Weihnachtskalender Teil 2
Weihnachtskalender Teil 3
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Weihnachtszeit 2005
Frohe Weihnachten 2006



24.12" "Bist du der Weihnachtsmann…?"



Einige wenige Kilometer müsste Joachim Bernau nur noch fahren, dann hätte er es endlich geschafft, zu Hause bei seiner Frau und den beiden Kleinkindern zu sein. Heute war ja Heiligabend, und er freute sich sehr auf die bevorstehende Bescherung. Sein Bruder, der nicht weit entfernt von seinem Haus wohnte, sollte heute die Rolle des Weihnachtsmannes übernehmen.

Auf der ohnehin meistens nur wenig befahrenen Straße, auf welcher Jochen langsam durch eine Kurve fuhr, herrschte auch an diesem Tag kaum Verkehr. Im nächsten Augenblick fing es an zu schneien. Zuerst fielen nur einzelne Flocken, dann begann die weiße Pracht jedoch sehr dicht, lautlos und in stetig größer werdenden Flocken nieder zu rieseln. Augenblicklich reduzierte er seine ohnehin langsame Fahrt noch mehr.

Plötzlich spürte Joachim, dass sein Wagen sich nur noch schwer lenken ließ, und im nächsten Moment schimpfte er lauthals: „So ein Mist“, und schlug verärgert einmal mit der Hand aufs Lenkrad. Ausgerechnet jetzt, so kurz vor seinem Ziel, hatte er einen platten Reifen. Inzwischen war es fast achtzehn Uhr geworden und er wäre so gerne pünktlich nach Hause gekommen.

Heftiges Schneetreiben nahm ihm inzwischen fast jede Sicht. Während er seinen Wagen langsam weiter rollen ließ, hielt er nach einer Stelle Ausschau, an der er den unvermeidlichen Reifenwechsel gefahrlos ausführen könnte. Schließlich sah er eine Hofeinfahrt, die von einer einzelnen Laterne schwach ausgeleuchtet wurde, fuhr dort hinein und blieb direkt unter der Laterne stehen.

Joachims Pkw war einschließlich des Kofferraums fast komplett mit Geschenken für seine Kinder, seine Frau, seinen Bruder und dessen Frau, seine Eltern sowie für seine Schwiegereltern voll gepackt. Diese sollten in den großen Sack, den sein Bruder bei der Bescherung auf dem Rücken tragen würde, verstaut werden. Verärgert stieg Joachim ein wenig hastig aus und begann sofort damit die Kartons aus dem Kofferraum auszuladen. Er sah sich nach einem Platz um, an dem er die Pakete am besten hinlegen könnte. Bevor er schließlich die ersten Pakete auf dem schmalen Grasstreifen neben der Einfahrt abstellte, zog er sich den roten Nikolausmantel, den er sich von einem Bekannten für den heutigen Abend geliehen hatte, zum Schutz vor dem Schneetreiben hastig über, und klappte zum Schluss die Zipfelmütze hoch.

Nach nur höchstens zehn Minuten hatte er den Reifen gewechselt und begann soeben, mit inzwischen eiskalt gewordenen Händen, die Pakete Stück für Stück wieder einzuladen, als plötzlich, ein vielleicht vierjähriges Mädchen neben ihm stand, ihn sehr erstaunt, mit großen Augen und offen stehenden Mund fragend ansah. Nach ein paar Sekunden fragte sie zögerlich, leise und fast ehrfurchtsvoll: „Bist…du…der… Weihnachtsmann...?“

Ein verlegenes Lächeln huschte über Joachims Gesicht. Während er noch überlegte, was er dem kleinen Mädchen entgegnen könnte, hörte er plötzlich einen Hund laut bellen, der Sekunden später knurrend neben dem Mädchen stand, und ihn mit aufgestellten Nackenhaaren bedrohlich knurrend starr fixierte. Augenblicklich legte das kleine Mädchen beruhigend ihre Hand zwischen die Ohren des Hütehundes.

„Ruhig Hasso, das ist der Weihnachtsmann! Der tut uns ja gar nichts“, beruhigte sie den Hund, der sich augenblicklich hinsetzte, während das Mädchen Joachim weiterhin mit großen Augen vertrauensvoll staunend und fragend anlächelte.

Zwischenzeitlich war das Schneetreiben sehr viel dichter geworden. Dicke Flocken lagen inzwischen auf den Haaren, auf dem Mantel des Mädchens, sowie auf dem Fell des Hundes. Noch bevor Joachim jedoch die Frage der Kleinen beantworten konnte, kam schon ihre nächste: „Wo…ist…denn…dein…Schlitten…, Weihnachtsmann...?“

Erneut überlegte Joachim ein paar Sekunden zu lange, denn kaum dass die Stimme der Kleinen verklungen war, hörte er eine aufgeregte Frauenstimme vom Haus her laut rufen:

„Juuuliiiaaa...! Juuulia, wo bist du…?“ Dann hatte die Frau das Kind plötzlich erspäht und rief laut: „Komm sofort hierher, Julia…! Sofort...!“

Inzwischen war sie schon mit hastigen Schritten das kleine Stück über den Plattenweg zu beiden hingeeilt.


„Das ist der Weihnachtsmann, Mama…“, empfing die Kleine freudestrahlend ihre Mutter und zeigte mit ausgestrecktem Arm und weit geöffneten Augen auf den Weihnachtsmann. Die Bäuerin blieb augenblicklich etwas unsicher lächelnd stehen, und weil sie die Situation sofort begriff, entgegnete sie auf der Stelle: „Das ist ja wunderbar, mein kleiner Engel! Aber - der Weihnachtsmann hat jetzt leider keine Zeit mehr für dich - mein Schätzchen. Er muss ja leider schon wieder weiter fahren.“

Lächelnd nahm sie ihr Kind an die Hand, drehte sich um und sagte zu dem Hund: „Komm Hasso“, der sich auch sofort Schwanz wedelnd erhob.

Aber das kleine Mädchen wehrte sich vehement dagegen, so mir nichts dir nichts aus der Nähe des Weihnachtsmannes zu verschwinden. Sie wollte von ihm etwas erfahren und diese Gelegenheit wollte sie auf keinen Fall ungenutzt lassen. Deshalb stemmte sie sich mit all ihrer kindlichen Kraft gegen die ziehende Hand ihrer Mutter. Schließlich merkte die Bäuerin, dass sie ihr Kind so nicht davon abhalten konnte, erneut eine Frage an den verlegen dreinschauenden jungen Mann zu stellen.

„…wo ist denn dein Schlitten, Weihnachtsmann“, fragte Julia, nachdem sie gemerkt hatte das ihr Widerstand von Erfolg gekrönt war. Im selben Moment huschte übers Antlitz der Bäuerin ein verlegenes Lächeln, währenddessen sie die Augenbrauen hochzog und die Lippen ein wenig zusammen kniff. Sie war anscheinend auf die Antwort nicht minder gespannt als ihre wissbegierige Tochter.

Ohne zu zögern entgegnete Joachim: „Ja, weißt du, Julia, meinen Schlitten kann ich nur mitnehmen, wenn schon ausreichend Schnee auf den Straßen liegt. Und wie du sehen kannst, sind noch nicht genügend Flocken vom Himmel gefallen...!“

„Das verstehe ich, Weihnachtsmann“, entgegnete die Kleine ein, zwei Mal hastig nickend wie aus der Pistole geschossen und strahlte Joachim weiterhin vertrauensvoll an.

„Nun müssen wir aber rasch ins Haus, mein kleiner Schatz! Du hast ja deinen Mantel gar nicht angezogen! Komm, schnell, sonst wirst du dich erkälten und musst vielleicht Weihnachten im Bett liegen “, sagte die Bäuerin ein wenig hastig in die entstandene Stille hinein. Mit diesen Worten drehte sie sich um und zog an der Hand der Kleinen. Einsichtig nickte das kleine Mädchen erneut ein, zwei Mal und folgte dann brav ihrer Mutter.

Während Hasso Schwanz wedelnd neben den beiden her trottete, jubelte das Mädchen mit ihrer glockenklaren Stimme immer wieder laut:

„Jahaaa, ich hab den Weihnachtsmann gesehen, Mama…! Jahaaa, ich hab den Weihnachtsmann gesehen...!“ Dann lachte sie laut, drehte sich in kurzen Abständen immer wieder um und winkte dem Weihnachtsmann fröhlich lächelnd zu.

Noch einmal hörte Joachim wie das kleine Mädchen voller Begeisterung rief: „Jahaaa, ich hab´ den Weihnachtsmann gesehen…!“ Im nächsten Moment verstummte die hell klingende Stimme.

Joachim zog mit einem sehr nachdenklichen Gesicht den roten Mantel aus, legte ihn behutsam auf eines der oberen Pakete, schloss die Heckklappe, setzte sich in seinen Wagen, startete den Motor und fuhr lächelnd, jedoch ein wenig nachdenklich geworden im dichten Schneetreiben langsam nach Hause.


25.12 "Die Rentiere"

Was sind die Namen der Rentiere des Weihnachtsmanns?

Die berühmte Rentiere sind: Dasher

Dancer

Prancer

VixenComet

Cupid

Donner

Blitzen

Rudolph, Wobei Rudolph erst 1939 dazu kam, durch ein Gedicht von Robert May und später Sohn Robby von Rudolph

So, meine Sechs. Jetzt futtert schön. Morgen wird es anstrengend!", gähnt Nikolaus.
Um seine Rentiere bei Laune zu halten, hat er ihnen als Abendmahlzeit Himmelsmöhren und Granatäpfel spendiert. Kalli, das Leittier, schnappt sich selbstverständlich die größte der Möhren. Erst dann dürfen die Anderen sich gütlich tun.
„Was ist denn morgen?", fragt Fränzi, das Rentiernesthäkchen, neugierig.
„Wir müssen schuften!", erklärt Goldi, das Vizechef-Rentier.
„Wie jedes Jahr um diese Zeit. Die Menschen auf der Erde drehen echt durch, die mit den Kilometer langen Wunschzetteln!", knurren Braunchen, Knabbs und Schnubi.
„Und was geht uns das an?"
„Nikolaus packt den Schlitten voller Geschenke, bis der fast bricht und wir müssen den zur Erde ziehen!", murrt Kalli.
Bei dem Gedanken fröstelt es ihn, obwohl der Rentierstall wirklich gut geheizt ist.
„Juhuuh - ich darf mit zu den Menschen!", jubelt dagegen Fränzi.
„Freu dich nicht zu früh!", versetzt Braunchen: ´Genauso blöd wie ich früher. Wenn ich damals schon geahnt hätte ...`
„Schluss, jetzt wird geschlafen. Sonst kommen wir morgen nicht aus dem Stroh!", kommandiert Kalli und plumpst auf seinen Lieblingsschlafplatz direkt neben der Stalltür.
Von dort aus hat er nämlich das Haus des Nikolaus und die Wolkenburgen der Engelteenager bestens im Blick.

Am nächsten Morgen reißt Nikolaus die Rentiere extrem früh aus deren Möhrenträumen. Zum Frühstück gibt es nur ein bisschen Heu. „Sonst seid ihr gleich zu träge!"
Und wenige Minuten später drängt er: „Los geht`s, keine Müdigkeit vorschützen! Auch du nicht, Fränzi!"
Er führt die Rentiere zum Schlitten. Mit Riesenaugen bestaunt Fränzi die glänzenden, hübsch eingepackten Geschenke. „Oh, sind die schön!"
„Hm, schöner Mist!!", knurrt Goldi dem Kleinen zu und erntet prompt von Nikolaus einen strafenden Blick. „Ich mein` ja bloß ... Ziemlich schwer - das alles!"
Aber weitaus mehr ärgert es die vierbeinige Truppe, dass sich die neugierigen Jungengel um sie scharen und munter drauflos sticheln:
„Ätsch, dann viel Spaß!"
„Verlauft euch nur nicht!"
„Macht bloß nicht schlapp!"
„Kommt, wir flegeln uns derweil ein wenig auf die Sonnenbank. Hach, das wird bestimmt toll!"

Kalli und seine Kumpanen sind wütend und würden die Bengel nur zu gerne kneifen, aber so etwas ist im Himmel streng verboten. Es ginge auch gar nicht, denn Nikolaus hat ihnen bereits die Geschirre umgelegt. Deshalb schnauben sie die geflügelten Möchtegern-Erwachsenen nur drohend an. Leider interessiert die dies nicht die Bohne, sondern sie schweben hämisch grinsend von dannen.
„Müssen wir uns das gefallen lassen?", fragen die Anderen Kalli.
Als der Älteste hat er ja bereits Jahrhunderte lang Erfahrung mit den Schnöseln.
„Ganz ruhig! Wir erledigen unser heutiges Pensum und morgen ... Hihi, für morgen lass ich mir etwas einfallen!", grinst Kalli bis über beide Rentierohren.
„Hoo,hoo!", befiehlt da Nikolaus den Aufbruch.
Kalli und seine Kumpanen legen sich in die Leine und Klein-Fränzi bemüht sich, genauso schnell zu laufen wie die Freunde.
„Gut machst du das!", lobt Nikolaus.

Es wird eine sehr anstrengende Reise. Nikolaus wie auch die Rentiere atmen auf, als endlich sämtliche Geschenke verteilt sind und sie wieder zum Heimatstall fliegen.
„Fertig!", freut sich Fränzi.
„Denkste!", widerspricht Braunchen. „Morgen noch mal das Gleiche!"
„Ja, aber nicht mit uns ...", versetzt Kalli lustig.
„Wiiee??"
„Wir streiken nämlich!"
„Streik? O weia, das gibt Ärger!"
„Und was wird dann mit den Geschenken?"
„Die bringen die Engel zur Erde!", verrät Kalli. „Wir spielen nämlich alle krank. Dann muss Nikolaus notgedrungen die Engel mit den Gaben nach unten schicken, damit nicht Millionen von Kindern zu Weihnachten traurig unter dem Tannenbaum stehen werden!“

Am nächsten Tag betritt Nikolaus den Stall: „Auufstehen!“
Nichts rührt sich. „Habt ihr nicht gehört? Na, aber dalli!“
Die Rentiere bleiben liegen. Verunsichert geht Nikolaus von einem zum anderen und erschrickt gewaltig. Goldi stöhnt leise, Braunchen, Knabbs sowie Schnubi kauern dort mit halb geschlossenen Augen und bewegen noch nicht einmal einen Huf. In der hintersten Ecke wimmert Fränzi laut herum.
„Oh nein! Was ist denn mit euch los?“ „Mir ist soo schlecht!“, stöhnt Schnubi.
„Mein Bauuch!“, melden sich Knabbs und Braunchen matt. „Nen doppelter Nikolaus!“
Kalli leidet scheinbar schon unter Wahnvorstellungen. „Ihr Armen!!“

Auf Zehenspitzen verlässt Nikolaus den Stall. Er kommt fast um vor Sorge: „Sie haben sich hoffentlich nicht mit der Höllen-Grippe angesteckt?“ Aber, je länger er darüber nachgrübelt, für umso unwahrscheinlicher hält er es. Dagegen kommt ihm plötzlich ein völlig anderer Gedanke: „Oder haben sie heimlich zuviel von der Rentierminze genascht, sind total beschwipst gewesen und nun quält sie ein furchtbar Kater!??“
Aber weil er seinen Tieren vertraut, verwirft er es wieder, eilt zurück ins Haus, greift sich den Erste-Hilfe-Kasten und hastet zurück in den Stall. Dort verteilt er warme Umschläge und Extra-Hafer-Happen mit Anti-Übelkeit-Tabletten.
„Ihr bleibt heute hier drinnen und ruht euch aus. Verstanden!?“ Ganz offensichtlich sind die Vierbeiner zu keiner Antwort mehr fähig.

Kurz entschlossen stapft Nikolaus zu den Jungengeln. ´Na, die werden sich umgucken!`
Obwohl sie wegen des Vollmondes kaum Schlaf gefunden haben, ist die Halbstarkenbande erstaunlicherweise schon auf den Beinen.
„Hört zu: Die Rentiere sind schwer erkrankt. Ihr müsst heute also deren Arbeitspensum übernehmen. Andernfalls würde es dort unten ein sehr trauriges Weihnachten werden!“
„Wie bitte? Wir sollen all die Pakete schleppen!?“ „Keine Widerrede oder ich melde es dem Chef!“ Es wirkt.

Kurz darauf beladen sich die Engel mit den Geschenken und düsen zur Erde. „Aua, ich hab mir ne Feder abgequetscht!“ „Uff, sind die schwer!“
„O je, ich hab tatsächlich eines verloren!“
Es ist für den kleinen Hund der Familie Meier in Hundhausen bestimmt gewesen, der so oft schrecklich friert. Stattdessen freut sich nun der Wetterhahn auf der Kirchturmspitze über den roten Mantel. Stolz bestaunt er sich im Fensterspiegel des gegenüber stehenden Hochhauses. „Oh, wie schick!!“
Stunden um Stunden verrinnen. Mittlerweile ächzen die Engel vor Anstrengung. Ihre Hände tragen Schwielen, die Flügel sehen total ramponiert aus und die Gewänder starren vor Dreck. „Ich kann nicht mehr!“
„Und diese Knochenarbeit erledigen die Rentiere wirklich jedes Jahr aufs Neue!“
Sie bereuen es bereits tief, dass sie zu den Sechsen so fies gewesen sind. Nachdem alle Gaben abgeliefert worden sind, treten sie ausgesprochen kleinlaut den Rückflug an. Völlig groggy erreichen sie schließlich ihre Wolkenburg.

