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Katzengeschichten 2

Der Streuner

Mikesch zu besuch bei Jamie-Lee




Mit leuchtenden Augen kam Tabitha leichtfüßig den Hang neben dem Haus herunter. Sie hatte eben ein Scharmützel mit ihrer Nachbarin Bundle hinter sich gebracht. Kein ernsthaftes Scharmützel, mehr eines von der Art, die beide Kontrahenten genießen. Bundle hatte sie angefaucht, und sie hatte Bundle angefaucht und war dann heimgelaufen, sehr zufrieden mit sich. Sie war eine haifischgraue Tigerin mit lebhaften grünen Augen, Kinn und Brust von reinstem Weiss. Tabitha war Pufftails Tochter. Obwohl erst einjährig, hatte Tabitha bereits einmal geworfen: Vier Kätzchen hatte sie im vorigen Herbst geboren. Drei waren, wie ihre menschlichen Betreuer es nannten, „in gute Hände gegeben" worden, ein Katerchen hatte man zurückbehalten. Es hatte eine rosa Nase und helle, grüne neugierige Augen, die ein wenig denen seiner Mutter glichen. Es war schwarzweiss, doch das Schwarz überwog.
Altvater Pufftail lebte auf der Strasse, er gehörte zu keinem Menschenhaushalt. War es sehr kalt, kroch er durch die Katzenklappe von Nummer zwölf und schlief dort in der Küche. Manchmal logierte er im Geräteschuppen oder in einer Garage. Doch Altvater Pufftail war ein stolzer und unabhängiger Kater, und weder Frau noch Kind nannten ihn ihr eigen. Er hatte sogar etwas dagegen, dass man ihm überhaupt einen Namen gegeben hatte, obschon ihn jeder in der Strasse Pufftail nannte und er ein allgemein beliebter Eigenbrötler war. Tabitha liebte ihren Vater. Sie betrachtete ihn als etwas Selbstverständliches. Sie merkte nicht, wie ungewöhnlich es für eine Katze ist, ihren Vater zu kennen. Kitcheners Vater hatte Tabitha vorigen Sommer von weit her besucht, sie dachte noch immer gern an ihn: ein rundlicher schwarzer Kater mit Rätselaugen. Die Abende, an denen er auf dem Schuppendach nach ihr gemaunzt hatte, waren ihrer Erinnerung ebenso teuer wie die warmen, mondhellen Nächte, die darauf folgten. Doch war er nun eine Gestalt der Vergangenheit, und sie erwartete nicht, ihn wiederzusehen.
Pufftail wiederum, der so grossen Wert darauf legte, unabhängig und ein Streuner zu sein, blieb dauernd in der Nähe. Obwohl er zwischen Abfalltonnen lebte und alles, was er frass, erbettelt oder stibitzt war, war Pufftail doch jederzeit ein Gentleman - wenn auch vielleicht ein Gentleman der Landstrasse. Tabitha kannte kaum die Hälfte vom Leben ihres Vaters. Sie wusste, dass die Menschen grausam zu ihm gewesen waren, auch dass er viele Abenteuer hinter sich gebracht hatte, ehe er Tabithas Mutter begegnete. Über die Details jedoch hatte ihr Vater ihr wenig erzählt.
Jetzt sass er in der Nachmittagssonne oben auf der Gartenmauer mit seinem Enkel und sah so gesetzt und zahm aus wie ein sterilisierter Rassekater in einem Pfarrhaus.
„Grossvater, erzähl’ mir von der guten alten Zeit", sagte der kleine Kater, als er seine Mutter näher kommen sah.
„Deine Ohren sind schmutzig", sagte Tabitha und leckte ihren Sohn. „Wenn du dich nicht wäschst, wirst du schliesslich aussehen wie dein Grossvater." - „Na, charmant", sagte Pufftail. „Da siehst du, wie es ist, wenn man eine liebende Tochter hat. Du verstehst, warum ich mich in der Nähe eures Hauses herumtreibe, wenn solche unwiderstehlichen Komplimente von den Lippen deiner Mutter fliessen."
„Was ist ein Kompli-Dingsbums?" fragte der kleine Kater mit Unschuldsblick.
„Etwas Nettes, das man über jemand sagt", antwortete Tabitha. „Grossvater hat gescherzt. Er glaubt, ich sei unhöflich zu ihm gewesen."
„Und warst du es denn?" „Ein bisschen", sagte Tabitha mit einem Lächeln. „Und jetzt, Vater, möchtest du, dass ich in die Küche gehe und mich dort mal umschaue?"
„Mein Mädchen, du bist die Freundlichkeit in Person." Tabitha war eingefallen, dass die Leute, die mit in ihrem Haus wohnten, die sonderbare Gewohnheit hatten, bei Lammkoteletts nur das Fleisch abzunagen. Heute Mittag hatte es Lammkoteletts gegeben, und viel leckeres Fett war an den Knochen dran geblieben. Sie trabte in's Haus, um ihrem Vater für's Abendessen ein paar Koteletts zu holen, und Pufftat sprach weiter mit dem kleinen Kater. Dieses Zwiegespräch ging den ganzer Sommer lang weiter. Während Tabitha etwas Nützliches tat, etwa alles sauberzumachen, zu dösen, Essbares in den Garten zu bringen oder Vögel zu jagen oder mit den Nachbarn zu streiten, saß Pufftail bei den Mülltonnen am Ende des Gartens und erzählte dem Enkelkater alles über die alten Zeiten.


