Entweder ist man Menschenfreund oder Tierfreund?
Mensch, warum?
Links
Ich wollte nur Zuneigung
Hunde und Menschen
Abschied
Für den einen
Hunde unsere besten Freunde
Treue
Traurige Gedichte Teil 1
Traurige Gedichte Teil 2
Kampfhund
Hunde & Menschen
Hund, unsere besten Freunde
Fröhliche Gedichte
Gedichte für Arbeitshunde
Treuer Hund
Geschichten 1
Abschied
Abschied von den einen
Schwarzer Engel ohne Flügel
Wie konntest du nur
Die traurige Geschichte von Lea
Haro
Eine Geschichte aus Lappland
Warum Tiere nicht so lange leben
Ein Gespräch zwischen Hund und Mensch
Eine Hundegeschichte
Er war nur ein kleiner Hund
Hund mit Mann
Max
Mein Hund im Schnee
Mr. B. sucht seinen Hund
Plädoyer
Susie, Elfie und Hunde überhaupt
Der glückliche Till
Freiheit
Armer Bullterrier
Gerechte Strafe
Rettung an Sylvester
Nikos Weihnachtsmann
Yudhistira und der Hund
Flocki oder ein seltsamer Tag
Traurige Gedichte
Gedichte für den einen
Hundegedichte
Nachdenkliches
Lustiges
Von Hund zu Mensch und umgekehrt
Weise Tier-Sprüche
Hundezitate
Wir sind euer Produkt

Unser Rentner, der Beschützer



Suzette war an jenem Punkt angelangt, an dem man sich fragt: "Wozu das alles?" Während vieler Jahre war es ihr als selbstverständlich erschienen, daß man eine Schule besuchen, danach irgendwo eine Lehre durchmachen müsse und schließlich eine Prüfung abzulegen war. Als sie die Prüfung bestanden hatte, war sie darauf stolz gewesen. Ihre Eltern hatten sie gelobt, etwa wie man ein Pferd streichelt, das einen schwierigen Parcours gut durchlaufen hat.
Ihr Lehrmeister entließ sie nach der Lehre nicht. Sie arbeitete genau so weiter wie zuvor, bekam nur plötzlich den etwa 4-fachen Lohn für die gleiche Leistung. Und nun? Arbeiten bis zum Pensionsalter, bis man graues Haar bekommt, schlaffe Haut und bescheuerte Ansichten? Oder heiraten, Kinder kriegen, der Familie den Dreck wegmachen und sich anmeckern lassen, wenn das Essen mal nicht so schmeckt? Und im Bett immer die alte Uhr aufziehen, auch wenn man lieber lesen würde? Was kommt zum Schluß dabei heraus? Daß man den Enkeln übers Haar streichen darf - schaut mal, was Omi Schönes für Euch hat! Für jeden eine ganze Tafel Schokolade! Ja - und das war's denn schon? "Nee", sagt Suzette zur Freundin Anja, "Lieber schmeiß ich den ganzen Kram hin und mach' gar nichts mehr. Du wirst sehen, lange wird's nicht dauern, dann ist es soweit."
Alle Welt beklagte sich über das freche und freizügige Benehmen der jungen Leute. Suzettes Mutter stimmte mit ein, obwohl Tochter und Sohn ihr keinen Anlaß dazu gaben. Aber sie wollte nicht abseits stehen oder womöglich als Angeberin oder gar Lügnerin abgestempelt werden.
"Ich weiß gar nicht, wie ich mit Dir dran bin", sagte Daniel. Sie saßen nebeneinander im seines Vaters Auto. Der Junge hatte gerade versucht, Suzettes Oberschenkel in Richtung Bauch zu streicheln. Sie bremste seine Hand energisch. "Alle meine Freunde schlafen mit ihren Mädchen. Die sind nicht so zickig."
"Ich mag das nicht", erwiderte Suzette müde.
"Du hast mir erzählt, du hättest es noch nie getan. Wie kannst du dann sagen, du magst es nicht? Ist doch blöd, etwas nicht zu mögen, was man noch gar nicht kennt!"
"Wenn Du meinst, daß ich blöd bin, dann bring mich nach Hause oder laß mich hier aussteigen."
