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Das darf man nicht laut sagen, ohne gescholten zu werden, aber er sagte es trotzdem:
"Je länger ich mit Menschen zu tun habe, desto lieber werden mir die Tiere!"
Mit einer zweiten Erfahrung war er nicht so ganz sicher. Er verkündete sie daher - und auch das nur mit dem Vorbehalt, daß sich in der Erinnerung manches verwische und Gefühle nicht meßbar seien - im engsten Freundeskreis:
"Niemals habe ich um einen Menschen so sehr getrauert wie um Tiere, die bei mir lebten."
Es stand aber fest, daß der Verlust jedes Hundes, der ihn begleitet hatte, ihm tiefen Schmerz zufügte, einen Schmerz, der sich immer wieder, noch Jahre danach, ohne Ankündigung in sein Herz krallte, und ihn nachts weinen ließ.

Sein letzter Hund, ein Dalmatiner, starb im 15. Lebensjahr. Er hätte ihn vielleicht schon 1 1/2 Jahre früher töten lassen müssen, denn neben allerlei Altersbeschwerden plagten "Fullstop", wie er wegen seines gepunkteten Fells hieß, Gelenkschmerzen. Mr. B. aber versuchte ausdauernd, seinem Hund zu helfen. Er rieb die Gelenke mit Salbe ein, verabreichte homöopathische und andere Medikamente, setzte Fullstop auf Spezialkost und trat sogar der Arthrosegesellschaft bei, um neue Entwicklungen der Behandlungsmethoden nicht zu versäumen. Ohne Zweifel litt Fullstop nicht so schwer an seiner Krankheit wie unbehandelte Hunde, vor allem jene, die erfahren mußten, daß man sich, da sie nun alt und krank waren, kaum noch um sie kümmerte, und die nur ein Randdasein fristeten.

Doch alle Liebe und alle Mühen konnten nicht verhindern, daß der Hund eines Sonntagmittags in den Armen seines Herrn starb. Der hatte noch den Tierarzt gerufen, doch der Fachmann sagte nach kurzer Inspektion:
"Ihr Hund ist alt. Versuchen wir nicht, sein Leben um eine kurze, vielleicht qualvolle Zeit zu verlängern. Sie haben dafür gesorgt, daß es keine bösen Stunden für ihn gab. Lassen Sie ihn jetzt in Ruhe heimkehren in den großen Hundehimmel."
B. hielt seine Tränen zurück. Er wollte nicht weinen, solange Fullstop lebte. Er wußte, daß sein Hund immer sofort begriffen hatte, wann sein Herr trauerte, ihn zu trösten versuchte und seinen Kummer teilte.
Danach aber weinte er hemmungslos. Er sah kein Ufer für das Meer seines Kummers. Niemals wieder würde es sein, wie es gewesen war. Nach einer Woche grauer Depression beschloß er, sein Haus zu verkaufen, ein anderes zu erwerben und umzuziehen, damit er nicht durch jeden Platz, auf dem der Hund gelegen hatte (deren gab es einige in Haus und Garten), durch den Messinghaken im Flur, an dem die Leine gehangen hatte, durch die Küche, in der der Hund gefressen hatte, das Fenster, durch das Fullstop stundenlang geschaut hatte, als er nicht mehr so gut laufen konnte, - damit er nicht durch all das auf Schritt und Tritt an ihn erinnert wurde.
Nun lag Fullstops Tod 10 Jahre zurück. Er hatte keinen Nachfolger. Mr. B. wollte nicht noch einmal erleben, daß ein Hund starb.

Jetzt aber war er 75 Jahre alt geworden und hatte Grund, anzunehmen, daß er nicht älter als 85 werden könnte. Alle seine männlichen Vorfahren waren mit spätestens 83 Jahren gestorben. Außerdem spürte er seit einiger Zeit eine Unregelmäßigkeit des Herzschlags, die er mit einem Extrakt aus Besenginster anging. Seinen Arzt suchte er nur extrem selten auf. Diesmal glaubte er, Erstaunen in dessen Gesicht zu lesen. War der Doktor überrascht, ihn noch unter den Lebenden zu sehen?
"Meinen Sie", fragte Mr. B., "daß dieses Holpern meines Herzens eine ernste Krankheit signalisiert? Ist es gefährlich?" - "In Ihrem Alter", brummelte der Doktor, "ist alles gefährlich."
"Ich könnte", sagte sich Mr. B., "jetzt wieder einen Hund haben. Ich werde früher sterben als das Tier. Der große Schmerz, ihn leiden und dann sterben zu sehen, wird mir erspart bleiben."

Doch plötzlich fiel ihm ein, daß es im Falle seines Todes der Hund wäre, der unter dem Verlust seines Freundes und Herren würde zu leiden haben. Man konnte auch nicht wissen, in wessen Hände das Tier schließlich geriete. Es hatte wenig Sinn, den Hund testamentarisch zu bedenken. Das würde ihm lediglich das Futter und ein Dach über dem Kopf sichern, aber keine Zuwendung, keinen Trost.
Dieses Problem galt es noch zu lösen. Über die Beschaffung eines Hundes machte sich Mr. B. keine Gedanken. Er hatte noch nie einen Hund gekauft und würde das auch in Zukunft nicht tun.
"Ein Hund ist ein Schicksalsgenosse", war seine Ansicht, "Ein Hund muß seinem Herren begegnen. Sie werden sich erkennen. Sie werden vom ersten Augenblick an wissen, ob sie miteinander leben wollen."

Seinen ersten Hund hatte er im Straßengraben gefunden. Das war ein Welpe, der noch hätte von seiner Mutter versorgt werden müssen. Es kostete Mühe und erforderte die Unterstützung eines Veterinärs, den kleinen Spaniel am Leben zu erhalten. Mr. B. und Mobby (kein besonders schöner Name für einen so hübschen Hund) liebten sich. Mr. B. war sicher, daß dieser Umstand mindestens von gleicher Bedeutung für Mobby's Wohlergehen war, wie die körperliche Fürsorge.
Der zweite Hund in Mr. B.'s Leben war ihm zugelaufen. Er saß eines Morgens im Garten, zerzaust, verdreckt und mager. Er schaute Mr. B. an und erwartete wie selbstverständlich, von ihm aufgenommen, gepflegt und gefüttert zu werden. Er erwartete es nicht vergebens. Zwölf Jahre lebten Mr. B. und Moses. zusammen. Moses starb an einem Herzschlag, schnell und, wie Mr. B. hoffte, ohne Schmerz. Mr. B. litt sehr unter diesem Verlust und schwor, nie wieder einen Hund zu sich nehmen zu wollen.

Diesen Schwur mußte er brechen, als ein Freund, der Dalmatiner zog, ihn fast auf Knien anflehte, einen Junghund zu übernehmen, da er ihn sonst töten lassen müßte. Der Hund wäre zur Zucht nicht geeignet, da etwas mit dem Ohransatz nicht den strengen Regeln entsprach. Das war Fullstopp.
Nun aber war Mr. B. auf einmal fest entschlossen, nicht länger allein zu leben. Mußte es denn unbedingt ein Hund sein, der seine Einsamkeit teilte, oder besser gesagt, aufhob? Mr. B. war nicht griesgrämig oder besonders ruppig. Menschen aber wünschte er nicht in seinem zu Haus haben. Mit Männern kam er nicht zurecht. Beim Militär, auf dem Arbeitsplatz, auf den Behörden - überall hatte er es fast ausschließlich mit Männern zu tun gehabt.
Je länger das währte, umso mehr vergrößerte er den Abstand zu seinen Geschlechtsgenossen. Mr. B. hatte nie den rechten Ton zu ihnen gefunden. Aus der Ferne verehrte einige bekannte Personen männlichen Geschlechts, vor allem jene, die seit vielen Jahren im Grabe ruhten. Lebendig und von Nahem fand er sie samt und sonders abscheulich.

