ERSTES KAPITEL

-In welchem wir Winnie-dem-Pu und einigen Bienen vorgestellt werden und die Geschichten beginnen-
Hier kommt nun Eduard Bär die Treppe herunter,
rumpel-di-pumpel, auf dem Hinterkopf, hinter Christopher Robin. Es ist dies, soweit er weiß, die einzige Art, treppab zu gehen, aber manchmal hat er das Gefühl, als gäbe es in Wirklichkeit noch eine andere Art, wenn er nur mal einen Augenblick lang mit dem Gerumpel aufhören und darüber nachdenken könnte. Und dann hat er das Gefühl, daß es vielleicht keine andere Art gibt. Jedenfalls ist er jetzt unten angekommen und bereit, dir vorgestellt zu werden. Winnie-der-Pu.
Als ich seinen Namen zum erstenmal hörte, sagte ich, genau, wie du jetzt gleich sagen wirst: »Aber ich dachte, das wäre ein Junge?«
»Dachte ich auch«, sagte Christopher Robin.
»Dann kann man ihn doch nicht Winnie nennen, oder?«
»Tu ich ja gar nicht.«
»Aber du hast doch gesagt ... «
»Er heißt Winnie-der-Pu. Weiß du nicht, was der bedeutet?«
»Genau, genau, jetzt weiß ich es«, sagte ich schnell; und ich hoffe, du weißt es auch, denn mehr als diese Erklärung wirst du nicht kriegen.

Manchmal möchte Winnie-der-Pu irgendein Spiel spielen, wenn er die Treppe heruntergekommen ist, und manchmal sitzt er gern still vor dem Kamin und lauscht einer Geschichte. An diesem Abend...
»Wie wär's mit einer Geschichte?« sagte Christopher Robin.
»Ja, wie wär's mit einer Geschichte?« sagte ich.
»Könntest du bitte so lieb und nett sein, Winnie-dem-Pu eine zu erzählen?«
»Ich glaube, das könnte ich«, sagte ich. »Welche Sorte von Geschichten mag er denn?«
»Über sich selbst. Denn diese Sorte von Bär ist er.«
»Aha, ich verstehe.«
»Würdest du also so überaus lieb und überaus nett sein?«
»Ich werde es versuchen«, sagte ich.
Also versuchte ich es.



Es war einmal vor einiger Zeit, und diese Zeit ist schon lange, lange her, etwa letzten Freitag, als Winnie-der-Pu ganz allein unter dem Namen Sanders in einem Wald wohnte.
(»Was heißt >unter dem Namen<?« fragte Christopher Robin.
»Es heißt, daß er den Namen über der Tür in goldenen Buchstaben hatte und daß er darunter wohnte
»Winnie-der-Pu wollte es nur genauer wissen«, sagte Christopher Robin.
»Jetzt weiß ich es genauer«, sagte eine Brummstimme. »Dann werde ich fortfahren«, sagte ich.)

Eines Tages, als er einen Spaziergang machte, kam er an eine freie Stelle inmitten des Waldes, und inmitten dieser Stelle stand eine große Eiche, und vom Wipfel des Baumes kam ein lautes Summgeräusch. Winnie-der-Pu setzte sich an den Fuß des Baumes, steckte den Kopf zwischen die Pfoten und begann zu denken.
Zuallererst sagte er sich: »Dieses Summgeräusch hat etwas zu bedeuten. Es gibt doch nicht so ein Summgeräusch, das so einfach summt und summt, ohne daß es etwas bedeutet. Wenn es ein Summgeräusch gibt, dann macht jemand ein Summgeräusch, und der einzige Grund dafür, ein Summgeräusch zu machen, den ich kenne, ist, daß man eine Biene ist.«



Dann dachte er wieder lange nach und sagte: »Und der einzige Grund dafür, eine Biene zu sein, den ich kenne, ist, Honig zu machen.«
Und dann stand er auf und sagte: »Und der einzige Grund, Honig zu machen, ist, damit ich ihn essen kann.«
Also begann er, den Honig-Baum hinaufzuklettern.

Er kletterte, und er kletterte, und er kletterte, und während er kletterte, sang er sich ein kleines Lied vor.

Dann kletterte er etwas weiter... und noch etwas weiter... und dann noch ein bißchen weiter. Unterdessen war ihm ein zweites Lied eingefallen

Inzwischen war er ziemlich erschöpft, und deshalb sang er ein Beklage-Lied. Er war nun fast da, und wenn er sich nur noch auf diesen Ast stellte...
Krach!
»Ach, Hilfe!« sagte Pu, als er auf den Ast drei Meter tiefer fiel.
»Wenn ich nur nicht ... « sagte er, als er sechs Meter tiefer auf dem nächsten Ast aufprallte.
»Ich wollte nämlich eigentlich«, erläuterte er, als er, diesmal kopfüber, neun Meter tiefer auf einen weiteren Ast krachte, »was ich eigentlich vorhatte ... «
»Natürlich war es ziemlich ... « gab er zu, als er sehr schnell durch die nächsten sechs Äste rauschte.
»Es kommt alles, nehme ich an, daher«, entschied er, als er sich vom letzten Ast verabschiedete, sich dreimal um sich selbst drehte und anmutig in einen Stechginsterbusch flog, »es kommt alles daher, daß man Honig so sehr schätzt.
Ach, Hilfe!«
Er krabbelte aus dem Stechginsterbusch, wischte sich die Stacheln von der Nase und begann wieder zu denken. Und der erste, an den er dachte, war Christopher Robin. (»War ich das?« sagte Christopher Robin mit ehrfürchtiger Stimme und wagte es kaum zu glauben.
»Das warst du.«
Christopher Robin sagte nichts, aber seine Augen wurden immer größer, und sein Gesicht wurde immer röter.)
Also besuchte Winnie-der-Pu seinen Freund Christopher Robin, der hinter einer grünen Tür in einem anderen Teil des Waldes wohnte.