Daniel wird uns in dieser Geschichte nicht wieder begegnen, ebenso wenig wie Fred und Ralf. Auch bei diesen beiden war die Erkundungsreise entlang Suzettes Bein vor Erreichen des Slipgummis gestoppt worden. Ralf fuhr daraufhin mit quietschenden Reifen an und setzte Suzette schweigend vor ihrer Haustür ab.
Fred, der wenig später die gleiche Niederlage einstecken mußte, erklärte wortreich, wie sehr er sie liebe. Es spiele überhaupt keine Rolle, ob sie ihn ranließe oder nicht. Auch von ihm hörte und sah sie nach diesem Abend nichts mehr.
Aus der Stereoanlage in Anjas Dachzimmer dröhnte Reggaemusik. "Ich meine, Du solltest zum Doktor gehen, Susi, echt", brüllte Anja gegen den Lärm an. "Warte, ich stell' mal 'nen bißchen leiser. Schau mal, wenn Du so dahermarschierst in deiner schwarzen Lederjacke und dem roten Mini - sieht doch geil aus? Bist nicht zu groß und nicht zu klein mit deinen 1,70, hast gerade Beine, Taille 65, schätz ich, stramme Titten und 'ne süße Fresse. Ist doch klar, daß die Boys dich vernaschen wollen und denken, das ist OK für dich."
"So schlau bin ich auch. Aber ich habe einfach keinen Bock, auf nichts und niemand." - "Eben. Darum mußt Du zum Doc. Laß' die Hormone checken und das Gehirn durchleuchten. Irgendwo klemmt es bei Dir. Ich zum Beispiel steh' schon unter Strom, wenn Udos Hand unter'n Blusenärmel fährt."
Suzette oder Susi, wie Anja sie nannte, fuhr mit dem Taxi nach Hause. "Kann ein Mädchen in Deutschland heutzutage nicht mehr riskieren, nachts allein nach Hause zu gehn!", hatte Anja gesagt. "Stell Dich nicht an wegen der paar Piepen."
Suzette saß hinten wie immer, wenn sie im Taxi fuhr, und hielt sich mit der rechten Hand am Griff über dem Fenster fest. Das linke Bein hatte sie auf der Sitzbank ausgestreckt.
"Schönen Abend gehabt?", fragte der Fahrer. Sie antwortete nicht. Die Kopfstütze verdeckte seinen Nacken und ließ zwischen dem Jackenkragen und der Mütze vorquellendes Haar erkennen, dunkel mit grauen Fäden. Mußte er nach rechts abbiegen, erschien seine Hand mit dem Ehering oben auf dem Lenkrad. Sie versuchte, sich vorzustellen, wie es ablief, wenn er gegen Morgen nach Hause käme. Sie versuchte, sich in seine Frau hineinzuversetzen. Würde sie aufstehen und ihm Kaffee kochen? Oder würde er sich leise ausziehen und neben ihr ins Bett schlüpfen? Der Fahrer sah nicht ungepflegt aus. Dennoch erschauderte sie bei dem Gedanken, daß so ein Mann sich an ihrem Körper zu schaffen machen könnte. Bestimmt würde er zu müde sein, um noch zu duschen. Zigarettenqualm und alle Gerüche der Nacht - Bierdunst von Betrunkenen, das scharfe Parfüm von Bardamen, der muffige Geruch von Leuten, die Stunden in der Bahn zugebracht hatten und vom Koffertragen schwitzten - von allem blieben sicherlich Spuren an ihm haften.
Sie würde nicht zum Doc gehen. Was sollte sie da? Ihre Menstruation kam so pünktlich, daß der Mond sich danach richten könnte. Sie hatte keine Beschwerden. Was könnte sie dem Arzt sagen? "Geben Sie mir bitte ein Medikament, damit ich Lust kriege, mit 'nem Jungen zu pennen?"
Sie reichte dem Fahrer das abgezählte Geld - Fahrpreis plus ein Euro. Das Taxi blieb stehen, bis sie im Hausflur verschwunden war. Sie fühlte, wie der Fahrer ihr nachstarrte, ging betont locker in den Hüften und setzte einen Fuß vor den anderen.