Frauen tolerierte er für ein begrenzte Zeit in seiner Nähe. Er freute sich sogar auf jene drei Tage in der Woche, die Edna James die Wohnung aufräumte, fegte und wischte, nach der Wäsche sah, kochte - für den nächsten Tag gleich mit. Aber er war auch erlöst und erleichtert, wenn sie abends wieder ging.
Mrs. James rangierte in seiner Sympathieliste in der ersten Reihe. Einfacher gesagt, er mochte sie lieber, als die meisten anderen ihm persönlich bekannten Frauen. Dennoch: Die bloße Vorstellung, daß sie bliebe, das Dinner zubereitete, mit ihm speiste, dabei womöglich redete, etwa über Leute, die ihm gänzlich gleichgültig waren, jagte ihm Angst ein. Sie neigte dazu, sich zu wiederholen, wie viele Frauen, deren Repertoir sich erschöpft hatte, nicht jedoch ihre Redseligkeit. Nachts würde er sich die Ohren mit Wachspfopfen zustopfen müssen, um nicht zu hören, wie sie die Toilette benutzte, Wasser laufen ließ, Türen öffnete und schloß. Schlimmer noch: Morgens, wenn er noch versuchte, seine Träume zu rekonstruieren und zu glätten, hätte er alsbald ihre Gegenwart, zumindest die von ihr veraursachten Geräusche, zu ertragen.
Er glaubte nicht, daß es irgendwo eine Frau geben könne, die ihm 24 Stunden am Tage nahe sein dürfte, ohne daß er früher oder später an den Rand einer Nervenkrise geraten müßte.

Die Erinnerung an seine kurze Ehe bestärkte ihn in dieser Auffassung. Kurz nach Abschluß der Ausbildung bei der Midlandbank hatte er ein Mädchen geheiratet, das nicht nur gut aussah, sondern sich auch sehr vorteilhaft und elegant zu kleiden wußte. Ihr Einsatz an Kosmetika und deren Bevorratung war zeit- und platzraubend, obwohl sie in ihrer jugendlichen Frische besser aussah, wenn sie sich nicht behandelte. Das hätte ihn warnen müssen: Elegante Kleidung und raffiniert verpackte Cremes kosten nicht wenig. Brigitta - so hieß das süße Kind - verband den Begriff "Bank" mit dem Begriff "Geld", grundsätzlich nicht verkehrt. Doch wurde ihr im Verlauf der Ehe erst klar, daß gerade Bankangestellte nicht selten zu löblicher Sparsamkeit neigen.
So auch Mr. B.. Dennoch, er tat wider seine Natur, was in seinen Kräften lag, um Brigitta bei Laune zu halten. Sie war ein wenig oberflächlich, redete, aber lachte auch viel. Brigitta erschien wesentlich hübscher und anziehender, wenn sie sang und fröhlich war. Mr. B. hatte ihr stets seine Gehalts-abrechnungen und Kontoauszüge vorgelegt. Darauf warf sie mit höflichem Interesse einen Blick, aber ihr Gesichtsausdruck verriet, daß sie nicht wußte, was das sollte. Waren die Finanzen nicht Sache ihres Mannes, des Bankangestellten?

Erst kurz vor dem finanziellen Ruin erklärte Mr. B. seiner Frau, er fühle sich außerstande, sie weiterhin glücklich zu machen. Jetzt versprach sie plötzlich unter Tränen, ab sofort sparsam zu sein. Mr. B., der sich diesen Schritt lange genug überlegt und in schlaflosen Nächten um die richtige Entscheidung gerungen hatte, ließ sich jedoch auf nichts mehr ein und bestand auf einer Trennung. Seine Erfahrung mit Kreditkunden hatte ihn gelehrt, wie wenig Verlaß auf derart gute Vorsätze war.

Hier muß erwähnt werden, daß Mr. B. trotz des Scheiterns seiner Ehe eine kleine, aber tieFullstopitzende Hoffnung hegte, irgendwann eine Ehefrau zu finden. Sie müßte den Wunsch haben, so zu leben, wie er gern leben würde: In und mit der Natur, den Tieren nahe, mit sich selbst im Einklang, unabhänigig von der Meinung der Mitmenschen, heiteren Sinnes. Um ihr das zu ermöglichen, war er gern bereit, sich voll im ungeliebten Beruf einzusetzen und erstklassig gekleidet jeden Morgen pünktlich in der Bank zu erscheinen.
Doch diese Frau schien es nicht zu geben. Sie existierte wohl nur in seiner Phantasie. Alle weiblichen Wesen, die seinen Weg kreuzten, wünschten nichts sehnlicher, als prima inter pares zu sein. Das offenbarte sich schon nach kurzer Zeit. Sie legten Wert auf untadeligen Ruf und Äußeres, vielleicht noch auf gerade soviel Bildung, um in Gesprächen nicht allzu unangenehm aufzufallen. Diejenigen, die nicht willens waren, sich solcher Sklaverei zu unterwerfen, wandelten meist im selbstgewebten Kleid auf Gesundheitssandalen daher, das Haar zu einem Knoten im Nacken zusammengebunden. Sie rochen oft etwas streng. Mr. B. war nicht interessiert.

So blieb er allein. Von häuslichen Problemen ungestört, arbeitete er sich energisch nach oben. Er ließ sich aber vor der Zeit pensionieren, um genug Muße zu haben, das angehäufte Vermögen sinnvoll auszugeben. Man konnte ihm nicht nachsagen, Geld um des Geldes willen erworben und angespart zu haben.
Menschen also kamen als Partner für die letzten Lebensjahre nicht in Frage. Mit einem Tier konnte er gut leben. Das wußte er. Mußte es aber ein Hund sein?
Über Papageien hatte Mr. B. viel gelesen. Seither ging er nur dieser Vögel wegen wöchentlich zweimal in den Zoo. Dabei wählte er einen Weg, der nicht an Raubtieren oder Affen vorbeiführte. Er war diesen Tieren durchaus zugetan. Gerade deshalb empfand er es als schandbar, solchen Lebewesen die Freiheit zu rauben und sie unter entwürdigenden, unnatürlichen Umständen in einer elenden Gefangenschaft zu halten. Er schämte sich, ein Mensch zu sein.
Die Papageien schienen die Einschränkung ihrer Freiheit besser ertragen zu können. Mr. B. konnte sich mit ihnen unterhalten. Er hatte gelesen, es sei keineswegs wahr, daß diese intelligenten Vögel nur Laute nachahmen könnten, ohne deren Sinn zu verstehen. Man könne sie so ausbilden, daß sie wüßten, was sie sagten. Als er dann noch vom Tierwärter hörte, Papageien erreichten nachweislich ein Alter von 80 bis 100 Jahren, war er fast entschlossen, einen Papagei ins Haus zu holen. Er dachte auch daran, daß so ein Tier ihn nicht zu langen Spaziergängen auffordern würde, sollte es ihm mit steigendem Alter schwer fallen, zu gehen.
Dann aber las er, wie sensibel Papageien sind - viel empfindsamer noch als Hunde. Es sei schon mehr als einmal geschehen, daß ein solcher Vogel nach dem Tod seines Herren in Schwermut verfiel, nicht mehr fraß und schließlich eines jämmerlichen Todes gestorben sei.