Im Rentierstall ist nach einer zermarternden Nacht alle Freude verflogen und die Stimmung auf dem Nullpunkt angelangt. Geplättet vor Gram liegen die Sechs im Stroh. Zudem verspüren sie Hunger. Weil sie unter den Tieren des Himmels eine Sonderstellung genießen, wird ihnen eigentlich das Frühstück stets von Nikolaus persönlich serviert, aber heute ...
Die Zeit verstreicht. Inzwischen hängt Kalli und seinen Kameraden der Magen unter den Hufen, aber kein Nikolaus erscheint. Nach drei Stunden endlich schütten zwei Tierpflegerassistenzputten einen Eimer Futter in die Tröge.
„Ihr sollt nachher bei Nikolaus antreten. Übrigens ist der mies drauf heute. Macht euch also besser auf etwas gefasst!!“
„Klingt ja richtig schade nach Schadenfreude!“, flüstert Kalli Goldi zu.
Der streift ihn mit einem warnenden ´Halt-jetzt-bloß-die-Klappe-Blick` und Kalli verkneift sich im letzten Moment eine weitere biestige Bemerkung. Grußlos verschwinden die Putten wieder, die Stalltür fällt mit lautem Getöse zu. Deprimiert mümmeln die Vierbeiner den Hafer.
„Ich hab` keinen Appetit!“, wimmert Schnubi.
„Mir ist es zum Kotzen!!“, würgt Braunchen.
Knabbs verdreht zustimmend die Augen.

Eigentlich müsste Kalli die Beiden ausschimpfen, aber dazu plagt ihn viel zu sehr das eigene Gewissen.
„Wir waren so gemein zu Nikolaus!“, meldet sich Fränzi kläglich. „Und dabei ist er doch immer so lieb zu uns!“
Mit vor lauter Scham geröteten Ohren und Schaufelspitzen graben sich die Sechs tief ins Stroh ein.
„Ich ertrag es nicht länger!“, wimmert Goldi kurz darauf. „Tun wir doch endlich etwas!"
Knapps und Schnubi nicken schwach.
„Und was??“
Schnubis Frage ist überflüssig, denn ...
„Beichten, wir müssen beichten!“, haucht Kalli.
Bei dem Gedanken daran stehen die Rentiere kurz vor einer Ohnmacht.
„Wir haben es wirklich verdient, wenn Nikolaus uns ´ne saftige Strafe aufbrummt!“, gibt Knabbs zerknirscht zu.
„Es wird ein Gang nach Cannabis!“, murmelt Braunchen.
„Du meinst wohl: Nach Canossa!“
Kalli kennt sich ein wenig in der Geschichte der Menschheit aus. Trotzdem vermag er über Braunchens Schnitzer nicht zu lachen. Dazu ist die Lage viel zu ernst.
„Da müssen wir durch! - Oder wollt ihr ihn als Freund endgültig verlieren?“
Entsetzt schütteln seine Kameraden den Kopf. Nur das nicht!!
„Na denn: Auf zu Nikolaus!!“ „Oh weh!"

Mit dunkelroten Klappohren und ebenso glühenden Schaufelspitzen, bis zum Boden gesenkten Köpfen und deutlich wackelnden Beinen machen sie sich auf den Weg.
„Sag du es!“
„Nein, du kannst es bestimmt besser!“
„Feigling!“
„Angsthase!“
„Bin kein Hase. Bin ein Rentier!“, schmollt Fränzi.
„Hört auf zu streiten. Jetzt heißt es zusammenzuhalten!“, mahnt Kalli energisch. „Also: Ich habe euch zu dem Mist angestiftet. Deshalb werd selbstverständlich ich mit ihm reden.“
Kurz darauf stehen sie vor seinem Haus und schauen durchs Fenster „Drinnen brennt Licht. Er ist da!“
Die Rentiere tauschen bange Blicke, aber ein Zurück gibt es nicht mehr. Kalli klopft mit dem Huf gegen die Tür. Sie hören die vertrauten, schlurfenden Schritte und Nikolaus öffnet.
„Wiiee? Was macht ihr denn hier?? Ihr solltet euch doch ausruhen!“
„Wir müssen dir etwas sagen!“, murmelt Kalli stockend und vermeidet es, ihn dabei anzusehen.
„Genau, etwas gaanz Wichtiges!“, starren die Anderen verschämt zu Boden.
„Kommt erst einmal rein!“

Im Wohnzimmer quetschen sich Kalli, Goldi und Knabbs aufs Sofa, Schnubi und Braunchen hocken sich auf den Teppich und Klein-Fränzi verzieht sich schlotternd unter den Couchtisch. Unter der Tischdecke hervor schielt er hoch zu Nikolaus.
„Uund??“, forscht der.
Erst stockend, dann immer fließender beichtet Kalli den Streit mit den Jungengeln, dass sie auf die schwer sauer gewesen sind und was sie gemacht haben, um ihnen eins auszuwischen.
„Zur Strafe sollten die mal die Geschenke zur Erde schleppen anstatt immer wir!!“
„Ihr habt euch also nur verstellt, ihr seid überhaupt nicht krank gewesen?“
Weiß wie die Wand hockt Nikolaus im Lehnstuhl. „Und euch habe ich vertraut! Wie konntet ihr nur ... ?“ Genau dies fragen sich die Rentiere auch gerade.
Für mehrere Minuten herrscht eine unheimliche Stille im Raum. Dann flüstert Nikolaus:
„Kalli, dass ausgerechnet Du, mein aller ältester Rentierfreund, mir das angetan hast ...“
„Mir tut es so schrecklich leid, Nikolaus!“
Eine dicke Rentierträne rollt ihm übers Gesicht. „Und uns auch!“, schniefen die Anderen im Chor. Nikolaus erhebt sich, tritt ans Fenster und betrachtet das Sternenmeer. Dann wendet er sich zu seinen Tieren um: „Geht, lasst mich allein! Dass es eine deftige Strafe nach sich ziehen wird, dürfte euch klar sein. Ich gebe euch noch Bescheid!“

Gebrochenen Herzens schleichen die Vierbeiner zurück in den Stall. „Noch gemeiner hätten wir gar nicht sein können!" „Immerhin haben wir es freiwillig zugegeben!“, versucht Goldi die Kameraden aufzumuntern. Doch umsonst. Kaum im Stall angekommen, verkriecht sich jedes Rentier in eine Ecke und wälzt sich die ganze Nacht lang schlaflos hin und her.

Früh am nächsten Morgen bullert jemand mit den Fäusten dröhnend gegen die Stalltür. Erschrocken schnellen die Rentiere hoch. „Bestimmt Nikolaus ...“
Kalli schielt auf die Vorderlaufuhr, ein Geschenk von Nikolaus an ihn als Zeichen der Anerkennung seiner treuen Dienste. ´Halb sechs. Ist der verrückt geworden?`
„In spätestens fünf Minuten sehe ich euch hier draußen. Ist das klar!?“ Seine Stimme verrät Unheil.

Die Rentiere schlappen hastig einen Schluck Wasser, mümmeln einen Haferhalm, sortieren fix die schlotternden Beine und stolpern in die Eiseskälte hinaus. „Morgen!“
Nikolaus brummt nur etwas Undefinierbares in den Bart, durchbohrt die Vierbeiner mit stahlharten Blicken und bombardiert sie dann mit einer Strafpredigt, die sich gewaschen hat.
„So: Weihnachten ist vorbei. In sämtlichen Wolkenburgen der Engel sieht es aus wie auf Schlachtfeldern. Und genau die werdet ihr so lange schrubben, bis ich selbst mit einer Lupe kein einziges Staubkorn mehr entdecken kann. Verstanden!??“ „Aber ... ,“ muckt Kalli auf.
Seine Kameraden ducken sich sicherheitshalber. ´Woher nimmt Kalli jetzt dazu bloß noch den Mut?` Goldi versetzt dem Freund heimlich einen Tritt. „Au!“, quietscht Kalli.
„Sscht! Du machst alles nur noch schlimmer!“ „Abeeer ... !?“, brüllt Nikolaus Kalli an.
„Neihein, nichts!“ „Ist auch dein Glück!“

Ausgerechnet Klein-Fränzi hat die rettende Idee. Zögerlich den Kopf hebend, er sieht Nikolaus flehend an. „Was ist!!?“, reagiert der ziemlich unwirsch. „Nikolaus, uns tut es doch dermaßen leid und wir haben alles von uns aus zugegeben. Bei den Menschen auf der Erde fällt die Strafe dann etwas weniger hart aus. Könntest du denn nicht auch ... ? Bitte, bitte!“ Demütig scharrt Fränzi mit den Hufen. Die Kameraden schließen sich dem schleunigst an. Nikolaus guckt zwar noch recht sauer, aber die Vierbeiner kennen ihn gut genug und schöpfen Hoffnung. „Sag doch endlich etwas, Nikolaus!“ Der marschiert grübelnd auf und ab.
„Verdient habt ihr es eigentlich nicht. Jedoch habt ihr euch eine solche Frechheit ja noch nie erlaubt und werdet es hoffentlich auch ...“ „Niemals mehr wieder!!“

„Gut. Denn will ich mal Gnade vor Recht ergehen lassen!“, entscheidet Nikolaus. „Und nun die Augen zu!“ Kalli und seine Kameraden gehorchen. ´Was hat er nur vor?`
Sie spüren ein eigenartiges, ständig heftiger werdendes Kribbeln in den Schaufeln und an den Mäulern. Dann ist es vorbei. „Dürft wieder gucken!“
Schüchtern blinzeln die Rentiere ins Helle. Nikolaus hat den prächtigen Himmelsspiegel aufgestellt. Neugierig lugt Kalli hinein und ist dem Herzschlag gefährlich nahe. „Wie seh` ich denn aus?“
Sein Geweih streckt sich nicht mehr wie bei jedem anständigen Rentier stolz nach oben, sondern ist halbrund nach unten gebogen wie die Schaufel eines Baggers.
Den Kameraden ergeht es kein bisschen besser als Kalli. Goldis Maul sieht aus wie ein Staubsaugerrohr, Schnubi schleppt einen Schrubber, Knapps und Braunchen hängen Mikrofaserstaubtücher an den Mäulern und Fränzi trägt ein Kehrblech in der Schnauze.
„Jetzt verschwindet und wehe, wenn ihr eure Arbeit nicht ordentlich erledigt!!“

„Wie konnte er nur ... ?“
Die Sechs fühlen sich rentierelend.
„Die Engel kriegen nen Schreikrampf vor Lachen!“
Von Gewissensbissen geplagt, eilen sie zur nächstschwebenden Wolkenburg und schellen. Nichts rührt sich. „Uund was jeetzt?“
Ratlos blicken sie sich an. Noch während sie überlegen, ob sie es wagen können, unverrichteter Dinge wieder bei Nikolaus vorzusprechen, öffnet sich dann doch wie von Geisterhand die Tür. Die Rentiere traben ins Engelsgemach. „Ach, du Sch...!“, entfährt es Braunchen.
„Biste verrückt, jetzt noch zu fluchen?“, weisen ihn die Anderen ängstlich zurecht.
An den Wänden und auf den Möbeln pappen grässliche Kleberschmierereien, auf dem Teppich stapeln sich Unmengen an Papier- und Geschenkbandschnipseln und das edle, weiße Parkett verunzieren grauenhafte Plackafarb- und Tintenkleckse. Zudem wirbeln überall Federn umher.

„Die haben sich die Engel garantiert beim Geschenke schleppen ausgerissen!“, murmeln die Rentiere mitleidig.
Aber noch nicht einmal für das Mitleid haben bleibt ihnen Zeit übrig. Jetzt müssen sie schuften. Kalli betätigt sich als Baggerschaufel und schaufelt den Papierkram zusammen. Goldi saugt währenddessen eifrig Federn auf. Knabbs und Braunchen machen Jagd auf jedes noch so winzige Staubkorn. Schnubi schrubbt das Parkett. Fränzi saust mit dem Kehrblech hinterher und entsorgt den ganzen Weihnachts-Abfallmist in die Himmelsbiotonne neben dem Eingang.
Die Hausarbeit ist kein Zuckerschlecken, was die Sechs deutlich zu spüren bekommen. Stunde um Stunde haben sie sich abgemüht und noch immer ist kein Ende abzusehen. Kalli schmerzt mittlerweile vom Schaufeln das Geweih. Goldi fühlt sich wie vollgesaugt. Schnubi spürt die Knochen kaum noch. Knapps und Braunchen verzweifeln an den stets neuen Scharen von Staubflocken und Fränzi würde das Kehrblech am liebsten zur Erde pfeffern, weil ihm inzwischen vom andauernden Bücken der Rücken schrecklich weh tut.

Erst am späten Nachmittag dürfen sie aufatmen. Alles blinkt und blitzt wie vor den Festtagen. Völlig groggy von der Putzstrapaze hocken sich die Vierbeiner auf den Teppich, tasten die schmerzenden Knochen ab und stöhnen sich ausgiebig etwas vor.
„Nie wieder ärgere ich Nikolaus!“, jammert Kalli. „Nie, niiee wieder!!“, klagen seine Kameraden.
Kaum haben sie es ausgesprochen, trägt Kalli erneut sein stolzes Geweih. Goldis Rüssel bildet sich zu einem hübschen Maul zurück und Schnubis Schrubber, Knabbs und Braunchens Staubtücher wie auch Fränzis Kehrblech entschweben in den wolkenburgischen Hauswirtschaftsraum.
Froh galoppieren die Rentiere in übermütigen Sprüngen zum Stall zurück. Im Himmel ist wieder alles okay.


26.12 Eine kleine Weihnachtsgeschichte

26.12 Eine kleine Weihnachtsgeschichte

Kinder lernen das Weihnachtsfest als ein sehr freudiges Ereignis kennen. Hier eine kleine Weihnachtsgeschichte.

Die Weihnachtsgeschichte beginnt mit einem kleinen Kind. Ein kleiner Junge hatte das ganze Jahr über sich immer wieder die Schaufenster des Eisenbahngeschäfts angeschaut. Jedes Mal, wenn er mit seiner Mutter in die Stadt ging, bat er sie, ihm eines der kleinen Lokomotiven zu kaufen. Er hatte es so oft bei seinem Freund gesehen, der es vor zwei Jahren von seinen Eltern zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. 

Er hatte sehr oft damit gespielt und ihn auch immer dazu eingeladen. Jedes Mal machte er seiner Freude Luft, wenn das Gespräch darauf kam oder wir wieder mal uns gegenseitig die schönen Erlebnisse vergangener Weihnachtstage erzählten. Er konnte alles von seinen Eltern bekommen, was er sich wünschte, nur ich musste immer sehr lange reden und bitten, um meine Weihnachtswünsche meiner Mutter beizubringen.

Auch diesmal, als wir uns die schönen Auslagen der Schaufenster ansehen, sie meinen bittenden Blick sah, schüttelte sie nur leicht den Kopf. Ich wusste, dass sie, seit Papa nicht mehr bei uns lebte, sehr auf das Geld achten musste. Sie ging von früh bis spät arbeiten, aber es reichte manchmal einfach nicht. Da mussten sicher auch dieses Jahr meine Wünsche zu Weihnachten zurück stehen.

Wir gingen dann auch bald wieder nach Hause. Spät abends klingelte das Telefon und als meine Mutter dem Hörer zuhörte, sah ich sie zum ersten Mal nach langer Zeit wieder lächeln, sie schien auch Tränen in den Augen zu haben. Als sie auflegte, sagte sie mir, dass Ralf, das war mein Freund, mich grüßen ließ. Ich sagte, danke und ging auf mein Zimmer. Beim Einschlafen wurde mir dieser Gruß erst wieder bewusst. Was hatte meine Mutter mit Ralf zu tun? Ich kam aber zu keiner Antwort und schlief darüber ein. 

Am nächsten Tag schaute ich gewohnheitsmäßig auf den Kalender und er zeigte, dass es noch zwei Tage bis Weihnachten war. Trotz unserer finanziellen Situation gab sich meine Mutter immer große Mühe, uns die Weihnachtstage so schön wie möglich zu machen. Es gab immer schönes Essen und auch ein kleines Geschenk lag immer unter dem Weihnachtsbaum. 

Da wir jetzt Ferien hatten, traf ich mich schon vormittags mit Ralf. Wir gingen auf einen Spielplatz, den man auch zu Weihnachten schön geschmückt hatte. Ich hatte das Gefühl, als wenn mein Freund mir was sagen wollte, aber sich nicht sicher war. Wieder fiel mir das abendliche Telefongespräch meiner Mutter ein, aber ich sagte oder fragte ihn nicht. Als wir dann zu ihm gingen, sah auch seine Mutter mich irgendwie anders an, als sonst. Ich senkte den Blick, weil ich annahm, sie hatte Mitleid mit mir, weil sie von unseren Geldsorgen wusste und das mein Weihnachtsgeschenk auch dieses Jahr wieder etwas klein ausfallen würde.

Die letzten zwei Tage vergingen sehr schnell und als ich an diesem Morgen auf den Kalender schaute, zeigte er den 24.12. an. Heute war also Weihnachten. Meine Mutter begrüßte mich am Frühstückstisch und wir überlegten, was wir wohl heute noch so machen könnten. Sonst gingen wir an diesem Tag nie weg, aber dies Jahr drängelte sie regelrecht, dass wir noch mal in die Stadt gehen sollten. Ich hoffte auf ein Wunder in Form einer Eisenbahn und sagte mit freudigen Augen, ja. Wir gingen aber zu meiner Überraschung einen ganz anderen Weg. Lange liefen wir scheinbar ziellos durch die Straßen und gegen Mittag kamen wir wieder zu Hause an, ohne dass wir groß gesprochen hatten. Immer wenn ich zu meiner Mutter aufsah, machte sie trotz allem, ein lachendes Gesicht. Mir kam die Sache komisch vor, aber ich war mit meinen Gedanken woanders.

Als ich nach dem Hände waschen in mein Zimmer wollte, hielt mich meine Mutter davon ab. Ich sollte ihr beim kochen helfen. Nach dem Essen klingelte wieder das Telefon und meine Mutter rief mich, weil es Ralf war, der mich fragte, was ich für ein Weihnachtsgeschenk bekommen hätte. Da ich noch keins hatte, sagte ich ihm es und er bat mich, mal in meinem Zimmer zu schauen. Ich legte den Hörer beiseite und machte meine Zimmertür auf.

