Weihnachtskalender Teil 2
Weihnachtskalender Teil 3
Weihnachtskalender Teil 4
Weihnachtszeit 2005
Frohe Weihnachten 2006



Kalorienregeln

Da wir uns ja nun der Weihnachtszeit nähern, ist es wichtig sich an die 10 Kalorienregeln zu erinnern:
1. Wenn du etwas isst und keiner sieht es, dann hat es keine Kalorien.
2. Wenn du eine Light-Limonade trinkst und dazu eine Tafel Schokolade isst, dann werden die Kalorien in der Schokolade von der Light-Limonade vernichtet.
3. Wenn du mit anderen zusammen isst, zählen nur die Kalorien, die du mehr isst als die anderen.
4. Essen, welches zu medizinischen Zwecken eingenommen wird, z.B. heiße Schokolade, Rotwein, Cognac, zählt NIE.
5. Je mehr du diejenigen mästest, die täglich rund um dich sind, desto schlanker wirkst du selbst!
6. Essen, welches als ein Teil von Unterhaltung verzehrt wird (Popcorn, Erdnüsse, Limonade, Schokolade oder Zuckerln), z.B. beim Videoschauen oder beim Musikhören, enthält keine Kalorien, da es ja nicht als Nahrung aufgenommen wird, sondern nur als Teil der Unterhaltung.
7. Kuchenstücke oder Gebäck enthalten keine Kalorien, wenn sie gebrochen und Stück für Stück verzehrt werden, weil das Fett verdampft, wenn es aufgebrochen wird.
8. Alles, was von Messern, aus Töpfen oder von Löffeln geleckt wird, während man Essen zubereitet, enthält keine Kalorien, weil es ja Teil der Essenszubereitung ist.
9. Essen mit der gleichen Farbe hat auch den gleichen Kaloriengehalt (z.B. Tomaten und Erdbeermarmelade, Pilze und weiße Schokolade).
10. Speisen, die eingefroren sind, enthalten keine Kalorien, da Kalorien eine Wärmeeinheit sind.


Weihnachten früher und heute

Als wir Kinder waren gab es noch keine Berge von Geschenken zum Weihnachtsfest. Die Puppe bekam ein neues Kleid oder ein Bett.
Der Teddy hatte wieder beide Arme. Der Holzroller war neu angestrichen.
Das große Puppenhaus hatte mein Vater selbst gebastelt. Im Rucksack hatte er es nach Hause getragen und war vor der Haustür unter der Last zusammengesackt, Mutti hat es später erzählt, ich war zu klein, um mich daran zu erinnern. Aber das Haus - zwei Etagen hoch, grün mit einem roten Dach - sehe ich noch vor mir. Wo ist es geblieben?

Am Heiligabend war die ganze Familie zusammen, dazu gehörten auch Oma, manchmal auch Tanten und Onkel. An Opa kann ich mich kaum erinnern, er war gestorben, als ich Acht Jahre alt war.

Wenn unser Vater den Baum schmückte, war die Stube verschlossen. Sogar das Schlüsselloch war verstopft. Mein Bruder und ich fanden das als Frechheit. Voller Spannung warteten wir auf das Klingen des Glöckchens.
Der Tannenbaum im Lichterglanz war immer wieder eine Überraschung, obwohl der Schmuck der gleiche war wie im Vorjahr.

Jedes Jahr neue Kugeln: einmal Gold, einmal Lila, einmal Blau oder so ähnlich – das war undenkbar. Die Kugeln wurden immer wieder sorgfältig verpackt, damit nichts kaputt geht.
Natürlich hatten wir echte Wachskerzen, was zwar immer zu Wachsflecken auf dem Teppich führte, aber elektrische Kerzen kannten wir noch gar nicht, die kamen erst als ich 12 Jahre war. Besonders beliebt bei uns Kindern waren die Süßigkeiten im Baum, den wir immer plünderten. Sicher kennen noch einige das Gedicht „Die Weihnachtsmaus“, so war das auch bei uns.

Vor der Bescherung mussten wir ein Gedicht aufsagen. Aufregend war das, besonders wenn der Weihnachtsmann kam, aber Oma bestand darauf. In der Küche bei Mutti hatten wir noch tüchtig geübt.
Dann bekam jeder ein Päckchen aus dem großen Sack. Wird wohl ein Wunsch erfüllt? dachten wir. Und irgendwie haben die Eltern auch damals Wünsche erfüllt.
Für die Erwachsenen war das Weihnachtsessen etwas ganz Besonderes, nicht etwa der Kartoffelsalat mit Würstchen, sondern das gemeinsame Essen mit der großen Familie, die da noch vorhanden war, heute geht es nur noch um Geschenke und weg sind sie alle.

Nach dem Essen las Vater Geschichten vor, spielte auf der Mundharmonika und sang auch dabei. Wir sangen alle zusammen Weihnachtslieder und Oma las die Weihnachtsgeschichte vor.

An diese Zeit denke ich oft zurück, wenn ich meine Enkelkinder sehe, wie sie Paket für Paket aufreißen, dass die Fetzen fliegen. Dann gucken sie das Geschenk kurz an und schon geht’s zum nächsten Paket. Inmitten der vielen Geschenke wissen sie kaum, womit sie nun spielen sollen.

Vor einigen Jahren hatte ich einen großen Pappkarton für das viele Papier hingestellt. Eines der Kinder setzte sich hinein – brumm, brumm – ab ging die Fahrt. Als wir fragten: „Was ist denn das schönste Geschenk?” kam die Antwort prompt: „Das Auto – brumm, brumm – tut – tut”.


Vielleicht lassen wir Erwachsenen den Kindern zu wenig Freiraum für Kreativität, weil wir schenken möchten, was wir nicht bekommen konnten. Aber es liegt wohl an den Zusammenhalt der Familie, bei einigen klappt es, bei andere ist man verfeindet.


Wir wünschen allen ein schönes Fest mit der Familie.