Ein Pferd könne er nicht halten, jedenfalls nicht so, wie es sich für das Tier gehörte, meinte Mr. B.. Es war ihm früher schon schwer gefallen, auf ein Pferd zu verzichten. Seit seiner Jugend hielt er Pferde für die Krone der Schöpfung. Die Liebe zu Pferden zu begreifen, wird niemand schwerfallen, der dieses Gefühl, dieses uns ganz durchflutende Glücksgefühl, das den Reiter singen läßt, erlebt hat, wenn er vom Rücken des Tieres aus die Welt zwischen den Pferdeohren hindurch betrachtet.

So würde das Lebewesen, das die nächsten Jahre an seiner Seite leben sollte, doch wieder ein Hund sein. Mr. B. mußte sich eingestehen, es gleich gewußt zu haben. Doch hatte er sich die Gedankenausflüge zu anderen Tieren gestattet - mehr als Spielerei denn als ernsthafte Prüfung.
Er brauchte jetzt nur noch zu warten, bis der Hund erschien. Daß er erscheinen würde, stand für Mr. B. außer Frage. Die Wartezeit nutzte er, um für das Tier dessen neue Heimat schöner zu gestalten.
Sein Garten grenzte an eine verkommene Wiese, etwa 3/4 Acre groß, die seit längerem zum Verkauf stand. Die kaufte er ohne lange zu handeln. Sie wurde eingezäunt, eine Hecke angepflanzt. Dann ließ Mr. B. ein paar junge Bäume und Büsche unregelmäßig verteilt setzen. Der alte Trennzaun wurde entfernt.
Den Erwerb von Schlafkorb, Halsband und Leine schob er bis zum Erscheinen des Hundes auf, da er nicht ganz sicher war, ob es sich um ein großes, mittleres oder kleines Tier handeln würde. Er hatte zwar die Vorstellung von einem Hund mittlerer Statur, groß und kräftig genug, um ihn zu verteidigen, klein genug, um in jedem beliebigen Sessel zu schlafen, aber er würde auch jede andere Hundefigur bei sich aufneh-men, die Gott ihm senden mochte.

In den nächsten Wochen ertappte sich Mr. B. dabei, daß er die Haustür in der Erwartung öffnete, einen Hund auf der Türschwelle vorzufinden, daß er auf Spaziergängen in die Gräben schaute, um gegebe-nenfalls ein weggeworfenes Hundebaby zu entdecken. Aber es rief nichteinmal jemand an, um ihn zu bitten, einen überzähligen Hund aufzunehmen.
"Ich heiße Hodge", sagte der kleine Mann im billigen, graugestreiften Anzug, der da vor Mr. B.'s Haustür stand und sich leicht verbeugte. "Darf ich eintreten? Es soll nicht lange dauern. Ich habe nichts zu verkaufen."
Mr. B. hatte diesen Menschen irgendwo schon einmal gesehen. Es war weder eine angenehme noch unangenehme Erinnerung damit verbunden. Er öffnete die Haustür weit und trat zur Seite. Mr. Hodge trat ein, besser gesagt, er schlüpfte hinein.

"Sie haben die Wiese gekauft" begann Mr. Hodge, als er ins Wohnzimmer gebeten worden war und in einem der großen Ledersessel beinahe verschwand. "Ich hatte sie eigentlich kaufen wollen, habe aber zu lange überlegt. Kredit hätte man mir gewährt." - "Ich werde sie Ihnen nicht weiterverkaufen", erklärte Mr. B. "Falls sie deswegen gekommen sind."
"Nein, nein! Das ist nicht der Grund meines Besuchs. Ich wollte nur - ich wollte nur fragen - Sie können selbstverständlich ablehnen, ohne daß ich Ihnen zürnen könnte - ob mein Pferd dort grasen dürfte."
Mr. B. war überrascht. Unter "Pferd" verstand er im Augenblick eines jener großen, schönen Tiere, die man auf Turnierplätzen und Rennbahnen findet. Er hätte Mr. Hodge den Besitz eines solchen Tieres nicht zugetraut. Plötzlich aber fiel ihm ein, wo er Mr. Hodge schon gesehen hatte.
Es war im Winter. Mr. Hodge hatte eine Mütze aufgehabt, deren mit braunem Kunstpelz gefütterten Seiten man herunterklappen konnte. Mr. Hodge hatte seine Ohren nur unvollkommen darunter verstaut. So wippten die Mützenränder bei jedem Schritt schlapp auf und ab, wobei die Ohren gewissermaßen als nach oben drückende Federn wirkten. Er trug eine Joppe aus dickem braunem Stoff, deren Unterkante bis fast auf die zweifellos zu großen Gummistiefel reichte. Mr. Hodge zog damals ein Shetlandpony am langen Zügel hinter sich her. Darauf saß ein Kind in hellblauem Anorak und dunkelblauer Skihose. Zwischen Schal und Pudelmütze konnte man ein gerötetes Gesichtchen erkennen. Die Hände in bunten Strickhandschuhen krallten sich in die Mähne des Pferdes.

"Grundsätzlich", sagte Mr. B., "wäre ich damit einverstanden." Er dachte, daß der zu erwartende Hund sich mit Pony vertragen würde, sofern man dafür sorgte, daß das Pferd schon auf der Weide war, wenn der Hund sie zum ersten Mal beträte.
"Nur", fuhr er fort, "wäre dafür zu sorgen, daß Ihr Pferd nicht an den neugepflanzten Sträuchern und jungen Bäumen knabbert."
"Daran habe ich schon gedacht", erwiderte Mr. Hodge eifrig. "Ich bin bereit, Schutzgitter um die Pflanzen aufzustellen." - "Ich werde Ihnen auch gestatten, in der Nordwestecke einen Unterstand, der an dreiein-halb Seiten Schutz gegen Wind bietet, für das Pferd zu bauen. Der müßte ordentlich aussehen, mit einem Dachüberhang, damit der Regen an der offenen Seite nicht hereinschlägt. Bitte bringen Sie das Pferd nicht, bevor das alles fertig ist."
Mr. B. erhob sich. Für ihn war die Angelegenheit erledigt. Er freute sich auf das Pony. Mr. Hodge bedankte und verbeugte sich, als er das Wohnzimmer verließ und an der Haustür nochmals.

Als Mr. B. vor dem Einschlafen die Sache überdachte und im Geist das Pony auf der Wiese grasen sah, meinte er, daß da irgendetwas fehle, kam aber zunächst nicht darauf, was das sei. Darüber schlief er ein. Am anderen Morgen wußte er es: Was fehlte, war das zweite Pony! Ein Pferd allein mußte sich einsam fühlen! Der Hund würde als Gefährte nicht ausreichen. Der Entschluß, ein Pony zu kaufen, stand sofort fest. Aber er wollte abwarten, bis Mr. Hodge sein Pferd auf die Weide ließ.
"Wenn wir etwas erwarten, intensiv darauf warte
", sagte sich Mr.B., "dauert es eine Ewigkeit, bis unsere Erwartung sich erfüllt. Es kommt mir vor, als warte ich auf den Hund schon seit Jahren. Ich weiß, daß er erscheinen wird und zwar bald, aber ich bin in ganz unvernünftiger Weise ungeduldig." In der Zeitung las er eine Anzeige, aus der hervorging, daß eine junge Setterhündin in "gute Hände" kostenlos abzugeben sei. Einen Augenblick glaubte er, sich melden zu müssen, dann aber meinte er, daß ein Treffen auf Grund eines Inserats nicht die vom ihm erwartete schicksalhafte Begegnung sein könne. Gerade auf die kam es ihm aber an - bei diesem letzten Hund in seinem Leben.