Praxishilfen sind uns überlegen. Das bekommen wir zu spüren. Sie haben ein paar medizinische Vokabeln gelernt, von denen wir manche nicht verstehen. Vor allem aber wissen sie, ob Herr Meier Aids hat oder Frau Müller ein Carcinom in der Brust.
"Wie lange wird es dauern, bis ich drankomme?", fragte Suzette die junge, blonde, streng blickende Frau im weißen Kittel, die hinter dem Tresen mit wichtiger Miene Computertasten bearbeitete. Susi war doch zum Doc gegangen, aber nicht, um ihre Libido zurechtrücken zu lassen. (Das fehlte gerade noch, daß so etwas auf ihrer Karteikarte stand! Anja ist doof.) Seit Tagen hatte sie Schmerzen dort, wo sie die Niere vermutete.
Als sie erfuhr, daß sie noch mindestens eine Stunde würde warten müssen, zog sie es vor, diese Zeit im Café an der Ecke zu verbringen.
"Darf ich mich zu Ihnen setzen?", fragte der junge Mann höflich. Suzette ließ ihren Blick durch den Raum wandern. Tatsächlich, kein einziger Tisch war mehr frei, trotz der frühen Stunde. Es gab mehrere Facharztpraxen in der Nähe. Auch dort bestellte man die Patienten um 8 oder 9, obwohl man wußte, daß sie nicht alle auf einmal untersucht werden könnten.
Suzette machte eine einladende Handbewegung.
"Gute Idee von Ihnen", begann der neue Gast. "Ich wäre doch tatsächlich die ganze Zeit im Wartezimmer geblieben! Ist Ihnen übrigens schon aufgefallen, daß keiner der Leute, die da herumsitzen, wirklich krank aussieht?"
"Sie gucken auch nicht gerade aus der Wäsche wie Jesus am Kreuz." - "Ich bin ja auch nicht krank", flüsterte der Mann. Er muß so um die dreißig sein, schätzte Suzette. Sein Haar, dunkles Braun, leicht gewellt, gefiel ihr. Dem Gesicht mit den hellen, blauen Augen verliehen die etwas hochgezogenen Brauen den Ausdruck permanenten Staunens. Er war nicht übermäßig groß.
"Nein, mir fehlt wirklich nichts, außer ein paar Tagen dienstfrei. Die muß ich kriegen, unbedingt! Ich habe mir schon ein Theaterstück ausgedacht. Hoffentlich fährt der Doc drauf ab", fuhr er fort.
Die Serviererin trat an den Tisch. Warum ist es so schwer, sich das Privatleben von Serviererinnen vorzustellen, sinnierte Susi. Liegt es an der gleichförmigen Kleidung, schwarz, weißes Krägelchen, weiße Schürze mit Spitzeneinfassung? War diese vielleicht die Frau des Taxifahrers? Hatte er versucht, sie zu befummeln, als er von der Nachtschicht kam?
"Zwei Kännchen Kaffee bitte", rief der junge Mann. "Wollen Sie gleich 2 Kännchen Kaffee trinken?", fragte Suzette. "Nein, eins ist für Sie natürlich!" - "Und wenn ich lieber Tee gehabt hätte?" - "Umbestellen?" - "Ist schon OK."
"Soll ich Ihnen erzählen, warum ich ein paar Tage zu Hause bleiben muß?" Suzette unterdrückte ein Gähnen. "Wenn Sie durchaus wollen."
"Vor 4 Wochen fand ich morgens in der Mülltonne einen kleinen Hund. Das muß man sich mal vorstellen! - In der Mülltonne!" Der Ausdruck ungläubigen Staunens im Gesicht des jungen Mannes verstärkte sich. "Ich nahm ihn vorsichtig heraus. Er lebte noch, war aber sehr schwach, wahrscheinlich nahe daran, zu ersticken. Ich verstehe nicht viel von Hunden. Ich interessiere mich nicht für diese Tiere, nur eben für dieses eine! Darum ließ ich Büro Büro sein und nahm eine Taxe zum nächsten Tierarzt. Der gab ihm eine Spritze und erklärte mir, es würde schwer sein, den Kleinen durchzubringen, denn er sei noch im Säuglingsalter. Kuhmilch würde er nicht vertragen. Aber er wüßte jemand mit einer Hündin, die nur zwei Welpen zu ernähren hätte. Vielleicht nähme die dieses Hundebaby an. Es klappte. Gestern war die Säugezeit vorbei und ich habe das kleine Wesen nach Hause geholt. Nun muß ich doch ersteinmal bei ihm bleiben, ist doch klar. Ich kann das Hundekind nicht 9 Stunden am Tag allein lassen!"