01.12 - Die heilige Nacht

Als ich fünf Jahre alt war, hatte ich einen großen Kummer. Ich weiß kaum, ob ich seitdem einen größeren gehabt habe.
Das war, als meine Großmutter starb. Bis dahin hatte sie jeden Tag auf dem Ecksofa gesessen und Märchen erzählt. Ich weiß es nicht anders, als dass Großmutter da saß und erzählte, vom Morgen bis zum Abend, und wir Kinder saßen still neben ihr und hörten zu. Das war ein herrliches Leben. Es gab keine Kinder, denen es so gut ging wie uns, aber Oma hatte immer so viel zu erzählen, als sie noch ein kleines Kind war, vom Krieg und natürlich von Weihnachten und das bei ihr und ihren Geschwistern nicht so viele Geschenke gegeben hat, sie waren schon froh wenn sie zu Weihnachten Äpfel, Apfelsinen und ein Stück Schokolade gab.
Ich erinnere mich nicht sehr viel von meiner Großmutter. Ich erinnere mich, dass sie schönes, kreideweißes Haar hatte und dass sie sehr gebückt ging und dass sie immer da saß und an einem Strumpf strickte.
Dann erinnere ich mich auch, dass sie, wenn sie ein Märchen erzählt hatte, ihre Hand auf meinen Kopf zu legen pflegte, und dann sagte sie: “ Und das alles ist so wahr, wie dass ich dich sehe und du mich siehst.”
Ich erinnere mich auch, dass sie schöne Lieder singen konnte; aber das tat sie nicht alle Tage. Eines dieser Lieder handelte von einem Ritter und einer Meerjungfrau und es hatte den Kehrreim:
“ Es weht so kalt, es weht so kalt, wohl über die weite See.”
Dann entsinne ich mich eines kleinen Gebets, dass sie mich lehrte und eines Psalmverses.
Von allen den Geschichten, die sie mir erzählte, habe ich nur eine schwache, unklare Erinnerung. Nur an eine einzige von ihnen erinnere ich mich so gut, dass ich sie erzählen könnte. Es ist eine kleine Geschichte von Jesu Geburt.
Seht, das ist beinahe alles, was ich noch von meiner Großmutter weiß, außer dem, woran ich mich am besten erinnere, nämlich den großen Schmerz, als sie dahinging.
Ich erinnere mich am den Morgen, an dem das Ecksofa leer stand und es ungemütlich war, zu begreifen, wie die Stunden des Tages zu Ende gehen sollten. Dran erinnere ich mich. Das vergesse ich nie.
Und ich erinnere mich, dass wir Kinder hingeführt wurden, um die Hand der Toten zu küssen. Und wir hatten Angst, es zu tun, aber da sagte uns jemand, dass wir nun zum letzten Mal Großmutter für alle die Freude danken könnten, die sie uns gebracht hatte.
Und ich erinnere mich, wie Märchen und Lieder vom Hause wegfuhren, in einen langen schwarzen Sarg gepackt, und niemals wiederkamen.
Ich erinnere mich, dass etwas aus dem Leben verschwunden war. Es war, als hätte sich die Tür zu einer ganzen schönen, verzauberten Welt geschlossen, in der wir früher frei aus- und eingehen durften. Und nun gab es niemand mehr, der sich darauf verstand, diese Tür zu öffnen.
Und ich erinnere mich, dass wir Kinder so allmählich lernten, mit Spielzeug und Puppen zu spielen und zu leben wie andere Kinder auch, und da konnte es ja den Anschein haben, als vermissten wir Großmutter nicht mehr, als erinnerten wir uns nicht mehr an sie.
Aber noch heute, nach vierzig Jahren, wie ich da sitze und die Legenden über Christus sammle, die ich drüben im Morgenland gehört habe, wacht die kleine Geschichte von Jesu Geburt, die meine Großmutter zu erzählen pflegte, in mir auf. Und ich bekomme Lust, sie noch einmal zu erzählen und sie auch in meine Sammlung mit aufzunehmen.
Es war an einem Weihnachtstag, alle waren zur Kirche gefahren, außer Großmutter und mir. Ich glaube, wir beide waren im ganzen Hause allein. Wir hatten nicht mitfahren können, weil die eine zu jung und die andere zu alt war. Und alle beide waren wir betrübt, dass wir nicht zum Mettegesang fahren und die Weihnachtslichter sehen konnten. Aber wie wir so in unserer Einsamkeit saßen, fing Großmutter zu erzählen an.
“Es war einmal ein Mann”, sagte sie, “ der in die dunkle Nacht hinausging, um sich Feuer zu leihen. Er ging von Haus zu Haus und klopfte an. “Ihr lieben Leute, helft mir!”
sagte er. “Mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muss Feuer anzünden, um sie und den Kleinen zu erwärmen.”
Aber es war tiefe Nacht, so dass alle Menschen schliefen, und niemand antwortete ihm.
Der Mann ging und ging. Endlich erblickte er in weiter Ferne einen Feuerschein. Da wanderte er dieser Richtung zu und sah, dass das Feuer im Freien brannte. Eine Menge weiße Schafe lagen rings um das Feuer und schliefen, und ein alter Hirt wachte über die Herde.
Als der Mann das Feuer leihen wollte, zu den Schafen kam, sah er, dass drei große Hunde zu Füßen des Hirten ruhten und schliefen. Sie erwachten alle drei bei seinem Kommen und sperrten ihre weiten Rachen auf, als ob sie bellen wollten, aber man vernahm kein Laut. Der Mann sah, dass sich die Haare auf ihrem Rücken sträubten, er sah, wie ihre scharfen Zähne funkelnd weiß im Feuerschein leuchteten und wie sie auf ihn losstürzten. Er fühlte, dass einer von ihnen nach seinen Beinen schnappte und einer nach seiner Hand, und dass einer sich an seine Kehle hängte. Aber die Kinnladen und die Zähne, mit denen die Hunde beißen wollten, gehorchten ihnen nicht, und der Mann litt nicht den kleinsten Schaden. Nun wollte der Mann weiter gehen, um das zu finden, was er brauchte. Aber die Schafe lagen so dicht nebeneinander, Rücken an Rücken, dass er nicht vorwärts kommen konnte. Da stieg der Mann auf die Rücken der Tiere und wanderte über sie hin dem Feuer zu. Und keins von den Tieren wachte auf oder regte sich.”
So weit hatte Großmutter ungestört erzählen können, aber nun konnte ich es nicht lassen, sie zu unterbrechen. “ Warum regten sie sich nicht, Großmutter?” fragte ich. “Das wirst du nach einem Weilchen schon erfahren”, sagte Großmutter und fuhr mit ihrer Geschichte fort.
“Als der Mann fast beim Feuer angelangt war, sah der Hirt auf. Es war ein alter, mürrischer Mann, der unwirsch und hart gegen alle Menschen war. Und als er einen Fremden kommen sah, griff er nach einem langen, spitzigen Stabe, den er in der Hand zu halten pflegte, wenn er seine Herde hütete, und warf ihn nach ihm. Und der Stab fuhr zischend gerade auf den Mann los, aber ehe er ihn traf, wich er zur Seite und sauste an ihm vorbei weit über das Feld.”
Als Großmutter so weit gekommen war, unterbrach ich sie abermals. “Großmutter, warum wollte der Stock den Mann nicht schlagen?” Aber Großmutter ließ es sich nicht einfallen, mir zu antworten, sondern fuhr mit ihrer Erzählung fort.
Nun kam der Mann zu dem Hirten und sagte zu ihm: “Guter Freund, hilf mir und leih mir ein wenig Feuer. Mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muss Feuer machen, um sie und den Kleinen zu erwärmen.”
Der Hirt hätte am liebsten nein gesagt, aber als er daran dachte, dass die Hunde dem Manne nicht hatten schaden können, dass die Schafe nicht vor ihm davongelaufen waren und dass sein Stab ihn nicht fällen wollte, da wurde ihm ein wenig bange, und er wagte es nicht dem Fremden das abzuschlagen, was er begehrte. “Nimm, soviel du brauchst”, sagte er zu dem Manne.
Aber das Feuer war beinahe ausgebrannt. Es waren keine Scheite und keine Zweige mehr übrig, sondern nur ein großer Gluthaufen, und der Fremde hatte weder Schaufel noch Eimer, worin er die roten Kohlen hätte tragen können.
Als der Hirt dies sah, sagte er abermals: “Nimm, soviel du brauchst!” Und er freute sich, dass der Mann kein Feuer wegtragen konnte. Aber der Mann beugte sich hinunter, holte die Kohlen mit bloßen Händen aus der Asche und legte sie in seinen Mantel. Und weder versengten die Kohlen seine Hände, als er sie berührte, noch versengten sie seinen Mantel, sondern der Mann trug sie fort, als wenn es Nüsse oder Äpfel gewesen wären.”
Aber hier wurde die Märchenerzählerin zum dritten Mal unterbrochen. “Großmutter, warum wollte die Kohle den Mann nicht brennen?”
“Das wirst du schon hören”, sagte Großmutter, und dann erzählte sie weiter. “Als dieser Hirt, der ein so böser, mürrischer Mann war, dies alles sah, begann er sich bei sich selbst zu wundern: “Was kann dies für eine Nacht sein, wo die Hunde die Schafe nicht beißen, die Schafe nicht erschrecken, die Lanze nicht tötet und das Feuer nicht brennt?” Er rief den Fremden zurück und sagte zu ihm: “Was ist dies für eine Nacht? Und woher kommt es, dass alle Dinge dir Barmherzigkeit zeigen?”
Da sagte der Mann: “Ich kann es dir nicht sagen, wenn du selber es nicht siehst.” Und er wollte seiner Wege gehen, um bald ein Feuer anzünden und Weib und Kind wärmen zu können. Aber da dachte der Hirt, er wolle dem Mann nicht ganz aus dem Gesicht verlieren, bevor er erfahren hätte, was dies alles bedeutete. Er stand auf und ging ihm nach, bis er dorthin kam, wo der Fremde daheim war.
Da sah der Hirt, dass der Mann nicht einmal eine Hütte hatte, um darin zu wohnen, sondern er hatte sein Weib und sein Kind in einer Berggrotte liegen, wo es nichts gab als nackte, kalte Steinwände. Aber der Hirt dachte, dass das arme, unschuldige Kindlein vielleicht dort in der Grotte erfrieren würde, und obgleich er ein harter Mann war, wurde er davon doch ergriffen und beschloss, dem Kinde zu helfen. Und er löste sein Ränzel von der Schulter und nahm daraus ein weiches, weißes Schaffell hervor. Das gab er dem fremden Mann und sagte, er möge das Kind darauf betten.
Aber in demselben Augenblick, in dem er zeigte, dass auch er barmherzig sein konnte, wurden ihm die Augen geöffnet, und er sah, was er vorher nicht hatte sehen können, und hörte, was er vorher nicht hatte hören können.
Er sah, dass rund um ihn ein dichter Kreis von kleinen, silberbeflügelten Englein stand. Und jedes von ihnen hielt ein Saitenspiel in der Hand, und alle sangen sie mit lauter Stimme, dass in dieser Nacht der Heiland geboren wäre, der die Welt von ihren Sünden erlösen solle.
Da begriff er, warum in dieser Nacht alle Dinge so froh waren, dass sie niemand etwas zuleide tun wollten.
Und nicht nur rings um den Hirten waren Engel, sondern er sah sie überall. Sie saßen in der Grotte, und sie saßen auf dem Berge, und sie flogen unter dem Himmel. Sie kamen in großen Scharen über den Weg gegangen, und wie sie vorbeikamen, bleiben sie stehen und warfen einen Blick auf das Kind.
Es herrschte eitel Jubel und Freude und Singen und Spiel, und das alles sah er in der dunklen Nacht, in der er früher nichts zu gewahren vermocht hatte. Und er wurde so froh, dass seine Augen geöffnet waren, dass er auf die Knie fiel und Gott dankte.”
Aber als Großmutter so weit gekommen war, seufzte sie und sagte: “Aber was der Hirte sah, das können wir auch sehen, denn die Engel fliegen in jeder Weihnachtsnacht unter dem Himmel, wenn wir sie nur zu gewahren vermögen.”
Und dann legte Großmutter ihre Hand auf meinen Kopf und sagte: “Dies sollst du dir merken, denn es ist so wahr, wie dass ich dich sehe und du mich siehst. Nicht auf Lichter und Lampen kommt es an, und es liegt nicht an Mond und Sonne, sondern was Not tut, dass wir Augen haben, die Gottes Herrlichkeit sehen können.”


02.12 -"Weihnachten in der Speisekammer



Unter der Türschwelle war ein kleines Loch. Dahinter saß die Maus Kiek und wartete. Sie wartete, bis der Hausherr die Stiefel aus - und die Uhr aufgezogen hatte; sie wartete, bis die Mutter ihre Schlüsselkörbe auf den Nachttisch gestellt und die schlafenden Kinder noch einmal zugedeckt hatte; sie wartete auch noch, als alles dunkel war und die tiefe Stille im Haus herrschte. Dann ging sie.
Bald wurde es in der Speisekammer lebendig. Kiek hatte die ganze Mäusefamilie benachrichtigt. Da kam Miek, die Mäusemutter, mit den fünf Kleinen und Onkel Grisegrau und Tante Fellchen stellten sich auch ein.
“Frauchen, hier ist etwas Weiches, Süßes”, sagte Kiek leise vom obersten Brett herunter zu Miek, “das ist etwas für die Kinder”, und er teilte von den Mohnkuchen aus. “Komm hierher, Grisegrau”, piepte Fellchen und guckte hinter der Mehltonne vor, “hier gibt’s Gänsebraten, vorzüglich, sag ich dir, die reine Hafermast; wie Nuss knuspert sich`s.”
Grisegrau aber saß in der neuen Kiste in der Ecke, knabberte am Pfefferkuchen und ließ sich nicht stören. Die Mäusekinder balgten sich im Sandkasten und kriegten Mohnkuchen.
“Papa”, sagte das größte, “meine Zähne sind schon scharf genug, ich möchte lieber knabbern; Knabbern hört sich so hübsch an.”
“Ja, ja, wir wollen auch lieber knabbern”, sagten alle Mäusekinder, “Mohnkuchen sind uns zu matschig”, und bald hörte man sie am Gänsebraten und am Pfefferkuchen.
“Verderbt euch nicht den Magen”, rief Fellchen, die Angst hatte, selber nicht genug zu kriegen, “an einem verdorbenen Magen kann man sterben.”
Die kleinen Mäuse sahen ihre Tante erschrocken an; sterben wollten sie ganz und gar nicht, das musste schrecklich sein. Vater Kiek beruhigte sie und erzählte ihnen von Gottlieb und Lenchen, die drinnen in ihren Betten lägen und ein hölzernes Pferdchen und eine Puppe im Arm hätten; und dass in der großen Stube ein mächtiger Baum stünde mit Lichtern und bunten Flimmerstaat und dass es in der ganzen Wohnung herrlich nach frischem Kuchen röche, der aber im Glasschrank stünde und an den man nicht herankönnte.
“Ach”, sagte Fellchen, “erzähle nicht so viel, lass die Kinder lieber essen.” Die aber lachten die Tante mit dem dicken Bauch aus und wollten noch viel mehr wissen, mehr als der gute Kiek wusste. Zuletzt bestanden sie darauf, auch einen Weihnachtsbaum zu haben, und die zärtlichen Mäuseeltern liefen wirklich in die Küche und zerrten einen Ast herbei, der von dem großen Tannenbaum abgeschnitten war.
Das gab einen Hauptspaß.
Die Mäusekinder quiekten vor Entzücken und fingen an, an dem grünen Tannenholz zu knabbern, das schmeckte aber abscheulich nach Terpentin, und sie ließen es sein und kletterten lieber an dem Ast herum. Schließlich machten sie die ganze Speisekammer zu ihrem Spielplatz. Sie huschten hierhin und dorthin, machten Männchen, lugten neugierig über die Bretter in alle Winkel hinein und spielten Versteck hinter den Gemüsebüchsen und Einmachtöpfen. Was sollten sie auch mit dem dummen Weihnachtsbaum, an dem es nichts zu essen gab! Als aber das Kleinste ins Pflaumenmus gefallen war und von Mama Miek und Onkel Grisegrau abgeleckt werden musste, wurde ihnen das umher tollen untersagt, und sie mussten wieder artig am Pfefferkuchen knabbern.
Am anderen Morgen fand die alte Köchin kopfschüttelnd den Tannenast in der Speisekammer und viele Krümel und noch etwas, was nicht gerade in die Speisekammer gehört. Ihr werdet euch schon denken können, was!
Als Gottlieb und Lenchen in die Küche kamen, um der alten Marie guten Morgen zu wünschen, zeigte sie ihnen die Bescherung und meinte: “Wir haben auch tüchtig Weihnachten gefeiert.”
Die Kinder aber tuschelten und lachten und holten einen Blumentopf. Sie pflanzten den Ast hinein und bekränzten ihn mit Zuckerwerk, aufgeknackten Nüssen, Honigkuchen und Speckstückchen. Die alte Marie brummte, da aber die Mutter lachend zuguckte, musste sie schon klein beigeben. Sie stellten dann alles sicher und leise den kleinen Naschtierchen unter ihren Weihnachtsbaum.
Die Kinder aber jubelten, als sie am zweiten Feiertag den Mäusebaum geplündert vorfanden, und hätten gar zu gern auch ein Dankeschön von dem kleinen Volke gehört.
Das aber lag unter der Diele und verdaute. “Den ganzen Speck vergess ich mein Lebtag nicht”, sagte Fellchen, und Grisegrau biss eine mitgebrachte Haselnuss entzwei; Kiek und Miek aber waren besorgt um ihre Kleinen, die hatten zuviel Pfefferkuchen gegessen, und ihr wisst liebe Kinder, das tut nicht gut.