Dort lag auf meinem Bett eine riesengroße Kiste auf der ein Bild von einer Lokomotive zu sehen war. Als ich wieder zum Telefon wollte, lief ich meine Mutter in die Arme. Wir fielen uns in die Arme und weinten.


Eine nicht ganz so stille Nacht.

Ich sollte mich allmählich zur Ruhe setzen.“
Müde stapfte der Weihnachtsmann durch den tiefen Schnee. Sein Atem bildete kleine Wolken in der kalten, kristallklaren Luft, die in immer kürzeren Intervallen geradewegs aus den Tiefen seines schneeweißen Bartes zu kommen schienen. Grundsätzlich besuchte der Weihnachtsmann die Kinder am Weihnachtsabend ja gerne, doch dieser Anstieg durch den Wald den Hügel hinauf war wahrlich kein Vergnügen. Schon gar nicht, wenn man mehrere hundert Jahre alt war, dazu noch einen großen Sack mit sich herumschleppen musste und einem als Lichtquelle nur der gute alte Mond zur Verfügung stand, der es sich nicht nehmen ließ, gelegentlich hinter einer Wolke zu verschwinden. „Vielleicht hätte ich doch Ruphus mitnehmen sollen“, überlegte der Weihnachtsmann, während er für einen Moment anhielt, um wieder zu Atem zu kommen. Fast ein wenig neidisch dachte er an den Weihnachtselfen, der es sich vermutlich gerade in dem Rentierschlitten bequem machte und nichts anderes zu tun hatte, als auf die Rückkehr seines Meisters zu warten. Elf musste man eben sein. Sein müder Blick wanderte den Hügel hinauf. Ein warmer Lichtschein fiel dort durch die Bäume und wies ihm so auf den letzten Metern den Weg. „Nun gut, die Pflicht ruft. Wäre doch gelacht, wenn ich den Rest nicht auch noch schaffe“, seufzte er und setzte sich wieder in Bewegung.
Etwas weiter oben lag Harro, der Hofhund, in seiner Hütte und sinnierte über die Ungerechtigkeit des Lebens. Heute war Heiligabend. Das war nicht zu übersehen. Überall auf dem Hof brannten bunte Lampen, und aus dem Haus roch es zum ersten Mal seit Wochen wieder richtig gut. Ganz offensichtlich wurde dort etwas Schmackhaftes zubereitet, nur ihm würde das vermutlich nicht viel nützen. Missmutig fiel sein Blick auf den Fressnapf, der vor seiner Hütte stand und vor Trockenfutter überlief. „Eigentlich müssen wir ja sparen“, hatte sein Herrchen ihm vorhin verkündet und dann sein Futternapf doch bis zum Rand gefüllt. „Aber heute ist Weihnachten. Tut mir leid, alter Junge, aber mehr als Trockenfutter ist nicht drin.“ Und das zu Weihnachten! Harro war sauer. Am liebsten hätte er jetzt Minka, die alte Hauskatze, über den Hof gejagt und sich ein wenig mit ihr gestritten, doch die war leider diesen Herbst verstorben. Harro vermisste sie. Auch wenn er es ihr nie gegenüber hatte zugeben können, er hatte die alte Katze gemocht. Nun war er das einzige Tier im Haus, und das war langweilig. Noch mehr als er, schien jedoch die fünfjährige Tina unter dem Verlust zu leiden. Seit Minka verstorben war, lief sie nur noch mit Trauermiene herum und schien Harro gar nicht wahrzunehmen. Als ausgewachsener Schäferhund war er eben kein geeigneter Ersatz für eine Angorakatze, egal wieviel Mühe er sich auch gab, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Das Leben war einfach ungerecht. Ein plötzliches Geräusch lenkte Harro von seinen trübseligen Gedanken ab. Wenn ihn sein gutes Gehör nicht täuschte, schlich sich jemand auf der anderen Seite des Hofes den Hügel hinauf. Das war zur Abwechslung einmal interessant. In freudiger Erwartung bleckte Harro die Zähne. Während andere Hunde nun laut bellend den Eindringling begrüßt hätten, liebte Harro den Überraschungseffekt, den er, sehr zum Leidwesen des örtlichen Briefträgers, bis zur Perfektion eingeübt hatte. Leise schlich er im Schatten der Hauswand zur anderen Seite hinüber, verbarg sich hinter einem großen Rhododendrenstrauch, der unter der Last des Schnees halb begraben war und wartete auf den Eindringling. Der große Weihnachtshund schien ein Einsehen zu haben und ihm etwas zum Spielen zu schicken. Harro würde sein Geschenk gebührend empfangen. „Meinst du, der Weihnachtsmann hat mich vergessen?“
„Natürlich nicht“, beruhigte Maren ihre kleine Tochter. Liebevoll strich sie ihr über das blonde, leicht gewellte Haar und vergaß für einen Moment den ganzen Ärger, der sie zu überrollen drohte. Michael, ihr Mann, hatte vergangenen Sommer seinen Job verloren und bisher keinen neuen gefunden. Mit über vierzig Jahren hatte man ihn bisher überall rigoros abgelehnt. „Zu alt“ war die regelmäßige Begründung, auch wenn keiner sich traute, das direkt auszudrücken. Aber zwischen den Zeilen konnte man deutlich lesen, was der wirkliche Grund war. Sie steckten wirklich in der Klemme. Wenn nicht bald ein Wunder geschah, würden sie sogar ihr Haus verkaufen müssen.
„Aber es ist schon spät, und er ist immer noch nicht da.“
„Keine Sorge, er wird schon noch auftauchen, Papa hat dafür gesorgt“, vertröstete sie die Kleine, „aber ich weiß nicht, ob er dir das Spielzeug schenkt, das du dir wünscht“, bereitete sie ihr Kind auf eine mögliche Enttäuschung vor, denn das Geld reichte dieses Jahr nicht für große Geschenke. Mit ihrem Mann hatte sie sogar abgemacht, sich gegenseitig gar nichts zu schenken und das, obwohl sie doch einen Herzenswunsch hatte.
„Ich habe mir kein Spielzeug gewünscht“, erwiderte Tina ernsthaft.
„Was dann?“
„Das darf ich nicht verraten, sonst geht es nicht in Erfüllung.“
„OK, verstehe. Na dann lassen wir uns eben überraschen, und nun lass Mami weiter arbeiten. Ich muss noch viel erledigen, bevor der Weihnachtsmann kommt.“
„Ist gut.“ Wie der Wirbelwind verschwand Tina aus dem Zimmer, wobei sie fast Michael umgerannt hätte, der gerade im Begriff war, eine Girlande aufzuhängen.
„Du hast doch den Studentendienst nicht vergessen?“, hakte Maren vorsichtig nach. Sie mussten zwar sparen, aber der Weihnachtsmann vom Studentendienst kostete nun wirklich nicht die Welt. Das hatte allerdings auch seinen Grund.
„Nein, obwohl ich das für Unsinn halte. Wenn ich nur an das letzte Jahr zurück denke. Der Typ, den sie uns geschickt hatten, war vor lauter Alkohol so weggetreten, dass er vom Schlitten fiel und die ganze Zeit wie ein Vodoopriester auf Valium vor sich hin grinste.“
„Ja, ho, ho, hol mir mal ein Bier“, kam wirklich nicht so gut an“, gab Maren kleinlaut zu, „aber diesmal haben sie versprochen, jemand mit Erfahrung zu schicken.“
„Vielleicht sollte ich mich dort bewerben. Mit meinem Alter wäre ich doch gut qualifiziert.“
„Michael!“
„Tut mir leid, aber ich hatte heute schon wieder Post.“
„Absagen?“, hauchte Maren ängstlich. Michael nickte.
„Verbunden mit den besten Weihnachtswünschen. Reizend, nicht wahr? Vielleicht sollte ich wirklich auf Weihnachtsmann umsatteln. Das wäre doch einmal ein lockerer Job.“
Diese Einschätzung konnte der Weihnachtsmann gar nicht teilen. Nachdem er endlich schwer prustend sein Ziel erreicht hatte, musste er feststellen, dass dieses von einem Jägerzaun umgeben war. Ihm blieb auch nichts erspart. Natürlich hätte er auch den Weg durch die Gartenpforte nehmen können, aber er wollte ja unbemerkt bleiben. Also wählte er den Weg über die Rückseite des Gartens und hievte ächzend ein Bein über den erstaunlich hohen Zaun. Prompt blieb er mit dem Hosenboden an einem der spitzen Pfähle hängen. „Verdammt, das fehlt mir noch“, fluchte er, während er wenig elegant das zweite Bein über den Zaun beförderte, das Gleichgewicht verlor und erst einmal der Länge nach mit dem Gesicht voraus im Schnee verschwand.
Harro war gelinde gesagt enttäuscht. Einen Einbrecher hatte er sich anders vorgestellt. Gut, der Typ schleppte einen großen Sack mit sich herum, was seine Absichten aus der Perspektive des Hundes hinreichend dokumentierte. Trotzdem, in dem Alter sollte man nach Harros Meinung besser im Schaukelstuhl sitzen und nicht in einem abgefahrenen Kostüm Einbrüche verüben. Harro bezweifelte, dass es Spaß machen würde, den Einbrecher, der sich gerade wie ein altersschwacher Bär aus dem Schnee hoch kämpfte, über den Hof zu jagen. Aber egal, man nimmt, was man vor die Schnauze bekommt. Vielleicht würde er ja munterer werden, wenn er ihn mit seinen Zähnen bekannt machen würde. Das war eine gute Idee. Auf steifen Beinen verließ Harro sein Versteck. Das Spiel konnte beginnen.
„Das ist das letzte Mal“, fluchte der Weihnachtsmann leise vor sich hin, während er den verbliebenen Schnee von seinem roten Mantel klopfte. Eine Inspektion seiner Kehrseite bestätigte ihm, dass dort ein erschreckend großer Riss klaffte. Verfluchter Jägerzaun. Seufzend brach er die weitere Überprüfung ab. Zumindest hatte er sich nichts gebrochen, und das war die Hauptsache. Nun musste er nur noch seine Aufgabe erledigen, doch die war nicht gerade leicht. Sein Blick wanderte über die weiße Fassade des hübschen Einfamilienhauses, das mit seinen hölzernen Fensterläden und der bunten Beleuchtung in dem tief verschneiten, großzügigen Garten fast wie eines dieser Kerzenhäuser aus den Weihnachtsboutiquen wirkte. Sorgfältig musterte der Weihnachtsmann die hell erleuchteten Landhausfenster der ersten Etage, bis sein Blick an einem Fenster hängenblieb, das mit lauter Weihnachtsmalereien geschmückt war. Auf der Fensterbank saß ein Bär, der lässig eine Weihnachtsmütze über seinem rechten Ohr trug und in den Garten hinab sah. Die schwarzen Knopfaugen schienen ihn vorwurfsvoll anzustarren, und der Weihnachtsmann hätte schwören können, dass der Bär mitleidig sein Stoffhaupt schüttelte. Der Weihnachtsmann schnaubte. Wer interessierte sich schon für die Meinung eines altklugen Stoffbären? Zumindest wusste er nun, wo er hin musste. Mit einem Seufzen langte er nach seinem schweren Sack und erstarrte. Soweit er sich erinnern konnte, bestand dieser aus stabilem, von Elfenhand gewebtem Sackleinen, nicht jedoch aus struppigem Fell. Auch hatte er keine elfenbeinfarbenen Reißzähne gehabt. Erschrocken riss er die Hand zurück.
„Hallo“, knurrte Harro in seiner tiefsten Tonlage und stellte erfreut fest, dass die rosigen Wangen des Einbrechers plötzlich blass geworden waren. „Hast du dich verlaufen?“
„Sag mal, hat da nicht eben jemand um Hilfe gerufen?“, fragte Maren irritiert. Sie war überzeugt, gerade einen verzweifelten Hilfeschrei, gefolgt von einem freudigen Bellen und Knurren, vernommen zu haben.
„Ich habe nichts gehört.“
„Und wenn Harro gerade den Studenten verspeist?“
„Dann sparen wir Trockenfutter.“
Maren verzog wütend den Mund. Mit ihrem Mann konnte man im Augenblick wirklich nicht all zuviel anfangen. „Schon gut, dann sehe ich eben nach“, schnaubte sie und schritt energisch zur Vordertür.