"Die Niere ist vermutlich in Ordnung", sagte der Arzt nach der Untersuchung zu Suzette. "Bitte bringen Sie uns sicherheitshalber morgen Urin, den ersten, den Sie morgens lassen, aber nicht die ersten Tropfen. Gefäß gibt's vorn. Die Schmerzen rühren von der Wirbelsäule her. Sitzen Sie viel?" - "Nein, wir arbeiten am Stehpult." Der Doc schaute sie amüsiert-fragend an. "Mit Ärmelschonern", ergänzte sie." - "Ich schreibe Ihnen 6 Massagen und Heilgymnastik auf. Wird helfen."
Als Suzette die Praxis verlassen wollte, hielt der junge Mann sie sanft am Ärmel fest. Er sah jetzt noch erstaunter aus und war puterrot im Gesicht. "Ich weiß, es ist ganz und gar verrückt! Bitte entschuldigen Sie! Der Doc will seinen Maschinenpark an mir ausprobieren! Er meinte, so, wie ich das geschildert hätte, gäbe es noch einiges abzuklären. Das wird 3 Stunden dauern! Könnten Sie - ich weiß, es ist blöd - könnten Sie bitte nach dem Hund schauen? Oder müssen sie gleich wieder zur Arbeit? Hier ist das Taxigeld! Ich schreibe meine Anschrift auf einen Zettel. Bitte warten Sie einen Moment! Ich heiße Oliver Brehm, wie Brehm's Tierleben. Da sind die Haustürschlüssel, zweite Etage linke Tür! Sie wollen's machen? Find' ich toll! Er wird überall hingepinkelt haben. Das mach' natürlich ich weg. Nur, daß er sich nicht so einsam fühlt und weinen muß. Ich komme, sobald ich kann."

weinen muss. Ich komme, sobald ich kann.
Ein einziges Mal hatte sie sich überreden lassen, einen Typen in seine Wohnung zu begleiten. Ich muß total beknackt oder besoffen gewesen sein, sagte sie später zu sich selbst. Dort herrschte das totale Chaos! Fleckige Laken auf dem Küchentisch neben dem Philadelphia-Käse. Da schaltete das Hirn plötzlich wieder: Sie ergriff die Flucht, als der Meister auf dem Klo saß.
Diesmal war's anders. Alles sauber und fast aufgeräumt. Ein kleiner Flur, Küche, Bad, Wohnzimmer, Balkon, Schlafzimmer. Aber leider - kein Hund, kein Pinkelsee, kein Häufchen. Sie wollte ihn rufen, aber sie wußte seinen Namen nicht. Also pfiff sie - nichts geschah. Susi stellte fest, daß ihr Herzschlag sich beschleunigte. Warum regte sie sich auf? Wenn der Hund weg war, war er eben weg!
Susi suchte jetzt in allen Ecken, unter den Sesseln, unter den Tischen, schließlich unter dem Bett. Da lag ein Wollknäuel! Entweder war's ein liegengebliebener Mopp oder - "Komm vor, Du kleiner Teufel! Komm schon!" Der Mopp bewegte einen Schwanz ein paar Mal auf und ab. Aha, es war ein Hund und er lebte! Suzette holte einen Besen, hakte damit hinter dem dunklen Wollknäuel ein und beförderte es ans Tageslicht. Jetzt nahm sie auch zwei Häufchen und Pinkelseen im Schlafzimmer wahr. "Das mach ich später", sprach sie. "Jetzt komm Du erst mal auf meinen Schoß und laß dich genau anschauen!"