03.12 - Puppenweihnacht



In allen Kinderstuben pressten sich kleine Näschen erwartungsvoll gegen die Fensterscheiben. Nur Doktor Brauns Nesthäkchen hatte keine Zeit dazu. Das kleine Puppenmütterchen hatte selbst noch alle Hände voll zu tun, um die Bescherung für ihre Kinder herzurichten. Die waren heute sämtlich aus der Kinderstube ausgesperrt. Bei Hanne draußen auf dem Fensterküchenschrank hockte sie. Kurt und Lolo hauchten Gucklöcher in das vereiste Blumenmuster des Fensterglases, Irenchen und Mariannchen tauschten ihre Meinungen darüber aus, was wohl aus Schwester Gerda geworden war, und Klein-Babychen überlegte aufgeregt, ob es wohl zu Weihnachten kurze Kleider erhalten würde.
Drinnen in der Kinderstube aber tappelte ihr Mütterchen mit heißen Wangen geschäftig hin und her. Mitten auf den weißen, kleinen Tisch stellte Annemie Puppenweihnachtsbäumchen. Daran hängte sie bunte Zuckerkringel. Die weißen Wachsstreichhölzer, die prächtige Weihnachtslichte abgaben, waren schon auf den grünen Zweigen befestigt. Dann holte Annemie sechs Teller aus ihrer Küche herbei. Auf jeden legte sie eine winzig kleine Puppenstolle. Die gute Hanne hatte sie auf Nesthäkchens Bitten für ihre Kinder mit gebacken. Dazu kamen ganz kleine Scheibchen Pfefferkuchen, eine Haselnuss, ein Stückchen Marzipan - und die bunten Schüsseln für die Puppen waren fertig.
Rings auf den Tisch baute Klein-Annemarie die Teller auf - eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs -, ja, für wen sollte denn der sechste sein? Draußen am Küchenfenster warteten doch nur fünf Puppenkinder auf die Bescherung. Mit besonderer Liebe stellte Nesthäkchen den sechsten Teller bereit, mütterlich strich sie über die kleine Marzipanbrezel.
“So, mein Gerdachen, der ist für dich, du sollst nicht leer ausgehen, wenn du doch vielleicht heute zu mir zurück kommst. Ich habe den lieben Gott ja jeden Abend gebeten, dich mir wiederzuschicken. Und Fräulein sagt, Weihnachten kehren alle Puppen zurück, wenn ihre kleinen Mamas gut zu ihnen gewesen sind. Und ich war doch nicht schlecht zu dir, mein Gerdachen? Ich habe mir ja sogar für dich mein Zöpfchen abgeschnitten!” Die Kleine fuhr sich über den kurzgelockten Blondkopf.
Dann aber lief Annemie eilig zu ihrem kleinen Schränkchen und kramte allerliebste Sächelchen daraus hervor, die sie im Kindergarten bei Tante Martha für ihre Puppen gearbeitete hatte. Ach, wie fleißig war Nesthäkchen gewesen!
Da gab es einen geschmackvollen Teppich für die Puppenstube aus bunten Bändern geflochten, den sollte Irenchen haben. Mariannchen bekam ein kleines Perltäschchen zum Anhängen für ihr Taschentuch, Kurt einen kleinen, silbernen Papierpantoffel, nur einen, weil er den zweiten ja doch nur verlor. Für Lolo hatte das Puppenmütterchen eine blaue Perlhalskette aufgezogen und für Baby eine aus roten Korallen. Auf Gerdas Platz aber legte Annemarie eine Kette aus goldenen Perlen und ein silbernes Armband.
So - nun war der Puppenaufbau fertig, doch Nesthäkchen war noch nicht zu Ende mit ihren Liebesgaben. Für alle hatte sie ihre emsigen Fingerchen geregt, aber auch für alle.

Auf den großen Kinderstubentisch kamen die Geschenke für die Großen. Das rot - und goldgestreifte Lesezeichen für Großmama obenan und das blausilbern karierte für Tante Albertinchen daneben, denn auch die fehlte am Weihnachtsabend nicht. Für Mutti hatte Nesthäkchen ein niedliches Fuselkörbchen geflochten und für Fräulein einen Serviettenring. Vater bekam einen Kalender in Leder, den Annemie mit roter Seide ausgestickt hatte. Bruder Hans einen Tintenwischer mit schwarzer Seide, damit man die Kleckse nicht sah. Selbst für Klaus hatte das gute Schwesterchen gearbeitet, trotzdem er sie doch immer ärgerte. Eine prächtige Pferdeleine aus bunter Wolle hatte sie bei Tante Martha für ihn durch einen ausgehöhlten Korken knüpfen gelernt. Auch Hanne und Frieda, die immer so nett zu der Kleinen waren, durften nicht leer ausgehen. Sie bekamen Pappbilder für ihr Zimmer in Durchstecharbeit. Frieda den Zappelphilipp aus dem Struwwelpeter, und Hanne den Suppenkaspar, weil der doch gerade so kugelrund war wie sie selbst.

Nun wurde das Schränkchen endlich leer, und das war gut. Denn jetzt schien es auch die höchste Zeit. Draußen vor dem Haus an dem beschneiten Vorgarten hielt bereits Knecht Ruprechts Schlitten. Geschäftig luden die kleinen Engel allerlei ab und trugen es ins Haus, und klinglingling - sauste Knecht Ruprechts Schlitten davon.
Klinglingling - da sprangen droben bei Doktors die Türen, die den ganzen Tag verschlossen gewesen, auf - klinglingling - da sprangen Hans, Klaus und Nesthäkchen ins Weihnachtszimmer.
Der große Tannenbaum flammte, blitzte und glitzerte mit vielen, vielen Lichtern. Klein-Annemie war so geblendet und benommen, dass sie vorläufig überhaupt noch nichts unterscheiden konnte.
Aber als jetzt Klaus, der seit kurzem Klavierstunde hatte, sich ans Klavier setzte und Hans zur Geige griff, als die beiden Jungen nun als Weihnachtsüberraschung “Stille Nacht, heilige Nacht” zu spielen begannen, da sang auch Annemie hell mit den anderen mit.
Plötzlich jedoch stockte sie - durch die Zweige des Weihnachtsbaumes winkte ein Puppenarm - ein bekanntes Gesichtchen lugte schelmisch herüber - “Gerda, mein süßes Gerdachen!” Mitten in das Weihnachtslied hinein erschallte es jubelnd, und jetzt war kein Halten mehr.
“”Bist du denn wieder da, mein Kleines, wo hast du denn bloß so lange gesteckt, hast du dich denn gar nicht nach deinem Mütterchen gesehnt?” flüsterte Nesthäkchen.
Puppe Gerda machte ein geheimnisvolles Gesicht. Wo sie so lange gewesen war, ei, das erzählte sie ihrer kleinen Mama erst abends im Traum.


04.12 - Eine kleine Weihnachtsgeschichte

Wie in jedem Jahr am 1. Dezember, kam auch in diesem Jahr der Weihnachtsengel zu Gott, um mit ihm über die bevorstehende Weihnachtszeit zu reden. Doch diesmal war irgendetwas anders. Gott machte so ein finsteres Gesicht, wo er doch sonst die Freundlichkeit in Person ist. Der Weihnachtsengel ging also hin und fragte was los ist. Gott lief hin und her. Dann sagte er „ Ich weiß gar nicht, wie ich es Dir beibringen soll, Du wirst in diesem Jahr nicht auf der Erde die Weihnachtsvorbereitungen leiten. Du wirst hier bleiben und die himmlische Weihnacht zusammen mit den anderen Engeln vorbereiten. Der Weihnachtsengel wurde sehr traurig und wollte wissen warum. Da sagte Gott zu ihm „Die Menschen haben den Glauben an die Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft verloren und nach der Weihnachtsbotschaft braucht man erst gar nicht zu fragen.“ Der Weihnachtsengel entgegnete darauf: „Aber doch nicht alle. Lass mich wenigstens zu denen, die noch daran glauben“. Gott aber hatte schon was anderes beschlossen: „Es sind schon über 75% die nur noch an ihr eigenes Wohl denken. Ich muss jetzt den Menschen eine Lektion erteilen.“ „Wie willst Du das denn machen?“ fragte der Weihnachtsengel. „Nun, ich werde sie einfach so weiter machen lassen, aber ohne Deine Unterstützung in der Weihnachtszeit“ antwortete Gott. „Was soll das denn bringen?“ wollte da der Weihnachtsengel wissen. „Das wirst Du bald sehen“ erwiderte Gott darauf. Und Gott hatte Recht! Bald darauf wurde es immer kälter in den Herzen der Menschen. Niemand war mehr da, der dem Herz mal einen Ruck gibt, um einem anderen zu helfen. Alle dachten nur noch an sich selbst. Nachts konnte man sich nicht mehr auf die Straße trauen, denn Obdachlose haben sich zusammengerottet, um Leute zu überfallen, denn keiner war mehr da, um ihnen Spenden oder Essen zukommen zu lassen. Beim Weihnachtsengel der im Himmel geblieben war, wollte keine rechte Weihnachts- Stimmung aufkommen, denn er grübelte pausenlos über die Situation auf der Erde nach. Er musste etwas unternehmen, da waren doch noch die restlichen Menschen, welche noch an das Gute in ihnen glaubten. Er beschloss heimlich, sich zu ihnen auf die Erde zu begeben und machte sich sofort auf den Weg, denn im Himmel wäre er sowieso zu nichts nütze, wenn er missmutig ist. Doch als er unten ankam, musste er feststellen, dass auch die letzten aufrechten Menschen ihre Gesinnung geändert haben. Das traf ihn hart. Was Gott da vorhat, kann Jahrzehnte dauern, ehe die Menschen mal zur Besinnung kommen und sich daran erinnern, wie schön doch das Gefühl war, jemandem geholfen zu haben. Er hatte schon jegliche Hoffnung aufgegeben und wollte mit hängenden Flügeln gen Himmel ziehen, da erinnerte er sich an eine Familie, die weit draußen im Wald wohnt und vielleicht von der ganzen Herzenskälte nicht angesteckt worden ist. Da keimte in ihm ein Fünkchen Hoffnung und er machte sich auf den Weg zu ihnen. Unterwegs musste er über Felder und Wälder fliegen. Auf einer Lichtung traf er Mutter Natur. Sie wirkte sehr beschäftigt, doch dem Weihnachtsengel kam eine Idee. ´Ich werde Mutter Natur um Rat fragen, ` dachte er, die weiß immer einen Ausweg. Also flog er runter zu ihr und schilderte die Situation. Daraufhin sagte Mutter Natur „ Ich werde mir was einfallen lassen, wenn ich hier fertig bin, denn auch die Natur leidet unter der Hartherzigkeit der Menschen, aber erst muss ich ein Tauwetter machen, denn sonst kommen die Tiere nicht mehr ans Futter ran und müssen verhungern. Die Menschen bringen ihnen ja nichts mehr. Es darf aber nicht zu warm werden, sonst wachen die Winterschläfer auf.“. „Na gut“ sagte der Weihnachtsengel „ich werde erst die Einsiedler besuchen.“ und er flog über den Wald.