Die unbekannte Schöne

„Endlich Feierabend“, denkt der Busfahrer Klaus Petersen, als er an einem milden Frühsommerabend zu Fuss den Heimweg antritt. Er holt tief Luft. „Mensch, war das ein Tag!“ Es fing damit an, dass morgens wegen einer Grossveranstaltung im Innenstadtbereich das absolute Verkehrschaos herrschte. Weiter ging es mittags mit einem Schwarzfahrer, der im Bus randalierte, als ein Kontrolleur in erwischte. Zu allem Überfluss fiel am Nachmittag auch nicht die Türautomatik aus. Klaus Petersen ist froh, dass dieser Arbeitstags vorbei ist. Er freut sich auf seine gemütliche Wohnung, ein Feierabendbier und auf seine Katze Lilly. Schön, dass da zu Hause jemand ist, der einen wieder auf andere Gedanken bringt. Seit 10 Jahren sind die beiden ein eingespieltes Team. Er erinnert sich noch sehr an den Tag, als Lilly plötzlich frierend im Hinterhof vor ihm stand, nicht mehr von seiner Seite wich und ihn hartnäckig bis zu seiner Haustür verfolgte. Sie hatte ihn sich ausgesucht. Einfach so. Und er hatte überhaupt keine Chance, sich ihrem Charme zu widersetzen. Heute ist er für diese schicksalhafte Begegnung sehr dankbar.
Wie das Leben so spielt
Ein klagendes Miau reisst ihn aus seinen Gedanken. „Ja hallo, fremde Schöne." Vorsichtig nähert er sich der fremden Katze, die sich schützend unter einem großen Rhododendron-Busch versteckt hat. Zwei grosse grüne Augen schauen ihn neugierig an. „Na, du bist aber eine hübsche Lady. Wo kommst du denn her?“ Als ob die Katzendame sich für dieses Kompliment bedanken möchte, kommt sie vorsichtig auf Klaus Petersen zu und reibt ihr Köpfchen an seinen Beinen. Er krault liebevoll ihr Fell. „So, jetzt muss ich aber gehen“, erklärt er nach einer Weile. „Und du solltest dich auch auf den Heimweg machen. Es wird bald dunkel, und dein Frauchen macht sich bestimmt schon Sorgen." Sie folgt ihm noch ein paar Schritte und verschwindet dann im Vorgarten eines Hauses.
Als er in den nächsten Tagen dieselbe Strasse entlanggeht, begegnet er „seiner Lady" erneut. Es sieht fast so aus, als ob sie dort auf ihn wartet. Auch diesmal verfolgt sie ihn wieder bis zur grossen Kreuzung und verschwindet dann in einer kleinen Grünanlage. Ein paar Tage später ist die Schöne plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Er ist fast ein wenig traurig, denn er fand diese nette Weggefährtin ganz charmant. Ob sie wohl ein Zuhause hat? Nachdenklich biegt er in die Strasse ein, in der er wohnt und holt schon mal seinen Schlüssel aus der Tasche. „Miau", ertönt es plötzlich hinter einem Mauervorsprung und mit einem Satz springt die Katzen-Lady vor seine Füsse. Klaus Petersen traut seinen Augen nicht. Geht das hier noch mit rechten Dingen zu? Wo kommt sie plötzlich her? Er schaut sie an. Heute wirkt die Katzen-Lady auf ihn zum ersten Mal nicht so, als sei sie nur auf einer Erkundungstour durch ihr Revier. Ihr Fell ist ungepflegt, und sie scheint Gewicht verloren zu haben.
Was nun? Klaus Petersen ist ratlos. Und die Kleine lässt sich einfach nicht abschütteln. Als er weitergehen will, weicht sie nicht einen Schritt von seiner Seite. Diese Hartnäckigkeit kommt ihm bekannt vor. Lilly und Lady scheinen etwas gemeinsam zu haben. „Ich kann dich nicht mit nach Hause nehmen. Da wohnt schon meine Lilly. Und die wird von einem weiteren Mitbewohner nicht gerade begeistert sein", bemerkt er mit leiser Stimme. Doch Klaus Petersen hat keine Chance. Die Fremde schaut ihn mit einem herzerweichenden Blick an, bei dem selbst der Stärkste schwach werden muss. Ohne lange zu überlegen nimmt er die Katze auf den Arm und geht in seine Wohnung.
Zwei sind eine zu viel
