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Tagelang war mein Onkel nicht ansprechbar. Und auch wir waren dem Weinen näher als dem Lachen, denn die ganze Familie hatte Tell geliebt.
Er selbst hatte Tell erschossen, erschießen müssen. Mein Onkel hätte jemand damit beauftragen können, aber das hielt er für feige. Wenn sein Hund schon sterben mußte, wünschte er nicht, daß jemand anders Hand an ihn legte. Sein erster Plan war, Tell laufen zu lassen und ihn dann mit der Kugelbüchse waidgerecht zu erlegen. Doch ihm fiel ein, daß seine Tränen wahrscheinlich die Sicht behindern würden und ein schlecht sitzender Schuß den Hund unnötig quälen könnte.
So nahm er Tell an die Leine und ging mit ihm im Eilschritt durch den Park, ohne ihn anzuschauen, band ihn kurz an die alte Lärche, zog seine 9-mm-Walther-Pistole und schoß zweimal schnell hintereinander in den Kopf des Hundes an jener Stelle, die er so gern gekrault hatte. Danach konnte er seine Tränen nicht mehr zurückhalten und schluchzte laut, während er über das Fell des sterbenden Hundes strich.
Mein Onkel Arno hatte das Todesurteil, das er soeben vollstreckte, selbst gefällt. Tell, ein Schäferhund von bemerkenswert schöner Figur, hatte acht Jahre lang Manieren gezeigt, die seiner Rasse würdig waren. Er gehorchte auf's Wort und mißbrauchte seine Freiheit nie. Doch an einem wundervollen Sonntagmorgen im Sommer brach er in die Schafherde ein und riß ein Schaf.
Mein Onkel strafte ihn mit einer Tracht Prügel am Ort des Verbrechens. Zwei Wochen lang durfte er das Haus nur an der Leine verlassen. Dann gab man ihm seine gewohnte Freiheit wieder. Zehn Tage später ging es Tell wie dem Alkoholiker, der an seiner Stammkneipe vorbei kommt: Er konnte der Verlockung nicht widerstehen. Ein zweites Schaf wurde sein Opfer. Damit hatte er nach damals gültigen Regeln sein Leben schon verwirkt. Doch mein Onkel, von je ein Feind starrer Moral, wollte ihm ein letzte Chance gewähren. Schließlich waren es seine Schafe, die Tell gemetzelt hatte, und es ging niemanden außer Tell und ihn etwas an.
Doch der Hund konnte oder wollte nicht begreifen, warum er neben dem toten Schaf verprügelt und danach wochenlang angeleint wurde. Er biß dem dritten Herdentier die Kehle durch. Trotzdem hätte Tell weiterleben können - aber nur im Zwinger oder an der Kette. Mein Onkel erwog diese Alternativen in einer schlaflosen Nacht. Vielleicht war seine Entscheidung zu sehr von seiner persönlichen Lebensauffassung diktiert. Ein Leben an der Kette oder im Zwinger erschien ihm wie ein Tod auf Raten oder für ihn als ein Mord, den er jeden Tag auf's Neue zu begehen hätte. Also wählte er für den Hund ein Schicksal, wie er es sich selbst in ähnlicher Lage wünschen würde.
Onkel Arno dachte nicht daran, sich einen anderen Hund zu beschaffen. Tells Seele war bei ihm, wohin er auch ging. Ein andrer Hund wäre in ein Revier eingedrungen, das ihm nicht gehörte.
Doch auf die Dauer konnte dieses Gefühl keinen Bestand haben. Auf dem Lande zu leben, ein Gut zu bewirtschaften, die Felder zu begehen, nachts Kontrollgänge durch die Stallungen zu machen ohne Begleitung eines Hundes - das ist, als gäbe es zur Suppe kein Salz mehr.
So nahm Onkel Arno brummend zur Kenntnis, daß Tante Edith Max kommen ließ. Max hatte ein pech-kohl-raben-schwarzes, glattes Fell, Schlappohren, war klein, dick und konnte vorwurfsvoll gucken. Den Babyspeck verlor Max schnell. Er entwickelte sich bis fast zur Größe einer Deutschen Dogge. Angeblich war er, wenn auch ohne Papiere, ein Labrador von Adel. Böse Zungen aber tuschelten hinter seinem Rücken, er sei mehr als reichlich groß geraten für diese Rasse.
