie machten mir deutlich, daß sie nunmehr einsteigen wollten, da für sie nichts mehr zu tun übrig sei. Ich öffnete die Hecktür. Die Hunde sprangen ins Auto, als wenn nichts gewesen wäre. Die Ziegen wußten erst nicht recht, was von ihnen nun erwartet wurde, trollten sich dann aber ohne Hast.
"Susi und Elfie wollten Dir damit eine Freude machen", meinte meine Freundin Patricia. Das hört sich gut an. Doch ich muß gestehen: Wir wissen zu wenig von der Seele des Hundes, um sagen zu können, warum sie sich so verhielten. War es ein Spiel? Waren es Instinkte, bestimmte Triebe? Auf jeden Fall sind Sus und Elf für Überraschungen gut.
Ich hoffe, meine beiden Lieblinge noch lange an meiner Seite haben zu können. Ich bin sicher, daß sie mir viel Freude machen werden. Und ich wiederum werde mein Versprechen halten. Wir Menschen haben an Tieren einiges wiedergutzumachen.


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