Mr. Hodge leistete gute Arbeit. Für die Schutzzäune hatte er mit grünem Plastik bezogenes Ziergitter gewählt. Als er zwei Tage gearbeitet hatte, bat Mr. B. ihn zu einer Tasse Tee ins Haus. Er erfuhr, daß Hodge das Pony vor zwei Jahren für seine Tochter gekauft hatte. Nun sei die Tochter 8 und das Pony 5 Jahre alt. Das allein interessierte Mr.B. Er wollte ein auch im Alter passendes Pony kaufen.
Man sprach noch über Shetlandponys. Mr. Hodge meinte, wie merkwürdig es doch sei, daß das Temperament der Tiere und Menschen zunehme, je weiter südwärts sie zu Hause seien. Er hielte das für einen Mißgriff des Schöpfers, denn gerade im Norden wäre es für Lebewesen doch angezeigt, sich lebhafter zu bewegen, um der Kälte entgegenzuwirken. Im Süden hingegen führe temperamentvolle Lebensäußerung zu nichts anderem als Schweißausbrüchen und Streitigkeiten.
Mr. B. konnte darauf nichts erwidern, denn er hatte nicht richtig zugehört, weil er schon darüber nachdachte, wo er so ein Pferd am besten würde erstehen können.

In der folgende Woche nahm Mr. Hodge den Wetterschutz in Angriff. Mr. B. mußte einschreiten, denn Hodge hatte die Maße natürlich für ein Pferd berechnet. "Warum machen Sie das Ding so klein?", fragte Mr. B., der von dem Zukauf noch nichts verraten wollte. "Das Tier kann sich ja kaum umdrehen! Es muß sich auch hinlegen können und wechselt im Schlaf gern mal die Seite, wie Sie es sicher auch tun. Dann sollte es nicht gleich mit den Hufen an die Wand donnern. Machen Sie's doch etwa so groß!" Mr. B. schritt den Umriß der Grundfläche ab. Hodge wurde verlegen, denn er rechnete sich aus, wieviel mehr das kosten würde und stellte für sich fest, daß er soviel gar nicht ausgeben konnte. "Ich werde etwas dazulegen.", meinte Mr. B., der sich schon dachte, wo Hodge der Schuh drückte, "Sagen wir die Hälfte. Ich bin es ja, der Sie dazu verleitet, doppelt so groß zu bauen."
Der Unterstand war eine Bereicherung für das Grundstück. Mr. Hodge hatte an den Ecken alte, verzierte Holzsäulen gesetzt, die er hinter dem Parteibüro gefunden hatte. Das Dach war grün, von einer weißen Regenrinne umrandet.

Mr. B. schaute aus dem Fenster. Er beobachtete, wie Mr. Hodge's Stute die Schutzgitter beäugte, ab und an ein Büschel Gras abrupfte, bei jedem Geräusch die Ohren spitzte und die Nüstern hob. "Es wird etwas dauern, bis sie sich an die neue Weide gewöhnt. Was wird sie sagen, wenn ihr neuer Partner daherkommt?", dachte Mr. B.. Morgen früh hatte er einen Termin auf Elliott's Farm. Es war schwieriger gewesen, einen Shetland-Züchter zu finden, als er angenommen hatte.
Mr. Hodge's Stute hieß Elaine. Ein unpassenderer Name wäre kaum zu finden gewesen. Wie sollte nun der Wallach heißen, den Mr. B. erworben hatte? In etwa einer Stunde würde er eintreffen. Vielleicht könnte man Mr. Hodge's Tochter Pat eine Freude machen, wenn man ihr erlaubte, das Pferd zu taufen.
Er rief bei Hodge an und fragte, ob er Vater und Tochter in etwa einer Stunde zum Tee erwarten dürfte. Man sagte zu.
Die Überraschung klappte perfekt. Mr. Hodge rieb sich ein paar mal die Augen, als er da statt eines Pferdes zwei auf der Weide sah. Es dauerte einige Zeit, bis die Hodge's ihre Sprache wiederfanden und begriffen, daß der Wallach nicht irgendein Pferd, sondern Elaine's Lebensgefährte sei. Die Taufe sollte am Sonntag offiziell stattfinden, aber der Name stand schon nach einer halben Stunde fest, als der Neuling seine Nase an Pat's Bluse rieb. "Smoochy" nannte sie ihn.
Mr. B. fand, daß der Tag gut verlaufen sei, schlief schnell ein und träumte sich entspannt durch eine erholsame Nacht.

Wenn Mrs. James kam, erschien sie früh genug, um das Frühstück zu bereiten, das Mr. B. um halbneun einzunehmen pflegte. Mr. B. erwachte, vom ersten Augenblick an gutgelaunt, um halbacht. Er lauschte, vernahm aber diesmal nicht jene Geräusche, die normalerweise von Mrs. James Gegenwart kündeten - das Klappen der Haustür, dann der Küchentür, wenn sie fröhlich und gutgestimmt war, auch ihr Gesang.
Mr. B. erhob sich, ging ins Bad, um sich zu rasieren und zu duschen, legte das Unterzeug an und zog den Morgenmantel darüber. Nun war es kurz vor halbneun. Er ging in sein Arbeitszimmer zum Telefon und wählte Mrs James' Nr. Im selben Augenblick hörte er zu seiner Erleichterung das Knirschen des Haustürschlüssels. Er eilte in den Flur und sah, wie seine Haushaltshilfe die Tür mit dem Fuß aufdrückte, um einen größeren, röhrenartigen Gegenstand, der mit Tüchern verhüllt war, hineinzuschieben. Danach folgte sie mit vor Anstrengung gerötetem Gesicht und zog ihre Tasche, ein unförmiges Ding aus brauner Lederimitation, hinter sich her.
"Entschuldigen Sie bitte die Verspätung", murmelte Mrs. James und setzte das röhrenförmige Ding mit den Tüchern ab. Dann zog sie langsam die Tücher nach oben. Ein Käfig aus Messingstäben wurde sichtbar und darin zwei Graupapageien, die jetzt von einem Fuß auf den anderen traten und mit geneigten Köpfen die Umgebung musterten.

"Und?", fragte Mr. B., nach dem er die Tiere aufmerksam und freundlich betrachtet hatte.
"Ich mache Ihnen erstmal Kaffee", sagte Mrs. James. "Während Sie frühstücken, werde ich Ihnen berichten."
Ihre Cousine, Mrs. Coulthurst, hätte ihren Laden ganz plötzlich aufgegeben wegen der gewaltigen Mieterhöhung und weil sie zu ihrem Mann, mit dem sie sich wieder versöhnt habe, nach Leeds ziehen wolle. Mr. B. sei ja oft dort gewesen, auf ein Schwätzchen, früher vor allen Dingen, als er noch Hundefutter benötigte. Die Papageien würde er ja auch schon kennen und hätte sogar gesagt, er beneide Mrs. Coulthurst um diese schönen Vögel.
Alle anderen Tiere habe sie verkaufen können, weit unter Preis versteht sich, die Fische und die Hamster, auch die Wellensittiche und Meerschweinchen. Die Mäuse habe sie ganz heimlich laufenlassen, auch die beiden Ratten, die gar nicht fort wollten und immer wieder an ihr hochgeklettert wären. Merkwürdigerweise sei kein Interessent für die Papageien gekommen, wo sie doch gedacht hatte, daß die zuerst einen Liebhaber finden würden, zumal sie einiges sprechen könnten, vor allem schmutzige Worte, und für einen lächerlich niedrigen Preis angeboten wurden.