Wir waren damals 7 und 8 Jahre alt, also mit Max etwa im gleichen Alter, wenn man der üblichen Rechnung folgt, wonach ein Hundejahr sieben Menschenjahre zählt. Sicher kam es daher, daß wir so gut miteinander spielen konnten.
Wir, das heißt Hansi und ich, waren am Tage der Ankunft des kleinen Hundes, wenn überhaupt, dann nur durch angenehmes, artiges Benehmen aufgefallen. Wir wollten nicht das Risiko eingehen, aus Maxens Nähe verbannt zu werden. Daher durften wir sogar die Kiste öffnen und Max herausheben. Er hat nie vergessen, daß wir es waren, die ihn aus diesem schlimmen Gefängnis befreiten. In der Liste seiner Freunde standen wir an erster Stelle, noch vor meinem Onkel, mit dem er Tag und Nacht zusammen war.
Da saß er nun auf den blitzblanken Fliesen der großen Küche und schaute in die Runde. Das weibliche Personal war zur Begrüßung vollzählig angetreten: Die beiden Stubenmädchen und die Köchin nebst Gehilfin. Alle Vier hatten ihre Hände vor den Schürzen gefaltet und bezeugten durch Lächeln bei zur Seite geneigter Kopfhaltung ihre Sympathie. Die Miene der Köchin verdüsterte sich allerdings jählings, als Max einem anscheinend länger zurückgehaltenen Bedürfnis nachgab und ein großes kombiniert mit einem kleinen Geschäft verrichtete.
"Wir sollten ihm gleich abgewöhnen, in die Küche zu kommen", meinte sie. Wie sie das bewerkstelligen wollte? Dieses Geheimnis hat sie mit ins Grab genommen. Die Küche hatte nämlich zwei Türen und sogar eine dritte, wenn man die Speisekammertür hinzurechnet. Aus der Speisekammer führte eine Treppe in den Keller. Aus dem Keller konnte man in den Wirtschaftsflur hinaufsteigen. Es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen in Wirtschaftsflur und Küche, so daß es Max immer gelang, mit hineinzuschlüpfen. Dieser Platz war äußerst attraktiv für ihn. Faszinierende Gerüche entströmten Töpfen, Näpfen, Tellern und Pfannen. Es gab hin und wieder Leckerbissen - auch von Köchin Sophia übrigens - , die sonst nirgends auf der Welt zu finden waren.
Tante Edith hatte ein Spezialverfahren entwickelt, mit dessen Hilfe sie jeden Haushund geflügelfromm machte. Hühner, Enten und Gänse genossen in jenen Jahren noch ihre Freiheit. Es gab keine "Legebatterien". Das Futter wurde zu den festgelegten Futterzeiten in Tröge geschüttet. Dort versammelte sich das Hühnervolk mit Gegacker und Geflatter. Meine Tante nahm den kleinen Max unter den Arm, wenn sie zum Füttern ging. Er wurde mitten in die Geflügelschar gesetzt. Das ängstigte ihn in den ersten Tagen. Er war nur durch gutes Zureden zum Ausharren zu bewegen. Bald aber gewöhnte er sich an das Federvieh und dieses an ihn. Er begann, zwischen den Hühnern herumzutapsen, versuchte, ebenfalls aus dem Trog zu fressen und mußte sogar schon mal einen Schnabelhieb einstecken.
Meine Tante besaß eine scharfe Beobachtungsgabe. So fiel ihr bald auf, daß sich eine bestimmte Henne nach kurzer Zeit stets in Maxen's Nähe begab. Das Tier war zu dieser Zeit bereits als Suppenhuhn verplant, da die Legeleistung stark nachgelassen hatte. Doch Tante Edith strich Susanne (so hatte sie die Henne jetzt getauft) von der Schlachtliste. Sie wollte wissen, ob sie richtig beobachtet hatte und wenn ja, was sich daraus ergeben würde.