„Das war wahrlich in letzter Sekunde.“ Mit dem, was von seinem rechten, roten Ärmel übrig geblieben war, wischte sich der Weihnachtsmann über die schweißnasse Stirn, dann schlug er dem Elfen Ruphus dankbar auf die Schulter. „Was würde ich nur ohne deine Zaubertricks machen?“
„In der Klemme stecken“, versetzte der Elf, während er grinsend den armen Harro betrachtete. Der fand das Ganze weniger komisch. Gerade noch hatte er sich so gut mit seinem Spielzeug amüsiert und nun, von einem Moment auf den anderen, konnte er kein Glied mehr rühren. Selbst seine Schnauze, aus der noch einige rote Stofffetzen heraushingen, war wie gelähmt. Er würde sich beim großen Weihnachtshund beschweren und sein Geschenk umtauschen.
„Solltest du nicht auf den Schlitten aufpassen?“, versuchte der Weihnachtsmann abzulenken.
„Klar, aber ich kenne Euch ja schon ein paar hundert Jahre, und in letzter Zeit habt Ihr immer Hilfe gebraucht.“
„Unsinn“, wiegelte der Weihnachtsmann ab, während er beobachtete, wie der Elf mit einer lässigen Handbewegung Harro in seine Hütte zurück beförderte. Es war schon ungerecht, dass Zaubern nur den Elfen vorbehalten war.
„Ich erinnere mich noch gut an das letzte Jahr, als Ihr Euch im Zimmer geirrt hattet und um Haaresbreite als Sittenstrolch verhaftet worden wäret.“
„Ach das..“ Verlegen rückte der Weihnachtsmann sein mitgenommenes Wams zurecht.
„Oder als man Euch in Texas für einen Viehdieb gehalten und auf Euch geschossen hat. Gut war auch die Geschichte in Australien...“
„Schluss jetzt“, unterbrach der Weihnachtsmann die Aufzählung. „Ich habe zu arbeiten, außerdem kommt jemand.“
Während Weihnachtsmann und Elf sich in den Schatten der seitlichen Hauswand duckten, ging an der Vorderseite des Hauses die Tür auf. Eine Frau trat ins Freie und sah sich aufmerksam um.
„Und?“, erklang eine gelangweilte Männerstimme aus dem Inneren.
„Falscher Alarm, Harro liegt friedlich in seiner Hütte.“ Die Frau verschwand wieder und schloss die Tür hinter sich. Harro konnte es nicht fassen. Sah denn keiner was hier los war? Dafür atmete der Weihnachtsmann erleichtert auf. „Das war knapp“, gab er zu und schritt zur Rückseite des Hauses. Ruphus folgte ihm amüsiert. „Also weiter im Text. Ich muss da oben hinein.“ Mit dem Finger wies der Weihnachtsmann auf die bemalte Scheibe, hinter der noch immer der Bär thronte. Sein Blick schien zu sagen: Hier kommst du nicht rein.
„Gut, dass Ihr so durchtrainiert seid“, spottete Ruphus mit einem bezeichnenden Blick auf den immensen Bauch des Weihnachtsmannes, der sein Wams bedenklich spannte.
„Das macht eine Woche Rentierstriegeln extra“, knurrte der Weihnachtsmann beleidigt und begab sich auf die Suche nach einer einfacheren Zutrittsmöglichkeit. Irgendwie würde er schon in dieses Haus kommen. Er spürte, dass die kleine Tina ihn brauchte. Viele Wünsche von Kindern gingen ihm im Laufe eines Jahres auf geheimnisvolle Weise zu. Doch leider wünschten sich diese, sehr zum Missfallen des Weihnachtsmannes, nur Spiele für ihre Computer oder Spielekonsolen, bei denen regelmäßig ganze Monsterhorden von einem degenerierten Helden unter Zuhilfenahme diverser Hypermegaüberkillwaffen vom Bildschirm gepustet wurden. Der Weihnachtsmann seufzte unbewusst. Wo war nur die Zeit geblieben, als er noch mit einer Holzeisenbahn aus seinem Rucksack ein Lächeln auf jedes Kindergesicht zaubern konnte? Vergangen, wie so vieles. Doch bei Tina war das anders, ganz anders. „Lieber Weihnachtsmann“, hatte sie ihren Wunsch begonnen, „ich wünsche mir nur zu wissen, dass es Minka im Katzenhimmel gut geht. Mehr nicht! Bitte, bitte sag mir, ob sie gut angekommen ist. Sie ist nämlich schon ein bisschen alt und sieht nicht mehr so gut. Ich wünsche mir nur, dass du ihr hilfst, falls sie sich auf dem Weg nach oben verflogen hat. Ich warte auf deine Antwort.“ Der Weihnachtsmann war gerührt und hatte Tinas Wunsch ganz oben auf die Liste gesetzt. Klar ging es Minka gut. Liebe Katzen kommen in den Himmel. Keine Frage! Und das würde er Tina mitteilen, außerdem hatte er da noch etwas in seinem Sack, das sie vielleicht ein wenig trösten würde.
„Und, schon eine Möglichkeit gefunden?“, riss Ruphus ihn aus seinen Gedanken.
„Hier ist noch eine Tür“, erwiderte der Weihnachtsmann leise. Tatsächlich befand sich auf der Rückseite des Hauses eine weitere Tür, hinter der sich eine strahlend hell erleuchtete Küche im Landhausstil verbarg. Wie sie von da allerdings unerkannt ins Zimmer der kleinen Tina gelangen sollten, blieb vorerst ein Rätsel. Dafür tat sich ein neues Problem auf. Während der Weihnachtsmann noch nachdenklich vor der hell erleuchteten Küchentür stand, öffnete sich diese plötzlich wie von selbst, und im Türrahmen erschien ein kräftig gebauter Mann.
„Da sind Sie ja. Wurde auch langsam Zeit“, begrüßte er den verdutzten Weihnachtsmann. „Na wenigstens haben Sie das mit der Hintertür nicht vergessen. Aber wer ist das?“ Mit erstauntem Gesichtsausdruck deutete er auf Ruphus, der seine spitzen Ohren unter seiner Wollmütze verschwinden ließ.
„Gestatten, Ruphus, Weihnachtself“, stellte er sich vor.
„Ich habe nur einen Mann bestellt und werde auch nur für einen bezahlen“, knurrte Michael unfreundlich zurück.
„Oh, der ist umsonst“, wiegelte der Weihnachtsmann ab, der allmählich seine Fassung wieder zurück erlangte.
„Na schön, dann kommt rein.“ Michael trat zur Seite und machte eine auffordernde Handbewegung. Zögernd leisteten Weihnachtsmann und Elf der Einladung Folge. Erfreut stellten sie fest, dass es in der Küche wie in ihrer heimischen Weihnachtsbäckerei am Nordpol roch. Auf der Arbeitsplatte standen fein säuberlich aufgereiht diverse Schüsseln mit selbst gebackenen Keksen, und im Ofen brutzelte irgendetwas vor sich hin, das Ruphus das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.
„Die Maske ist gut“, stellte Michael nüchtern fest, nachdem er den Weihnachtsmann näher in Augenschein genommen hatte. „Sie könnten glatt für hundert Jahre durchgehen.“
„Danke“, erwiderte der Weihnachtsmann erfreut. „Sport lohnt sich eben doch.“
Michael sah ihn daraufhin misstrauisch an. „Sie haben doch nichts getrunken?“
Weihnachtsmann und Elf schüttelten demonstrativ den Kopf. Erst jetzt fiel Michael der zerfledderte Ärmel des Weihnachtsmannes auf, der seiner Aufmerksamkeit bisher entgangen war. „Was ist denn damit passiert?“, fragte er irritiert. Verlegen versuchte der Weihnachtsmann seinen Ärmel hinter dem Rücken zu verbergen.
„Motten“, half Ruphus dem Weihnachtsmann mit einer Erklärung aus der Patsche.
„Ganz schön gefräßig“, stellte Michael beeindruckt fest.
„Oh ja, besonders die eine Plage hatte ziemlich große Zähne.“ Der Weihnachtsmann nickte bestätigend bei der Erinnerung an Harro, den Hofhund.
„Wann werde ich je erleben, dass die uns einmal einen vernünftigen Mann schicken?“ Michael seufzte, worauf der Weihnachtsmann beleidigt das Gesicht verzog. „Na schön, das ist jetzt nicht zu ändern“, fuhr Michael fort. „Nehmen Sie Platz, ich erkläre Ihnen gleich, was Sie tun sollen, doch zuerst muss ich dafür sorgen, dass wir nicht gestört werden. Das dauert nicht lange.“ Ohne ein weiteres Wort verschwand er durch die Küchentür und ließ einen verdutzten Weihnachtsmann nebst Elf zurück.
„Wie meint er das? Er erklärt uns, was wir tun sollen?“, fragte der Weihnachtsmann irritiert, während sie sich in die kleine, halbrunde Essecke, die an der Stirnseite der Küche halb unter dem gemütlichen Küchenfenster stand, zwängten. Er war ja schon eine ganze Weile im Amt, aber so eine Behandlung war ihm noch nicht untergekommen.
„Ich schätze, er verwechselt uns mit jemanden“, spekulierte Ruphus, während er sehnsüchtig die Keksschalen ins Auge fasste.
„Wie kann man mich verwechseln? Sehe ich vielleicht aus wie der Osterhase?“, fauchte der Weihnachtsmann empört.
„Naja, wenn man da etwas mit den Ohren machen würde...“
„Ruphus!“
„Schon gut, ich denke, er hält Euch für einen Mietstudenten, der den Weihnachtsmann spielen soll“, klärte Ruphus ihn auf.
„Oh..“
„Tja, ich schätze, wir bekommen ein ernstes Problem, wenn der echte Miet-Weihnachtsmann hier auftaucht. Vielleicht sollten wir besser wieder verschwinden.“
„Nicht bevor ich die kleine Tina glücklich gemacht habe“, erwiderte der Weihnachtsmann entschlossen. Liebevoll tätschelte er den großen Sack, aus dem zu Ruphus Erstaunen ein klägliches Miauen ertönte. Doch er zuckte nur die Achseln. Was das Beschenken anging, duldete der Weihnachtsmann keine Kritik. Dafür stellte Ruphus etwas anderes fest.
„Hier ist nicht nur Tina unglücklich“, bemerk
e er, wobei er sich durch einen großen Haufen Papier wühlte, der wie von Zauberhand plötzlich mitten auf dem Tisch erschienen war. „Ihre Bewerbung“ war auf vielen der Schreiben zu lesen, andere trugen die Überschrift „Letzte Mahnung“.
„Lass das sofort wieder verschwinden“, fauchte der Weihnachtsmann erschrocken.
„Das auch?“ In der Hand hielt Ruphus einen zerfledderten Reiseführer über Paris. Neben dem Bild des Eiffelturms, der die Titelseite schmückte, war handschriftlich notiert „Hochzeitstag in Paris?“ Weiter unten befand sich eine weitere Notiz. „Wahrscheinlich nicht, schade“, war dort zu lesen.
„Scheint so, als ob es hier noch ein wenig mehr Arbeit zu erledigen gibt“, seufzte der Weihnachtsmann. Ruphus nickte kurz, und die Ansammlung von Post nebst Reiseführer verschwand auf genauso wunderliche Weise, wie sie erschienen war. Gerade noch rechtzeitig, denn just in diesem Moment öffnete sich die Küchentür, und Michael kehrte zurück, gefolgt von seiner Frau.
„Frohe Weihnacht“, begrüßte Maren den Weihnachtsmann nebst Begleitung, die auf sie einen erschrockenen Eindruck machten, so als hätte man sie beinahe bei etwas erwischt. Ihr Blick streifte besorgt den großen Sack der auf dem Boden stand, doch eine kurze Inspektion der Küche lieferte keinen Anhaltspunkt dafür, dass etwas fehlte. Selbst die Kekse sahen noch vollzählig aus.
„Frohe Weihnacht“, erwiderte der Weihnachtsmann mit tiefer Stimme. „Und was wünscht du dir zur Weihnachten, Maren?“
„Sie wünscht sich nichts! Und hören Sie auf, uns mit dem Vornamen anzureden“, erwiderte Michael. Der Weihnachtsmann sah plötzlich verärgert aus.

„Du bist sehr unfreundlich, Michael! Außerdem stimmt das nicht. Deine Frau hat sehr wohl einen Wunsch. Habe ich Recht?“ Auffordernd sah der Weihnachtsmann Maren an, die rot anlief.
„Nun ja, eigentlich schon, aber dieses Jahr wollen wir darauf verzichten“, brachte sie zögernd hervor.
„Aber Schatz, ich dachte..“
„Sie wünscht sich eine Reise nach Paris, zum Hochzeitstag, ist doch nicht schwer zu erraten“, warf Ruphus lässig ein. Verwirrt irrte Michaels Blick zwischen Weihnachtsmann, Elf und seiner Frau hin und her.
„Woher wollen Sie das wissen?“
„Das würde mich auch interessieren?“, hakte Maren nach. Der Weihnachtsmann lächelte sie gutmütig an.
„Du hast es dir doch gewünscht, und alle Wünsche gehen auf verschlungenen Pfaden dem Weihnachtsmann zu“, erklärte er.
„Jetzt verstehe ich.“ Liebevoll sah Maren Michael an. „Du hast es ihm verraten, um mich zu überraschen. Oh Hase, das war lieb von dir.“ Sie strahlte über das ganze Gesicht. „Du hast doch an meinen Wunsch gedacht. Hast du schon gebucht?“
Michael fing an zu schwitzen. Er hatte das Gefühl, plötzlich in eine Bärenfalle getappt zu sein, aus der es kein Entkommen gab. „Nun..“, stotterte er, während er sich über das gutmütige Grinsen des Weihnachtsmanns ärgerte. „Ehrlich gesagt, habe ich nichts .....“ Das Klingeln der Türglocke rettete ihn vor einer Erklärung.
„Wer kann das sein?“, fragte Maren erstaunt.
„Ich schätze, ich habe da so eine Befürchtung“, seufzte Ruphus.

Vor der Tür wartete Thomas, Jura-Student im siebten Semester, in seinem schon leicht mitgenommenen Weihnachtsmannkostüm. Dies war nun schon sein neunter Auftritt für heute und dementsprechend motiviert war er. Die ersten zwei bis dreimal waren ja noch ganz lustig gewesen, doch spätestens beim vierten Mal hatte ihn der Job zu nerven begonnen. Wahrscheinlich würden ihn die Weihnachtslieder, die die Kinder ihm mit quietschenden Stimmen vorgesungen hatten, noch im nächsten Sommer verfolgen. Zum Glück hatte der eine oder andere Hausherr Mitleid gehabt und ihm gelegentlich etwas zum Trinken angeboten. Das hatte das Ganze ein wenig erträglicher gemacht. Er seufzte bei dem Gedanken, was ihn in diesem Haus wieder erwarten würde, während er erneut auf die Klingel drückte. Wollten die ihn hier erfrieren lassen? Dies war seine letzte Tour für heute, und er wollte endlich nach Hause! Gelegentlich warf er einen nervösen Blick auf die Hundehütte, in der ein beeindruckend großer Schäferhund lag. Doch zum Glück hatte der sich bisher nicht gerührt. Das Drehen des Schlüssels im Schloss der Haustür riss Thomas aus seinen Gedanken. Anscheinend hatte man ihn endlich gehört. Innerlich gab er sich einen Ruck, es war wieder Showtime.
„Ho, ho, ho, von draußen vom Walde komme ich her und .....“
„Das ist doch logisch, schließlich leben wir im Wald“, unterbrach Tina, die als Erste zur Tür gerannt und diese geöffnet hatte, Thomas Vortrag. Der war verblüfft. „Ähh, ja, da ist was dran“, stotterte er. „Also, Kleine, kann ich mal deine Eltern sprechen.“
„Wo ist denn dein Rentierschlitten?“ Neugierig sah Tina sich im Garten um, doch alles was sie entdeckte war ein betagter VW-Golf, der vor ihrer Gartentür parkte. Thomas seufzte. Wieder so ein Kind, das ihn mit Fragen quälte. „In der Inspektion“, erwiderte er sarkastisch. „Hör mal, ich würde jetzt wirklich gerne deine Eltern sprechen.“ Tina sah ihn misstrauisch an. Dieser Weihnachtsmann entsprach so gar nicht den Bildern aus ihren Büchern. Soweit sie sich erinnern konnte, trug der Weihnachtsmann auch keine ausgetretenen Turnschuhe und Jeans unter seinem roten Mantel. „Du bist gar nicht der Weihnachtsmann“, stellte sie energisch fest.
„Bin ich doch, und ich habe sogar eine große Rute mitgebracht“, knurrte Thomas verärgert, dem allmählich klar wurde, dass er sich von seinem Honorar verabschieden konnte, wenn es ihm nicht gelingen sollte, seine Rolle überzeugend zu spielen. Und im Augenblick sah es nicht so aus, als würde ihm das gelingen.
„Wenn du der Weihnachtsmann bist, dann weißt du auch, was ich mir gewünscht habe“, gab Tina ihm eine letzte Chance. Hoffnungsvoll sah sie zu ihm auf. Vielleicht hatte sie sich ja geirrt, und dies war wirklich der Weihnachtsmann.
„Na klar, jede Menge Spielzeug“, bluffte Thomas aufs Geratewohl.
„Falsch!“
„Hey, mach die Tür wieder auf!“ Ein dumpfes Klopfen ertönte, das Tina jedoch unbeeindruckt ließ. Im Eilschritt lief sie den Flur entlang und dann die Treppe hinauf. Beinahe hätte sie dabei zum zweiten Mal an diesem Abend ihren Vater überrannt, der gerade aus der Küchentür trat.
„Wer war denn an der Tür?“, rief er seiner Tochter hinterher.
„Ein Betrüger“, schallte es von oben zurück, gefolgt von einem lauten Knallen einer Zimmertür. Michael zuckte die Achseln. Heute war wirklich ein verrückter Tag. „Ja, ja, ich komme ja schon“, rief er, als erneut das ungeduldige Klingeln an der Haustür ertönte.
„Ho, ho, ho, von draußen vom Walde komme ich...“, setzte Thomas zu einem zweiten Versuch an, doch auch diesmal schaffte er es nicht, seinen Vortrag zu Ende zu bringen.
„Was wollen Sie denn hier?“, fragte Michael erstaunt beim Anblick des schlecht verkleideten Studenten, der über eine beachtliche Alkoholfahne verfügte. Der ließ resigniert die Schultern hängen. Entweder hatte sich die gesamte Hausgemeinschaft gegen ihn verschworen oder er war Opfer der versteckten Kamera geworden.
„Ihnen den neuen Hyper-Turbo-Staubsauger mit wieder verwendbarem Jutestaubsack andrehen“, brummte er, wobei er Michael seinen Weihnachtssack unter die Nase hielt. „Ich hoffe, ihnen gefällt die Ausführung. Den Besen gibt es gratis dazu.“

In der Küche versuchten inzwischen der Weihnachtsmann und Ruphus verzweifelt mitzubekommen, was draußen an der Tür passierte. Doch angesichts des Umstandes, dass Maren ihnen begeistert von Paris vor schwärmte, erwies sich das als aussichtslos. Ein plötzlicher Ruf Michaels unterbrach ihren Vortrag.
„Schatz, kommst du bitte mal. Hier stimmt etwas nicht.“
„Sie entschuldigen mich, ich bin gleich wieder da.“ Maren verschwand aus der Küche.
„Jetzt sitzen wir in der Falle.“ Der Weihnachtsmann seufzte. Ruphus legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter.
„Keine Sorge, mir fällt schon etwas ein. Wozu kann ich schließlich zaubern?“
Tina lag tief enttäuscht auf ihrem Bett, das Gesicht im Kissen vergraben. Was würde der Weihnachtsmann wohl dazu sagen, wenn er von diesem Betrüger wüsste?, fragte sie sich, als eine tiefe Stimme sie erschrocken hoch fahren ließ.
„Na, wer wird denn am Weihnachtsabend weinen?“

„Bist du der echte Weihnachtsmann?“, flüsterte Tina beim Anblick des weißbärtigen, gütig wirkenden Mannes in dem roten Anzug, wobei sie Ruphus argwöhnisch betrachtete. Ihr war schleierhaft, wie die beiden so plötzlich in ihrem Zimmer auftauchen konnten. Fast kam es ihr vor, als sei hier Zauberei im Spiel. Der Weihnachtsmann bückte sich zu ihr hinunter und strich ihr liebevoll über das Haar.
„Ja, ich bin der einzig wahre Weihnachtsmann, und das ist mein Gehilfe Ruphus. Du brauchst keine Angst zu haben.“
„Habe ich auch nicht“, erwiderte Tina trotzig, obwohl ihre Stimme ein wenig zitterte. „Aber wenn du der echte Weihnachtsmann bist, dann weißt du auch, was ich mir gewünscht habe.“
Der Weihnachtsmann nickte und öffnete seinen Sack. Tinas Augen wurden groß, als sie sah, was der Weihnachtsmann vorsichtig zutage förderte. Eine kleine, schwarz weiß gemusterte Katze. „Minka lässt dich übrigens grüßen. Es geht ihr gut im Katzenhimmel, und sie hofft, dass du auf diese Kleine hier aufpassen wirst. Bekommst du das hin?“
Tina nickte stumm, während eine einzelne Träne über ihre Wange lief.
„Danke“, flüsterte sie leise, dann sah sie den Weihnachtsmann ehrfürchtig an. „Du bist wirklich echt!“, staunte sie. Der Weihnachtsmann schmunzelte. „Oh ja, das bin ich, aber nun muss ich wieder los.“ Nervös sah er zu Ruphus hinüber. „Hol den Schlitten. Und lass dir etwas für diesen falschen Weihnachtsmann einfallen, damit wir Zeit gewinnen.“
„Schon geschehen“, antwortete Ruphus amüsiert.
In seiner Hütte stellte Harro begeistert fest, dass er die Kontrolle über seine Gliedmaßen zurückbekommen hatte. Nun war es an der Zeit, den Eindringlingen zu zeigen, wer der Hund auf diesem Hof war. Sein Blick fiel auf den Mann in dem lächerlichen roten Kostüm, der sich heftig mit seinen Leuten stritt. Er sah zwar mit seinem weißen Bart aus wie ein alter Mann, aber Harro konnte riechen, dass das nicht stimmte. Der Mann war ein Betrüger, und Harro mochte keine Betrüger. Er hatte schon eine Idee, wie er sich dem Unbekannten vorstellen würde. In froher Erwartung zog er die Lefzen zurück, so dass sich das Mondlicht auf seinen Zähnen spiegelte. Für einen kurzen Augenblick zögerte er und hob irritiert den Kopf. War da nicht eben etwas Großes lautlos zur anderen Seite des Hauses hinüber geflogen? Ein Schlitten, der von seltsamen Tieren gezogen wurde? Argwöhnisch musterte er den Himmel, an dem jedoch nur der Mond in einem Meer aus lauter kleinen Wolken schwamm. Unwillig schüttelte Harro den Kopf. Jetzt litt er schon unter Wahnvorstellungen. Es war an der Zeit, sich auf das zu konzentrieren, was er vor der Schnauze hatte, und das leuchtete verlockend rot. Harro setzte sich leise in Bewegung.
„Toll, ein echter Rentierschlitten, und er kann fliegen.“ Tina war begeistert. „Nehmt ihr mich mit?“, fragte sie den Weihnachtsmann, der gerade dabei war, mit der Hilfe von Ruphus durch das geöffnete Fenster auf den Schlitten zu klettern. Die Augen des Stoffbären, der bei diesem Manöver wie zufällig von der Fensterbank gefallen war, schienen zu sagen: Das schaffst du nie.
„Das geht leider nicht“, ächzte der Weihnachtsmann, während er einen halsbrecherischen Spagat zwischen Fensterbank und Schlittenkufe zu Wege brachte, der jeden Stuntman vor Neid hätte erblassen lassen. „Noch mehr Gewicht verträgt der Schlitten nicht.“
Auf der anderen Seite des Hauses ging es inzwischen lautstark zu.
„Sie verschwinden jetzt von unserem Grundstück. Ein betrunkener Student, der dazu noch meine Tochter verängstigt hat, kommt uns nicht ins Haus“, fauchte Maren wütend.