»Guten Morgen, Christopher Robin«, sagte er.
»Guten Morgen, Winnie-der-Pu«, sagtest du.
»Ich frage mich, ob du wohl so etwas wie einen Ballon im Hause hast?«
»Einen Ballon?«
»Ja, ich sagte gerade zu mir, als ich vorbeikam: >Ich frage mich, ob Christopher Robin wohl so etwas wie einen Ballon im Hause hat?< Ich sagte das nur so zu mir, weil ich gerade an Ballons dachte und weil ich mich das fragte.«
»Wozu möchtest du einen Ballon? « sagtest du.
Winnie-der-Pu sah sich um, ob auch niemand lauschte, legte die Pfote an den Mund und flüsterte mit tiefer Stimme: »Honig!«
»Aber mit Ballons kriegt man keinen Honig!«
»Ich schon«, sagte Pu.
Ja, und zufällig warst du gerade am Tag zuvor auf einer Party im Haus deines Freundes Ferkel gewesen, und auf der Party hatte es Ballons gegeben. Du hattest einen großen grünen Ballon gehabt; und einer von Kaninchens Verwandten hatte einen großen blauen gehabt und dort gelassen, weil er eigentlich noch zu jung war, um überhaupt auf Partys zu gehen; und deshalb hattest du den grünen und den blauen mit nach Hause genommen.
»Welchen möchtest du?« fragtest du Pu.
Er steckte den Kopf zwischen die Pfoten und dachte sehr gründlich nach.
»Es ist nämlich so« sagte er, »wenn man sich mit einem Ballon Honig besorgen möchte, kommt es vor allen Dingen darauf an, die Bienen nicht merken zu lassen, daß man kommt. Wenn man nun also einen grünen Ballon hat, könnten sie denken, daß man nur ein Teil des Baumes ist, und sie bemerken einen nicht, und wenn man einen blauen Ballon hat, könnten sie denken, daß man nur ein Teil des Himmels ist, und sie bemerken einen nicht, und da ist die Frage: Was ist am wahrscheinlichsten?«
»Meinst du nicht, sie bemerken dich unter dem Ballon?« fragtest du.
»Vielleicht, vielleicht auch nicht«, sagte Winnie-der-Pu.
»Bei Bienen kann man nie wissen.«Er dachte einen Augenblick lang nach und sagte: »Ich werde versuchen, wie eine kleine schwarze Wolke auszusehen. Das wird sie täuschen.«
»Dann nimm lieber den blauen Ballon«, sagtest du; und so wurde es beschlossen.
Und dann seid ihr beide mit dem blauen Ballon weggegangen, und du hast dein Gewehr mitgenommen, für alle Fälle, wie du das immer tust, und Winnie-der-Pu ging zu einer sehr schlammigen Stelle, die er kannte, und dort wälzte und wälzte er sich, bis er am ganzen Körper schwarz war;
und dann, als der Ballon so groß aufgeblasen war, daß man ihn »groß« nennen konnte, hast du zusammen mit Pu die Schnur festgehalten, und dann hast du plötzlich die Schnur losgelassen, und Pu Bär schwebte anmutig hinauf in den Himmel und blieb dort - auf gleicher Höhe mit dem Wipfel des Baumes und etwa sieben Meter davon entfernt.

»Hurra!« hast du gerufen.
»Ist das nicht toll?« rief dir Winnie von dort oben zu. »Wie sehe ich aus?«
»Du siehst aus wie ein Bär, der sich an einem Ballon festhält«, sagtest du.
»Nicht«, sagte Pu besorgt, »wie eine kleine schwarze Wolke in einem blauen Himmel?«
»Nicht sehr.«
»Na ja, vielleicht sieht es von hier oben anders aus. Und, wie ich schon sagte, bei Bienen kann man nie wissen.«
Es wehte kein Wind, um ihn näher an den Baum zu blasen, und so blieb er, wo er war. Er konnte den Honig sehen, er konnte den Honig riechen, aber er kam nicht so richtig anden Honig heran.
Nach kurzer Zeit ließ er wieder von sich hören.
»Christopher Robin!« flüsterte er laut.
»Hallo!«
»Ich glaube, die Bienen schöpfen Verdacht!«
»Was haben sie gedacht?«
»Ich weiß es nicht. Aber ich habe den Eindruck, daß sie argwöhnisch sind!«
»Vielleicht glauben sie, daß du hinter ihrem Honig her bist?«
»Daran könnte es liegen. Bei Bienen kann man nie wissen.«
Wieder trat Stille ein, und dann wandte er sich wieder an dich.
»Christopher Robin!«
»Ja?«
»Hast du einen Regenschirm zu Hause?«
»Ich glaube schon.«
»Ich wäre froh, wenn du ihn hierherbringen könntest und damit auf und ab gehen könntest und hin und wieder zu mir heraufsehen könntest und >Tz, tz, es sieht nach Regen aus< sagen könntest. Ich glaube, wenn du das tätest, würde uns das dabei helfen, diese Bienen zu täuschen.«
Da hast du nur in dich hineingelacht - »Dummer alter Bär!« -, aber du hast es nicht laut gesagt, weil du ihn so sehr mochtest, und bist nach Hause gegangen und hast deinen Regenschirm geholt.
»Ah, da bist du ja!« rief Winnie-der-Pu dir von oben zu, sobald du wieder beim Baum warst. »Ich hatte bereits begonnen, mir Sorgen zu machen. Ich habe festgestellt, daß die Bienen jetzt eindeutig Verdacht schöpfen.«
»Soll ich meinen Regenschirm aufspannen?« sagtest du.
»Ja, aber warte noch einen Augenblick. Wir müssen praktisch vorgehen. Die wichtige Biene, die man täuschen muß, ist die Bienenkönigin. Kannst du von da unten sehen, welche die Bienenkönigin ist?«
»Nein.«
»Wie schade. Tja, dann, wenn du mit deinem Schirm auf und ab gehst und >Tz, tz, es sieht nach Regen aus< sagst, werde ich ebenfalls mein möglichstes tun und ein kleines Wolkenlied singen, wie es eine Wolke vielleicht singen würde... Jetzt!«
Während du also auf und ab gegangen bist und dich gefragt hast, ob es wohl regnen würde, sang Winnie-der-Pu dies Lied:

Hönig
Ich frage mich seit Jahr und Tag,
Warum ein Bär den Honig mag,
Summ! Summ! Summ!
Ich frage mich warum?
Schon seltsam, daß, wenn Bären Bienen wären

Dann wäre ihnen auch ein Nest ganz unten eigen,
Und wenn es dann so wäre
(die Bienen wären Bären), Dann brauchten wir auch nicht so hoch zu steigen.
Die Bienen summten immer noch so argwöhnisch wie eh und je. Einige verließen sogar ihr Nest und flogen um die Wolke herum, als sie die zweite Strophe dieses Liedes anstimmt, und eine Biene setzte sich der Wolke einen Augenblick lang auf die Nase, flog dann aber wieder weiter.