Es ergab sich, daß Max, der nun nicht mehr zu den Gefiederten getragen werden mußte, Susanne zugetan war. Er suchte sie, wenn er den Hühnerhof betrat. Ein paar Mal versuchte er, mit der Henne zu spielen und schlug mit der Pfote nach ihr oder legte sich auf die Seite, um mit beiden Vorderpfoten nach ihr zu greifen. Aber sie wich ihm aus, flatterte manchmal sogar erschreckt hoch. Das machte keinen Spaß und Max stellte seine Bemühungen bald ein.
Ging meine Tante nach getaner Arbeit zum Haus zurück, folgte Max. Susanne wiederum folgte dem Hund. Nahe am Wirtschaftseingang des Hauses hatte man ein kleines Dach auf Pfähle gesetzt zum Schutz der Brennholzscheite. Darunter oder davor, je nach Witterung, pflegte Max ein wenig zu schlafen. Susanne setzte sich nicht weit davon nieder, nach Vertiefung der Freundschaft sogar zwischen Vorder- und Hinterpfoten.
Max wuchs heran und trat seinen Dienst an. Der bestand in erster Linie darin, meinen Onkel auf die Felder zu begleiten und ihm abends voranzugehen, wenn er etwa um zweiundzwanzig Uhr seinen Rundgang durch die Stallungen machte. Susanne wäre dem Hund gern auf die Felder gefolgt. Vielleicht hätte Max sie sogar auf seinem Kopf oder Rücken getragen. Man hatte beobachtet, daß sie hin und wieder auf seinen Nacken geflattert war. Doch mein Onkel jagte Susanne nach Hause, kaum daß man den Hof verlassen hatte. In Begleitung eines Huhns die Feldarbeiten zu überwachen, erschien ihm albern.
Onkel Arno ging fast immer zu Fuß. Er hoffte, an Gewicht zu verlieren, was ihm gut getan hätte. Nur wenn er sich zu weiter entfernten Feldern begeben mußte, ließ er den "Einspänner" vorfahren. Max fuhr mit. Schon bevor er einsteigen durfte, war er ganz aus dem Häuschen vor Freude. Er saß aufrecht neben meinem Onkel. Aus einiger Entfernung sah es aus, als säße eine Dame neben Onkel Arno. Das gab dem Gerücht Nahrung, daß der eingefleischte Junggeselle nun wohl doch heiraten würde.
Fand sich Max auf dem Hof ein, war plötzlich auch Susanne wieder da. Die beiden blieben zusammen, bis Susanne in den Stall mußte.
Im Winter nahm mein Onkel an Gewicht zu, da die Fußmärsche auf die Felder entfielen. Hin und wieder fuhr man per Schlitten in die Wälder, wo Holz geschlagen wurde. Max durfte immer nur kurze Zeit neben dem Onkel sitzen. Es war zu kalt. Er mußte laufen, um sich warmzuhalten.
Obwohl es nichts zu rodeln gab - die Hügel auf unserem Land waren zu sanft - besaßen wir einen schönen Rodelschlitten. Mit diesem Sportgerät zogen wir zu den großen Wiesen nahe dem Fluß. Die wurden im Herbst überschwemmt und waren daher im Winter von blankem Eis bedeckt.
Max begleitete uns. Es war nicht schwer, ihn zu überreden, den Schlitten zu ziehen. Obwohl das Eis für seine Pfoten nicht griffig war, kamen wir, anfangs ein wenig mithelfend, auf beachtliche Geschwindigkeit. Der Clou dieser rasanten Fahrten war, rechtzeitig vor dem Zaun die Hundeleine loszulassen. Für Max nämlich war solch ein Zaun kein ernstes Hindernis. Er schlüpfte unter dem Draht durch und setzte seinen Galopp danach fast ohne Unterbrechung fort.
Wir mußten bremsen, um nicht in den Zaun zu rasen. Nach und nach wurden wir zu Meistern dieser Kunst und fanden den wirklich allerletzten Moment heraus, die Leine fahren zu lassen.
Max zog uns an der Leine, die an seinem Halsband befestigt war. Das störte uns. Er konnte ja gar nicht genug Luft kriegen! Außerdem zog ihn der Schlitten entweder nach rechts oder nach links. Das mußte das arme Tier ständig ausgleichen.