„Nicht ohne mein Geld. Wir haben einen Vertrag.“
„Das können Sie mit Harro aushandeln.“
„Wer ist Harro?“
Statt zu antworten, wies Michael nur lässig auf etwas oder jemanden hinter Thomas. Ein tiefes Knurren, das plötzlich hinter seinem Rücken ertönte, ließ Thomas schlucken.
„Ärgern Sie ihn nicht zu sehr, er ist sehr sensibel“, spottete Maren.
„Warten Sie, ich..“, setzte Thomas an und brach ab, als er sich unvermittelt der geschlossenen Tür gegenüber sah.
„Meinst du, Harro wird ihm etwas antun?“, fragte Maren mit leichter Besorgnis in der Stimme. Immerhin war Weihnachten, da sollte man Milde walten lassen. Michael winkte beschwichtigend ab.
„Ach was, er wird ihn nur ein wenig durch den Garten jagen, wie er es immer mit dem Postboten macht. Das schadet nicht und ist gut für die Fitness. Er wird uns dankbar sein.“ Ein lautes Bellen, gefolgt von einem heftigen Fluchen, ließ Michael aufhorchen. Dann ertönte das laute Klappen der Gartentür, und einen Augenblick später heulte ein altersschwacher VW-Golf Motor auf. Dem Tempo nach zu urteilen, mit dem er leiser wurde, hatte der Fahrer es eilig, Distanz zwischen sich und dieses Haus zu bringen. „Siehst du, er hat es geschafft.“
„Oder Harro fährt den Wagen und jagt ihn jetzt den Berg hinunter.“
Michael lachte. „Nette Idee, aber jetzt würde ich zu gerne wissen, wo dieser Weihnachtsmann in unserer Küche herkommt. Der kam mir gleich ein wenig suspekt vor.“ Energisch schritt Michael den Flur hinunter, öffnete die Küchentür und blieb verblüfft stehen. „Er ist verschwunden“, stellte er erstaunt fest.
„Wo ist er hin?“
„Keine Ahnung, vielleicht füllt er gerade seinen Sack mit unserer Stereoanlage.“
„Dann sollten wir ihn schleunigst finden.“
Eine Etage höher hatte der Weihnachtsmann inzwischen das Wunder vollbracht und war sicher auf dem Schlitten gelandet. Der hatte zwar bedenklich geschwankt, so dass Tina erschrocken die Luft angehalten hatte, aber letztlich war nichts weiter passiert.
„Auf Wiedersehen lieber Weihnachtsmann.“
„Auf Wiedersehen Tina, und pass gut auf die Kleine auf“, erwiderte er und wies auf die Katze, die es sich auf Tinas Armen gemütlich gemacht hatte. Sie sah mindestens so glücklich aus wie Tina.
„Ach ja, da wäre noch etwas“, bemerkte Ruphus, der aus seinem grünen Umhang ein offiziell aussehendes Schreiben hervor zog. „Gib das deinem Vater und sag ihm, ich hätte den Brief vorhin auf dem Weg gefunden. Wahrscheinlich hat er ihn verloren. Vergiss das bitte nicht, es ist wichtig.“
Tina nickte stumm und nahm den Brief entgegen, der auf wundersame Weise vom Schlitten ins Zimmer hinüber geschwebt war.
„Und nun leb wohl.“
„Auf Wiedersehen“, rief Tina, „bis zum nächsten Jahr“, dann verschwand der Schlitten wie ein Gespenst in der Nacht.
„Den Brief hast du doch nicht wirklich gefunden“, stellte der Weihnachtsmann fest.
„Sagen wir, ich habe ein wenig nachgeholfen, außerdem habe ich noch eine kleine Überraschung vorbereitet“, erwiderte Ruphus mit einem Grinsen auf dem Gesicht. Der Weihnachtsmann schnaufte gutmütig. „Ich sehe schon, in ein paar hundert Jahren trägst du einen langen weißen Bart und machst meinen Job.“
„Tja, wer weiß, möglich ist alles. Vielleicht sollte ich meine Berufsplanung noch einmal überdenken“, bemerkte Ruphus, worauf beide in ein so herzhaftes Gelächter ausbrachen, dass die Rentiere beinahe vom Kurs abgekommen wären. „Na dann wollen wir mal sehen, was uns als nächstes erwartet.“

„Was machst du denn da?“ Erstaunt betrachtete Maren ihre kleine Tochter, die vor dem offenen Fenster stand und in den Himmel starrte. Erst jetzt entdeckte sie, dass Tina etwas auf dem Arm trug. „Und wo kommt die Katze her?“
„Die hat mir der Weihnachtsmann geschenkt, und er hat gesagt, dass es Minka gut geht. Ist das nicht toll?“
„Ja, das ist toll, mein Schatz. Michael, kommst du mal, ich glaube, sie sind hier hinaus.“ Vorsichtig ging Maren zum Fenster hinüber und spähte in den Garten hinab, doch da war nichts zu sehen.
„Kannst du etwas entdecken? Hey, Tina, wo kommt denn die Katze her?“
„Hat sie vom Weihnachtsmann“, erwiderte Maren an Tinas Stelle.
„Und das hat mir der Weihnachtself für dich gegeben. Er hat es gefunden.“
„Zeig mal her.“ Erstaunt nahm Michael seiner Tochter den Brief ab, öffnete ihn und begann zu lesen. Maren, die inzwischen das Fenster schloss, warf ihm einen besorgten Blick zu. So einen Gesichtsausdruck hatte sie bei ihrem Mann schon lange nicht mehr gesehen. „Was steht denn da drin?“, wollte sie wissen.
„Das glaubst du nicht!“ Michael jubelte begeistert, worauf die Katze verängstigt von Tinas Armen sprang und sich unter einem Stuhl versteckte. „Ich habe einen neuen Job!“
„Was?“ Aufgeregt rannte Maren zu Michael hinüber und riss ihm den Brief aus der Hand. Ihre Augen flogen über den Text. „Tatsächlich“, stellte sie ungläubig fest. „Das ist ein Wunder.“ Als hätten sie den gleichen Gedanken gehabt, fuhren ihre Köpfe zum Fenster hinüber, wo angeblich der Weihnachtsmann verschwunden war.
„Glaubst du ..?“, fragte Maren zögernd.
„Ehrlich gesagt ....“ Michael stockte. Seine Welt war mit einem Mal ins Wanken geraten. Hatte er etwa wirklich den Weihnachtsmann in seine Küche geschleppt? Tinas Blick irrte zwischen ihren Eltern hin und her. Konnte das sein, dass die etwa nicht an den Weihnachtsmann glaubten? Energisch stampfte sie mit dem Fuß auf.
„Natürlich war das der Weihnachtsmann!“, stellte sie kategorisch fest.
Michael nickte, bückte sich und hob die kleine Katze auf, die noch immer unter dem Stuhl hockte. Er sah fragend zu Maren hinüber, die unbemerkt von Tina ihre Zustimmung signalisierte, dann wandte er sich seiner Tochter zu. „Natürlich war das der Weihnachtsmann“, sagte er und stellte erstaunt fest, dass er selbst ein wenig daran glaubte, „und einen neuen Hausbewohner hat er uns auch noch gebracht. Wenn das kein Grund zum Feiern ist! Und nach Paris kommen wir auch noch.“ Liebevoll zwinkerte er seiner Frau zu.
Harro hatte inzwischen seine Posten am Gartentor aufgegeben. Er bezweifelte, dass sein Opfer noch einmal zurückkehren würde. Das war schade, denn es hatte Spaß gemacht, den Fremden durch den Garten zu jagen. Während er zurück zu seiner Hütte trottete, meldete sein feines Gehör ihm, dass seine Leute etwas taten, was sie als Singen bezeichneten und Harro regelmäßig in den Ohren weh tat. Doch da sie immer nur dann sangen, wenn sie glücklich waren, nahm Harro es gelassen hin. Wenigstens ging es seinen Leuten gut. Plötzlich jedoch stieg ihm der Geruch von Gebratenem in die Nase. Überrascht blieb er stehen und hob witternd die Nase. Kein Zweifel! Der Geruch kam direkt von seiner Hütte. Begeistert rannte er hinüber und stellte verblüfft fest, dass sich sein Trockenfutter in einen riesigen Haufen seiner Lieblingsfleischstücke verwandelt hatte. Der große Weihnachtshund hatte ihm also doch nicht vergessen. Einen Augenblick zögerte er noch, hineinzubeißen, da ihm die Sache nicht geheuer vorkam, doch dann überwand er seine Scheu. Schließlich lautete seine Devise, man nahm, was man vor die Schnauze bekam.


28.12. Die Weihnachts-Mission


„Heiligabend fällt dieses Jahr aus!“

Irritiert sah der Weihnachtsmann von dem beeindruckenden Stapel der noch abzuarbeitenden Wunschzettel auf, der wie ein kleiner Berg auf seinem rot lackierten Schreibtisch thronte und musterte den Besucher missbilligend, der es gewagt hatte, so einfach in sein Büro zu stürmen. Natürlich Vingo, ging es ihm durch den Kopf, während ein tiefer Seufzer seiner Brust entfleuchte. „Was ist denn nun schon wieder?“, fragte er den aufgebrachten Elfen, dessen Kopf gerade einmal über die Tischkante reichte. Aber die mangelnde Größe stand in keinem Verhältnis zu dem aufbrausenden Wesen des Elfen. Seine spitzen Ohren wackelten bedenklich als er Luft holte, um seinen Unmut kund zu tun.
„Die Produktion für Actionfiguren läuft auf Hochtouren“, knurrte er.
„Das hör ich gern“, brummte der Weihnachtsmann, lehnte sich zurück und faltete die Hände über seinem, sich bedenklich spannenden Wams.
„Die Nachtschicht der Zwerge hat einen neuen Rekord im Verpacken von Computerspielen aufgestellt, und im Testlabor wird gerade eine neue Generation von Spielzeugpistolen im Science Fiktion Look zum Verschenken freigegeben.“
„Bestens, bestens“, freute sich der Weihnachtsmann, „und was soll dann der Zwergenaufstand? Entschuldigung“ brummte er, als sein Assistent, der Zwerg Zwolgo, verärgert von seiner Arbeit aufsah. „War nicht so gemeint.“
Dann wandte er sich wieder Vingo zu, der seine beiden Arme aufgebracht in die Seiten gestemmt hatte und den Weihnachtsmann aus Augen, die an grüne Jade erinnerten, fast ein wenig mitleidig ansah.
„Fällt Euch gar nichts auf?“, fragte Vingo. Irritiert sah der Weihnachtsmann sich um. Die Vorbereitungen für den Abend des Jahres liefen auf Hochtouren. Alles lief wie am Schnürchen. Sein Wams war frisch gebügelt, der Schlitten wurde gerade einer Generalinspektion unterzogen und selbst Rudolf das Rentier gab dieses Jahr Ruhe. Was wollte man mehr? Der Weihnachtsmann wusste es nicht und schüttelte daher zögerlich den Kopf. Worauf beim gehörnten Rentier wollte dieser Elf bloß hinaus?
„Seht Euch mal die Wunschzettel an. Wenn Ihr nur einen ernsthaften Wunsch darunter findet, der den Geist der Weihnacht widerspiegelt, striegle ich ab morgen die Rentiere.“
„Ich“, ächzte der Weihnachtsmann, „habe heute jede Menge Termine. Schlitteninspektion, Rentierprobeflug, Routenplanung und so weiter. Du kennst das ja. Da ist kein Platz für zusätzliche Marketingaktionen.“
„Ts, ts, ts“, bemerkte Vingo ironisch, der den sich windenden Weihnachtsmann betrachtete, als habe er ein störrisches Kind vor sich, während er aus den Tiefen seiner grünen Kleidung einen Stab hervorholte. Er versprühte kleine Leuchtsterne. „Die Belegschaft hat entschieden“, verkündete er in energischem Ton, während der Weihnachtsmann in seinem roten Wams zu schwitzen anfing. Das Ganze klang nicht gut.
„Ihr wollt auf dem Schlitten mitfahren?“, versuchte er, die Situation zu retten, während er in böser Vorahnung den Stab nicht aus den Augen ließ. Vingo schüttelte den Kopf und betrachtete Zwolgo mit einem vernichtenden Blick, der bei der Frage erfreut mit dem Kopf genickt hatte und nun plötzlich ein feuriges Interesse für die noch zu bearbeitende Post entwickelte. So eifrig hatte Vingo den Zwerg selten erlebt.
„Ihr habt bis heute Abend achtzehn Uhr Zeit, ein Kind, das den Glauben an den Weihnachtsmann verloren hat, davon zu überzeugen, dass es ihn doch gibt, ohne dass Ihr offenbaren dürft, dass Ihr der echte Weihnachtsmann seid. Ein Zauber wird verhindern, dass man Euch erkennt und Ihr auf Fragen, ob Ihr der echte Weihnachtsmann seid oder ähnliches, antworten könnt. Ihr würdet eine böse Überraschung erleben, solltet Ihr es versuchen. Und nun viel Glück.“ Mit einer theatralisch anmutenden Geste hob Vingo den Zauberstab, der eine Leuchtspur aus bunt glitzernden Sternen hinter sich herzog. „Wir alle vertrauen auf Euren Erfolg. Zeigt uns, dass der wahre Geist der Weihnacht noch immer lebt und unsere Aufgabe am Nordpol nicht sinnlos ist.“
Ein gleißender Sternenblitz schoss aus der Spitze des Stabes und ließ die Umgebung verblassen. Der Weihnachtsmann hatte plötzlich das Gefühl, in ein mit grellen Sternen angefüllten Abgrund zu fallen.
„Wo schickst du mich hin?“, brüllte er aus Leibeskräften, während er in erschreckendem Tempo tiefer und tiefer fiel.
„Nach Hamburg“, tönte schwach die Stimme des Elfen, den der Weihnachtsmann nur noch als blasses Schemen weit über ihm erkennen konnte. Dann verschluckte ihn endgültig die Kaskade aus bunten Sternen, und der Weihnachtsmann wusste, dass er die ungewöhnlichste und vielleicht wichtigste Reise seines Lebens antrat.

Schneeflocken wirbelten im einem verspielt anmutenden Reigen durcheinander und versperrten Svenja die Sicht auf den verwilderten Garten jenseits des alten Fensters. Der Wind ließ das alte Dachgebälk ächzen, als ahne das Haus, was ihm demnächst bevorstehen würde. Mit einem Seufzen wandte sie sich wieder dem Brief zu, der vor ihr auf dem Schulschreibtisch lag. Das blütenweiße Papier stand im krassen Gegensatz zum alten Holz des ausrangierten Schulschreibtisches, den Svenja so liebte. In nüchternen Worten hatte sie nun Schwarz auf Weiß, was sie seit Monaten nicht wahr haben wollte, aber tief in ihrem Inneren immer befürchtet hatte.
Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass das Waisenhaus mit Wirkung zum 31.01. des kommenden Jahres geschlossen wird.
Es folgte eine lapidare Begründung, die sich im Wesentlichen auf die hohe Vermittlungsrate der letzten Monate und den maroden Zustand des Objekts bezog sowie eine Andeutung zwischen den Zeilen hinsichtlich ihrer beruflichen Zukunft.
Das darf doch einfach nicht wahr sein, dachte Svenja und schlug mit der Faust derart wütend auf den Schreibtisch, dass sich Stuka erschrocken schnatternd von ihrem Ruhekissen erhob und aufgeregt mit den Flügeln schlagend durch das Zimmer watschelte.
„Tut mir leid Stuka, leg dich wieder hin“, beschwichtigte Svenja die aufgebrachte Graugans, die seit dem Herbst fest zum Inventar des Hauses gehörte. Vorwurfsvoll schnatternd watschelte Stuka wieder zu ihrem Kissen, nicht jedoch ohne einen sehnsuchtsvollen Blick nach draußen zu werfen, wie Svenja mitfühlend registrierte.
Die Gans vermisste den Sommer.
Vielleicht bedauerte sie es ja, es ihren Artgenossen nicht gleich getan und in den Süden gezogen zu sein, aber mit einem gebrochenen Flügel wäre das kaum möglich gewesen.