»Christopher - au! - Robin«, rief die Wolke.
»Ja?«
»Ich habe gerade nachgedacht, und ich bin zu einem sehr wichtigen Entschluß gekommen. Dies ist die falsche Sorte Bienen.«
»Ist sie das?«
»Die ganz falsche Sorte. Deshalb würde ich auch meinen, daß sie die falsche Sorte Honig machen, oder?«
»Machen sie das?«
»Ja. Deshalb meine ich, ich komme lieber wieder herunter.«
»Wie?« hast du gefragt.

Darüber hatte Winnie-der-Pu nicht nachgedacht. Wenn er die Schnur losließ, würde er - bums - fallen, und dieser Gedanke gefiel ihm nicht. Deshalb dachte er lange Zeit nach, und dann sagte er:
»Christopher Robin, du mußt den Ballon mit deinem Gewehr abschießen. Hast du dein Gewehr dabei?«
»Natürlich habe ich mein Gewehr dabei«, sagtest du. »Aber wenn ich das tue, geht der Ballon kaputt.«
»Aber wenn du es nicht tust«, sagte Pu, »muß ich loslassen, und dann gehe ich kaputt.«
Als er es so ausdrückte, hast du gesehen, daß es so war, wie es war, und du hast sehr sorgfältig auf den Ballon gezielt und geschossen.
»Au!« sagte Pu.
»Habe ich ihn verfehlt?« fragtest du.
»Nicht direkt verfehlt«, sagte Pu, »aber den Ballon hast du verfehlt.«
»Das tut mir aber leid«, sagtest du, und dann hast du noch mal geschossen, und diesmal hast du den Ballon getroffen, und langsam strömte die Luft aus, und Winnie-der-Pu schwebte sachte zu Boden.
Aber seine Arme waren davon, daß er die Ballonschnur so lange festgehalten hatte, so steif, daß sie noch länger als eine Woche lang in die Luft ragten, und wenn eine Fliege kam und sich auf seiner Nase niederließ, mußte er sie wegblasen. Und ich glaube- aber ganz sicher weiß ich es nicht-,
daß er deshalb immer Pu genannt wurde.

»Ist das das Ende der Geschichte? « fragte Christopher Robin.
»Das ist das Ende dieser Geschichte. Es gibt noch andere.«
»Über Pu und mich?«
»Und Ferkel und Kaninchen und über euch alle. Erinnerst du dich nicht?«
»Natürlich erinnere ich mich, und wenn ich mich dann zu erinnern versuche, vergesse ich es.«
»Der Tag, an dem Pu und Ferkel versuchten, das Heffalump zu fangen ... «
»Sie haben es aber nicht gefangen, oder?«
»Nein.«
»Das könnte Pu auch gar nicht, weil er überhaupt keinen Verstand besitzt. Habe ich es gefangen?«
»Das kommt ja alles in der Geschichte vor.«
Christopher Robin nickte.
»Natürlich erinnere ich mich«, sagte er, »nur Pu erinnert sich nicht so recht, und deshalb läßt er sich die Geschichte gern noch einmal erzählen. Denn dann ist es eine echte Geschichte und nicht bloß eine Erinnerung.«
»Ganz meine Meinung«, sagte ich.
Christopher Robin stieß einen tiefen Seufzer aus, packte seinen Bären am Bein und ging zur Tür, wobei er Pu hinter sich her zog. An der Tür drehte er sich um und sagte: »Kommst du noch und siehst dir an, wie ich bade?«
»Vielleicht«, sagte ich.
»Ich habe ihm doch nicht weh getan, als ich ihn angeschossen habe, oder?«
»Kein bißchen.«
Er nickte und ging hinaus, und einen Augenblick später hörte ich, wie Winnie-der-Pu - rumpeldipumpel - hinter ihm die Treppe hinaufging.

Eduard Bär, seinen Freunden auch als Winnie-der-Pu bekannt, oder einfach Pu, ging eines Tages durch den Wald und summte stolz vor sich hin. Er hatte an jenem Morgen ein kleines Gesumm erdacht, während er vor dem Spiegel seine Kraftübungen machte: Tra-la-la, tra-la-la, und er reckte sich, so hoch er konnte, und dann Tra-la-la, tra-la Oh! Hilfe! - la, als er versuchte, seine Zehen zu erreichen. Nach dem Frühstück hatte er es sich immer wieder aufgesagt, bis er es auswendig konnte, und jetzt summte er es vollständig und fehlerfrei von vorne bis hinten durch. Es ging so:
Tra-la-la, tra-la-la,
Tra-la-la, tra-la-ia,
Rum-tum-tiedel-um-tum,
Tiedel-diedel, tiedel-diedel,
Tiedel-diedel, tiedel-diedel
Rum-tum-tum-tiedel-dum.
Er summte sich also dies Gesumm vor und ging froh vor sich hin und fragte sich, was wohl alle anderen machten und was das wohl für ein Gefühl wäre, ein anderer zu sein, als er plötzlich an einen sandigen Abhang kam, und in dem Abhang war ein großes Loch.

Die Freunde



ZWEITES KAPITEL

-In welchem Pu einen Besuch macht und an eine enge Stelle gerät.