Als er durch das Fenster sah, dass der Vater sich gerade um ein krankes Reh kümmerte, wäre er am liebsten in der Luft ein paar Loopings geflogen. Nun wusste er: Hier ist alles in bester Ordnung!! Das gibt Hoffnung und Mutter Natur weiß bestimmt, was zu tun ist. Kaum hatte er das gedacht, da tippt sie ihm schon von hinten an die Flügel. „Mir ist da was in den Sinn gekommen,“ sagte sie „aber für die Menschen wird es sehr hart werden. Dafür werden sie hinterher wieder die Nächstenliebe in Person sein und einander helfen wo es geht.“ „Na dann erzähl mal!“ sagte der Weihnachtsengel und Mutter Natur erzählte ihm von einem Plan, große Unwetter, wie Hochwasser und Stürme, über die Menschen zu schicken. Nur wenn sie all ihr Hab und Gut verlieren würden und ihnen nur noch das nackte Überleben bleibt, würden sie zur Besinnung kommen und sich gegenseitig helfen. Der Weihnachtsengel überlegte kurz und sagte dann „ Das könnte hinhauen, aber irgendwie müssen wir Gott noch davon überzeugen.“ „Mach dir darüber mal keine Sorgen,“ sagte Mutter Natur „ Gott ist wie mein großer Bruder, den wickle ich um meinen kleinen Finger“. Gesagt, getan: Gott hörte sich den Vorschlag an und willigte ein, denn auch die anderen Engel im Himmel rebellierten langsam. Gott und Mutter Natur machten sich gemeinsam daran, die Unwetter zu schaffen und der Weihnachtsengel durfte wieder den Herzen der Menschen einen Ruck geben, wenn sie zauderten zu helfen. So hatten die Menschen in diesem Jahr durch ihre eigene Schuld eine sehr ärmliche Weihnacht zu feiern, aber das war ihnen nun egal, denn sie hatten sich gegenseitig gerettet und sie hatten ihre Liebe zueinander wiedergefunden und das ist doch das Wichtigste. Und der Weihnachtsengel feierte jetzt im Himmel zusammen mit Gott und Mutter Natur und all den anderen Engeln das fröhlichste Weihnachtsfest, das sie jemals gefeiert haben. Ich hoffe, wir brauchen nicht erst große Unwetter um uns gegenseitig zu unterstützen und zu lieben oder haben sie schon angefangen?


05.12 - Die sieben Tannenbäume



Weit ab von den Landstraßen und noch weiter von Dörfern und Höfen steigt ein kleiner Berg aus der weiten, braunen Heide auf. Er liegt in Einsamkeit da, und wenn auch manchmal ein Schäfer mit Hund und Heidschnucken vorbeigeht, so treiben doch gewöhnlich nur Krähen und Hasen auf ihm ihr Wesen.
Einst war’s anders. Da war er nicht kahl, sondern trug auf seinem Gipfel sieben Tannenbäume, so dass man meinen möchte, er hätte sich eine dunkelgrüne Mütze über die Ohren gezogen. Und in dem Berge hauste ein Zwerg, den sie das rote Männchen hießen, weil er immer in einem feuerroten Röcklein zutage kam. Ihm gehörten die sieben Tannenbäume, er hatte sie selbst angepflanzt, hatte sie gerichtet und gepflegt, hatte an manchem warmen Sommernachmittag aus der kühlen tiefe des Berges Wasser getragen - und freute sich nun, dass er sie so weit gebracht hatte, dass sie sich selbst helfen konnten. Und ihm selbst mussten sie auch auf manche Art helfen. Mit ihren feinen Wurzeln hielten sie den Sand fest, dass seiner Höhlenwohnung nicht die Decke niederrieselte, sie sogen den Regen auf bis auf den letzten Tropfen, dass es nicht durchleckte, sie wehrten die Sonnenstrahlen ab, dass es ihm nicht zu heiß wurde. Jedem hatte er einen Namen gegeben: Wegweiser, Regenschirm, Sonnendach, Windbeutel, Gesangsmeister, Stiefelknecht und Spielvogel.
Wegweiser war der größte und höchste und wies dem roten Männchen den Weg, wenn es über “Geest” war. Regenschirm war am dichtesten bezweigt, unter ihm lag der Zwerg, wenn es von den Wolken tröpfelte. Sonnendach war breit geästet und musste das Männlein deshalb vor der brennenden Sonne beschützen. Windbeutel war besonders kräftig und stämmig; er stand an der äußersten Ecke und drängte den kalten, scharfen Ostwind beiseite, den der alte nicht vertragen konnte. Gesangsmeister hatte die beweglichsten Zweige und war der lustigste von allen: Bei dem leisesten Windzug strich er mit den Nadeln über das dürre Gras und das Kraut, so dass eine herrliche Musik für Zwergenohren vernehmlich wurde, auch lud er Mücken, Grillen, Brummer, Bienen zu Gast, an hohen festen sogar eine Meise oder einen Finken: An Gesumme und Gezirpe und Gezwitscher war kein Mangel. Stiefelknecht hatte einen krummen Stamm, den benutzte das Männlein jeden Abend beim Stiefelausziehen; es war aber Geheimnis, ob der Stamm krumm gewesen war und ob der Alte ihn deshalb zum Stiefelknecht gemacht hatte oder ob der Alte zuerst seine Stiefel an ihm ausgezogen hatte und davon die Krümmung herrührte. Spielvogel war noch zu klein und konnte noch nichts tun; er spielte wie ein Kind mit Wind und Sonne.
Es wurde nach und nach Herbst und Winter: Die Bienen flogen nicht mehr, die Grillen starben, die Sonne saß hinter grauem Gewölk, kalt und feucht wurde es auf dem Berg und in den Tälern. Da verkroch sich das rote Männchen tief in seiner Höhle, verstopfte den Eingang mit Moos und Steinen und wartete, dass die Sonne und der schöne Sommer wiederkommen sollten. Die sieben Tannenbäume ließ es in Wind und Wetter allein und quälte sich nicht weiter um sie. Das einzige, was es tat, war, dass es morgens bald den einen, bald den anderen bei den Wurzeln fasste, als zöge es ein Kind an den Füßen.

“Bäumchen mein:
Sonnenschein?”

fragte es dann, und antwortete das Bäumchen wahrheitsgetreu:

“Zwerglein, nein!”

so legte es sich auf sein Bett von Heidekraut und verschlief den Tag wie ein Murmeltier. So ging es wochenlang, da riss es wieder an den Wurzeln, um zu wissen, was für Wetter sei - und bekam mit einemmal keine Antwort mehr. Es zog stärker, ja, es ließ sich an den Wurzeln baumeln, es fragte mit grässlich lauter Stimme:

“Bäumchen mein:
Sonnenschein?”

aber es antwortete ihm niemand. Sehr erbost, aber auch ein bisschen besorgt, stieß es die Tür auf - o weh, wie erschrak es! - , alle sieben Tannenbäume waren verschwunden. Nur Stammstümpfe standen da - der Berg war kahl wie ein Pfannkuchen! Da lief das Männchen umher, als wüsste es nicht, was es tun sollte, guckte herum, schlug die Hände zusammen, rief, fragte, weinte und grämte sich um seine Tannenbäume. Die Hasen kamen angehüpft und erzählten ihm von den großen Menschen, die gekommen wären, am hellen Mittag, und die Bäume abgesägt hätten; auf einen großen Wagen hätten sie sie geworfen, und im Trab seien sie mit ihnen weggefahren. Die Krähen kamen geflogen und wollten trösten. Aber das rote Männchen wollte keinen Trost, es wollte seine Bäume wiederhaben. Es wollte in die Welt hinein und sie suchen. “Du findest sie nicht”, sagten die Krähen, “die Welt ist zu groß”. Das Männlein jammerte wieder.
Da nahmen die Krähen all ihren Verstand zusammen und dachten nach, wie sie ihm helfen könnten, und wirklich - sie fanden es.
“Wenn der Mond aufgeht”, sagten sie, “wollen wir ihn bitten, dass er sich zum Spiegel der Welt mache. Dann guckst du hinauf und suchst deine Tannenbäume.” Das war dem Männchen eine willkommene Botschaft, und da es noch nicht dämmerte, lud es die Krähen zu Gast und setzte ihnen Buchweizengrütze, Honig und Brot vor; darüber fielen die hungrigen Brüder mit heißen Schnäbeln her. Als sie noch so saßen und von ihren Reisen erzählten, da guckte der Mond groß und rötlich über die Geest.
“Fangt an!” rief das Männchen; aber die Krähen beschwichtigten es: Sie müssten noch warten, damit die Spiegelung besser werde. Endlich, nach langem Warten, war es soweit. Der Mond stand groß und klar über den Heiderande.
Rauschend flogen die Krähen auf und krächzten oben in der Luft:

“Blanker, gelber Mond am heben,
spiegle alles Erdenleben!”