„Du hast Glück gehabt, dass dir das ausgerechnet bei uns passiert ist, sonst wärst du vermutlich als Braten geendet“, neckte sie die leise schnatternde Gans in Erinnerung an den Tag, als sie Stuka verletzt im Garten gefunden und versorgt hatte. Der Gans hatte die Pflege so gut gefallen, dass sie einfach nach ihrer Genesung geblieben und zum Liebling der Kinder geworden war. Svenja schmunzelte bei der Erinnerung, doch dann fiel ihr Blick wieder auf den Brief, und die Gegenwart holte sie unerbittlich ein.
All das Vertraute um sie herum war dem Untergang geweiht.
Was aus ihr wurde, war ihr dabei nicht so wichtig. Ganz anders fühlte sie aber, wenn sie an die Zukunft der Kinder dieses Heims dachte. Insbesondere an die Zukunft eines Kindes. Die Adoptionsverfahren waren abgeschlossen oder standen kurz vor dem Abschluss. Nur für ein Kind hatte sich bisher keiner interessiert.
Für Lisa.
Mit ihren fünf Jahren war sie das älteste Kind im Waisenhaus und damit alles andere als im vorteilhaften Vermittlungsalter. Jüngere Kinder waren gefragter. Svenja hatte das nie verstanden, denn sie hatte das Mädchen mit dem schwarzen Lockenschopf und den blitzenden blauen Augen sofort ins Herz geschlossen. Lisa, die bei einem Autounfall vor drei Jahren ihre Eltern verloren und keine anderen lebenden Verwandte hatte, hatte ihr Herz sofort im Sturm erobert. Svenja hatte sogar schon selbst ein Adoptionsantrag gestellt, war aber gescheitert. Alleinstehend, berufstätig, eine zu kleine Wohnung waren nur einige der Gründe gewesen, warum man ihren sozialen Hintergrund als ungeeignet eingestuft hatte.
Was das Herz fühlte, hatte keiner gefragt.
Genauso wenig wie jetzt.
Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen, und die Stadt das Grundstück an einen Bauunternehmen lukrativ verkaufen.
Es war frustrierend.
Wenn Svenja jemals einen Weihnachtswunsch gehabt hatte, dann jetzt. Aber wer erfüllte einer enttäuschten, allein gelassenen Fünfundreißigjährigen schon noch Wünsche.
Der Weihnachtsmann?
Schön wäre es, aber an Wunder glaubte sie schon lange nicht mehr.
Der Weihnachtsmann hätte viel darum gegeben, wenn ihm ein kleines Wunder geholfen hätte, seine Landung sanft zu gestalten. Doch dem war nicht so. Mit einem schmerzhaften Aufklatschen endete die Reise abrupt in einem mächtigen Schneehaufen, aus dem er sich wie ein schlaftrunkener Bär auf die Füße kämpfte. Wütend wischte er sich den Schnee aus dem Gesicht, und stellte dabei entsetzt fest, dass er statt seines langen, gepflegten weißen Bartes nun über eine kurze, struppige Barttracht verfügte, die jedem Stadtstreicher zu Ehre gereicht hätte. Ein weiteres Abtasten ließ ihn erschrocken aufkeuchen, als er ein kahles Haupt ertastete, bar der üppigen weißen Haartracht, die sein Kopf bis eben noch geziert hatte, und sauber poliert war, wie eine Billardkugel.
Dieser verfluchte Elf! Rentierstriegeln wird dir noch wie ein Erholungsurlaub vorkommen, knurrte der Weihnachtsmann, während er die Inspektion fortsetzte. Natürlich war auch sein schönes rotes, magisch wärmendes Wams verschwunden. Statt dessen trug er nun einen schwarzen, ausgeleierten Rollkragenpullover unter einem grauen, kratzigen Wollmantel, der schon bessere Tage gesehen hatte und eine verblichene blaue Jeans nebst schwarzen Winterstiefeln. Eine Kombination, die mit dem Weihnachtsmann so viel gemein hatte, wie der Osterhase mit den Blues Brothers.
Das konnte ja heiter werden!
Wie sollte er in diesem Outfit bloß überzeugend sein?
Apropos überzeugend sein, rief sich der Weihnachtsmann in Erinnerung und nahm erst einmal seine Umgebung in Augenschein. Offenbar war er zumindest am richtigen Ort gelandet. Unter ihm lag ein Gewässer, in deren Mitte ein mächtiger, beleuchteter Weihnachtsbaum in den Himmel ragte, und am anderen Ufer konnte er die prächtig erleuchteten Fassaden diverser Kaufhäuser entdecken. Na dann wollen wir mal, sprach sich der Weihnachtsmann selber Mut zu, kämpfte sich den kurzen Weg zur Straße hinauf, wo auf mehreren Fahrspuren unzählige Fahrzeuge in beide Richtungen über eine gewaltige Brücke unbekannten Zielen entgegeneilten und machte sich auf den Weg. Es wäre doch gelacht, wenn er in dieser Umgebung nicht ein ungläubiges Kind zum Glauben an den Weihnachtsmann bekehren könnte. „Es gibt keinen Weihnachtsmann. Genauso wenig, wie den Mann im Mond, ET oder nette Jungs“, brummte Lisa und gab dem kleinen Willi einen liebevollen Tritt, als dieser versuchte, sie in den Fuß zu beißen.

„Natürlich gibt es ihn“, protestierte die dreijährige Tina, die zusammen mit Svenja und ein paar anderen Kindern damit beschäftigt war, mit Hilfe einiger Tannenzapfen, Streichhölzer, Eicheln, Kastanien und Kleber kleine Figuren zu basteln. Eine Beschäftigung, die allen außer Lisa viel Spaß bereitete.
„Und warum hat er mir nie einen Wunsch erfüllt?“, klagte Lisa.
„Vielleicht mag er dich nicht“, überlegte Tina, „dich mag doch sowieso keiner“
„Tina!“, ermahnte Svenja die Dreijährige, während Lisa auf dem Absatz kehrt machte und beleidigt die knarrende Holztreppe ins Obergeschoß hinauf stürmte, wo die Kinderzimmer lagen. Einen Augenblick später knallte eine Tür derart heftig ins Schloss, dass die Fenster leise klirrten. Svenja zuckte zusammen. Als hätte sie nicht schon genug Probleme. Mit einem Seufzen erhob sie sich und ging zur Treppe hinüber. Es war schon ungerecht, dass es keinen Weihnachtsmann gab, der Lisas Wunsch erfüllen konnte, denn Svenja konnte sich gut vorstellen, wie ihr sehnlichster Wunsch aussah.
„Ho, ho, ho, willkommen in unserem Weihnachtsparadies. Ein Stück Schokolade gefällig“, begrüßte den Weihnachtsmann eine Prachtausgabe von Werbeweihnachtsmann, als er vor der glitzernden Fassade eines Kaufhauses anhielt. Um ihn herum wuselten die Menschen wie die Ameisen auf der Flucht herum. Neid überkam den Weihnachtsmann, als er sein Gegenüber musterte. So sollte eigentlich ich aussehen, dann hätte ich es deutlich leichter, meinen Auftrag zu erfüllen, dachte er und grübelte über seine verfahrene Situation nach. Warum sollte er eigentlich nicht so aussehen? Gut, er durfte sich nicht als wahrer Weihnachtsmann offenbaren, aber niemand hatte ihm verboten, in die Rolle eines Werbeweihnachtsmanns zu schlüpfen. Alles eine Frage der Auslegung, resümierte er, dann wandte er sich an sein Gegenüber.
„Wie bekomme ich so einen Job?“
„Über Herrn Petersen, Personalabteilung, erster Stock. Die haben am Umsatz stärksten Tag des Jahres immer Bedarf. Aber überlege Dir das gut, Kumpel, der Job ist stressig.“
„Wem sagst du das,“, brummte der Weihnachtsmann und verschwand im Inneren des Kaufhauses.
Das Vordringen zu Herrn Petersen gestaltete sich schwieriger, als das Hirndurchzwängen durch einen zu engen Kamin, in dem die Holzkohle noch qualmte. Aber schließlich hatte er es geschafft und wartete auf das erste Bewerbungsgespräch seines Lebens. Verstohlen musterte er den Personalchef hinter seinem beeindruckenden Schreibtisch, dessen Gesichtsausdruck so ausdruckslos war, als habe er sich gerade eine Jahresration Botox injiziert. Der Weihnachtsmann fand es geradezu grotesk, dass ausgerechnet ein Mensch mit der Ausstrahlung eines Grönlandgletschers darüber zu bestimmen hatte, wer für die Kinder den Weihnachtsmann geben durfte. Sein Blick wanderte besorgt zu dem Bewerbungsbogen, den er nach bestem Wissen und Gewissen ausgefüllt hatte und den Herr Petersen nun aufmerksam las. Seine Laune wurde dabei zusehends schlechter. „Nun“, hub er schließlich an und nahm seine Brille ab, „ich bin ein Mann mit Humor....“ Der Weihnachtsmann unterdrückte ein Auflachen, denn seiner Ansicht nach hatte Herr Petersen genauso viel Sinn für Humor, wie ein Eisbär, dem man gerade in die bepelzte Kehrseite getreten hatte. „..aber d a s lässt selbst mir das Lachen vergehen!“, fuhr Herr Petersen fort. „Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“
Aufgebracht fuchtelte er mit dem Bewerbungsbogen vor dem Gesicht des Weihnachtsmanns herum. „Name: Santa Klaus, Alter: zweihundertfünfzig Jahre!“, brachte er mit bebender Stimme hervor. „Wohnsitz: Nordpol!, Erfahrung: circa zwei Millionen Weihnachtsauftritte weltweit, Sonstiges: Rentierflugschein! Sind Sie noch ganz gesund?“, schnappte Herr Petersen.
„Wenn man dem Elf Hippokrates Glauben schenken mag, leide ich lediglich unter leichtem Ischias, aber wir kommen ja alle in die Jahre“, bekundete der Weihnachtsmann gutmütig, während er besorgt beobachtete, wie Herr Petersen ein Glas mit kleinen roten Pillen zutage förderte. „Aber ich weiß gar nicht, warum Sie sich aufregen. Ich dachte, Sie wollten einen überzeugenden Weihnachtsmann“, versuchte er den angeschlagen wirkenden Personalchef zu beruhigen.
„Na schön, was soll’s.“ Ein halbes Dutzend rote Pillen wechselten den Aufenthaltsort. „Man wird ohnehin verrückt in diesem Job, da kann es nicht schaden, wenn man es schon ist.“ Er kicherte nervös. „Sie kennen Ihre Aufgabe?“
„Den Kindern den Geist der Weihnacht nahe bringen und Freude und Frieden auf Erden verbreiten.“
„Das haben wir nicht im Verkaufsprogramm“, knurrte Herr Petersen, der schon wieder mit den Pillen liebäugelte. „Schluss mit den Scherzen. Sie manipulieren die lieben Kleinen so, dass sie ihre Eltern mit Wünschen quälen, die es – welch Wunder – zu Superangeboten in unserem Haus zu erwerben gibt. Also, wecken Sie ihre Bedürfnisse! Hier ist eine Liste mit dem Zeug, das wir noch losschlagen müssen.“
Irritiert nahm der Weihnachtsmann einen DIN A 4 Bogen entgegen, der eine erschreckend lange Aufzählung von fragwürdigem Spielzeug auflistete.
„Sehen Sie zu, dass Sie möglichst viel Monstermanartikel an das Kind kriegen. Davon haben wir noch ein ganzes Lager voll.“
„Monsterman?“, fragte der Weihnachtsmann irritiert.
Statt einer Antwort beförderte Herr Petersen eine circa dreißig Zentimeter hohe Plastikpuppe zutage, deren Gesicht derart furchteinflößend wirkte, dass selbst das unerschrockene Rentier Rudolph Reißaus genommen hätte.
„Monsterman!“, brachte Herr Petersen stolz hervor, dem man eine gewisse Ähnlichkeit mit der Figur nicht absprechen konnte.
„N....ne...nett“, stammelte der Weihnachtsmann, der unwillkürlich zurückzuckte und sich im Geiste eine Notiz machte, auf keinen Fall Monsterman in das Warenproduktmanagement am Nordpol aufzunehmen. Die Elfen würde der Schlag treffen.
„Bart, Kostüm etc. bekommen Sie von Frau Ziernich, unserer Ausrüsterin, außerdem einen Sack mit Werbeartikeln. Das sind Schokoladenweihnachtsmänner, aufgeklebt auf einen Pappweihnachtsbaum, auf dessen Rückseite unsere Special-Angebote zum Festtag aufgelistet sind, allen voran...“
„Monsterman?“, vermutete der Weihnachtsmann.
„Bingo! Ich sehe, Sie haben es begriffen. Und nun, sorgen Sie für Umsatz, und viel Spaß mit den kleinen Plagegeistern.“

Unzählige Schneeflocken wurden vom Wind gegen das Fenster getrieben, blieben kleben, vergingen und hinterließen feuchte Spuren auf dem Fensterglas. Svenja erinnerten sie unwillkürlich an Tränen. Unterhalb des Fensters lag Lisa auf ihrem Bett und hatte den Kopf in ihr Kissen vergraben. Ein Bär mit einer Weihnachtsmütze auf dem Plüschohr saß auf der Fensterbank und schaute traurig mit seinen Knopfaugen auf sie herunter.
„Wünsche gehen in Erfüllung. Man muss nur fest daran glauben“, sagte Svenja leise. Die alten Stahlfedern quietschten, als sie sich zu Lisa aufs Bett setzte und ihr über das Haar strich.
„Ich kann an nichts mehr glauben“, schluchzte Lisa, „und schon gar nicht an den Weihnachtsmann. Alle anderen Kinder werden bald eine Familie haben, nur ich bleibe allein. Und dabei will ich doch nur, dass du meine Mama wirst. Warum geht das nicht?“
„Wer sagt, dass das nicht geht?“
„Du“, schluchzte Lisa. „Du hast gesagt, ich muss vielleicht weg von hier, in ein anderes Heim, ohne dich. Und ich habe doch nur dich. Ich will dich nicht verlieren!“ Das Schluchzen wurde herzzerreißend.
„Das wirst du nie. Heute ist Weihnachten, da gehen Wünsche in Erfüllung, vertrau mir.“
Svenja schluckte den Kloß hinunter, der sich in ihrem Hals gebildet hatte. In Momenten, wie diesen, hatte sie das Gefühl, das ganze Leid der Welt auf ihren schmalen Schultern zu tragen. Sie liebte dieses Kind, aber wie sollte sie ihm erklären, daß es diejenigen, die über Lisas Zukunft zu entscheiden hatten, nicht interessierte?
Wie sollte irgendjemand dies einer verzweifelten Fünfjährigen begreiflich machen?
Svenja wusste es nicht. Rational betrachtet mochte die Entscheidung des Fürsorgeamtes nachvollziehbar sein, mit dem Herzen war sie es nicht. Denn Jugendämter sahen nur welches zu Hause, wie Alt und wie dick ist das Bankkonto, von einer Seele eines Kindes haben sie genau so viel Ahnung, wie ein Fisch vom Landgang. Was nützt alles Geld, wenn das Kind doch nicht glücklich werden kann, wenn die Liebe nicht in das Haus wohnt, sondern weil es gerade „IN“ ist Kinder zu adoptieren. Wenn doch nur ein Wunder geschehen würde.
[und Jetzt Drücken .... nur Geduld es geht gleich weiter ;-)).]
"Driving_Home_for_Christmas..... raunte Chris Rea mit gewohnt rauchiger Stimme, während der Weihnachtsmann in einem zu engen, zwickenden Kostüm durch die Gänge des Warenhauses schlurfte und die Elfen verfluchte, die ihn in diese Lage gebracht hatten.
„With a thousand memories....“
Wem sagst du das, dachte der Weihnachtsmann wehmütig, der sich verlegen unter der Perücke kratzte. Das Desinfektionsmittel, das ihm Frau Ziernich mit der in die Jahre gekommenen Haartracht in die Hand gedrückt hatte, ließ Schlimmes erahnen. An den Bart wollte er lieber gar nicht erst denken.
„Ich will Schokolade!“
Erstaunt blickte der Weihnachtsmann nach unten und entdeckte an der Hand einer elegant gekleideten Frau einen circa vierjährigen Jungen, der in einen farbenfrohen Parka gekleidet war und ihn herausfordernd ansah.
„Aber gerne, mein Kleiner“, brummte der Weihnachtsmann erfreut und kramte in seinem Sack nach einem Schokoladenwerbeträger. „Freust du dich schon auf den Weihnachtsmann heute Abend?“
„Nein, auf Monsterman!“
„Und was ist mit mir?“, fragte der Weihnachtsmann mit gespielter Empörung.
„Du bist nicht echt!“, erwiderte der Kleine mit trotziger Miene, während er versuchte, den Weihnachtsmann gegen das Knie zu treten.
„Wir pflegen eine aufgeklärte Erziehung“, ließ sich die aufgestylte Mutter mit herablassender Stimme vernehmen. Sie machte keine Anstalten, ihrem talentierten Kind das Malträtieren des Weihnachtsmannes zu verbieten. „Wir halten nichts davon, unseren Kindern erst eine Fiktion von einer heilen Welt mit Fantasiefiguren vorzugaukeln, um dann ihr Weltbild wieder einzureißen. Das führt zu psychischen Störungen.“„Sie sprechen aus Erfahrung?“, vermutete der Weihnachtsmann und erntete dafür einen Blick, der mit der Kälte des eisigen Polarwinds problemlos mithalten konnte.