»Aha!« sagte Pu. (Rum-tum-tiedel-um-tum.) »Wenn ich überhaupt irgendwas über irgendwas weiß, bedeutet dieses Loch Kaninchen«, sagte er, »und Kaninchen bedeutet Gesellschaft«, sagte er, »und Gesellschaft bedeutet Essen und Mir-beim-Summen-Zuhören und ähnliches in Art. Rum-tum-tum-tiedel-dum.«
Also bückte er sich, steckte seinen Kopf in das Loch und rief:
»Ist jemand zu Hause?«
Plötzlich hörte man innen im Loch ein Trippeln, und dann war es wieder still.
»Ich sagte: >Ist jemand zu Hause?<« rief Pu sehr laut. »Nein!« sagte eine Stimme; dann fügte die Stimme hinzu: »Du brauchst nicht so laut zu rufen. Beim erstenmal habe ich dich bereits sehr gut gehört.«
»So ein Mist!« sagte Pu. »Ist denn überhaupt niemand da?«
»Niemand.«
Winnie-der-Pu zog seinen Kopf aus dem Loch und dachte ein wenig, und zwar dachte er: Es muß jemand da sein, denn jemand muß >niemand< gesagt haben. Also steckte er seinen Kopf ins Loch zurück und sagte: » Hallo, Kaninchen, bist du das nicht? « »Nein«, sagte Kaninchen, diesmal mit einer anderen Stimme.
»Aber ist das nicht Kaninchens Stimme?«
»Ich glaube nicht«, sagte Kaninchen. Jedenfalls soll sie es nicht sein. «
»Oh!« sagte Pu.
Er zog seinen Kopf aus dem Loch, dachte noch einmal gründlich nach, steckte den Kopf ins Loch zurück und sagte:
»Könnten Sie mir dann liebenswürdigerweise sagen, wo Kaninchen ist?«
»Kaninchen besucht gerade seinen Freund Pu Bär, mit dem es sehr befreundet ist.«
»Aber das bin ich doch!« sagte Bär überaus erstaunt.
»Welche Sorte von Ich?«
»Pu Bär.«
»Bist du sicher?« fragte Kaninchen noch erstaunter.
»Ganz, ganz sicher«, sagte Pu.
»Na, dann komm doch einfach rein.«
Also gab sich Pu einen Schubs und noch einen Schubs und noch einen Schubs in das Loch hinein, und schließlich war er drin.
»Du hattest völlig recht«, sagte Kaninchen und sah ihn von oben bis unten an. »Du bist es. Schön, dich zu sehen.«
»Wer hätte ich denn sonst sein sollen?«
»Da war ich mir nicht sicher. Du weißt, wie es im Wald ist. Man kann nicht jeden in sein Haus lassen. Man muß vorsichtig sein. Wie wäre es mit einem Mundvoll irgendwas?«
Pu nahm immer schon um elf Uhr vormittags gern eine Kleinigkeit zu sich, und er war sehr froh, als er sah, wie Kaninchen die Teller und Tassen hervorholte, und als Kaninchen sagte: »Honig oder Kondensmilch zum Brot?«, war er so aufgeregt, daß er sagte: »Beides«, und dann, um nicht gierig zu wirken, fügte er »Aber mach dir wegen des Brots keine Umstände« hinzu. Und danach sagte er lange Zeit gar nichts... bis er schließlich, mit ziemlich klebriger Stimme vor sich hin summend, aufstand, Kaninchen liebevoll die Pfote drückte und sagte, nun müsse er aber weiter.
»Mußt du wirklich?« sagte Kaninchen höflich.
»Tja«, sagte Pu, »ich könnte noch ein wenig bleiben, wenn es... wenn du...«, und er versuchte angestrengt, nicht dorthin zu starren, wo der Küchenschrank stand. »Übrigens«, sagte Kaninchen, »wollte ich ebenfalls soeben das Haus verlassen.« »Tja, dann will ich mal weiter. Lebe wohl.« »Gut, gut, lebe wohl, falls du bestimmt
nichts mehr möchtest.«
»Gibt es denn noch mehr?« fragte Pu schnell.
Kaninchen hob den Deckel von jedem Topf und sagte:
»Nein, es war schon alles verputzt.«

»Das hatte ich mir gedachte, sagte Pu und nickte bestätigend. »Na, dann lebe wohl. Ich muß weiter.«

Pu Bär steckt im Eingang zu Kaninchens Haus fest.

Und er begann, aus dem Loch zu klettern. Er zog mit den Vorderpfoten und drückte mit den Hinterpfoten, und nach einer gewissen Zeit war seine Nase wieder im Freien... und dann seine Ohren... und dann seine Vorderpfoten... und dann seine Schultern... und dann... »Ach, Hilfe!« sagte Pu. »Ich gehe lieber wieder zurück.« »So ein Mist!« sagte Pu. »Ich muß hinaus.«, >Es gelingt mir beides nicht!« sagte Pu. »Ach, Hilfe und so ein Mist!«
Unterdessen wollte Kaninchen ebenfalls einen kleinen Gang tun, und da die Vordertür bereits voll war, ging es zur Hintertür hinaus und kam zu Pu und sah ihn an. »Hallo, sitzt du fest?« fragte es.
»N-nein«, sagte Pu sorglos. »Ich ruhe mich nur aus und denke und summe vor mich hin.«
»Komm, gib mir eine Pfote.«
Pu Bär streckte eine Pfote aus, und Kaninchen zog und zog und zog...
»Au!« schrie Pu. »Du tust mir weh!«
»Es ist eine Tatsache«, sagte Kaninchen. »Du sitzt fest.«
»Das kommt alles daher«, sagte Pu verärgert, »daß man Vordereingänge hat, die nicht groß genug sind.«
»Das kommt alles daher«, sagte Kaninchen streng, »da man zuviel ißt. Ich dachte vorhin schon«, sagte Kaninchen, »wollte aber nichts sagen«, sagte Kaninchen, »daß einer von uns beiden zuviel ißt«, sagte Kaninchen, »und ich wußte, daß ich nicht derjenige war«, sagte es. »Dann werde ich mich mal auf den Weg machen und Christopher Robin holen.«
Christopher Robin wohnte am anderen Ende des Waldes und als er mit Kaninchen zurückkam und die vordere Hälfte von Pu sah, sagt er »Dummer alter Bär« mit so liebevoller Stimme, daß jeder wieder Hoffnung faßte.
»Mir fiel gerade ein«, sagte Bär und schniefte leicht, »daß Kaninchen vielleicht nie wieder seinen Vordereingang benutzen kann. Und das wäre mir ein schrecklicher Gedanke«, sagte er.
»Mir auch«, sagte Kaninchen.
»Seinen Vordereingang benutzen?« sagte Christopher Robin. »Natürlich wird es seinen Vordereingang wieder benutzen.«
»Gut«, sagte Kaninchen.
»Wenn wir dich nicht herausziehen können, Pu, schieben wir dich vielleicht wieder zurück.«
Kaninchen kratzte sich nachdenklich am Schnurrbart und wies darauf hin, daß, sobald Pu zurückgeschoben worden war, er wieder zurück war, und natürlich könne es selbst, Kaninchen, sich nichts Schöneres vorstellen, als Pu bei sich zu Hause begrüßen zu dürfen, aber so sei es doch nun mal, manche wohnten auf Bäumen, und manche wohnten unterirdisch, und...
»Du meinst, ich komme hier nie wieder raus?« sagte Pu. »Ich meine«, sagte Kaninchen, »daß es, nachdem du nun schon mal so weit vorgedrungen bist, Verschwendung wäre, nicht in derselben Richtung weiterzuarbeiten.« Christopher Robin nickte. »Dann gibt es nur eins«, sagte er. »Wir werden warten müssen, bis du wieder dünner bist. Wie lange dauert Dünnerwerden?« fragte Pu besorgt. »Etwa eine Woche, würde ich annehmen.«
»Aber ich kann doch nicht eine Woche lang hierbleiben!«
»Bleiben kannst du hier ganz leicht, dummer alter Bär.
Dich hier herauszukriegen ist so schwierig.«
»Wir werden dir vorlesen«, sagte Kaninchen vergnügt.