Mehrmals und durcheinander schrien sie - das Männlein fürchtete schon, sie möchten es genarrt haben. Plötzlich fielen sie lautlos in das dürre Kraut nieder, und sieh: der Mond wurde größer und größer, leuchtete taghell auf, und wie in einem Spiegel zeigte sich auf ihm die Welt mit allem, was darin war: Wasser und Berge, Städte und Wälder, Häuser und Menschen und Bäume, alles war deutlich zu erkennen. Das rote Männchen machte große Augen und suchte. Dann wies es mit beiden Händen nach einer Gegend.
“Was für eine große Stadt ist das?” rief es zitternd.
“Hamburg”, gaben die Krähen leise zur Antwort.
“Da sind alle sieben, alle meine Tannenbäume!” rief es wieder. “Ich sehe sie alle: Wegweiser in einer großen Kirche, Regenschirm in einem prächtigen Herrenhaus, Sonnendach vor einer Dombude, Windbeutel in einer kleinen Stube, Gesangsmeister in einer armseligen Dachkammer, Stiefelknecht an der Straßenecke, Spielvogel oben auf dem Schiffsmast. Oh - wie müssen sie sich nach mir und dem Berg zurücksehnen, wie mögen sie jammern! Ich will nach Hamburg und sie holen. Oh - bringt mich nach Hamburg! Hasen und Krähen, liebe Freunde, helft mir!”

Das wollten sie. Das Männchen machte sich reisefertig, zog Handschuhe an, setzte sich auf den Hasen, hielt sich an dessen langen Ohren fest - und hast du nicht gesehen? - gings über die Geestberge, dass die Heide wackelte. Als sie aber unter die Lichter von Hamburg gerieten, warf das Hasenross den Reitersmann ab und trabte angstbeklommen nach Hause zurück. Das Männchen schwang sich kurzgefasst auf den breiten Rücken der größten Krähe und ließ sich über die Elbe nach dem glänzenden, funkelnden Hamburg tragen. Wohl erschrak es über die Maßen vor den hohen Türmen und den gewaltigen Häusern, wohl entsetzte es sich vor dem vielen Licht und vor den Tausenden von Menschen und hielt sich krampfhaft an den Nackenfedern der Krähe fest, um nicht auf die krabbelnd vollen Straßen zu stürzen - aber die Sorge um seine sieben Tannenbäume hielt ihm den Kopf oben.
Auf dem Kirchendache landete das Rabenschifflein seinen Fahrgast, der sich am dem Blitzableiter hinab gleiten ließ und durch eine Luftröhre in die Kirche stieg.

Vor all der Helle und Pracht konnte er kaum die Augen offen halten. Orgelton und Gesang durch brausten den Raum, in dem kein unbesetzter Platz vorhanden war. Neben dem Altar stand ein großer, hoher Tannenbaum, über und über mit Lichtern bedeckt: Es war der Wegweiser. Das Männchen erkannte ihn und schlich sich unter den Bänken entlang zu ihm.
“Armer Wegweiser!” schluchzte es.
Der große Baum aber schüttelte leise die Krone, dass die Lichter flackerten: “Arm?” fragte er, “ich bin nicht arm, ich bin der schönste Baum auf der Erde, ich bin der Weihnachtsbaum. Sieh meine Pracht und mein Leuchten!”
“Ist nur ein Traum, armer Wegweiser, nur ein Traum. Wenn du erwachst, sind deine Lichter erloschen und du liegst vergessen im Winkel. Und stirbst. Komm mit auf den Berg, eh es zu spät ist.”
Der Baum rüttelte wieder seine Krone: “Ich weise andere Wege”, flüsterte er wie wie im Traum, “Wege zu Gott, Wege zur Freude, Wege zum Kinderland, ich bin beglückt, wenn ich nur zwei Kinderaugen glänzen machen kann. Und hier glänzen tausend. Musst mir mein Glück schon gönnen, rotes Männchen, und mich stehen lassen.”
Brausend erscholl Orgelton. “Und deine sechs Brüder?” fragte das Männchen.
“Die sind alle Weihnachtsbäume geworden”, sagte der Wegweiser, “tragen Lichter und Nüsse und Äpfel, erfreuen arm und reich, großes und kleines Volk. Um sie klingen Weihnachtslieder, und alle Kinder lachen. Keiner geht zurück in den Wald. Einen Abend Weihnachtslichter tragen ist die Sehnsucht aller Tannenbäume. Ist die erfüllt, dann verdorren sie gern.
O Weihnacht!”
Als der Baum so gesprochen hatte, sah das Männchen ein, dass es ihn nicht überreden konnte.
“Weihnachten und die Menschen sind dir in die Krone gefahren”, sagte es und stahl sich hinaus. Die Krähe wetzte ihren Schnabel auf dem Dach, das Männchen bestieg den Rücken, und weiter ging es. Zu Regenschirm, der über und über mit Gold und Silber bedeckt war und sich nach der Musik um sich selbst drehte wie ein junges Mädchen im Tanzsaal. Zu Sonnendach, das mit elektrischen Glühlampen besteckt von dem Karussell auf dem Schwarm der Dombesucher herab leuchtete. Zu Windbeutel, der spärlich behängt eine kleine Arbeiterwohnung erhellte. Zu Gesangsmeister, der in der Dachkammer stand, ein einziges Licht und einen Hering trug; ein grauer Kater saß daneben und wollte sich an den Hering machen, aber jedesmal stach Gesangsmeister ihn mit den Nadeln, dass er miauschreiend zurückspringen musste.
Alle vier bat das rote Männchen, aber alle antworteten ebenso wie ihr großer Bruder; sie waren glücklich, Weihnachtsbäume geworden zu sein, und dachten nicht daran, wieder nach dem kalten, dunkeln Berg zu wandern. Nicht einmal einen Gruß an die braune Heide hatten sie aufzutragen, und mochte das Männlein sie treulos und undankbar schelten, sie spiegelten sich im Schein ihrer Lichter und lachten wie Kinder.
Traurig schwebte der Zwerg wieder durch die Luft, bis er vor Stiefelknecht stand. Der lag auf einem großen, dunkeln Platz in einem Haufen anderer Tannenbäume. Wegen seines alten Fußleidens hatte ihn niemand kaufen wollen.
“Deinen Brüdern will ich es gar nicht mal so sehr verdenken”, sagte der Alte zu ihm, “sie tragen Lichter und sind Weihnachtsbäume - aber du bist keiner.”
“Doch - ich bin ein Weihnachtsbaum, so gut wie die andern”, sagte Stiefelknecht, “der schönste Baum auf Erden. Ich sehe viele glückliche Menschen vorbeigehen: Ist das nicht Glück genug? Und vielleicht, nein, gewiss kommt heute Abend, ganz spät, noch jemand und nimmt mich mit, steckt mir Lichter an und schmückt mich. Nach der Heide will ich nicht zurück.”
Das Zwerglein bat und bat, aber Stiefelknecht sah den Kindern, die jubelnd vorbeistürmten, und hörte nichts.
Da ging es wieder zu seinem schwarzen Rösslein und ließ sich nach dem Hafen fliegen. Der Spielvogel, an dem sein Herz am meisten hing, würde ihm treu bleiben, das hoffte er von seinem Lieblingsbäumchen. Aber am Hafen war kein Spielvogel mehr zu entdecken. Das Schiff wäre schon in See gegangen, erfuhr die Krähe von einigen weitläufigen Verwandten, weißen Möwen, die über dem Wasser schwebten.
“Dann seewärts”, befahl das rote Männchen. Die Krähe flog westwärts über Wasser und Deiche und Schiffsmasten hin, aber als sie bis Cuxhaven gekommen war, setzte sie sich nieder, denn auf die große, endlose See zu fliegen, getraute sie sich nicht. Doch rief sie eine große Seemöwe herbei, die breitete ihre weißen Schwingen und trug das Männchen stolz und schnell über das dunkle, schäumende Meer, bis weit hinter Helgoland. Da tauchte ein einsames Schiff in den Wogen auf und ab und wurde von einer Seite nach der anderen geworfen. Der Wind blies gewaltig in die großen, braunen Segel. Auf dem Topp, der höchsten Spitze des Großmastes, tanzte ein kleines Tannenbäumchen im schneidenden Wind auf und ab:
Das war Spielvogel. Er lachte hellauf und schüttelte die Zweiglein vor Lust, wenn eine Sprühwelle zu ihm herauf spritzte. Und guckte einer der Matrosen zu ihm hinauf, so nickte er ihm freudig zu.
“Armer Spielvogel.”
“He, he, Männlein klein, bist du´s?” rief Spielvogel. “Hier ist es lustig, nicht?”
“Komm mit nach der Geest.”
“Nein, nein, nein! Ich bin Weihnachtsbaum, der schönste Baum auf Erden. Und was kann schöner sein, als Weihnachten auf See. Grüß die Heide! Ich muss singen!”
Und Spielvogel sang, so laut er konnte, dass die Matrosen mitsingen mussten und Träume von Land und Licht träumten.

Da sah das rote Männchen ein, dass es seine sieben Tannenbäume verloren hatte, es dachte daran, dass es nun ohne Wegweiser über die Geest irren müsse, dass niemand mehr da sei, der es vor Regen, Sonne und Wind beschützen könne, der ihm vorsinge, der ihm beim Stiefelausziehen helfe, der es durch sein Kinderspiel erfreue - der Berg war so kahl, Regen drang in seine Wohnung -, armes Männchen! Mit einmal breitete es die Arme aus, rutschte von den Möwenflügeln und stürzte sich in das dunkle Wasser hinab.
Seit jener Nacht schwimmt ein seltsamer, leuchtender Fisch in der See. Die Fischer nennen ihn das Petermännchen und halten es für etwas Besonderes, wenn sie ihn fangen.


06.12 -"Weihnachtserlebnis

Es war zur lieben Weihnachtszeit, die Wälder lagen tiefverschneit, im Acker schlief in guter Ruh das Korn und träumte den Frühling zu, die Winternachmittagssonne stand wie ein gelber Fleck an weißer Wand - da schritt ich hinaus in die blinkende Weite und summt ein Lied mir zum Geleite.

Wie ich so ging auf stillen Wegen, da kam mir ein seltsamer Zug entgegen:
Ein Eselchen, ganz voll gesackt, mit Schachteln und allerhand Kram bepackt,
schritt langsam durch die Felderruh; sein Hüter rief ihm bisweilen zu; es war ein
Alter im weißen Haar mit Runzelgesicht und sonderbar altmodischen Pelzwerk,
sonst gut bei Kräften, die Füße steckten in hohen Schäften und kamen munter
mit Hott und Hüh grad auf mich zu mit dem Eselvieh.