„Komm, wir schauen mal nach Monsterman. Das ist interessanter, als diese Werbefigur“, lockte sie ihren Sohn.
„Oh jaaahhh, Monsterman“, stimmte ihr Sohn begeistert zu und landete endlich einen Treffer gegen das Knie des Weihnachtsmanns. Ein Leuchten ging über sein Gesicht, als der Weihnachtsmann aufjaulte.
„Dir auch schöne Weihnachten“, rief er dem kleinen Quälgeist hinterher.
„Ja, ja, man hat’s schon nicht leicht hier“, ertönte eine mitfühlende Stimme hinter dem Weihnachtsmann. Der drehte sich um und sah sich unvermittelt seinem Ebenbild gegenüber. „Bist wohl auch als Verstärkung für die letzte Schlacht eingekauft worden“, vermutete das Ebenbild und hielt ihm die Hand hin. „Ich bin Manfred. Tust du mir einen Gefallen?“
Der Weihnachtsmann hob die Augenbrauen, während er automatisch die Hand seines Gegenübers schüttelte.
„Ich will mal einen Happen essen. Kannst du für mich einspringen und an meiner Stelle den kleinen Monstren in der Spielzeugabteilung Geschichten erzählen?“
„Gerne“, erwiderte der Weihnachtsmann, der plötzlich völlig neue Möglichkeiten am Horizont auftauchen sah. Geschichten erzählen, vom Geist der Weihnacht berichten. Ja, das konnte die Rettung sein.
„Danke, hast was gut von mir“, bedankte sich Manfred. Dann wandte er sich ab und tauchte in der Menge unter. Der Weihnachtsmann konnte ein freudiges Grinsen nicht unterdrücken.
Zum Teufel mit Monsterman!
In freudiger Erwartung humpelte er zur Spielzeugabteilung hinüber, wo ein mit rotem Samt bezogener, hochlehniger Stuhl inmitten einer künstlichen Schneelandschaft einladend auf ihn zu warten schien. Lediglich die beiden riesigen Stapel aufgeschichteter Monstermanverpackungen zu beiden Seiten der Kulisse störten ein wenig das idyllische Gesamtbild. Aber das war dem Weihnachtsmann im Augenblick egal. Mit einem Seufzen ließ er sich nieder und harrte der Dinge, die da kommen sollten.
Und die ließen auch nicht lange auf sich warten.
Eine Mutter, mit jeweils einem Kind an der Hand und einem hochgradig gestresstem Gesichtsausdruck, überantwortete ihm unvermittelt ihren Nachwuchs mit den Worten: „Das ist der Weihnachtsmann. Hört gut zu, was er euch zu sagen hat und was passiert, wenn ihr nicht artig seid.“ Um Unterstützung heischend sah sie den Weihnachtsmann an, dessen Oberschenkel umgehend von den Kindern in Beschlag genommen wurden. Links saß nun ein circa dreijähriges Mädchen mit einer bunten Winterwollmütze. Sein rechtes Bein war von einem etwa doppelt so alten Jungen besetzt, der ein typisches Lausbubengesicht hatte.
„Eine Geschichte, eine Geschichte“, bettelte das Mädchen,
„Ja, mit Monsterman“, ergänzte der Junge. „Kennst du die, bei der Monsterman die Superklaue hat und seinen Gegner damit bis hinter den Saturn schleudert? Die ist echt cool. So eine Klaue wünsche ich mir.“ Um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, schlug er mit der Faust auf das malträtierte Knie des Weihnachtsmannes, der ein erneutes Aufjaulen gerade noch unterdrücken konnte.
„Was hast du denn mit der Klaue vor?“, fragte der Weihnachtsmann, dem Schlimmes schwante. Der Junge warf daraufhin einen bezeichnenden Blick zu seiner Schwester, so dass der Weihnachtsmann das Thema lieber nicht vertiefen wollte. Jenseits des Saturn herrschte ein verdammt rauhes Klima, nicht nur für kleine, dreijährige Mädchen.
„Was ist mit der Geschichte?“, quengelte die Kleine wie aufs Stichwort, worauf sich der Weihnachtsmann wieder an seine Mission erinnerte. Ein gütiges Lächeln überzog sein Gesicht. „Aber gerne“, brummte er. „Ich erzähle euch eine Geschichte vom wahren G e i s t der Weihnacht.“
„Geist?“, wisperte das Mädchen mit bebender Unterlippe. Ein untrügliches Zeichen dafür, daß ein Ausbruch, der mindestens dem des Vesuv ebenbürtig wäre, unmittelbar bevorstand. Doch der Weihnachtsmann übersah das drohende Ungemach und fuhr fort, mit tiefer Stimme zu erzählen.
„Es begab sich in einer tiefen, dunklen Nacht..“
„Mamaaa!“
„in einer fernen Stadt namens...“
„Der macht mirAaaannnngggsst!!!!“
Der Weihnachtsmann zuckte zusammen, als hätte er einen Huftritt von Rudolph abbekommen. Direkt gegen das rechte Knie.
Wie schafften es so kleine Kinder nur, ihr Organ mit der Lautstärke eines Nebelhorns erklingen zu lassen?
„Das war cool, Mann. Besser als Monsterman. Gibt’s davon eine CD? Die würde ich ihr gerne mal nachts vorspielen!“, fragte der Junge begeistert, der grinsend beobachtete, wie sich seine weinerliche Schwester in die Arme ihrer Mutter flüchtete. Der Ausdruck in ihren Augen, mit dem sie den Weihnachtsmann bedachte, hätte selbst den spanischen Inquisitatoren Furcht eingeflößt. Doch der Weihnachtsmann hatte derzeit andere Probleme. Eine Stimme, die gut zu Monsterman gepaßt hätte, erklang plötzlich drohend hinter ihm und veranlasste nun auch den Jungen, zu seiner Mutter zu eilen.
„Sind Sie noch ganz bei Trost?“, wetterte Herr Petersen, der das Ganze mitbekommen hatte.
„Ich hab doch nur...“, protestierte der Weihnachtsmann.
„...meinen Kindern Angst eingeflößt!“, ergänzte Quengelsuses Mutter giftig den Satz. „Da kaufe ich doch lieber bei der Konkurrenz. Die haben dort mit Sicherheit Fachpersonal!“ Wutschnaubend machte sie auf dem Absatz kehrt und zog ihre beiden Kinder im Schlepptau hinter sich her. Nur der Junge drehte sich noch einmal um und hob den Daumen in die Höhe, dann verschluckte sie die durcheinander wuselnde Menschenmasse.
„Arbeiten Sie für die Konkurrenz?“, fragte Herr Petersen bissig.
„In gewissem Maße. Das ist schwer...“, erwiderte der Weihnachtsmann, doch auch diesmal kam er nicht dazu, den Satz zu Ende zu bringen.
„Bist du der echte Weihnachtsmann?“, fragte ein kleines Mädchen mit ehrfürchtiger Stimme, dessen Vater es behutsam in Richtung Weihnachtsmann schob. Erfreut beugte sich der Weihnachtsmann zu der erwartungsvoll blickenden Kleinen hinunter, indes Herr Petersen dem überrumpelten Vater die Liste mit den Sonderangeboten in die Finger drückte.
„Ich bin der wa wa www, der ww wa...“, stotterte der Weihnachtsmann, verstummte und lief rot an. Nun verstand er, was Vingo gemeint hatte. Er hatte keine Chance zu erklären, wer er wirklich war.
„Ich hab dich nicht verstanden, Weihnachtsmann“, flötete die Kleine.
„Der wawawa..“, versuchte der Weihnachtsmann es erneut, während Herr Petersen schon wieder kleine rote Pillen in sich hineinstopfte.
„Ja, er ist der wahre Weihnachtsmann, und hat ein paar schöne Vorschläge für deine Weihnachtswünsche“, säuselte er und versetzte dem Weihnachtsmann einen Stoß, der ihn beinahe vornüber hätte kippen lassen. „Nun bestätigen Sie das endlich“, fauchte er ihm ins Ohr.
„Der wa wa www www wawawa“, stammelte der Weihnachtsmann unglücklich, worauf sich eine steile Falte auf der Stirn der Kleinen bildete.
„Bist du etwa gar nicht der echte Weihnachtsmann?“
„Doch, das ist er. Glaub mir. Ich kenne seinen Lebenslauf. Er lebt normalerweise am Nordpol.“
„Da ist ihm wohl die Sprache eingefroren“, kommentierte der Vater der Kleinen das Ganze trocken.
„Wawaw www“, protestierte der Weihnachtsmann.
„Komm mit, der Weihnachtsmann ist heute ein wenig überlastet“, tröstete er die Kleine, während Herr Petersen vor Verlegenheit derart rot anlief, als würde für Feuerlöscher werben. Die Konsequenz auf die Glanzvorstellung des Weihnachtsmannes ließ nicht lange auf sich warten. Keine fünf Minuten später fand er sich seines Kostüms beraubt vor die Tür gesetzt wieder.
„Driving home for Christmas...“, empfahl ihm Chris, während der Sicherheitsmann, der ihn freundlich aber bestimmt vor die Tür komplimentiert hatte, deutlichere Worte fand.
„Lassen Sie sich hier nicht wieder blicken! Sie haben Hausverbot. Schöne Weihnachten.“
Der Weihnachtsmann war deprimiert. Einsam und verlassen ließ er sich auf dem breiten Fußgängerweg mit der Menge treiben. Noch nie in seinem Leben hatte er sich am vierundzwanzigsten Dezember so unglücklich gefühlt. In der Ferne schlug die Rathausuhr zweimal und ließ ihn zusammenzucken. Noch vier Stunden, dann war die Frist abgelaufen.



In diesem Moment höchster Not spürte der Weihnachtsmann plötzlich, dass er in einem anderen Teil der Stadt gebraucht wurde. Es war ein unbestimmtes, nicht zu greifendes Gefühl, das ihn an längst vergangene Zeiten erinnerte und seine Schritte zielstrebig über die breite Treppe eines S-Bahneingangs in den Bauch der Erde hinab lenkte. Unzählige Menschen drängten sich dort hinab, während mindestens ebenso viele nach oben strebten, dem Einkaufswahnsinn entgegen. Zum Erstaunen des Weihnachtsmannes spielte eine Etage tiefer eine zerlumpte Gestalt Weihnachtslieder auf der Gitarre und sang dazu. Die Hoffnungslosigkeit im Blick des jungen Sängers rührte das Herz des Weihnachtsmannes, und er machte sich im Geiste eine Notiz, dass hier sein Einsatz erforderlich war. Vielleicht hatte Ruphus, der Elf, eine Idee, wie man dem Unglücklichen helfen konnte, dessen Elend von den meisten vorbei gehenden Menschen ignoriert wurde. Der Weihnachtsmann verstand das nicht. Wie konnte man es nur über das Herz bringen, an diesem heiligen Tag das Leid anderer zu ignorieren? Hatten die Elfen wirklich Recht damit, dass vom Geist der Weihnacht nicht mehr viel übrig war? War Weihnachten tatsächlich nichts anderes mehr, als eine einzige Kauforgie, bar jeglichen Gedankens an das, was hinter diesem Tag stand?
Bedrückt stieg der Weihnachtsmann die nächste, nicht enden wollende Treppe hinab und dachte an Ruphus, der dem Weihnachtsmann mit seinen Zauberkräften schon öfter bei der Erfüllung von Wünschen geholfen hatte, und das nicht nur bei Kindern, erinnerte er sich an „Eine nicht ganz so stille Nacht“, in der sie gemeinsam Harro, den Hofhund, die kleine Tina und ihre Eltern glücklich gemacht hatten. Aber die Hilfe für den vom Schicksal gebeutelten Sänger musste noch ein wenig warten. Zunächst galt es, die Mission zu erfüllen, anderenfalls würde er niemanden mehr helfen können. Unten angekommen, zwängte er sich in einen überfüllten Waggon. Die Anzeige auf dem Bahnhof verriet das Ziel. „Poppenbüttel“ lautete die Endstation. Während die Bahnstationen an dem Weihnachtsmann vorbeizogen wie Perlen auf einer Schnur, hatte sich in einem anderen Teil der Stadt Lisa wieder beruhigt. Methodisch zwängte sie sich in ihre warme Winterkleidung und freute sie sich auf das, was nun gemeinsam mit Svenja anstand:

Der Kauf des Weihnachtsbaumes.

Wie im vergangenen Jahr auch bestand Svenja darauf, den Baum erst am Tag des Festes zu kaufen. Ihrer Ansicht nach bekam so wenigstens noch einer der vielen Bäume, der keinen Abnehmer gefunden und ansonsten im Schredder gelandet wäre, die Gelegenheit, ein letztes Mal in seinem Leben die Herzen der Betrachter zu erfreuen.
Außerdem waren Bäume am letzten Tag günstiger.
Das Feilschen mit dem Verkäufer am Bergstedter Markt, der jedesmal den Eindruck erweckte, als würde ihn der Schlag treffen, wenn Svenja ihr Gebot für einen Baum abgab, gehörte daher, ebenso wie das Transportieren des Weihnachtsbaumes auf dem betagten Damenrad, zum festen Bestandteil des Weihnachtsfestes. Zwar lieferte der Händler den Baum gegen ein kleines Entgelt auch an, aber das passte nicht zu Svenjas Auffassung von Weihnachten. Die Freude war ihrer Ansicht nach größer, wenn der Baum nach mühsamen Transport durch den tiefen Schnee in der guten Stube stand.
„Bist du soweit?“, fragte sie Lisa, die sie mit großen Augen ansah. Das Mädchen nickte nachdrücklich und griff nach der Hand ihrer großen Freundin.
„Na dann los.“ Der kalte Winterwind trieb schwungvoll Schneeflocken in den Flur, als Svenja die alte Eingangstür öffnete. „Wir sind in einer Stunde wieder hier“, rief sie ihrer Kollegin Vera zu, dann verschwand sie mit Lisa in den kalten Wintertag.
In Poppenbüttel angekommen, bestieg der Weihnachtsmann derweil einen rotweiß lackierten Bus, der ihn nach Bergstedt bringen würde. Er wusste noch immer nicht, was ihn dorthin zog, aber er war zuversichtlich, dass er es herausfinden würde. Mit jedem Meter, den er sich seinem Ziel näherte, spürte er mehr, dass er gebraucht wurde und dass sich dort seine Mission vielleicht doch noch erfolgreich beenden lassen würde.
Schon bald wurde die Umgebung ländlicher. Dies gefiel dem Weihnachtsmann schon deutlich besser, als die vom Kaufrausch dominierte Innenstadt. In den meisten Vorgärten der schneebedeckten Einfamilienhäuser spendeten phantasievolle Weihnachtsbeleuchtungen ein warmes Licht, welche das Herz des Weihnachtsmannes erwärmten. Zu seiner Freude, hatte es zudem angefangen zu schneien. Dieses Jahr brauchte niemand von einer weißen Weihnacht nur zu träumen.