Kaninchen benutzt Pus Hinterbeine als Handtuchhalter.

»Und ich hoffe, daß es nicht schneit «, fügte es hinzu. »Außerdem, mein Alter, nimmst du in meinem Haus reichlich viel Platz ein... Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich deine Hinterbeine als Handtuchhalter verwende? Ich meine, sie sind nun mal da - untätig -, und es wäre sehr praktisch, wenn ich meine Handtücher dort zum Trocknen aufhängen könnte.«
»Eine Woche!« sagte Pu düster. »Wie ist es mit den Mahlzeiten?«
»Mahlzeiten wird es, fürchte ich, nicht geben«, sagte Christopher Robin, »wegen des schnelleren Dünnerwerdens. Aber vorlesen werden wir dir.«

Bär wollte gerade seufzen, merkte dann aber, daß er das nicht konnte, weil er so eingeklemmt war; eine Träne rollte ihm die Wange hinunter, als er sagte: »Würdest du dann bitte ein gehaltvolles Buch vorlesen, eins, das einem eingeklemmten Bären in starker Bedrängnis Hilfe und Trost spendet?«
Also las Christopher Robin dem Nordende von Pu ein solches Buch vor, und Kaninchen hängte seine Wäsche am Südende auf... und dazwischen spürte Bär, wie er immer schlanker wurde. Und als die Woche vorüber war, sagte Christopher Robin: »Jetzt!«

Christopher Robin, Kaninchen und sämtliche Bekannten und Verwandten
von Kaninchen versuchen, Pu aus dem Eingang zu Kaninchens Haus
herauszuziehen

Also packte er Pus Vorderpfoten, und Kaninchen packte Christopher Robin, und sämtliche Bekannten und Verwandten von Kaninchen packten Kaninchen, und alle zogen...
Und lange Zeit sagte Pu nur: »Au!« ...
Und: »Ach!« ...
Und dann, ganz plötzlich, sagt er: »Plopp!«, genau wie ein Korken, der aus der Flasche gezogen wird.
Und Christopher Robin und Kaninchen und sämtliche Bekannten und Verwandten von Kaninchen fielen auf den Rücken... und oben auf sie drauf fiel Winnie-der-Pu frei!
Also schenkte er seinen Freunden ein Nicken des Dankes und setzte seinen Weg fort, wobei er stolz vor sich hin summte. Aber Christopher Robin sah ihm liebevoll nach und sagte »Dummer alter Bär!« vor sich hin.

DRITTES KAPITEL

-In welchem Pu und Ferkel auf die Jagd gehen und beinahe ein Wuschel fangen-

Das Ferkel wohnte in einer großartigen Wohnung inmitten einer Buche, und die Buche stand inmitten des Waldes, und das Ferkel wohnte inmitten der Wohnung. Gleich neben der Wohnung stand ein zerbrochenes Schild, auf dem »BETRETEN V« stand. Als Christopher Robin das Ferkel fragte, was das zu bedeuten habe, sagte es, das sei der Name seines Großvaters, ein Name, der schon lange in der Familie sei. Christopher Robin sagte, man könne nicht Betreten V heißen, und Ferkel sagte, doch, das könne man, sein Großvater habe ja so geheißen, und es sei die Abkürzung von Betreten Vic, welches die Abkürzung von Betreten Victor sei. Und sein Großvater habe zwei Namen gehabt, für den Fall, daß er mal einen verlöre: Betreten nach einem Onkel und Victor nach Betreten.

»Ich habe auch zwei Namen«, sagte Christopher Robin leichtsinnig.
»Siehst du, das beweist es ja«, sagte Ferkel.

An einem schönen Wintertag, als Ferkel gerade den Schnee vor seiner Wohnung wegfegte, blickte es zufällig von seiner Arbeit auf, und da war Winnie-der-Pu. Pu ging immer im Kreis herum und dachte an etwas anderes, und als Ferkel mit ihm reden wollte, ging er einfach weiter.