Potz Blitz! fällt mir mit einmal ein, dass muss der Gottesknecht Ruprecht sein!
Ich blickte scharf in das bärt`ge Gesicht:
“Grüß Gott, mein Alter, kennst du mich nicht?
Ich hab doch oft dein Loblied gesungen, und all die Mädels und all die Jungen, die noch an Mutterns Rockzipfel hängen oder sich auf Schulbänken drängen, kennen dich wie ihre großen Zehen, doch hat dich noch niemand draußen gesehen; sonst kamest du auf heimlichen Wegen uns erst in der hellen Stube entgegen mit Sack und Pack und netten Geschenken, was soll ich, Weihnachtsmann, von dir denken?
Da stehst du nun mit Haut und Haar, bist nicht ein bisschen unsichtbar, wie es dir zukommt!” “So ist meine Art”, brummte der Alte und strich sich den Bart, “ich denke mir gern Überraschungen aus, für diesmal mach ich’s außerm Haus. Komm mit, da sollst du was erleben, das wird ein Extravergnügen geben!” “Topp”, rief ich, “Alter, ich bin dabei, ich höre gern lustiges Kindergeschrei!”

So schritten wir rüstig zur Stadt. Am Tor langt Ruprecht ein hölzernes Pfeifchen hervor und blies. Wie konnte der alte pfeifen! Jetzt lernt` ich den Rattenfänger begreifen; aus allen Straßen, aus Tür und Tor -
mir klingt der Lärm noch jetzt im Ohr - mit Jubeln und Lachen in bunten Haufen kamen wohl hundert Kinder gelaufen. Die tanzten um Ruprecht und bettelten, baten, eins um `ne Kutsche, eins um Soldaten,
eins um ein Püppchen, eins um ein Büchlein, eins um ein Rösslein, eins um ein Tüchlein, und Ruprecht langte in seinen Sack und gab, was es wünschte, dem kleinen Pack:
Ja, jedes Kind durfte etwas erlangen, aber die übermütigen Rangen
schrien durcheinander und wollten mehr, kletterten über das Eselchen her, zupften den Ruprecht an Bart und Kragen, wollten ihm gar die Säcke wegtragen. Da wurde es aber dem Alten zu bunt, er nahm sein Zauberpfeifchen, und - schrill kam ein Ton! Wie erschraken sie doch! Sie wurden ganz kleinlaut, man hörte nur noch:
“Komm, Fritzchen” - “Hans, lass doch” - “Nicht schreien;
Marie”,
“Knecht Ruprecht ist böse, seht ihr nicht? Wie?”
Und sie stellten sich artig um ihn herum und waren wie die Mäuschen stumm. Er kommandierte: “Linksum, kehrt, nun geht’s nach Haus, wie sich’s gehört.” Da fassten die Großen die Kleinen an:
“Adieu und schön Dank auch, Herr Weihnachtsmann!”

Und wieder tönte die Schalmei,
die Kinder trabten zwei zu zwei
und sangen lustig die Weise mit,
Und fern und ferner klang ihr Schritt ...
Und durch die feiernde Stille drang
der erste klare Glockenklang.



Der alte Weihnachtsmann

Wer trampelt so spät noch durch Sträucher und Tann
Ich mag es nicht glauben, der Weihnachtsmann.

Sein Mantel ist rot und sein Bart ist verschneit,
und für einen Schwätz hat er wohl eh keine Zeit.

Die Hände sind voll mit Tüten von Aldi und Lidl,
und bestimmt hat der Alte auch andre Marken im petto.
Jetzt wird mir's auch klar und ich wundre mich nicht,
das ich jedes Jahr von Aldi ne'n Schlafanzug bekomme.

Er schleppt sich kraftlos dahin durch Fichten und Tann,
und es ist nicht mehr aus der Kindheit der Weihnachtsmann.
Denn der kam mit einem Schlitten und Rentieren davor,
darauf ein Sack voll Spielzeug, Süßen und darüber sang ein Engelchor.

Der Weihnachtsmann aus der Kindheit war ein lustiger Mann,
doch der hier ist traurig und man sieht es ihm an.
Er schleppt keinen Sack mehr mit kleinen Geschenken,
nein, er hält Plastiktüten in seinen knochigen Händen.

He Alter , so sag ich ganz still vor mich hin,
was ist nur aus Dir geworden, was ist des Weihnachtsfest Sinn?
Da plötzlich dreht er sich langsam zu mir herum,
er macht einen Schritt auf mich zu und ich werde stumm.


Dann spricht er zu mir, der alte Weihnachtsmann,
und es fällt ihm wohl schwer, man sieht es ihm an.
Das Fest der Liebe ist es schon lange nicht mehr,
alle wollen nur Fressen und der Geschenke noch mehr.

Nur die teuersten Geschenke müssen es sein,
aber für andere kauf ich auch bei Aldi und Lidl ein.
Die Menschen wurden undankbar, geldgeil und gierig,
Und sagt überhaupt wer Danke-dann klingt das eh schmierig.

Dabei gibt es anderswo viel Kummer und Leid,
doch daran zu denken hat heut wohl keiner mehr Zeit.
Auch der Sinn des Christfest von einst ging verloren,
damals wurde laut Bibel doch der Heiland geboren.

Doch besinnliche Weihnacht das kannst Du heute vergessen,
erst Geschenke aufreisen dann kräftig Saufen und Fressen.
Welch Kind kennt heut noch ein Lied oder spricht ein Gedicht,
nach der Weihnachtsgeschichte frag ich Euch lieber nicht.

Das heilige Fest wie wir einst es gedacht
Habt ihr längst schon zum Konsumrauschfest gemacht.
Ich schleppe mich ab mit den teuersten Geschenken,
aber an den Ursprung der Weihnacht tut heut keiner mehr denken.

Und als er leise seine Worte zum Ende bringt

sehe ich wie ihm ein Tränenmeer über die Wangen rinnt.
Machs besser mein Freund so ruft er mir noch zu,
dann verschwindet er zwischen den Bäumen im nu.

Noch lange steh ich zwischen Fichten und Tann,
dann nehme ich meine Gedanken wieder zusammen;
ich gehe nach Hause und für mich steht eines ganz fest,
ich feiere dieses Jahr das alte besinnliche Weihnachtsfest.

Wir werden zusammen sitzen unterm Weihnachtsbaum
Und ich erzähle meinen Kindern von einem Traum.
Von einem Traum eines alternden traurigen Mann, den dennoch jeder der will auch erfüllen kann.

Wir werden der Geschichte der Weihnacht gedenken,
und uns nicht mit sinnlosen Werten beschenken,
dabei singen wir die alten Lieder im Kerzenschein ja und wer weis, vielleicht kehrt der alte Weihnachtsmann dann bei uns ein.

Ich wünsche es mir und Euch allen von Herzen
Eine frohe und gesunde Weihnacht ohne Ärger und Schmerzen.
Ohne viel Stress und mit viel mehr besinnlicher Zeit, die Ohren macht auf Eure Herzen macht weit.

Ich hoffe es wird ein Fest der Liebe und Freude
Denn dann, und das weis ich schon heute
Gibt es irgendwo zwischen Sträuchern und Tann
Einen alten aber glücklichen Weihnachtsmann.


07.12 -""Kätchens Weihnachtstraum



Das vierjährige Kätchen hatte zu Weihnachten eine Küche bekommen und ein Schäfchen, das “mäh” schreien konnte. Das allerschönste aber war Rosa, eine Puppe in rosenfarbenem Faltenkleide aus Tüll. Dazu passte der feine Kopf mit seinen schwarzen Locken, den hübschen roten Backen und großen blauen Augen ganz allerliebst. Letztere fielen, wenn man die Puppe hinten überlegte, ganz von selbst zu.
Kätchen hatte auch Geschwister. Da war Gerhard, der hatte natürlich Soldaten, Pferde und Kanonen bekommen und auch einen Nussknacker. Dann Liesel, die auch eine Puppe als Geschenk erhalten hatte. Diese musste mindestens eine Gräfin sein, so herrlich prangte sie in schwarzem Samt mit silbernen Knöpfen. Sie war gleich Paula getauft worden, “denn so heißen die Gräfinnen ja gewöhnlich”, meinte Liesel.
Trudchen, das kleinste Schwesterchen, hatte die größte Puppe geschenkt bekommen, ein Bauernmädel, wohl einen Kopf größer als Gräfin Paula, und ebenso stark wie der Nussknacker. Ihren endgültigen Namen hatte sie noch nicht gefunden. Vorläufig nannte man sie einfach Rosine, weil sie mit einer Rosine an der Nase das Licht des Christbaumes erblickt hatte, denn als bei der Bescherung die Kinder an ihre Plätze geeilt waren, hatte Klein-Trudchen zuerst an ihrem Kuchen geknabbert, und dabei war eine Rosine herabgeglitten und der Puppe an der Nase hängengeblieben. Zwar wanderte sie von dort alsbald in Trudchens Mund, aber den Namen hatte die Puppe doch davon weg. Neben Rosine stand noch ein Schornsteinfeger, der war ganz schwarz bis auf seine Leiter, denn die war noch neu und weiß.
Gerhards Soldaten zu beschreiben ist rein unmöglich, denn es waren wenigstens hundert Gemeine und außerdem ein Oberst und ein General mit vielen prächtigen Orden. der Trompeter aber mit seiner zierlichen blanken Trompete war fast noch schöner als diese beiden und sah mit seinem kecken braunen Schnurrbart unternehmungslustig aus.
Kätchen hatte lange gespielt und war dabei müde geworden, wollte sich aber von seiner wunderschönen Puppe nicht trennen. “Weißt du was”, sagte die Mama, die immer guten Rat wusste, “nimm deine Rosa mit ins Bett, sonst läuft sie am Ende fort und geht mit dem Nussknacker auf den Ball.”
Kätchen blickte betroffen zu dem Nussknacker hinüber, und richtig, dieser schaute der schönen Rosa so frech ins Gesicht, als wollte er sagen: “Wart` nur bis gleich!” Da nahm das Mädchen kurz besonnen die Puppe unter den Arm und ging zu Bett.
Nun ist es allbekannt, dass die Nacht nach der Bescherung die Spielsachen, soweit sie noch nicht entzwei sind, lebendig werden, und da geht’s dann allemal lustig zu. So gewahrte auch Kätchen, als es sich, schon im tiefsten Schlafe, nach der offenstehenden Tür der Weihnachtsstube umdrehte, dass Gertruds Schornsteinfeger seine Leiter an den Christbaum angelehnt hatte und hinaufstieg, um mit einem Wachsstock die Lichter wieder anzuzünden. der Nussknacker und der Trompeter hielten dabei die Leiter, und die beiden Offiziere plauderten mit Gräfin Paula, indes die Köchin Rosine mit einem dicken, an den Enden ausgefransten Knallbonbon den Tisch reinfegte. Als alle Lichtchen brannten und der Schornsteinfeger wieder vom Baume herabsteigen wollte, winkte der General den Trompeter heran und flüsterte ihm leise ins Ohr: “Zieh` die Leiter weg, damit der rußige Kerl nicht herunterklettern kann, den können wir nicht auf unsrem Ball brauchen.”
So geschah es, und der arme Schornsteinfeger saß auf dem Weihnachtsbaum und musste zusehen und -hören, wie der Trompeter zum Tanz aufspielte und der General die Gräfin Paula zum Walzer aufforderte. Rosine aber lehnte ein entsprechendes Angebot des Oberst ab und tanzte lieber mit dem Nussknacker, weil der vom gleichen Stande war wie sie selbst.
Wie gern hätte die schöne Rosa nun mit dem Oberst getanzt, der so verlassen dastand und an seinem Schnurrbart zupfte, aber Kätchen hielt sie ganz fest und sagte: “Du bleibst hier, Rosa, du gehst mir nicht auf den Ball.”
Unterdessen war im Weihnachtszimmer ein wildes Tanzvergnügen im Gange, während der arme Schornsteinfeger auf dem Christbaum immer ärgerlicher wurde. Plötzlich entdeckte er gerade unter sich das dicke Knallbonbon, das Rosine vorhin als Besen benutzt hatte. Da drehte er aus einem der Baumwollfäden, die zum Schmuck in den Zweigen hingen, eine Lunte, zündete sie an einem Lichtchen an und - steckte das Knallbonbon in Brand.