Eine richtiges Hundegeschirr mußte her! Das sah Tante Edith ein. Aus alten Ledergürteln und Onkel Arno's Hosenträgern nähte sie nach Maß ein Hundegeschirr, das sich sehen lassen konnte. Links und rechts waren an den Lederriemen hinten je ein Strick befestigt. Diese beiden Stricke mußte derjenige, der sich zum Schlittenkutscher ernannt hatte, in seine Hände nehmen. Tante Edith hatte sie vorsorglich lang genug gemacht, damit wir Max nicht in die Hacken fuhren, wenn er langsamer wurde.
Am selben Abend noch zeigten wir Max stolz das Geschirr. Er schnüffelte ein bißchen daran herum, zeigte sich aber nicht sehr interessiert. Wir konnten die Erprobung kaum abwarten und zogen am anderen Tag mit Hund, Geschirr und Schlitten gleich nach dem Frühstück los. Max wurde erst angeschirrt, als wir auf dem Eis waren. Er ließ sich das widerspruchslos gefallen. Das Geschirr saß prima. Wir fanden, Max sähe mit dem Lederzeug besser aus, als ohne. Wir nahmen auf dem Schlitten Platz. Hansi packte die beiden Stricke mit festem Griff und rief deutlich und laut: "Hüh!" Nichts geschah. Max stand wie angewurzelt. Vielleicht wollte er nur eine Person ziehen? Ich stieg vom Schlitten. Hansi rief: "Hüh!" Max rührte sich nicht. Hansi ließ entmutigt die Stricke los.
Uns war der Spaß am Hundeschlittenfahren verdorben. Wir befreiten Max vom Geschirr. Da fuhr wieder Leben in seinen Körper. Er schüttelte sich einmal, zweimal kräftig, sprang an uns hoch und raste dann über die Weide.
Wir aber wollten nicht wieder mit Hilfe von Halsband und Leine gezogen werden, sondern warfen das Geschirr auf den Schlitten und gingen verdrossen schweigend nach Hause. Niemals fiel es uns leicht, Niederlagen einzugestehen. Aber Tante Edith sah uns an, daß irgendetwas schiefgegangen war. Nach unserem Bericht erklärte sie: "Ihr müßt Geduld mit dem Hund haben! Noch nie hat er so etwas getragen. Denkt doch mal daran, was ihr jedes Mal für ein Theater macht, wenn ihr die frischen, langen Wollstrümpfe anziehen sollt! Wir werden ihm das Geschirr erst hier im Haus anlegen, dann draußen. Ihr werdet ihn damit an der Leine spazierenführen, bis er sich daran gewöhnt hat."
Es beschämte uns sehr, daß wir Max etwas so Widerliches angetan hatten, was frischen, langen Wollstrümpfen gleichzusetzen war. Wir entschädigten ihn mit zwei großen Stücken kalten Bratens, die wir aus der Speisekammer entwendeten.
Wir verfuhren, wie Tante Edith uns geraten hatte. Max wurde ein wunderbarer Schlittenhund. Wir sausten über das Eis! Hätte es in dieser Sportart einen Wettbewerb gegeben - wir waren überzeugt, schneller als jede Konkurrenz zu sein! Niemals haben wir Max überanstrengt. Er sollte uns nur dort ziehen, wo es wirklich leicht ging.
Dennoch gaben wir diese Schlittenfahrten ganz plötzlich auf. Das heißt, wir mußten sie aufgeben, weil unsere Eltern sie bis auf weiteres untersagten.
Die letzte Fahrt verlief nämlich so: Wir jagten über das Eis. Wie gewohnt verlangsamte Max seine Geschwindigkeit nur unwesentlich, um unter dem Zaundraht hindurch zu schlüpfen. Hansi hätte jetzt, spätestens jetzt, die Stricke loslassen müssen. Das tat er aber nicht, oder vielmehr er tat es doch, aber viel zu langsam. So kollidierten wir hart mit dem Stacheldraht. Hansi fing den Schlag auf, aber der Stacheldraht richtete ihn übel zu, vor allem sein Gesicht. Die Narben sind heute noch zu sehen.