»Hallo!« sagte Ferkel. »Was machst du denn?«
»Ich jage«, sagte Pu.
»Was jagst du denn?«
»Ich spüre etwas auf«, sagte Pu sehr geheimnisvoll.
»Was spürst du denn auf?« sagte Ferkel und kam näher.
»Genau das frage ich mich auch. Ich frage mich: Was?«
»Und was, glaubst du, wirst du dir antworten?«
»Ich muß warten, bis ich es eingeholt habe«, sagte Winnie-der Pu
»Da, sieh mal.« Er zeigte auf den Boden vor sich.
»Was siehst du da?«
»Spuren«, sagte Ferkel. »Pfotenabdrücke.« Es quiekte leicht vor Aufregung. »Oh, Pu! Glaubst du, es ist ein ... ein ... ein Wuschel
»Könnte sein«, sagte Pu. »Manchmal ist es das, und manchmal ist es das nicht. Bei Pfotenabdrücken kann man nie wissen.«
Nach diesen knappen Worten nahm er die Spurensuche wieder auf, und Ferkel rannte ihm, nachdem es ihn ein bis zwei Minuten lang beobachtet hatte, nach. Winnie-der-Pu war plötzlich stehengeblieben und beugte sich verblüfft über die Spuren.
«Was ist los?« fragte Ferkel.
»Es ist merkwürdig«, sagte Bär, »aber es scheinen plötzlich zwei Tiere zu sein. Diesem - egal, was es war - scheint sich ein weiteres - egal, was es ist - angeschlossen zu haben, und die beiden setzen nun gemeinsam ihren Weg fort. Würde es dir etwas ausmachen, mich zu begleiten Ferkel, falls sie sich als feindselige Tiere erweisen sollten?«

Ferkel kratzte sich sehr anmutig am Ohr und sagte, bis nächsten Freitag habe es nichts vor, und es würde ihn mit Vergnügen begleiten, falls es tatsächlich ein Wuschel war.
»Du meinst, falls es tatsächlich zwei Wuschel sind«, sagte Winnie-der-Pu, und Ferkel sagte, bis nächsten Freitag habe es jedenfalls nichts vor. So gingen sie zusammen los.
Genau dort befand sich ein kleines Dickicht aus Lärchenbäumen, und es schien, als wären die beiden Wuschel, falls es welche waren, um dieses Dickicht herumgegangen; also folgten ihnen Pu und Ferkel um dieses Dickicht herum; Ferkel vertrieb sich die Zeit, indem es Pu erzählte, was sein
Großvater Betreten V gegen Steifheit in den Gliedern nach der Spurensuche unternommen hatte und wie sein Großvater Betreten V in seinen späteren Jahren an Kurzatmigkeit gelitten habe, sowie anderes Interessantes, und Pu fragte sich, wie ein Großvater wohl aussehen mochte und ob sie vielleicht gerade zwei Großvätern auf der Spur waren und ob er, falls es so war, einen davon mit nach Hause nehmen und behalten durfte, und was Christopher Robin dazu sagen würde. Und immer noch liefen die Spuren vor ihnen her...
Plötzlich blieb Winnie-der-Pu stehen und zeigte aufgeregt nach vorn. »Kuck mal!«
»Was?" sagte Ferkel und sprang in die Luft. Und dann, um zu zeigen, daß es keine Angst gehabt hatte, sprang es noch ein paarmal in die Luft, und das sah aus wie Turnübungen.
»Die Spuren!« sagte Pu. »Ein drittes Tier hat sich den beiden anderen angeschlossen«
»Pu!« schrie Ferkel. »Glaubst du, es ist ein weiteres Wuschel?«
»Nein«, sagte Pu, »denn es hinterläßt andere Spuren. Es sind entweder zwei Wuschel und ein, falls es das ist, Wischel oder zwei, falls sie das sind, Wischel und ein, falls es das ist, Wuschel. Wir wollen ihnen weiter folgen.«
So gingen sie weiter, nur waren sie jetzt ein wenig besorgt, es könnte ja sein, daß die drei Tiere vor ihnen feindselige Absichten hegten. Und Ferkel wünschte sich, sein Großvater B. V. wäre hier anstatt woanders, und Pu dachte, wie schön es doch wäre, wenn sie jetzt plötzlich und ganz zufällig Christopher Robin träfen, und zwar nur, weil er Christopher Robin so gern hatte. Und dann, ganz plötzlich, blieb Winnie-der-Pu wieder stehen und leckte sich die Nasenspitze, denn ihm war so heiß, und er war so besorgt wie noch nie in seinem Leben. Da waren vier Tiere vor ihnen!
»Siehst du das, Ferkel? Sieh dir ihre Spuren an! Drei, falls sie welche sind, Wuschel und ein, falls es eins ist, Wischel. Ein weiteres Wuschel ist dazugekommen«
Genauso schien es zu sein. Dort waren die Spuren; hier liefen sie übereinander, dort vermengten sie sich; aber ganz deutlich sah man sie hier und da: die Spuren von vier Pfotenpaaren.
»Ich glaube«, sagte Ferkel, nachdem es sich ebenfalls die Nase geleckt und gefunden hatte, daß dies wenig Trost brachte, »ich glaube, mir ist gerade etwas eingefallen. Mir ist gerade etwas eingefallen, was ich gestern zu tun vergessen habe und was ich morgen nicht tun kann. Deshalb finde ich, ich sollte wirklich nach Hause gehen und es jetzt tun.«
»Wir werden es heute nachmittag tun, und dann komme ich mit«, sagte Pu.
»Es ist nichts, was man nachmittags tun kann«, sagte Ferkel schnell. »Es ist eine ganz spezielle Morgensache, die morgens getan werden muß, und zwar, wenn möglich, zwischen... Was würdest du sagen, Pu, wie spät ist es jetzt?«
»Etwa zwölf«, sagte Winnie-der-Pu und sah nach der Sonne.
»Zwischen, wie ich schon sagte, zwölf und fünf nach zwölf. Also, wirklich, liebster bester Pu, wenn du mich einstweilen entschuldigst... Was ist das?«