Der schmucke Oberst saß gerade mit Gräfin Paula auf einer Schachtel voll Knallerbsen und plauderte nach Herzenslust, da platzte das Knallbonbon und schleuderte seine Zuckererbsen mit furchtbarer Gewalt nach allen Seiten umher. Die Lichter erloschen, der Schornsteinfeger stürzte vom Baum herab und brach sich ein Bein, dem Trompeter wurde sein Instrument aus der Hand gerissen, und der Nussknacker stand vor Schreck mit weit aufgesperrten Munde da. Am schlimmsten aber hatte es den schmucken Oberst getroffen, denn die ganze Schachtel Knallerbsen war mit ihm in die Luft geflogen und hatte ihn in tausend Stücke zerrissen. Gräfin Paula hatte Glück, nur ein Uniformknopf des Oberst war ihr an die Wange geflogen, und so lange sie lebte, sah man noch die Spur davon.
Von dem Knall waren auch Kätchen und ihre Eltern aufgewacht, und die Kleine rief ganz erschrocken:

“Papa, bitte, geh doch snell in den Saal, der Sornsteinfeger hat den armen Oberst in die Luft gesprengt.” Papa nahm ein Licht und betrachtete das Durcheinander. “Es ist doch zu dumm”, sagte er, wenn die Knallerbsen knallen sollen, dann tun sie’s nicht, möchte man aber ruhig schlafen, gehen sie ganz von selbst los.”
“Hauptsache, meine Rosa ist nicht kank geworden”, sagte Kätchen.
“Krank heißt es”, verbesserte der Papa. “Ich hab ja auch kank gesagt”, verteidigte sich die Kleine, und dann schliefen alle, jetzt ohne Störung, weiter.

Endlich war er da, der ersehnte erste Advent. Wie herrlich war es, wenn an diesem ersten der vier Sonntage vor Weihnachten Mutter am Abend mit schönen weißen Papierbögen hereinkam, diese mit einem langen Papiermesser in Streifen schnitt und sagte: “Kinder, jetzt werden die Wunschzettel geschrieben!”
Jedes von uns bekam einen Bleistift, und nun ging es los, das Besinnen, das eifrige Schreiben, bis das Papier kaum reichen wollte und wir ganz rote Köpfe hatten. Was hatten wir für Wünsche! Wünsche der unsagbarsten Art, von “Für einen Sechser Bärendreck (Süßholzsaft)” bis zu einem Hund oder Geißbock oder gar zu einem Brüderchen oder Schwesterchen. Und während man seine Phantasie walten ließ, war’s schon fast so, als besäße man bereits alle diese Dinge; so leuchtend und greifbar standen sie vor einem.
Wenn Mutter die Zettel einsammelte und durchlas und lachend da und dort durch die verwegensten Sachen einen Strich machte und sagte: “Wie könnt ihr dem Christkind zumuten, so was Schweres, Großes oder gar Zappelndes zu tragen”, so waren wir’s auch zufrieden. War’s ja doch schön gewesen, sich überhaupt derartiges auszudenken. Bei Mutter wussten wir unsere Wunschzettel in besten Händen, denn dass sie und das Chrsitkind in enger Verbindung standen, war unser fester Glaube. Wie hätte sie denn auch sonst so oft und ernst sagen können: “Wenn du so bist, so betrübst du das liebe Christkind.” Oder aber lustig: “Ich weiß etwas vom Christkind - na Kinder, ihr könnt euch freuen; aber ich darf nichts verraten!”
Und wie wurde dieses Freuen gesteigert! Nach jedem Ausgang, den sie machte, lag ein Stückchen Goldpapier auf dem Boden, das wohl das Christkind verloren hatte, oder wir bekamen ein kleines Bonbon aus “der Tüte des Christkinds” - oder aber, das war das Wunderbarste, was geschehen konnte, es scholl aus der Tiefe ihrer schwarzen Ledertaschen heraus plötzlich ein kleiner Trompetenstoß oder ein Harmonikaton, der sofort wieder verstummte und einfach nicht mehr zu erwecken war.
Das schönste in diesen Wochen bleib aber das geheimnisvolle Arbeiten - dürfen für andere. O, diese Abende voll Überlegens und Besprechens, voll Geheimnistuerei, was die Eltern anbelangte und wieder untereinander! Mutter hatte etwas Prächtiges ersonnen! Damit wir ja unsere kleinen Geheimnisse gut hüten konnten, wurden im Wohnzimmer vermittelst einer spanischen Wand und verschiedener Ofenschirme kleine Kojen gemacht. Hier durften wir, gesichert vor neugierigen Blicken, basteln und arbeiten. Freilich nicht immer ging’s friedlich zu, wenn begehrliche Hände herübergriffen nach dem Leim, dem Radiergummi oder der Schere. Aber die Hauptsache: man konnte die Überraschungen für die Eltern hier in Muße ausarbeiten.
Man brauchte aber auch Ruhe und Ungestörtheit; denn es war feste Regel, dass kein Geschenk mehr kosten dürfte als drei Mark und dass es etwas Selbstgefertigtes sein musste. Da galt´s, seinen ganzen Verstand und sein Können zusammenzunehmen; aber es entstanden auch die wunderbarsten Kunstwerke: kleine geklebte Schächtelchen mit der Inschrift “aus Liebe” darauf; ein aus einem Bilderbogen ausgeschnittener Reiter, der einen Bleistift als Lanze und eine Stopfnadel als Säbel hatte; rührende Stecknadelkisschen, mit aus Wolle gehäkelten Spitzchen darum; gestrickte Läppchen, mit welchen Vater sein Rasiermesser abputzen sollte, und aus Perlen eingefasste Ringe.
Beneidenswert prachtvoll schien auch die Arbeit einer meiner Schwestern. Sie hatte sich eine Locke abgeschnitten und diese unter ein von Papier ausgeschnittenes Netz geklebt. Zog man diese in die Höhe, so wurde die blonde Locke sichtbar, was wir nie genug bewundern konnten, und außen herum hatte sie noch kleine Blümchen von buntem Papier aufgeklebt. Ob wohl je in irgendeiner Werkstätte der Welt mit so viel Hingebung und Glück im Herzen gearbeitet wurde wie hier?
Und dicht dabei, nur über eine Wand hinüber, saßen die Eltern. Vater las die Zeitung, Mutter hinwiederum tat auch etwas, was wir unsererseits nicht sehen durften - sie machte neue Kleidchen für unsere Puppen. Das ahnten wir, und gespannt lauschten wir auf das Rascheln der Schere und auf das Knistern der Seide. Zum Entzücken aber war es, wenn plötzlich über dem Rand der spanischen Wand blitzartig ein Puppenköpfchen erschien, von dem wir zu unserem Jammer aber kaum die Umrisse erkennen konnten. Oder, wenn auf einmal drüben solch ein Puppenkind sich vergaß und einen quiekenden Ton von sich gab oder gar “Papa - Mama” sagte. Geheimnisse, Geheimnisse ...
Alle freuten sich auf Weihnachten, was der eine oder andere für den anderen ausgedacht hat? Es waren richtige liebe Weihnachten ohne Konsum und alle waren trotzdem glücklich.


09.12 -"Das vertauschte Weihnachtskind"

Klein Elsbeth war fünf Jahre alt und hatte es recht gut auf der Welt, denn erstens brauchte sie noch nicht in die Schule zu gehen, zweitens hatte sie in der schönen, großen Wohnung der Eltern ein eigenes Zimmerchen für sich, das voll niedlicher Möbel war, darunter ein Schrank ganz voll Spielsachen, und drittens hatte sie immer Unterhaltung, nämlich ein Fräulein, das immer bei ihr war und sich mit ihr beschäftigte, weil Papa meistens im Geschäft war und Mama viel schlafen und Besuche machen musste. Wenn aber recht schönes Wetter war, durfte der Kutscher anspannen und dann fuhr sie mit Fräulein spazieren. Na, der Kutscher! Den mochte sie gern. Der war immer so spaßig, und wenn er Besorgungen gemacht hatte, brachte er ihr immer was zu naschen mit.
Ihr einziger Kummer war, dass sie kein Brüderchen hatte, so eine richtige lebendige Puppe. Im ganzen Hause war sie das einzige Kind, auch Doktor Krauses im oberen Stock, die noch nicht lange eingezogen waren, hatten keine Kinder. Aber lieb war die Frau Doktor, Elsbethchen durfte manchmal zu ihr hinaufgehen mit Fräulein, und dann spielte die Frau Doktor ganz richtig mit ihr, als wenn sie auch ein kleines Mädchen wäre.
Weihnachten kam heran, und eines Abends erschien - rate mal wer?
Der Knecht Ruprecht.
Fräulein hatte schon vorher gesagt: “Wo nur der Knecht Ruprecht bleibt? Kommen wird er sicher. Wir müssen uns nur überlegen, was wir uns zu Weihnachten wünschen, damit wir ihm das sagen können.”
Das war nun eine wichtige Sache. Es war denn auch eine ganze Liste zusammengekommen, Fräulein hatte alles aufgeschrieben, und Elsbeth hatte ihren Namen und die Straße und Hausnummer drunter schreiben müssen, Fräulein hatte ihr die Hand geführt.
Und nun klopfte es vor der Tür, gerade, als Fräulein das Märchen vom ehrlichen Laubfrosch erzählte, und die Tür ging auf, und herein kamen Äpfel, Nüsse und eingewickelte Bonbons und hinterher der Ruprecht. Er brummte wie ein Bär durch seinen weißen Bart und sprach beinah so wie Heinrich, der Kutscher, Elsbeth musste beten, und dann sollte sie sich etwas zu Weihnachten wünschen. Da holte Fräulein den Zettel für Elsbeth und auch ihren eigenen, und der Ruprecht ging damit ab.
Elsbeth war ja nun sehr befriedigt, und Fräulein half mit auflesen; auf einmal aber schrie Elsbeth: “Fräulein, Fräulein - !”
“Was denn?”
“Ich habe was vergessen.”
“Was hast du denn vergessen?”
“Ich will ja ein kleines Brüderchen haben, das ist die allergrößte Hauptsache. Hole doch den Ruprecht noch einmal!”
“Schade, der ist aber schon weit fort. Weißt du was? Wir schreiben an ihn. Die Post weiß gewiss seine Adresse; er wird wohl mehr Briefe bekommen.”
Das war ein Trost. Fräulein nahm Papier und Feder, und Elsbeth musste diktieren.
“Lieber Knecht Ruprecht! Entschuldigen Sie, wenn ich störe” - so sagte nämlich Fräulein immer zu Mama - “ich wünsche mir am allermeisten ein kleines Brüderchen, bitte, bitte! Es grüßt Sie Ihre Elsbeth.”
“Die Adresse schreibe ich dazu”, sagte Fräulein, “und die auf das Kuvert auch.”
“Die Marke darf ich lecken, nicht?”
“Für den Ruprecht braucht’s keine.”