"Gib sie mir mit," hatte Mrs. James gesagt. "Ich habe jetzt kein Geld bei mir, aber Du weißt, daß Du es bekommen wirst. Ich will sie für Mr. B. haben, der Papageien sehr hoch schätzt und mir sicher böse sein wird, wenn ich diese Gelegenheit nicht wahrnehme." Mrs. James hatte die Graupapageien in den Wintergarten geholt, wo Mr.B. frühstückte. Während sie sprach, schaute sie nur die Tiere an. Mr.B. aber fixierte Mrs. James, als wolle er sich vergewissern, daß sie noch bei Trost sei. Sein Frühstück hatte er fast vergessen.
"Aber ich habe nicht die Absicht, zwei Papageien zu kaufen. Ich..." Mrs. James unterbrach ihn: "Sie haben mir erklärt, daß Sie nie im Leben Tiere gekauft hätten und das auch in Zukunft nicht tun würden, weil das Schicksal Sie mit diesen Lebewesen zusammenführen müsse...." "Ganz recht", unterbrach Mr. B. seine Haushälterin, "Und wenn ich gestern ein Shetlandpony gekauft habe, so erwarb ich es nicht zu meiner Gesellschaft, sondern für Elaine."
"Nicht Sie sind es, der die Papageien gekauft hat. Ich habe sie erstanden. Und wenn Sie mir das Geld nicht wiedergeben wollen, dann lassen Sie es." - "Wer sagt Ihnen, daß ich diese Vögel hier in der Wohnung haben will?" - "Ich sage das. Oder wollen Sie behaupten, daß Sie sie jetzt noch hergeben wollen?"
"Bitte gießen Sie frischen Kaffee auf. Dieser ist kalt geworden."

Mr. B. zog sich in sein Arbeitszimmer zurück, ohne die Vögel eines Blickes zu würdigen. Noch war er Herr der Lage. Noch bestimmte er, wer und was und wann in seinem Hause wohnen durfte. Er vertiefte sich in die Zeitung. Es war ärgerlich, daß die Blätter blödsinnig groß waren und man sich anstrengen mußte, sie so zu halten, daß man einen Artikel von Anfang bis Ende lesen konnte. War es nicht möglich, die Tageszeitung auf ein Viertel ihres Fornats zu bringen?
Plötzlich ließ er das Blatt sinken. "Mrs. James", rief er, "Wollen Sie bitte mal kommen?"
Sie war darauf gefaßt, daß er sagen würde: "Bitte versuchen Sie, Ihre Cousine zu erreichen. Bitte bringen Sie ihr die Tiere zurück. Wir haben keine Verwendung dafür."
Tatsächlich begann seine Rede mit dem Satz: "Bitte versuchen Sie, Ihre Cousine zu erreichen." Mrs. James schaute betroffen zu Boden. Aber er fuhr fort: "Wie lange sollen die armen Vögel noch in dem engen Käfig verbringen? Was haben Sie sich dabei gedacht? Wir brauchen zwei stabile Ständer mit Sitzstangen, möglichst mit je einer Schaukel darüber! Und für die Nacht einen doppelt so großen Käfig. Das alles soll Mrs. Coulthurst beschaffen und uns schicken, ob sie ihren Laden nun aufgibt oder nicht." Dann verschwand sein Kopf wieder hinter der Zeitung. "Vergessen Sie das Futter nicht!", rief er noch hinterher.
Als Mrs. James abends ging und nicht recht wußte, ob es angebracht sei, sich an diesem Tag anders zu verabschieden als sonst und daher herumdruckste, sagte Mr.B.: "Übrigens - es wäre mir lieb, wenn Sie ab nächsten Monat jeden Tag kommen könnten. Überlegen Sie, ob das geht."

Mr. B. hatte die Papageien in seinem Arbeitszimmer einquartiert. Da saßen sie nun, jeder auf einer Sitzstange, neben Tränke und Futternapf. Er drehte seinen Sessel so, daß er sie beide im Auge behielt. Die Vögel schienen etwas verlegen zu sein, kratzten sich am Kopf, knabberten an der Sitzstange, dann wieder an ihrem Gefieder, hielten die Köpfe geneigt, dann wieder gerade, sperrten den Schabel auf, klappten ihn wieder zu. Mr. B. fixierte sie in aller Ruhe und wartete ab. Irgendetwas müßten sie ja tun, dachte er und rechnete damit, daß sie die Köpfe unter die Flügel steckten und einschliefen. Es war immerhin 7 Uhr abends, für Vögel sicher nicht zu früh zur Nachtruhe.
Man konnte diese Tiere lieben, fand er heraus. Doch es dürfte nicht die einzige Liebe sein, man sollte nicht versuchen, darin aufzugehen. Andere Geliebte wären unverzichtbar, Hunde zum Beispiel. Dann würde das Verhältnis großartig sein, spannend, wie eine Liebschaft neben der Ehe, die erschlafft, sobald sie zur Hauptbeziehung wird.

Plötzlich gab derjenige, den er "Kukuck" getauft hatte, einen krächzenden Laut von sich, den man unschwer mit "Arschloch!" identifizieren konnte. Die Tiere waren jetzt vier Tage im Haus. Bislang hatten sie weder gesprochen noch gesungen. Mr.B. war entzückt, nicht etwa weil er solche Ausdrücke schätzte. Als dann noch Kukucks Frau, die er "Mona" nannte, mit dem Kopf nickte und "Jawohl" schrie, lachte Mr. B. vor Freude. Er hatte sie "Mona" genannt nach einer Cousine seiner Ehefrau, die alles wiederholte oder bestätigte, was ihr Mann von sich gab.
"Du wirst sehen", sprach Mr. B. zu Kuckuck, "daß ich kein Arschloch bin, sondern gut für Euch sorgen werde. Aller Wahrscheinlichkeit nach werdet ihr mich überleben, aber ich habe veranlaßt, daß ihr beide auch dann gut versorgt bleibt." -"Quatsch!", schrie Kuckuck, "Arschloch!" - "Jawohl!", fügte Mona zu.
"Ihr seid übermüdet", erklärte Mr. B., nahm die Sitzstange aus der Halterung und trug sie mit Kukuck zum Käfig. Dann brachte er Mona zu ihrem Schlafplatz. Als beide Tiere im Käfig waren, zog er die Leinendecke halb darüber und sagte: "Gute Nacht, ihr lieben Tiere."
Mr. B.'s Tagesablauf hatte durch die Pferde und Papageien neue Impulse erhalten. Die Routine hatte sich geändert. Mindestens zweimal am Tage ging er zu den Shetlands hinaus. Die beiden Ponys kamen angetrabt, sobald sie ihn sahen. Er brachte ihnen entweder Karotten mit oder etwas Salat. Er setzte sich oft auf die Veranda, nahm zwar ein Buch oder eine Zeitschrift mit, schaute aber meist den Tieren zu. Es wurde ihm nicht langweilig.

Er gab sich keine Mühe, den sinnlosen Wortschatz der Vögel zu erweitern, brachte ihnen aber bei, daß es ohne die ausdrückliche Bitte um Futter nichts zu fressen gab und auch zu sagen, worauf sie Appetit hätten. Sie durften mit auf die Veranda, ohne angekettet zu werden. Mr. Hodge meinte, sie würden bald das Weite suchen. "Dann sollen sie fliegen!", rief Mr. B. "Sollen sie sich um ein besseres Zuhause kümmern!" - "Sie werden nicht zurückfinden, wenn sie um die nächste Ecke sind." - "Papageien ohne Orientierungssinn? Das übersteigt meine Phantasie!"
Weder Kuckuck noch Mona zeigten Neigung, ihren Herren zu verlassen. Mr. B. konnte sogar mit ihnen durch den Garten gehen. Sie blieben auf seinem Kopf, seiner Schulter oder Hand sitzen.