Dunkle Augen schimmertem durch Ponysträhnen. Sie fixierten Suzettes Gesicht. Die schwarzen Nasenlöcher vibrierten in schnellem Rythmus. Der Hund sog ihren Körpergeruch ein. "Wenn ich ein anderes Parfüm benutze", dachte Suzette, "wird er mich nicht mehr erkennen." Sie strich mit beiden Händen über das Fell, vom Kopf abwärts über den Rücken bis zu den Hinterbeinen. Der Hund schob seinen Kopf vor und ließ seine Zunge schnell über Suzettes Gesicht fahren.
Sie erschrak. Es schellte, einmal, nocheinmal und dann ganz lange. Sie setzte den Hund auf den Teppich, ging zur Tür und öffnete.
"Wer sind Sie?" Suzette antwortete nicht und wollte die Tür wieder schließen. "Ich habe Sie etwas gefragt", quäkte die Figur im Morgenmantel, je einen rosa Lockenwickler links und rechts im Haar am Ende langer Strähnen und obendrauf noch einen grünen, Zigarette in der linken Hand. Suzette schloß die Tür. "Das werden Sie bereuen! Sagen Sie dem Brehm, hier im Hause werden keine Hunde gehalten!", kreischte es außen vor der Tür. Die Stimme überschlug sich fast.
Suzette suchte und fand Eimer und Aufnehmer. Sie reinigte das Schlafzimmer so flott, als hätte sie in ihrem ganzen Leben nichts anderes gemacht, als Hundedreck entfernt. Schnell setzte sie sich wieder ins Wohnzimmer und zog den Hund auf den Schoß. So wollte sie sitzenbleiben, bis Brehm wiederkam, damit sie nicht noch einmal zu Eimer und Lappen greifen mußte. Dem Tier war's recht. Es rollte sich zusammen und atmete nach einem Anfangsseufzer ruhig und gleichmäßig.
Es war anstrengend, so zu sitzen. Sie nahm sich vor, sich möglichst wenig zu bewegen, damit der Kleine nicht gestört werde. Ein Blick auf die Uhr. Lieber Himmel! Wenn es stimmte, daß - wie hieß er doch noch mal? - Oliver drei Stunden beim Doktor verbringen mußte, dann würde sie noch eineinhalb Stunden warten müssen. "Worauf habe ich mich da eingelassen? Ich bin zu dämlich für diese Welt!"
Sie fing an, den Hund zu kraulen, hinter den Ohren, am Hals, die Pfoten entlang. Der streckte sich etwas und schob seinen Kopf an Suzettes Bauch. Er schien sich absolut sicher und in guten Händen zu fühlen. Langsam wurde ihr klar, welch wunderbare Sache es ist, einen kleinen Hund auf dem Schoß zu haben. Sie konnte nicht analysieren, was sie daran so glücklich machte, wollte es auch gar nicht, sondern schlang ihre Arme um das Tier. Es muß herrlich sein, einen Hund zu besitzen, einen Hund, der traurig ist, wenn man fortgeht und sich freut, wenn man heimkommt, der fröhlich sein kann und sich gern ankuschelt. Einen Hund? Diesen Hund!
"Komm", sagte Suzette, als sie nicht mehr still sitzen konnte, "wir gehen in die Küche und schauen uns mal um. Vielleicht hat dein Herr Hunger oder Durst, wenn er kommt. Vielleicht ist für dich Futter da. Du hast doch noch nichts gegessen den ganzen Tag." Eine Tüte mit Hundefutter stand auf dem Küchenschrank, eine neue Plastikschale, rot, mit einem Preisschildchen Euro 6,90, auf dem Boden. Eine Tüte Milch, ein Fertiggericht in der Dose und getrocknete Erbsen in Klarsichttüte fanden sich, Nescafé auch.
Das Hundebaby saß auf den Fliesen und verfolgte Suzettes Tätigkeit. Sie schüttete etwas Futter (wieviel gibt man so einem Babyhund?) in die Schale. Jetzt wollte sie Milch draufgießen, aber die war zu kalt, bestimmt, weil sie aus dem Kühlschrank kam. Sie wärmte etwas davon im Aluminiumtopf auf und goß die warme Milch mit Wasser vermischt auf die Futterkügelchen in der Schale.