Klaus Petersens Zweifel werden natürlich voll und ganz bestätigt. Lilly verhält sich alles andere als „ladylike“ und zeigt dem Eindringling sofort, wer hier der „Herr im Hause ist". Fauchen, Jagen, Pfotenschlag - Lilly greift zu sämtlichen Waffen einer Katze, um die Neue in die Flucht zu schlagen. Doch Lady scheint von diesem Gehabe wenig beeindruckt. Keck rennt sie in die Küche. Klaus Petersen ist froh, dass er ein paar Tage Urlaub hat. Er wird die Sache mit den beiden schon irgendwie regeln. Vor allem muss er sofort herausfinden, wem die Lady eigentlich gehört. Er schaut nach, ob sie eine Tätowierung am Ohr hat - nichts. Aber vielleicht hat sie ja einen Mikrochip. Klaus Petersen nimmt die Katze auf den Arm und geht sofort mit ihr in die Tierarztpraxis eines Freundes, der eine Strasse weiter wohnt. Der Tierarzt prüft mit einem Lesegerät, ob sie einen Mikrochip unter der Haut hat - doch Fehlanzeige.
Jetzt plant er noch weitere Aktivitäten
Am nächsten Tag will er im ganzen Viertel Zettel aushängen und auch im Tierheim anrufen. Vielleicht gelingt es ja so, den Besitzer ausfindig zu machen. Und in der Zwischenzeit muss er versuchen, die zwei Streithähne voneinander fern zu halten. Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn die Lady fühlt sich schon nach der ersten Stunde so, als ob sie schon immer fest zur Familie Petersen gehört. Sie nimmt ganz selbstverständlich Lillys Stammplatz auf dem Fensterbrett ein, hält ein kleines Schläfchen auf Lillys Kuscheldecke, dehnt und reckt sich an Lillys Kratzbaum und rennt hinter Lillys Spielzeugmaus her. Anscheinend fühlt sie sich hier wohl. Sowie Lilly vor 10 Jahren. Klaus Petersen ist mit seiner Weisheit am Ende. Jetzt hat er zwei Katzen, aber die vertragen sich nicht.
Eine schwere Entscheidung
Am nächsten Tag startet er die grosse Suchaktion nach dem Besitzer der fremden Schönen. Klaus Petersen hat sogar von seinen Kollegen in sämtlichen Buslinien der Stadt kleine Plakate 3 aushängen lassen, um den Besitzer der Lady ausfindig zu machen. Doch was er auch anstellt - keiner scheint die fremde Katze zu vermissen. „Wie kann man so eine hübsche und elegante Lady einfach so herzlos aussetzen?" Liebevoll streicht er über ihr weiches Fell. Klaus Petersen schaut rüber zu Lilly, die ziemlich angespannt wirkt und ganz offensichtlich eifersüchtig ist. Mit ein paar Extra-Streicheleinheiten und einer ausgelassenen Spielstunde versucht er sie abzulenken.
Als Klaus Petersen abends ins Bett geht, kann er kaum einschlafen. Er ist hin und her gerissen. Auf der einen Seite will er die Gefühle von Lilly nicht verletzen, die hier im Haus die älteren Rechte hat. Auf der anderen Seite bringt er es kaum übers Herz, Lady wieder aus den Händen zu geben.
Wenn er jedoch ehrlich zu sich selbst ist, ist das die einzige Alternative. Er fällt in einen unruhigen Schlaf.
Der Haussegen wird gerade gerückt.
Am anderen Tag telefoniert Klaus Petersen mit dem Tierheim. „Wir haben zwar schon zwei Dutzend Katzen, aber Sie können das Tier morgen vorbeibringen," antwortet ihm eine Frauenstimme.
Nach dem Telefonat krault er Lady unterm Kinn. Ob sie wohl schon spürt, was auf sie zukommt? Er hat ein wahnsinnig schlechtes Gewissen.
Lilly beobachtet aus sicherer Entfernung das Geschehen. Seit der Spielstunde am Vorabend hat sich ihre Laune deutlich gebessert, und allmählich nimmt sie wieder am familiären Geschehen teil. Sie schleicht in einem grossen Bogen um Lady herum. Ist das der erste Annäherungsversuch? Kann er vielleicht doch noch hoffen?

Vielleicht sollte er es einfach mal mit einer gemeinsamen Spielstunde versuchen. Er holt den Tennisball aus dem Schrank, das Lieblingsspielzeug von Lilly. Langsam lässt er ihn über den Teppich rollen. Lilly springt mit einem Satz hinterher. Er holt einen zweiten für Lady aus dem Schrank, und die Neue scheint auf das neongelbe Jagdobjekt ebenfalls ganz wild zu sein. So entwickelt sich ein spannendes Match, bei dem natürlich beide Katzen die Gewinner sind. Klaus Petersen ist zufrieden. Er hat das Gefühl, dass die zwei sich allmählich besser „riechen" können. Er geht in die Küche, um die Mahlzeiten für die „Wimbledon-Sieger" vorzubereiten. Als er zurückkommt, haben es sich beide Katzen auf dem Sofa bequem gemacht. Ein erster Annäherungsversuch? Vielleicht brauchen manche Freundschaften einfach nur etwas Zeit.




Bye, bye, kleiner Mikesch


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