Mr. B. fühlte sich ausgeglichen und entsprechend gesund, auch wenn das Herz ab und an aus dem Takt kam. Aber er war mit der Frage beschäftigt, ob Pferde und Vögel den erwarteten Hund ersetzen sollten. Er liebte diese Tiere, kam aber zu dem Schluß, daß es für einen Hund keinen Ersatz gäbe.
Weder Mrs. James, die einen nüchternen Sinn besaß, noch Mr. Hodge, der hin und wieder hereinschaute, wenn er die Pferde fütterte, konnte er sagen, daß er einen Hund erwarte. Er erzählte es den Papageien.
Mr. B. staunte über sich selbst, daß er Mr. Hodge noch nicht hinausgeworfen hatte. Mr. Hodge war zwar weder Philosoph noch Politiker, Leute, die in Mr.B.'s Augen nicht nur nutzlose Esser, sondern für die Menschheit geradezu gefährliche Verführer waren. Mr. Hodge war Parteisekretär gewesen. Das ging noch gerade so hin.
Dennoch wäre er nie auf die Idee gekommen, Mr. Hodge zu besuchen, wenn nicht dessen kleine Tochter ihn darum gebeten hätte. Sie hatte Smoochy abgesattelt und kam hereingestürmt. "Vielen Dank, daß ich Smoochy jetzt auch reiten darf! Er ist ein bißchen übermütig, läßt sich aber sonst gut führen. Bitte komm' mit zu uns nach Hause! Ich habe tolle Pferde- und Hundebilder. Die mußt Du sehen!"
Mr.B. brachte es nicht fertig, die Bitte abzulehnen, erhob sich mit einem Seufzer, ergriff Pat's Hand und ließ sich von ihr nach draußen ziehen. Zu Hodge's Haus war es nicht weit.
Pat's Mutter war vor 4 Jahren gestorben. Es tat ihm leid, daß das kleine Mädchen mit dem Vater, diesem ältlichen, uninteressanten Mann, allein leben mußte.
Der Haupteingang des Hauses an der Straßenseite schien lange nicht benutzt zu sein. Sträucher hatten ihre Zweige davor ausgebreitet. Gras wuchs aus den Rissen der Steinstufen. Pat führte Mr. B. durch den Garten. Von dort gelangte man zum Hintereingang.

Mr. Hodge glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er durch das Küchenfenster Mr. B. an der Hand seiner Tochter auf die Tür zustreben sah. Er sprang auf, um ihn willkommen zu heißen.
"Hoffentlich sagen Sie mir nicht,", sprach Mr. B. ohne Mr. Hodge's Gruß zu erwidern, "daß dieser Hund dort Ihnen gehört." Er zeigte dabei auf einen großen, braunen Hund mit zotteligem Fell, der im Garten vor seiner Hütte angekettet lag.
"Doch", antwortete Hodge, "das ist Terry, unser Wachhund." - "Warum liegt er an der Kette?" - "Er würde sonst in der ganzen Gegend herumstreunen. Er hat sich schon mal eins von Mrs. Paulys Hühnern gegriffen."
"Wenn Terry ein Huhn tötet, dann gehen Sie hin und bezahlen es. Haben Sie keinen Geschichtsunterricht gehabt? Lesen Sie nicht die Zeitung? Wenn doch, dann müßten Sie wissen, daß Unfreiheit überall Schaden anrichtet. Für Freiheit kämpfen wir! Befreien Sie ihren Hund von der Kette!" Pat drückte, man kann schon sagen, "quetschte" seine Hand. Daraus schloß er auf ihre Zustimmung.
"Aber", wandte Mr. Hodge ein, "ich kann ihn doch nicht einfach laufen lassen! Er wird stundenlang nicht wiederkommen. Ich werde nicht wissen, ob er nicht irgendwo Hühner, Ziegen oder Kaninchen mordet oder vielleicht sogar Menschen beißt."
"Beweisen Sie ihrem Hund, daß es vorteilhafter ist, zu Hause zu bleiben. Sie füttern ihn einmal am Tag? Das ist normalerweise gut und richtig. Tun Sie's jetzt zweimal zu festen Zeiten. Er wird sich merken, daß er zweimal zum Fressen zu Hause sein muß. Wahrscheinlich wird er schon vorher da sein. Gleich danach wird er wenig Neigung verspüren, auf Jagd zu gehen.
Einmal täglich sollten Sie sein Fell inspizieren und ihn kämmen oder bürsten. Darüber wird er sich freuen und rechtzeitig zur Stelle sein. Nehmen Sie ihn so oft wie möglich mit ins Haus. Sprechen Sie mit ihm. Arbeiten Sie im Garten, zeigen Sie ihm, wie sehr Sie sich freuen, wenn er in Ihrer Nähe ist. So oft Sie Zeit haben, gehen Sie mit ihm spazieren. Das tut auch Ihnen gut. Es strafft die Haltung und frischt die Gesichtsfarbe auf. Ihr Hund wird weder Zeit noch Lust zum Streunen haben."
"Ich muß dreimal in der Woche in's Büro. Da bleibt mir doch nichts anderes übrig, als Terry anzuketten", wandte Hodge schwach ein. "Doch. Sie nehmen Terry mit. Man wird das dulden. Keine Parteiführung wird sich nachsagen lassen, sie hätte einem tüchtigen Mitarbeiter gekündigt, nur weil er ein Herz für Tiere habe."

Pat wollte gleich zu Terry laufen, um ihn von der Kette zu lassen, doch Mr. B. hielt sie zurück. "Hole lieber erst eine Leine. Er muß sich langsam an die Freiheit gewöhnen." Während Pat und Mr. B. Pat's gesammelte Tierbilder betrachteten, sah das Mädchen Mr. B. immer wieder voller Bewunderung von der Seite an.
Dabei hatte Mr. B. mit Rücksicht auf das Vater-Tochter Verhältnis noch längst nicht alles gesagt, was ihm auf der Seele lag. Mrs. James diente für so manche seiner Gedanken als Ablage. "Schauen Sie", sagte er, als sie ihm den Tee brachte, "Gibt es einen besseren Beweis für die niedere Natur des Menschen, für seine Doppelzüngigkeit, als einen angeketteten Hund? Wir erklären ihn für unseren besten Freund und betonen, daß seine Treue ihresgleichen nicht findet, sprechen ihm gar einen sechsten Sinn zu, leben seit Jahrtausenden mit ihm zusammen - und dann fesseln wir ihn mit Halsband und eiserner Kette, oft ein Hundeleben lang. Es ist abscheulich."
Mr. B. hatte, als er noch für die Bank arbeitete, einige Reisen absolviert. Leider führten sie ihn immer nur in Großstädte, wo seine Bank Filialen unterhielt. Nun wollte er noch eine Reise unternehmen, diesmal nach seinem Geschmack. Er war sich über das Reiseziel noch nicht klar. Es sollte ein Land sein, in dem man Tiere auf freier Wildbahn sehen konnte, Elefanten, wenn möglich, Tiger, wenn es sich einrichten ließe, und die klugen Affen.
"Jetzt, wo der Hund noch nicht da ist, kann ich reisen. Ich muß mich mit der Planung beeilen." Kuckuck hörte das, äußerte sich aber nicht dazu. "Ihr werdet nicht einsam sein, wenn ich fort bin. Du hast ja Mona, Mona hat Dich und ihr beide Mrs James."
Mr. B. holte den großen Atlas aus dem Bücherregal und legte ihn auf den Schreibtisch. Da mußte Kuckuck schrecklich lachen. Er wollte nicht wieder aufhören. So etwas hatte Mr. B. noch nicht erlebt. Gab es etwas, das dem Vogel wirklich komisch vorkam, oder war es nur die Imitation von Lauten, die er irgendwo aufgeschnappt hatte? Allgemein wäre man von Letzterem ausgegangen, aber Mr. B. fühlte sich irgendwie irritiert. Hatte Kuckuck einen sechsten Sinn? Könnte irgendetwas dazwischen kommen? Mr. B. wollte eine Nacht darüber schlafen. Für heute war ihm die Lust an der Reiseplanung vergangen.
Anderntags ging er wie immer zu den Pferden und trank dann eine Tasse Tee im Arbeitszimmer beim Gespräch mit den Papageien. Die hatten außer den schon erwähnten Worten noch keinen Beweis ihrer Sprechkunst geliefert. Mr. B. holte vorsichtig den großen Atlas wieder aus dem Bücherregal. Dabei beobchtete er Kuckuck aufmerksam. Der verzog keine Miene, schien aber Mona etwas ins Ohr zu flüstern.