Pu sah in den Himmel hinauf, und dann, als er den Pfiff noch einmal hörte, in die Äste einer hohen Eiche, und dann sah er einen Freund.
»Es ist Christopher Robin«, sagte er.
»Dann brauche ich mir ja keine Sorgen mehr um dich zu machen«, sagte Ferkel. »Mit ihm kann dir nichts passieren. Lebe wohl«, und es trabte so schnell wie möglich nach Hause, sehr froh darüber, aller Gefahr entronnen zu sein.
Christopher Robin kam langsam von seinem Baum herunter.
»Dummer alter Bär«, sagte er, »was hast du denn gemacht? Zuerst bist du zweimal allein um das Dickicht herumgegangen, dann ist dir Ferkel nachgelaufen, und ihr seid zusammen um das Dickicht gegangen, und dann, als ihr gerade zum viertenmal ... « »Warte mal«, sagte Pu und hielt eine Pfote hoch.
Er setzte sich hin und dachte, und zwar so nachdenklich, wie er nur denken konnte. Dann stellte er seine Hinterpfote in einen der Pfotenabdrücke (wo das Wuschel nicht war)... Und dann kratzte er sich zweimal an der Nase und stand auf.
»Ja«, sagte Winnie-der-Pu.
»Jetzt verstehe ich«, sagte Winnie-der-Pu.
»Ich war ein verblendeter Narr«, sagte er, »und ich bin ein Bär ohne jeden Verstand.«
»Du bist der beste Bär der ganzen Welt«, sagte Christopher Robin beruhigend.
»Stimmt das?« sagte Pu voller Hoffnung. Und dann erhellte sich plötzlich seine Miene. »Auf jeden Fall«, sagte er, »ist es schon fast Zeit zum Mittagessen.« Deshalb ging er nach Hause.



VIERTES KAPITEL

-In welchem I-Ah einen Schwanz verliert und Pu einen findet

Der alte graue Esel, I-Ah, stand allein in einem distelbewachsenen Winkel des Waldes, die Vorderbeine gespreizt, den Kopf auf eine Seite gelegt, und dachte über alles nach. Manchmal dachte er traurig bei sich: Warum?, und manchmal dachte er: Wozu?, und manchmal dachte er: Inwiefern? -, und manchmal wußte er nicht so recht, worüber er nachdachte. Als also Winnie-der-Pu herangestapft kam, war er sehr froh, weil er ein bißchen mit Denken aufhören konnte, um in düsterer Weise »Wie geht es dir?« zu ihm zu sagen.
»Und wie geht es dir?« sagte Winnie-der-Pu.
I-Ah schüttelte den Kopf von einer Seite zur anderen.
»Nicht sehr wie«, sagte er. »Mir scheint es schon seit längerer Zeit überhaupt nicht mehr gegangen zu sein.«
»Meine Güte«, sagte Pu, »das tut mir aber leid. Laß dich mal anschauen.«
So stand I-Ah da, starrte traurig den Boden an, und Winnie-der-Pu ging einmal um ihn herum.
»Was ist denn mit deinem Schwanz passiert?« sagte er überrascht.
»Was ist denn mit ihm passiert? « sagte I-Ah.
»Er ist nicht da!«
»Bist du sicher?«
»Also, entweder ist ein Schwanz da, oder er ist nicht da.
Da kann man keinen Fehler machen, und deiner ist nicht da!«
»Sondern?«
»Nichts.«
Ich muß mal nachsehen«, sagte I-Ah, und er drehte sich langsam dorthin, wo sein Schwanz vor kurzem gewesen war, und dann, als er merkte, daß er ihn nicht einholen konnte, drehte er sich andersherum, bis er dorthin zurück kam, wo er zuerst gewesen war, und dann senkte er den Kopf und sah zwischen seinen Vorderbeinen hindurch, und zum Schluß sagte er mit einem langen, traurigen Seufzer: »Ich glaube, du hast recht.«

»Natürlich habe ich recht«, sagte Pu.
»Das erklärt einiges«, sagte I-Ah düster. »Es erklärt alles. Kein Wunder.«
»Du mußt ihn irgendwo gelassen haben«, sagte Winnie-der-Pu.
»Jemand muß ihn genommen haben«, sagte I-Ah. »Das sieht ihnen ähnliche, fügte er nach langem Schweigen hinzu.
Pu fand, daß er etwas Hilfreiches sagen sollte, aber er wußte nicht recht, was. Also beschloß er, statt dessen etwas Hilfreiches zu tun.
»I-Ah«, sagte er feierlich, »ich, Winnie-der-Pu, werde deinen Schwanz für dich finden.«
»Danke, Pu«, erwiderte I-Ah, »du bist ein echter Freund«, sagte er. »Nicht wie manche anderen«, sagte er.
Also machte sich Winnie-der-Pu auf den Weg, um I-Ahs Schwanz zu finden.
Es war ein schöner Frühlingsmorgen im Wald, als er losging. Kleine, weiche Wolken spielten froh an einem blauen Himmel und hüpften hin und wieder vor die Sonne, als wollten sie sie ausknipsen, und glitten ganz plötzlich wieder weg, damit die nächste Wolke es auch mal versuchen konnte. Durch sie hindurch und zwischen ihnen schien tapfer die Sonne, und ein Wäldchen, das seine Tannen das ganze Jahr hindurch getragen hatte, sah jetzt neben der neuen grünen Spitze, mit der sich die Buchen geschmückt hatten, alt und ungepflegt aus. Durch Gehölz und Dickicht marschierte Bär, offene Hänge voller Stechginster und Heidekraut hinab, über felsige Flußbetten, steile Böschungen aus Sandstein hinauf und wieder ins Heidekraut; und so zum Schluß in den
Hundertsechzig-Morgen-Wald. Denn im Hundertsechzig-Morgen-Wald wohnte Eule.
»Und wenn irgendwer irgendwas über irgendwas weiß« sagte sich Bär, »dann ist es Eule, die was über was weiß«: sagte er, »oder ich heiße nicht Winnie-der-Pu«, sagte er. »Ich heiße aber so«, fügte er hinzu. »Und das beweist, daß ich recht habe.«



Eule wohnte an einer Adresse namens »Zu den Kastanien«, einem Landsitz von großem Zauber, wie man ihn aus der Alten Welt kennt, und diese Adresse war großartiger als alle anderen; zumindest kam es dem Bären so vor, denn sie hatte sowohl einen Türklopfer als auch einen Klingelzug. Unter dem Türklopfer war ein Zettel mit der Aufschrift:


Diese Zettel waren von Christopher Robin beschriftet worden, welcher der einzige im Wald war, der buchstabieren konnte; denn Eule, so weise sie in vielen Dingen war, und obwohl sie lesen und schreiben und ihren eigenen Namen OILE buchstabieren konnte, wurde von feineren Wörtern wie ZIEGENPETER oder TOASTMITBUTTER zur Verzweiflung getrieben.
Winnie-der-Pu las die beiden Zettel sehr sorgfältig, zuerst von links nach rechts und danach, falls ihm etwas entgangen sein sollte, von rechts nach links. Dann, um ganz sicherzugehen, klopfte und zog er den Türklopfer und zog und beklopfte den Klingelzug, und dazu rief er mit sehr lauter Stimme: »Eule! Ich erwarte eine Antwort! Hier spricht Bär.« Und die Tür öffnete sich, und Eule sah heraus.
»Hallo, Pu«, sagte sie. »Wie geht'sss, wie steht'sss?«
»Schrecklich und traurig, sagte Pu, »weil I-Ah, der ein Freund von mir ist, seinen Schwanz verloren hat. Und jetzt bläst er Trübsal. Könntest du mir also überaus freundlicherweise sagen, wo ich ihn, den Schwanz, für ihn, I-Ah, finden kann?«
»Nun«, sagte Eule, »in solchen Fällen issst die übliche Verfahrensweise wie folgt ... «
"Was bedeutet >übrige Sahnespeise<?« sagte Pu. »Denn ich bin ein Bär von sehr wenig Verstand, und lange Wörter jagen mir Angst ein.«
»Esss bedeutet, wasss zzzu tun issst.«
»Solange es das bedeutet, habe ich nichts dagegen«, sagte Pu demütig.
»Wasss zzzu tun isst, issst folgendes. Zzzuerssst musss man eine Belohnung ausssetzzzen. Dann... «
»Augenblick mal«, sagte Pu und hielt eine Pfote in die Luft. »Was müssen wir mit diesem Ding tun, was du gerade gesagt hast? Du hast gerade geniest, als du es mir sagen wolltest.«
»Ich habe nicht geniesst.«
»Doch, du hast geniest, Eule.«
»Entschudige, Pu, aber ich habe nicht geniessst. Man kann nicht niesen, ohne esss zu wissssssen.«
»Aber man kann es auch nicht wissen, ohne daß irgendwas geniest worden wäre.« »Wasss ich sagte, war, daßßß man zzzuerssst eine Belohnung ausssetzzzen mußßß.«
»jJtzt hast du schon wieder geniest«, sagte Pu traurig.
»Eine Belohnung!« sagte Eule sehr laut. »Wir schreiben einen Zzzettel, auf dem steht, daßßß wir Jedem, der I-Ahsss Schwanzzz findet, ein großßßesss Sowieso geben.«
»Verstehe, verstehe«, sagte Pu und nickte. »Da wir gerade von großen Sowiesos sprechen«, fuhr er träumerisch fort, »um diese Zeit nehme ich gewöhnlich ein kleines Sowieso zu mir... Etwa um diese Zeit am Vormittag«, und er blickte wehmütig den Schrank in Eules Salon an; »nur einen Mundvoll Dosenmilch oder sonstwas, vielleicht mit einer Idee Honig ... «
»Wir schreiben also«, sagte Eule, »diesen Zzzettel, und wir hängen ihn überall im Wald auf.«
»Eine Idee Honig«, murmelte Bär vor sich hin, »oder...
Oder auch nicht, je nachdem.« Und er stieß einen tiefen Seufzer aus und versuchte angestrengt, dem zuzuhören, was Eule sagte.
Aber Eule sprach immer weiter und benutzte immer längere Wörter, bis sie zum Schluß dorthin zurückkam, wo sie angefangen hatte, woraufhin sie erklärte, die Person, die diesen Zettel schreiben müsse, sei Christopher Robin.
»Er hat mir auch die Zzzettel an meiner Eingangssstür geschrieben. Hassst du sie gesehen, Pu?«
Pu sagte nun schon seit einiger Zeit abwechselnd »Ja« und »Nein« mit geschlossenen Augen, zu allem, was Eule sagte, und da er zuletzt »Ja, ja« gesagt hatte, sagte er diesmal »Nein, nicht im geringsten«, ohne wirklich zu wissen, worüber Eule sprach.
»Hassst du sie nicht gesehen?« sagte Eule ein wenig überrascht. » Komm und sieh sie dir jetzzzt an.«
Also gingen sie hinaus. Und Pu betrachtete den Türklopfer und den Zettel darunter, und er betrachtete den Klingelzug und den Zettel darunter, und je länger er den Klingelzug betrachtete, desto mehr hatte er das Gefühl, daß er schon einmal etwas Ähnliches gesehen hatte, irgendwo anders, irgendwann zuvor.
»Hübscher Klingelzzzug, stimmt'sss?« sagte Eule.
Pu nickte.
»Er erinnert mich an etwas«, sagte er, »aber ich komme nicht darauf, woran. Woher hast du ihn?«
»Ich bin im Wald darauf gestoßßßen. Er hing an einem Busch, und zzzuerssst dachte ich, daßßß dort jemand wohnt, dessshalb habe ich daran geklingelt, und nichtsss passssssierte, und dann habe ich noch einmal ganzzz laut geklingelt, und da issst esss abgegangen, und ich hatte esss in der Hand, und weil niemand esss zu brauchen schien, habe ich esss mit nach Hause genommen, und ... «
»Eule«, sagte Pu feierlich, »du hast einen Fehler gemacht. Jemand hat es gebraucht.«
»Wer?«
»I-Ah. Mein lieber Freund. I-Ah. Er... Er hatte es sehr lieb.«
»Lieb?«
»Er war ihm verbundenen«, sagte Pu traurig.

Christopher Robin nagelt I-Ahs Schwanz wieder
an den richtigen Platz
Mit diesen Worten entfernte er den Schwanz von dort, wo er festgehakt war, und trug ihn zurück zu I-Ah, und als Christopher Robin ihn wieder an seinem richtigen Platz festgenagelt hatte, tobte I-Ah durch den Wald und wedelte so glücklich mit dem Schwanz, daß Winnie-dem-Pu ganz komisch zumute wurde und er schnell nach Hause mußte, um einen kleinen Mundvoll oder ähnliches zu sich zu nehmen, um bei Kräften zu bleiben. Und als er sich eine halbe Stunde später den Mund wischte, sang er stolz vor sich hin.

Geschichten mit Winnie Pooh Teil 1


Kontakt