"Warum hast Du nicht losgelassen?", war die Frage, die er mehr als einmal über sich ergehen lassen mußte. Er hatte es nicht können, so schnell hatte er nicht loslassen können. Die Temperaturen waren an diesem Tage besonders tief. Außerdem trug er die "anderen" Handschuhe. Das waren dünne Fingerhandschuhe, keine Fäustlinge. Daher waren seine Finger steif vor Kälte. Das hatte er während der Fahrt - dieser aufregenden, herrlichen Schlittenfahrt - erst bemerkt, als er die Finger bewegen wollte.
Mein Onkel sprach nicht darüber, aber wir alle sahen, daß er zu Max ein noch innigeres Verhältnis entwickelte, als er es zu Tell gehabt hatte. Max war mehr "um ihn herum".
Beispielsweise hatte Tell unten im Wirtschaftsflur geschlafen, unter der Treppe, die zum Boden führte. Max hingegen legte sich neben die Tür zu meines Onkels Schlafzimmer im Obergeschoß. Zunächst breitete Onkel Arno für ihn dort eine Decke aus. Dann aber, im strengen Winter, meinte er, es sei vor der Tür zu kalt für den Hund. Es gab keine Zentralheizung im Haus, nur Kachelöfen, die die Zimmer heizten, nicht aber die Flure. Die waren nachts eiskalt. So ließ er in seinem Schlafraum ein Feldbett für Max aufstellen.
Onkel Arno war dick, gutmütig und herzensgut. Leider konnte er, reizte man ihn über ein gewisses Maß hinaus, jähzornig reagieren. Da wurde sein ohnehin rotes Gesicht tiefrot. In solchen Fällen war es ratsam, sich ganz schnell aus dem Staube zu machen.
Das hatte auch Max sehr bald gelernt. So war im Sommer gar nicht so selten folgendes Schauspiel zu beobachten: Max lief mitten in der Arbeitszeit vom Felde her im gestreckten Galopp zum Haus. Dort suchte er mit eingezogenem Schwanz ein Versteck. Leider zeigte er sich bei der Auswahl als wenig phantasievoll und nicht sehr einfallsreich.
Einige Zeit später konnte man sehen, wie mein Onkel - zwar nicht im gestreckten Galopp, aber in einer Art Geschwindschritt, jedenfalls so schnell, wie es eine Leibesfülle zuließ, stockschwingend auf das Haus zueilte. Sein Gesicht glühte, der Schweiß troff ihm von der Stirn. "Verdammtes Biest!", schrie er. Er brauchte nicht lange, um Max zu finden. Am Schwanz, am Halsband oder einer Pfote zog er ihn aus seinem Versteck hervor. Zu einem gewaltigen Schlag holte er aus! Jeden Augenblick mußte der Stock auf den Hund niedersausen!
Da heulte Max auf, so laut, so kläglich, so mitleiderregend, daß mein Onkel den Schwung des Stocks in letzter Sekunde bremste, so daß nur noch ein sanfter Klaps Maxens Rücken berührte. Die Flamme des Zorns war erloschen. Dennoch schrie der Hund zum zweiten Mal auf. Onkel Arno nahm den Hund, der seine Tatzen nun auf seines Herrn Schultern legte, in die Arme und drückte ihn an sich. Die Gefühlsaufwallung war zu groß und mußte abfließen. Mein Onkel vergoß ein paar Tränen. Max gab noch gedämpfte Schluchzer von sich. Ein paar Minuten später konnte man beide einträchtig nebeneinander auf's Feld zurückkehren sehen.
Wenn wir fragten: "Was war denn nun?", bekamen wir nur ein gebrummtes "Er hat nicht gehorcht." zu hören. Was sich im Einzelnen abgespielt hatte, blieb das Privatgeheimnis zwischen Arno und Max.
Großvater, Tante und Onkel flüchteten erst in letzter Minute vor den Russen. Die ihnen verbliebenen vier Pferde wurden vor die Halbverdeckkutsche gespannt. Großvater war 95 Jahre alt und erhielt den wärmsten Platz unter dem Verdeck - zwischen meinem Onkel und Max. Tante Edith saß als Kutscher auf dem Bock. Wo immer es möglich war, hatte man Kisten und Koffer verstaut. So beschrieb einer der wenigen Überlebenden die Abreise. Ob Susanne mit von der Partie war, ist nicht überliefert.
Niemand weiß, was ihnen zugestoßen ist, niemand hat sie je wiedergesehen.


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