In diesem Moment klingelte das Telefon. Kaum hatte Mr. B. den Hörer an sein Ohr gehoben, vernahm er Worte, die noch nie jemand gewagt hatte, an ihn zu richten: "Sie sind ein übles, heuchlerisches, verlogenes Subjekt", beschimpfte ihn eine rauhe, unangenehme Stumme laut. "Sie haben kein Herz. Leute wie Sie sollte man aufhängen, vorher aber noch verprügeln, bis sie nicht mehr schreien können!" Mr. B. fand keine Worte. Er wollte auflegen, war dann aber zu neugierig, zu erfahren, wer sich da schließlich melden würde. Er schrie nur immer dazwischen: "Wer ist denn da? Wer spricht dort?"
"Das spielt keine Rolle", sagte der Mann am andern Ende. "Ich habe genau beobachtet, wie Sie die Hunde ausgesetzt haben, Sie Schwein! Wenn Sie die Tiere nicht haben wollen, bringen Sie sie zum Tierarzt. Der kann sie einschläfern. Das ist das Mindeste, was man erwarten kann. Menschlich denkende Kreaturen hätten sie bei der Mutter belassen und sie dann an gute Leute abgegeben."
"Hören Sie!", sagte Mr. B. mühsam beherrscht, "Ich habe keine Tiere ausgesetzt. Ich habe keine Hündin, die geworfen hat und...." - "Es war mir klar, daß Sie es nicht zugeben würden. Passen Sie gut auf, was ich Ihnen jetzt sage: Ich habe den Karton mit den beiden Tieren vor Ihre Tür gestellt. Ich werde mit Hilfe meiner Freunde genau beobachten, was Sie mit den Tieren machen. Sollten Sie den Versuch wagen, sie nochmals auszusetzen, werden Sie in Zukunft wenig Freude an Ihrem Dasein haben." Es knackte. Das Gespräch war beendet.

Als Mr. B. sich gefaßt hatte, eilte er zur Haustür. Tatsächlich stand dort ein stabiler Pappkarton. Der Anblick des Inhalts überwältigt ihn: Zweimal graues, leicht wolliges Fell, niedliche Schlappohren, kleine schwarze Nasen! "Mrs. James! Mrs. James!", rief er, nahm den Karton auf und trug ihn über den mit weinrotem Teppich ausgelegten Flur. Mrs. James kam ihm entgegen.
Nach einigen Stunden war wieder Ruhe im Haus eingekehrt. Der Tierarzt war erschienen, hatte seine Anordnungen gegeben und Zuversicht geäussert. Die Tiere würden auch ohne ihre Mutter gut gedeihen.
Mr. B. stellte fest: Sein Hund war eingetroffen. Und der hatte obendrein eine Schwester mitgebracht. Die Beschimpfungen von Unbekannt waren bedeutungslos. Sie kränkten ihn nicht. Irgendwann würde sich herausstellen, wie es zu dieser Verwechslung gekommen war. Oder auch nicht. Es war kaum zu erwarten, daß jemand auf die Hunde Anspruch erheben würde.
Mr. B. war zufrieden, heiter und leicht. Er freute sich darauf, zu sehen, wie die Welpen sich zu Junghunden, dann zu erwachsenen Tieren entwickeln würden. Seine Hunde - wie schön das klang! Welche Rasse mochten sie sein? Er hatte vergessen, den Veterinär zu fragen. Es war unerheblich.

Jetzt war das Problem gelöst, wie man den Tieren den Schmerz über den Tod ihres Herren erleichtert: Einen Gefährten mußten sie haben. Keiner seiner Lieblinge war nun allein: Das Pferd nicht, die Papageien erst recht nicht, und die Hunde wuchsen zu zweien auf. Nun mußte man nur darauf achten, daß kein Tier krank wurde oder verunglückte. Ein Teil des letzten Worts weist darauf hin: Glück gehört auch dazu.
Mr. B. war klar, daß er nun in die letzte Phase seines Lebens eintrat. Doch er fühlte sich jetzt besser, als noch vor einem Jahr. Auch die Unregelmäßigkeit des Herzschlags trat nicht so häufig auf, jedenfalls empfand er es so. Wenn sie auftrat, ängstigte ihn das nicht. Er beachtete es kaum.
Alles war geregelt. Mrs. James würde einen nicht unerheblichen Teil seines Vermögens erhalten. Auch die Tiere hatte er in seinem Testament bedacht. Pat Hodge erbte Garten und Wiese, dazu Smoochy. Nein, das mußte er noch ändern: Er würde ihr morgen schon Smoochy schenken - das vereinfachte die Sache - und dazu einen Geldbetrag, um die Unkosten für die Pferde im Notfall abzudecken. Irgendwo gab es noch entfernte Verwandte. Mochten die sich um das streiten, was vielleicht noch übrig blieb.

Wenn die Hunde nicht gewesen wären, Mr. B. hätte nichts dagegen gehabt, morgen schon einen sanften Tod zu sterben. "Schaut", sprach er zu den Papageien, "Ich habe in meinem Dasein mehr gesehen und gehört, mindestens fünfmal soviel, als die meisten anderen Menschen. Ich habe ein reiches und erfülltes Leben gehabt und habe es noch. Ich habe jede Minute bewußt gelebt. Ich kann mich nicht erinnern, jemals Langeweile empfunden zu haben. Es fällt mir nicht leicht, euch alle zu verlassen, doch das ist ein egoistischer irdischer Schmerz, der sich vermutlich mit dem Sterben verflüchtigen wird. Um euch muß ich mir keinen Kummer machen. Ihr werdet leben und fröhlich sein."
"Pat! Pat!", schrie Kuckuck. "Jawohl!", fügte seine etwas einfältige Frau hinzu. Jetzt fiel Mr. B. ein, was er vergessen hatte: Die Hunde mußten getauft werden. Das sollte Pat besorgen. Sie war noch in der Schule. Heute nachmittag würde sie kommen, um Elaine zu reiten.
"Du heißt Robert", sprach Pat. Sie berührte den Kopf des kleinen Tieres mit ihrem Zeigefinger. Den hatte sie vorher in Wasser getaucht. Das Wasser hatte sie selbst geweiht und gesegnet. "Ich kann das genau so gut wie der Pastor. Er hat nicht mehr Power als ich. Sollte ich jemals Kinder haben, werde ich sie selbst taufen." Dann kam der andere kleine Hundekopf an die Reihe. "Britta ist dein Name", sagte das Mädchen feierlich. So geschah es, daß der Rüde einen weiblichen und die Hündin einen männlichen Namen bekam. Pat hatte vor der Taufe nicht nachgeschaut, weil ihr das peinlich war. Sie hatte sich nach dem Gesichtsausdruck gerichtet, wie sie angab.
Mr. B. machte sich keine Gedanken über das Leben nach dem Tode. Er verabscheute alle Theorien und Spekulationen darüber. Er lehnte es ab, sich von der Kirche vorschreiben zu lassen, was er da zu glauben habe.