Aber Elsbeth wollte lieber sichergehen und ließ nicht nach, bis eine Marke aufgeklebt war; und nachher war sie sehr energisch dagegen, dass Minna, das Stubenmädchen, den Brief in den Briefkasten trug, Fräulein musste mit ihr über die Straße gehen und sie heben, so dass sie den Brief selber einstecken konnte.
Fräulein lachte heimlich. Der Briefkasten gehörte nämlich nicht der Post, sondern einem großen Kohlengeschäft. Die Leute würden sich dort schön wundern!
Darauf gingen die beiden wieder Äpfel, Nüsse und Bonbons zusammenlesen.
Der Tag zu Heiligabend war gekommen und Klein Elsbeth in wahrem Fieber vor Erwartung. Das Brüderchen musste doch sicher kommen; bis jetzt hatte der Weihnachtsmann immer alles gebracht, was sie sich gewünscht hatte. Wenn bloß der Brief richtig angekommen war!
Papa und Mama wussten natürlich von dem bevorstehenden Familienzuwachs. Elsbeth war anfangs dafür gewesen, sie zu überraschen, aber sie hatte doch auf die Dauer ihr Geheimnis nicht bei sich behalten können. Und Mama hatte gesagt: “Es ist nur gut, dass ich es weiß, da muss ich doch Steckkissen und Windeln instandsetzen.”
“Aber das sage ich dir, Mama, es ist meins!” hatte Elsbeth sehr entschieden gesagt. “Dass du mir´s nicht etwa nachher fortnimmst und sprichst, es wäre deins!”
“Ei, wo werde ich denn”, hatte Mama geantwortet.
Nun war’s draußen dunkel, in der Gegend des Wohnzimmers allerlei Getrappel und Gemunkel. Elsbeth, die atemlos mit Fräulein in ihrem Zimmerchen wartete, hörte es und trippelte wie ein Irrlicht herum vor Ungeduld. Draußen läuteten die Glocken. Und endlich klingelte es.
“Fräulein, schnell - !”
Da war die Weihnachtsstube mit Papa und Mama und dem Weihnachtsbaum und lauter Herrlichkeiten auf Tischen und Stühlen. Und die Eltern beide lachten ganz glücklich: “Sieh doch dort, Elsbethchen, das ist deins, was der Weihnachtsmann dir gebracht hat.”
Aber die großen Kinderaugen von Klein Elsbeth suchten, suchten, und das Gesichtchen wurde immer kläglicher: “Wo ist denn das Brüderchen?”
“Ja, denke dir”, sagte Mama, “das ist nicht angekommen!”
Aus Elsbeths Augen kullerten die Tränen.
“Der Ruprecht!” nickte sie. “Das ist schon so einer. Jetzt freue ich mich beinahe gar nicht.”
“Ja”, meinte Papa, “wir müssen ihn nächstes Jahr einmal fragen, ob er denn deinen Brief nicht bekommen hat.”
Nun half da ja nichts; Elsbeth musste sich mit den anderen Sachen zufrieden geben, und das ging ja auch, denn sie waren wirklich sehr schön.
Nachher wurden der Friedrich und das Stubenmädchen und die Köchin und die Jungfer von Mama gerufen, die bekamen auch ihr Teil. Die Köchin kam zuletzt und war ganz aufgeregt und sagte: “Gnädige Frau, bei Doktors oben ist ein kleiner Junge angekommen.”
Klein Elsbeth stieß einen Schrei aus. “Ein kleiner Junge? Mama, Mama, das ist meiner. Der ist falsch abgegeben!”
Und mit blitzenden Augen stand sie vor der Mutter, ganz in Aufregung.
“Ja, das kann man doch nicht wissen”, sagte Mama bedenklich und blinzelte zu Papa hin.

“Doch”, rief Elsbeth, “ich habe ihn doch bestellt, Doktors brauchen doch gar keinen. Bitte, bitte, schicke doch hinauf und lass ihn holen. Tante Doktor gibt ihn mir gewiss, das weiß ich. Ich habe ihr auch erzählt, dass ich ein Brüderchen bestellt habe.”
Die Köchin und die Zofe und das Stubenmädchen lachten, aber Papa sagte ernsthaft: “Na, heute wollen wir’s nur oben lassen, es wird natürlich sehr müde sein und erst mal ordentlich ausschlafen wollen.”
“Aber ich will’s doch sehen!” rief Elsbethchen. “Fräulein, komm doch nur mit, wir wollen hinaufgehen.”
“Heute nicht, sei artig, Elsbeth”, entschied Mama.
Elsbeth stieß ein Schluchzen aus und stampfte mit dem Fuße auf. “Ihr seid schlecht - ganz schlecht seid ihr ...”
“Elsbeth -” sagte Papa mit strengem Ton; den kannte sie schon, da war nicht gut Kirschen essen mit ihm. “Unartigen Kindern nimmt der Weihnachtsmann alles wieder weg, das weißt du. Natürlich das Brüderchen auch.”
Sie ging zu ihren Sachen, weinte noch eine Weile still vor sich hin ...

“Morgen ganz früh gleich gehn wir hinauf, nicht?” sagte sie zu Fräulein, als die sie zu Bett brachte.
“Ja freilich.”
Sie lag noch lange mit offenen Augen, lächelte manchmal glückselig ...

In aller Frühe klingelte es bei Doktors. Als das Mädchen öffnete, stand Klein Elsbeth da, hochrot im Gesichtchen, sagte gar nicht “Guten Morgen”, sondern bloß sehr bestimmt: “Ich will mein Brüderchen sehen. Es gehört nämlich mir.”
Sie war dem Fräulein durchgegangen, das noch mit Haarmachen zu tun hatte.
“Das ist deins?” fragte das Mädchen erstaunt. “Ich denke doch, das ist der Frau Doktor ihres.”
“Nein, das habe ich mir bestellt, es ist bloß falsch abgegeben. Und ich will`s mir holen.”
“Na, das glaube ich nicht, dass sie dir das herausgeben”, meinte das Mädchen. “Ich will mal den Herrn fragen, ob du es sehen darfst, es wird gerade gebadet.”
Sie ging fort, und statt ihrer kam der Doktor. “Morgen, Elsbethchen. Na, willst du’s sehen? Dann komm mit. Aber es ist richtig unseres, verlass dich drauf.”
“Jawohl, ihr wollt mir`s jetzt bloß nicht geben. Ich habe mir`s bestellt und ihr nicht!”
“Doch, wir haben auch eins bestellt.”
“Aber Elsbethchen!” rief´s unten, und Fräulein kam mit halbgemachtem Haar die Treppe heraufgeflogen.
“Du lügst!” rief die Kleine in leidenschaftlicher Erbitterung. “Du sagst das bloß so. Und jetzt will ich`s gar nicht sehen ...”
“Entschuldigen Sie das Kind, Herr Doktor”, sagte Fräulein. “Meinen herzlichen Glückwunsch! Es ist so ein merkwürdiger Zufall ...”
Elsbethchen war schon auf der Treppe, und jetzt war Fräulein bei ihr und meinte: “Wir schreiben noch einmal an den Ruprecht, da werden wir ja erfahren, wem es gehört.”
“Ja, aber gleich”, nickte Elsbeth entrüstet.
Nun saßen sie - sie hatten noch gar nicht gefrühstückt; die Eltern lagen noch zu Bett - und Elsbeth diktierte, und Fräulein schrieb:
“Lieber Knecht Ruprecht! Ich bin sehr traurig ...”
Auf dem Korridor ging die Klingel. “Das wird die Post sein”, sagte Fräulein und legte die Feder nieder, “ich will erst einmal nachsehen.”
Sie ging und kam wieder mit dem Postboten, der trug eine große Kiste, nickte Elsbethchen zu und meinte schmunzelnd:
“Da kommt was für das Fräuleinchen.” Und Fräulein las auf der Begleitadresse und rief: “Elsbethchen, da steht: “Absender: der Weihnachtsmann; da bin ich neugierig. Ich will gleich Werkzeug holen und öffnen.”
Es stand aber auch etwas blau gestempelt auf der Adresse, davon sagte sie nichts, das hieß nämlich: Schucker und Kompagnie, Kohlenhandlung. Die Neugier, ehe die Kiste geöffnet war und ausgepackt wurde! Erst viel Holzwolle; und dann: eine Puppe, so groß, wie Elsbethchen noch keine gehabt - ein kleiner Junge!
“Ja, was ist denn das?” kopfschüttelte Fräulein und nahm einen Brief aus einem Kuvert, das dabei lag. Und dann schrie sie:
“Denke doch nur an, der Weihnachtsmann schreibt an dich:
“Liebes Elsbethchen! Der Knecht Ruprecht lässt dich schön grüßen. Er hat mir gesagt, du hättest dir ein richtiges lebendiges Brüderchen gewünscht. Aber die sind das Jahr schlecht geraten, und ich musste erst den Leuten eins bringen, die schon voriges Jahr eins gewünscht und nicht gekriegt haben. Da hatte ich für dich keins mehr übrig und schicke dir dafür ein extragroßes, das zwar nicht lebendig, aber sehr schön ist. Es grüßt dich der Weihnachtsmann.”

“Dann ist’s doch richtig”, sagte Elsbethchen betreten, “es gehört Doktors. Ich freue mich gar nicht.”
Der Kohlenhändler, der den Brief an den Knecht Ruprecht in seinem Briefkasten gefunden, hatte sich den Spaß gemacht; davon aber erfuhr Elsbethchen nichts.
Noch am selben Tage aber war sie bei Doktors und besah das Brüderchen. Es war ein kleines, schrumpeliges Ding und quäkte grässlich. Ganz krebsrot und hässlich sah es aus.
“Weißt du”, sagte sie zu Fräulein, als sie von Doktors die Treppe hinuntergingen, “jetzt ist mir`s doch lieb, dass ich das Brüderchen nicht gekriegt habe; das, was mir der Weihnachtsmann geschickt hat, ist viel hübscher und auch viel artiger.
Das andere können Doktors behalten.”




Weihnachtskalender 2012


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