"Was ist das für eine Rasse?", fragte Suzette, als Oliver ihr endlich gegenübersaß, das kleine, wuschlige Etwas auf dem Schoß. Nicht sie hatte er angeschaut, als er nach Hause kam, nur den Hund, ihn gleich aufgehoben und an sich gedrückt. "Ist es nicht ein wundervolles Tier? Schauen Sie doch nur, wie diese kleinen Haarbüschel am Ohransatz in die Höhe stehen! Und das weiche Fell! Diese blauschwarzen Löckchen! Die kleinen Pfötchen, der Wuschelkopf!"
Suzette wiederholte ihre Frage, denn Oliver war ganz in die Betrachtung des Hundes versunken.
"Es ist ein Pon", sagte er, "wahrscheinlich ein Pon. Das meinte der Tierarzt. Pons sind polnische Hirtenhunde. Pon ist die Abkürzung für -, Moment - ich habe es hier auf einen Zettel geschrieben, man kann es nicht behalten, - für Polski Owczarek Nizinny."
"Sagt mir nichts", sagte Suzette. "Wie heißt er denn?" - "Er hat noch keinen Namen. Wie wollen wir ihn taufen?" - "Wir? Ist doch ihr Hund!" - "Deswegen können wir uns doch gemeinsam einen Namen einfallen lassen!"
"Ich schlage vor: Ponny, aber mit zwei N." - "Voll einverstanden. - Scheiße!" - "Wieso? Was?" - "Nicht der Name. Ist der beste Name der Welt. Ich mußte nur gerade daran denken, daß ich morgen zur Arbeit muß!" - "Hat der Doc nicht gespurt?" - "Nein. Er meinte, ich solle mich so verhalten wie immer. Bei Verschlimmerung könne ich jederzeit wiederkommen, in vierzehn Tagen sowieso."
Suzette betrachtete den Hund. Er saß zwar auf seines Herren Schoß, sah sie aber unverwandt an, als erwarte er etwas von ihr. Hunde haben einen sechsten Sinn.
"Ich habe noch drei Tage Urlaub", hörte sie sich sagen. Oliver sprang auf und reichte ihr Ponny. "Und da wollen Sie - da könnten Sie...?" Sein Gesicht rötete sich wieder, die Augen strahlten in noch hellerem Blau. "Wäre er ein Hund", dachte sie, "würde er mit dem Schwanz wedeln."
"Bleibt doch wohl nichts anderes übrig.", murmelte Suzette. Dann erzählte sie von dem merkwürdigen Besuch der Frau mit den Lockenwicklern.
"Ich habe vor, aus dieser Irrenanstalt auszuziehen", sagte Oliver. "Ich habe da etwas in Aussicht. Kein richtiges Bauernhaus, ein kleines Steinhaus, etwas abgelegen, mit Land drum zu und alten Bäumen. Da könnte Ponny sich austoben! Eine Ehefrau könnte man ihm dann besorgen und kleine Ponnys haben! Hühner werde ich kaufen, Enten und Gänse, denn da ist auch ein kleiner Tümpel."
"Gehen Sie in Discos?" - "Discos? Oh ja, vor einem Jahr war ich dort, mit Kollegen."
"Hat ihr Vater ein Auto?" -" Mein Vater lebt leider nicht mehr." - "Haben Sie ein Auto?" - "Nein. Wollen Sie irgendwo hingebracht werden?" - "Im Moment nicht. Ist schon OK."
Sie stand auf. Er brachte sie zur Tür, klein Ponny unter dem Arm. "Sie kommen morgen?" - "Etwa um neun. Ich heiße übrigens Suzette, falls es Sie interessiert." - "Vielen Dank."
"Gleich muß ich einen Zettel schreiben, was alles morgen früh einzukaufen ist", dachte Suzette.
Zu Hause im Bett wünschte sie sich, Ponny würde sich ankuscheln und sie könnte mit ihm sprechen.
"Wenn Oliver mich fragen würde, ob ich mit ihm aus Land ziehen wolle - ich glaube, ich würd's tun. Was meinst Du, Ponny? Und wenn er nicht fragt, soll ich dann sagen, daß ich mit will? Mehr könnte ich für uns nicht tun."


Tina war immer bei mir

Hundegeschichten


Kontakt