Er hoffte, langsam und schmerzfrei den Körper verlassen und dem Leben entschweben zu können. Seine Seele schien sich in Vorbereitung darauf zu entwickeln. Er konnte nicht mehr schnell gehen und auch nicht allzu steil bergan steigen, aber er fühlte sich leicht in allen Bewegungen, leichter als zuvor, so, als sei es seine Seele, die sich da bewegte. Der Körper schien nur noch die Aufgabe zu haben, seine Person sichtbar zu machen und die Seele mit Energie zu versorgen. Er aß mit Appetit, aber weniger als vor ein paar Jahren.
Nach seinem 82. Geburtstag begann er langsam, sich im Geiste mit den Menschen zu versöhnen. Zwar machte er den Philosophen immer noch den Vorwurf, Selbstverständlichkeiten in zweckentfremdete Wortgebilde zu kleiden und in verschrobene Systeme einzuordnen, um dann zu irreführenden Schlüssen zu gelangen. Doch er las schon mal ein paar Seiten von dem, was Karl Popper von sich gegeben hatte Ihm blieb allerdings schleierhaft, wie man mit solchen Sentenzen Ruhm erlangen und dazu noch Geld verdienen konnte.
Selbst den Politikern gestand er eine gewisse Existenzberechtigung zu, sofern sie Pragmatiker waren.
Das alles stellte die Vorrangstellung, die er den Tieren in seinem Herzen eingeräumt hatte, selbstverständlich nicht in Frage.

Mrs. James durfte hin und wieder von ihrer entfernten Verwandtschaft berichten. Er nahm zwar nicht auf, was sie sagte. Das spielte aber keine Rolle, weil sie nicht die Absicht hatte, mit ihm über das Verhalten von Onkel, Tante und Cousine zu diskutieren - ihr Urteil stand längst so fest, daß sie keine Bestätigung mehr benötigte. Es störte ihn nicht, wenn sie sich wiederholte. Er hörte ohnehin nie richtig zu.
Mrs. James überbrachte auch die Neuigkeiten aus der Nachbarschaft. Die erfuhr sie beim Einkaufen. Eine davon überraschte ihn, der so vieles Erstaunliches in seinem langen Leben schon vernommen hatte, dennoch: Jener Anrufer, der ihm die Hunde vor die Tür gestellt hatte, war der Besitzer dieser Tiere. Er machte es immer so, wenn seine Hündin geworfen hatte und er die Welpen weder verkaufen noch behalten konnte. Er selbst brachte es nicht übers Herz, die Tiere töten zu lassen, noch sie auszusetzen. So suchte er sich Menschen aus, von denen er sicher annehmen konnte, daß sie die Kleinen behalten würden, wenn sie ersteinmal vor der Tür standen.
Keine schlechte Idee, befand Mr. B. und streichelte zufrieden seine Lieblinge, die sich inzwischen zu gutgebauten, intelligenten Pointern ausgewachsen hatten, zu Hunden, die man einfach liebhaben mußte.
Beide Hunde wollten entweder nach draußen oder ganz dicht bei ihrem Herren sein. Schon in ihrer frühen Jugend hatten sie Mr. B. zu verstehen gegeben, daß sie die Nächte in seinem Schlafzimmer zu verbringen gedächten. Mr. B. schlug ihnen diesen Wunsch nicht ab. Genauer gesagt: Er schlug ihnen gar nichts ab. Sie waren die letzten Hunde, die er in diesem Leben haben würde. Er sah keinen Sinn darin, sie nicht gewähren zu lassen, es sei denn, sie brächten sich in Gefahr.
Robert, die Hündin (die Hunde umzutaufen, lehnte Pat ab. Die Taufe sei ein heiliger, unwiderruflicher Akt) stieg sogar ins Bett und legte sich an das Fußende. Das tat sie erst, wenn Mr.B. eingeschlafen war. Sehr vorsichtig schob sie zunächst eine Vorderpfote auf die Bettkante, dann die andere, zog danach einen Hinterfuß hoch, rückte sich ein bißchen zurecht und hob schließlich das vierte Bein ins Bett. Mr. B. merkte davon nichts. Er hatte bis in sein hohes Alter einen guten Schlaf. Erst morgens, wenn er sich streckte, konnte es sein, daß sein rechter Fuß auf etwas Warmes, Weiches stieß. Ohne die Augen zu öffnen, wußte er, Robert war die Nacht auf dem Fußboden zu kühl gewesen.

Morgens gegen sechs schon ließ Mr.B. Robert und Britta in den Garten. Dort wurden alle Ecken genau überprüft. Nach etwa zwei Stunden verlangten sie, ins Haus gelassen zu werden. Aufmerksam beobachteten die beiden, genau wie die Papageien, wie Mr.B. frühstückte.
Mrs. James nahm Robert und Britta mit zum Einkaufen. Wenn sie aufbrechen wollte, holte sie die Hunde aus dem Arbeitszimmer, wo sie sich neben dem Schreibtisch je nach Temperatur ausgestreckt oder zusammengerollt hatten. Bevor sie Mrs. James folgten, schauten sie Mr. B. fragend an. Erst wenn er durch eine Handbewegung seine Zustimmung signalisierte, verließen sie mit Mrs. James das Zimmer. Die Frau ärgerte das ein bißchen. Hatte sie denn gar nichts zu sagen? Ging sie nicht oft noch durch den Park, nur um den beiden eine Freude zu machen?

Am 13. 8. begleiteten Robert und Britta Mrs. James nicht zum Einkaufen. Mr. B. hatte seine Zustimmung gegeben, aber die beiden rührten sich nicht von der Stelle. Als er sie schließlich aufforderte, mitzugehen und Mrs. James sie rief, standen sie auf und drückten sich an Mr. B.'s Beine. Er zuckte bedauernd mit den Schultern und Mrs. James verließ beleidigt den Raum.
Der 13. 8. war ein herrlicher Spätsommertag. Die Luft war leicht und von einer fast überirdischen Klarheit. Mr. B. hatte seinen Gang zu den Ponys vorverlegt, Er wollte sich noch auf die Bank vor der Terrasse setzen, um den Pferden zuzuschauen und den herrlichen Tag genießen. Er nahm Kuckuck und Mona von den Sitzstangen. Sie flatterten auf seine Schulter.
Heute muß ein besonderer Tag sein, dachte Mr. B., denn er fühlte sich so leicht, daß er die Treppenstufen kaum spürte. Treppab hatten sie ihm sonst mehr Schwierigkeiten gemacht als hinauf, weil er nicht so genau sehen konnte, wohin er trat. Die früher automatische Einschätzung der Stufenhöhe war verloren gegangen. Draußen meinte er, den Boden nicht zu berühren. Die Hunde, die sonst vorausliefen, entfernten sich nur wenig von ihm.
Die Ponys trabten herbei, schnaubten, stießen ihn an und verlangten die gewohnten Karotten. Mr. B. wollte wie immer weitergehen, auf die Wiese, um nach den Sträuchern zu schauen. Da merkte er plötzlich, wie er immer leichter wurde und anfing, zu schweben. Er faßte noch nach Brittas Genick, um ihn mitzunehmen, aber das Fell entglitt ihm. Er verlor jede Kontrolle.

Mrs. James war nach - ohne Hunde kurzem - Einkauf nach Hause zurückgekehrt. Sie sah aus dem Fenster und nahm zu ihrem Entsetzen wahr, wie Mr. B. langsam zusammenbrach und zwischen den Pferden liegenblieb. Die Hunde standen neben ihm, Robert stieß ihn leicht mit der Schnauze an, Britta streckte ihren Kopf nach seiner Hand aus. Die Papageien setzten sich auf Smoochy' s Mähne, mit den Flügeln die Balance suchend.
Mrs. James erkannte: Mr. B. war tot.
Sie wußte, daß er sich seinen Tod so gewünscht hatte. Langsam ging sie zurück ins Haus. Der Arzt mußte angerufen werden. Das war nun mal so.


Er braucht Menschen, die zu ihn halten

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