„Zehn Euro, das ist mein letztes Wort!“
Der südländisch wirkende Händler rollte bei diesen Worten mit den Augen und rang verzweifelt die Hände, als hätte Svenja ihm vorgeschlagen, für diesen Preis seinen Lieferwagen gleich mit erwerben zu wollen.
„Wollen Sie, dass meine Kinder verhungern und der Hund friert?“, fragte er mit melodramatischer Stimme.
„Eben nicht, darum kaufe ich Ihnen ja einen der letzten Bäume zu einem hohen Preis ab.“
Der Händler hob daraufhin die Hände in einer hilflos anmutenden Geste gen Himmel, als würde er von dort Unterstützung erwarten, doch das Einzige was von dort kam, war jede Menge Schnee. „Womit habe ich das nur verdient?“, beklagte er sich bei niemanden bestimmten, während Svenja, der das Ganze einen Riesenspaß machte, Lisa aufmunternd zuzwinkerte. Wie vorher abgesprochen, schaltete sich nun die Kleine in das Gespräch ein.
„Der hat ja kaum noch Nadeln“, quengelte sie mit Kleinkinderstimme und sorgte so dafür, dass den Händler beinahe der Schlag traf.
„Keine Nadeln“, ächzte er ungläubig, angesichts des satten, üppigen Grüns, in dem sich der Baum präsentierte.
„Und krumm ist er auch.“
„Das Kind braucht dringend eine Brille“, wandte sich der Händler empört an Svenja. Die musterte mit kritischem Gesichtsausdruck die wunderschöne, kerzengerade und mannshohe Nordmanntanne, die ihr der Händler am ausgestreckten Arm präsentierte.
„Lisa hat Recht“, beteuerte sie mit Unschuldsmiene. „Die stammt ja noch aus dem letzten Jahr. Fünf Euro wären angemessener, inklusive Ständer.“
Der Weihnachtsmann hatte derweil sein Ziel erreicht, den Bergstedter Markt. Versonnen blickte er den Bus hinterher, der schnell im dichten Schneetreiben verschwand. Dann sah er sich sein Ziel genauer an. Sein Blick fiel auf eine hübsche Kirche, zu deren Füßen ein kleiner, gemütlicher Tannenbaumstand die letzten Bäume präsentierte.
War dies der richtige Ort?
Er würde es herausfinden.
Auf dem Weihnachtsmarkt stopfte derweil der Händler die edle Nordmanntanne in ein durchsichtiges Netz. „Acht Euro“, brummte er unwirsch. „Ich bin zu gut für diese Welt.“
„Danke“, sagte Svenja, als der Händler ihr half, den Baum auf ihrem alten Rad so zu platzieren, dass dieser auf dem Lenker und dem Sattel auflag, während der Ständer einen Platz auf dem rostigen, ausgeleierten Gepäckträger fand.
„Bin gespannt, wie weit sie damit kommen werden. Schöne Weihnachten.“
„Schöne Weihnachten und vielen Dank“, erwiderte Svenja, worauf sich ein Lächeln auf die mürrischen Züge des Händlers stahl. Wider Willen musste er sich eingestehen, dass ihm das Handeln Spaß gemacht hatte. Dann schob Svenja mit Lisas Hilfe das bedenklich ächzende Fahrrad auf den Gehweg hinaus.
Das dreimalige Läuten der Kirchturmuhr ließ den Weihnachtsmann aufblicken. So übersah er vollkommen Svenja, die in diesem Moment das unmögliche Kunststück probierte, den mannshohen Tannenbaum nur auf dem Lenker und dem Sattel balancierend durch den tiefen Schnee zu schieben.
„Vorsicht!“, rief Lisa noch, dann war es auch schon passiert. In einem wilden Durcheinander gingen sowohl der Tannenbaum, Svenja als auch der Weihnachtsmann zu Boden, wobei letzterer unsanft auf dem betagten Fahrrad landete.
„Das war’s dann wohl“, seufzte Svenja, die sich Schnee von der Jacke klopfte und traurig auf ihr beschädigtes Fahrrad hinabsah. Eine eindrucksvolle Acht im Vorderrad signalisierte eine eindeutige Botschaft: Ich fahre nirgendwo mehr hin.
„Und nun?“, fragte Lisa.
„Das tut mir furchtbar leid“, beteuerte der Weihnachtsmann, dessen Gefühl ihm deutlicher denn je signalisierte, dass er am richtigen Ort angekommen war. Er spürte, dass das kleine Mädchen ihn brauchte, auch wenn er den Grund dafür noch nicht erkennen konnte. Der Zauberbann der Elfen hatte noch immer zuviel Macht über ihn, sonst hätte er in dem Kind lesen können, wie in einem offenen Buch. Aber das hieß ja nicht, dass sich das nicht ändern konnte. Mit einem gütigen Lächeln bückte er sich, hob den Tannenbaum hoch und lud ihn sich auf die Schulter. Als Weihnachtsmann war er es schließlich gewohnt, einen schweren Sack zu schleppen, da würde er wohl noch mit einem Baum auf der Schulter zurecht kommen, auch wenn der ganz schön groß war. Ziemlich groß, wenn er ehrlich war. „Ich helfe Ihnen, den Baum nach Hause zu bringen“, bot er Svenja an, nachdem er ihn endlich ausbalanciert hatte.
„Das ist ganz schön weit“, gab Svenja mit besorgtem Blick zu bedenken, als wolle sie sagen, das schaffen Sie nie!
„Das ist das Mindeste, was ich tun kann“, erwiderte der Weihnachtsmann, wobei er sich jedoch fragte, ob er nicht etwas zu voreilig mit seinem Angebot gewesen war. Ganz schön weit war ein höchst dehnbarer Begriff. Schließlich war er schon ein paar hundert Jahre alt und spürte in letzter Zeit immer mehr seinen Rücken. Was Hippokrates wohl dazu sagen würde?
Egal, nun konnte er nicht mehr zurück.
„Na dann folgen Sie mir in die Wildnis“, scherzte Svenja, wobei sich der Weihnachtsmann nicht sicher war, ob sie Spaß machte oder das ernst meinte. Er fürchtete allerdings letzteres. Das würde zu seinem heutigen Tag passen. Fast glaubte er, die Elfen lachen zu hören, als sich das Trio unter Svenjas Führung auf den beschwerlichen Weg machte. Die ersten Meter schritt der Weihnachtsmann dabei noch mit federnden Schritten aus, doch je weiter die Kirche im Hintergrund zusammenschrumpfte, desto mehr geriet er ins Schnaufen. Er hätte seinen roten, magischen Mantel darauf verwettet, dass das Gewicht des Baums in den letzten Minuten um mindestens einhundert Kilo zugenommen hatte. Sein Blick streifte Lisa, die mit undeutbaren Gesichtsausdruck neben ihm herlief. Irgendetwas schien sie zu beschäftigen. „Freust pfff du pfff, pffff dich auf den Weihnachtsmann?“, versuchte er sie aus der Reserve zu locken, wobei Atemwolken wie bei einer betagten Lokomotive, die sich anschickte, einen steilen Pass hinauf zu schnaufen, aus seinem Mund quollen.
„Es gibt keinen Weihnachtsmann!“, sagte Lisa mit einer Bestimmtheit, die den Weihnachtsmann für einen Moment an seiner eigenen Existenz zweifeln ließ. Wie konnte ein so bezauberndes kleines Mädchen bereits den Glauben an den Weihnachtsmann verloren haben? Der Weihnachtsmann wusste hierauf beim besten Willen keine Antwort. Das war traurig. Auf der anderen Seite bot sich hier vielleicht die letzte Möglichkeit, das Ruder noch herumzureißen. Sollte es ihm gelingen, dieses ungläubige Kind zum Glauben an den Weihnachtsmann zu bekehren, würde selbst der bockigste Elf wohl kaum behaupten können, er habe seine Mission nicht erfüllt. Sein Gefühl sagte ihm aber, dass dies nicht der einzige Grund war, warum es ihn hierher gezogen hatte. Er musste herausfinden, was hinter der Haltung dieses Mädchens steckte. „Was sagt denn pfff deine Mutter pfff dazu, dass du den pffff Weihnachtsmann verleugnest?“, probierte er einen neuen Vorstoß.
„Ich bin nicht ihre Mutter, auch wenn ich es gerne wäre“, warf Svenja ein und erzählte dem Weihnachtsmann die ganze Geschichte. Eigentlich war es nicht ihre Art, sich einem Fremden so anzuvertrauen. Sie wusste selbst nicht, warum sie es tat. Vielleicht lag es daran, dass Heiligabend vor der Tür stand, vielleicht lag es aber auch daran, dass der alte Mann in ihr eine Vertrautheit auslöste, wie sie sie zuletzt in ihrer Kindheit empfunden hatte. Eine vage Erinnerung, die mit Weihnachten zu tun hatte, ohne dass sie sie konkret greifen konnte. Nur ein unbestimmtes Gefühl in ihr flüsterte ihr hartnäckig zu, dass sie den Alten irgendwo schon einmal getroffen hatte, vor langer Zeit. Doch über der Erinnerung lag ein Schleier, den sie nicht zu zerreißen vermochte. Mit einem Seufzen schob sie die Gedanken beiseite. Es gab wahrlich andere Dinge, über die sie sich im Augenblick den Kopf zerbrechen musste.Einen Kilometer entfernt saß derweil Stuka, die Gans, in ihrem Weidenkorb und versuchte, das Jauchzen und Lachen der ausgelassenen Kinder um sie herum zu ignorieren. Bedrückt wanderte ihr Blick immer wieder zu der Scheibe, auf der die Kälte wunderschöne Eisblumen gemalt hatte und die Gans an bessere Zeiten erinnerten. Sie war dieses Jahr aus dem Ei geschlüpft und hatte bisher nur den Sommer kennen gelernt. Laue Winde, die sie in den blauen Himmel trugen, das Plätschern der leichten Wellen auf ihrem See und der Duft der unzähligen Blüten hatten sie glücklich gemacht. Der Winter hingegen war eindeutig der bisherige Tiefpunkt ihres Lebens. Sie schnatterte unglücklich vor sich hin, als sie an ihren Schwarm dachte, der im Herbst aus ihrem Leben verschwunden und mit Sicherheit besser dran war als sie. Zumindest hatten sie einander. Würde sie ihn je wiedersehen?

Das war ihr größter Wunsch.
Allerdings beunruhigte sie eine andere Sache im Augenblick viel mehr. Wollte man den Gerüchten Glauben schenken, die sie im Schwarm aufgeschnappt hatte, war dies eine verdammt ungünstige Zeit für Gänse in diesem Land. Wenn das Unfassbare, was man so schnatterte, tatsächlich stimmte, standen einer unglaublichen Zahl von den Artgenossen, denen es nicht gelungen war, im Herbst dieses Land zu verlassen, an diesem Tag ein heißer Abend bevor.
Konnten Menschen wirklich so grausam sein?
Die Gans bezweifelte zwar, dass ihr von den Menschen um sie herum eine Gefahr drohte, aber wer konnte schon sagen, was passieren würde, wenn sie sich plötzlich an alte Traditionen erinnerten und Hunger bekommen sollten? Sie beschloss, wachsam zu bleiben.
„Ich pfff bin pfff am Ende!“
Einem trunkenen Bär gleich stolperte der Weihnachtsmann in den Vorgarten des Kinderheims, das seinen Platz in einem ehemaligen Herrenhaus hatte. Von dem Glanz vergangener Zeiten war allerdings nichts mehr geblieben. Die Schindeln auf dem Dach wirkten, als hätten sie den Winterstürmen weniger entgegenzusetzen, als das Papierhaus der drei kleinen Schweinchen, den Fenstern war der Begriff „Isolierverglasung“ völlig fremd und die Risse in den Wänden waren sogar zahlreicher als die Runzeln im Gesicht von Ektron aus dem Ältestenrat der Elfen.
„Willkommen in unserem Schloß“, scherzte Svenja und deutete eine übertriebene Verbeugung an, die der Weihnachtsmann lieber nicht erwiderte, aus Angst, hinzufallen und im Schnee zu versinken. Er bezweifelte, dass er aus eigener Kraft je wieder hochkommen würde. „Bringen Sie den Baum in den großen Raum am Ende des Flurs und erschrecken Sie Stuka nicht.“ Mit einer schwungvollen Geste öffnete sie die Haustür und bat ihn, einzutreten. Einem Lastenesel ähnelnd, stampfte der Weihnachtsmann an ihr vorbei.
In der großen Stube bekam Stuka den Schreck ihres jungen Lebens. Ein großer, schwitzender Mann, der einen wunderschönen Baum in der Blüte seines Lebens brutal gefällt hatte und nun als Trophäe durch die Gegend schleppte, stampfte mit der fragwürdigen Eleganz eines angeschossenen Grizzlys in Stukas Leben, ließ den Baum auf den Boden und sich selbst in den einzigen Sessel im Raum fallen. „Bei Rudolphs Nase, bin ich hungrig“, stöhnte er zu Stukas Entsetzen. Dann fiel sein Blick auf die Gans, die stocksteif in ihrem Weidenkorb saß. Selbst das Schnattern war ihr vergangen.
„Meint ihr, wir sollten ihm helfen?“ Nachdenklich blickte Vingo in die Runde.
„Er sieht ein wenig angeschlagen aus“, gab Zwolgo zu bedenken, der gemeinsam mit Vingo und Ruphus um eine Kristallkugel herumstand, die auf einem Wirbel von funkelnden Miniatursternen inmitten eines kleinen Besprechungsraums schwebte und zeigte, in welchen Schwierigkeiten der Weihnachtsmann gerade steckte. Die Stirnseite des quadratischen Raumes bestand aus einer Glasfront und bot einen spektakulären Ausblick auf die Polarlandschaft und tanzenden Nordlichter, doch momentan hatte keiner ein Auge für die Schönheit der Natur. Der Anblick des Weihnachtsmanns, der wie ein asthmatisch schnaufender Bär in einem Sessel saß, war viel spannender.
„Der hat schon ganz andere Dinge durchgestanden“, winkte Ruphus ab. Als Begleiter des Weihnachtsmanns auf seiner alljährlichen Tour konnte er am besten beurteilen, was der Weihnachtsmann so alles durchmachen musste. „Als er mir damals vom Schlitten fiel, wirkte er deutlich weniger vergnügt als jetzt.“
„Er ist dir vom Schlitten gefallen?“, fragte Zwolgo fassungslos. Ruphus nickte.
„Man sollte nie zu tief über einen Zoo fliegen. Der Rautiergeruch macht die Rentiere nervös“, bekundete Ruphus gleichmütig.
„Er ist in den Zoo gefallen?“ Vingo konnte es kaum glauben.
„Mitten ins Eisbärengehege.“ Ein Grinsen schlich sich bei dieser Erinnerung auf Ruphus Gesicht. „Die Bären waren ganz schön sauer, als er dort ohne Geschenke aufkreuzte.
„Bei Gelegenheit musst du mir unbedingt mal die ganze Story erzählen“, bettelte Zwolgo.
„Aber zuerst sollten wir überlegen, ob wir nicht zu weit gegangen sind. Habt ihr schon mal daran gedacht, was passiert, wenn er versagt?“, gab Vingo zu Bedenken.
„Ich darf wieder Erz abbauen“, seufzte Zwolgo. „Irgendwo in einem finsteren Loch. Ich bin dafür, ihn zu unterstützen.“
Ruphus nickte zustimmend. „Vielleicht können wir ihm ja ein wenig von dem wiedergeben, was ihn als Weihnachtsmann auszeichnet.“
„Den weißen Bart?“, fragte Zwolgo, worauf Vingo den Kopf schüttelte.
„Nein, ich habe eine bessere Idee.“ Dann hob er den Zauberstab und tippte gegen die Kristallkugel.Erstaunt betrachtete der Weihnachtsmann die stocksteife Gans. „Diese ausgestopften Tiere wirken verblüffend lebensecht“, murmelte er. Dann spürte er plötzlich ein Prickeln am ganzen Körper, und ein Schleier aus Sternenstaub wirbelte für einen Augenblick um seinen Körper, bevor er sich in nichts auflöste. Stuka schnatterte erschrocken.
„Sieh mal an, du kannst sprechen“, sagte der Weihnachtsmann, dem der traurige Blick in den Augen der Gans zu Herzen ging. Sehnsüchtig wünschte sie sich die Rückkehr ihrer Artgenossen und den warmen Sommer zurück stellte der Weihnachtsmann fest und staunte.
Er konnte wieder die Wünsche anderer erkennen, als wenn er in einem offenen Buch lesen würde. Das versprach neue Möglichkeiten bei der Lösung seiner Aufgabe.
Stuka hingegen spürte mit dem Instinkt des Tieres, dass der große Mann, der sie bis ins Mark erschreckt hatte, gütig und verständnisvoll war und sie nicht als Zwischenmahlzeit betrachtete. Aber das war nicht alles. Stuka legte den Kopf schief und musterte den Weihnachtsmann. Da war noch etwas, das ihn von den anderen Menschen in diesem Haus unterschied. Nur was war das?
„Mach dir keine Sorgen, dein Schwarm hat dich nicht vergessen und wird mit dem Frühling zurückkehren.“
Genau!, stellte Stuka verblüfft fest. Sie konnte verstehen, was er sagte. Bei allen anderen Menschen hatte sie nur an der Klangfarbe der Stimmen ihre Zuneigung erkannt, nicht aber den Inhalt ihrer Worte. Diese waren für Stuka genauso unverständlich gewesen, wie das Quaken der Frösche. Bei diesem seltsamen Mann hingegen war das anders. Und was er sagte, ließ ihr kleines Herz jubeln.
Konnte es wahr sein? Würde ihr Schwarm wirklich zurückkehren?
„Es ist wahr“, sagte der Weihnachtsmann, worauf Stuka voller Freude auf ihn zugewatschelt kam und den Kopf in seinen Schoß legte. Sie schnatterte glücklich und ließ sich vom Weihnachtsmann die Federn streicheln.
„Ich hoffe mal nicht, dass Sie gerade dabei sind, das Abendessen zu rupfen.“ Mit vor der Brust verschränkten Armen lehnte Svenja im Türrahmen und betrachtete nachdenklich das seltsame Paar. Wen hatte sie da bloß angeschleppt?
Der Weihnachtsmann verneinte beleidigt angesichts der ungeheuren Unterstellung und erhob sich schwerfällig, während Stuka zum Fenster watschelte. Wenigstens die Gans hatte er glücklich gemacht. Mit Svenja würde das schon schwieriger werden, ganz zu schweigen davon, dass dies nicht seine vordringlichste Aufgabe war. Dafür kam nur Lisa in Betracht. Aber wie sollte er sie davon überzeugen, dass es den Weihnachtsmann gab?
Hilflos kratzte er sich den kahlen Schädel.
„Haben Sie niemanden, mit dem sie heute Abend feiern werden?“, fragte Svenja, die die hilflos wirkende Geste falsch interpretierte.
„Das kommt darauf an, wie man das Wort „Feiern“ interpretieren mag“, erwiderte der Weihnachtsmann mit müder Stimme. „Und was ist mit Ihnen. Kommt Ihr Freund heute Abend hier her?“
„Nein. Ich .. bin.. seit ein paar Jahren allein.“ Die Traurigkeit in der Stimme Svenjas ließ den Weihnachtsmann aufhorchen.
„Was ist passiert?“, fragte er mitfühlend. Svenja zögerte einen Moment, doch dann überwog das vertraute Gefühl, das sie schon auf dem Weg hierher gegenüber dem Fremden empfunden hatte, und ehe sie sich versah, sprudelte die ganze Geschichte aus ihr heraus. Sie berichtete, wie sie als Verkäuferin in dem kleinen Spielzeuggeschäft am Bergstedter Markt gearbeitet und Tim kennengelernt, der ein Weihnachtsgeschenk für seinen Neffen gesucht hatte. Wie sie zusammengekommen und glücklich gewesen waren. Aber auch, wie die große Liebe ihres Lebens an dem Starrsinn seines einflußreichen Vaters wie an einem scharfkantigen Riff zerschollen war. Der einflußreiche Stadtpolitiker hatte sich für seinen Sohn eine andere Ehefrau als eine Spielzeugverkäuferin gewünscht, und diesem Druck hatte die Beziehung nicht standgehalten. „Und dann habe ich ihn am Weihnachtsabend vor vier Jahren verlassen. Die Anstellung kündigte ich und bewarb mich für diese Stelle. Und hier bin ich nun“, schloß sie ihre Erzählung ab, worauf der Weihnachtsmann ihr dezent ein Taschentuch reichte. Ihr Schneuzen schreckte Stuka für einen Augenblick aus der erwartungsvollen Betrachtung des Sternenhimmels auf.
„Es dauert noch ein wenig, Stuka“, tröstete der Weihnachtsmann die Gans, dann wandte er sich wieder Svenja zu. „Was ist aus ihm geworden?“
Svenja zuckte die Achseln. „Ich habe ihn nie wieder gesehen. Aber nun genug der traurigen Geschichten“, versuchte sie das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, „der Weihnachtsbaum muss aufgestellt werden. Wären Sie so nett, mir dabei zu helfen?“Der Weihnachtsmann schluckte. Er hatte schon hunderttausende von Weihnachtsbäumen in seinem Leben gesehen, aber einen aufgestellt hatte er noch nie. Betrachtete man die hohe Zahl von Scheidungsanträgen, die dem Ritual des Baumaufstellens jedes Jahr auf dem Fuß folgten, schien dies kein leichtes Unterfangen zu sein.
„Ich glaube, dafür brauchen wir zunächst einen Ständer“, stellte er fest.
Svenja wurde bei diesen Worten blass. Der Ständer musste ihr beim Sturz vom Fahrradständer gefallen und in das Gebüsch entlang der Straße gerollt sein. Jedenfalls hatte sie nicht daran gedacht, ihn aufzuheben und mitzunehmen.
„Wandern sie gerne?“, fragte sie.„Nun schaut euch das an! Die Zeit rennt ihm davon, und er geht spazieren“, stöhnte Ruphus beim Anblick des Weihnachtsmannes, der sich vorn übergebeugt gegen einen Schneesturm stemmte. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, schien die Temperatur der am Nordpol in nichts nachzustehen.

„Ja, ja, er amüsiert sich, und wir haben die Sorgen“, bekundete Zwolgo griesgrämig. Dann fiel ihm plötzlich etwas ein. „Kommt er auf seinem Weg nicht an diesem Spielzeuggeschäft vorbei?“, fragt er nachdenklich.
„Ja, aber vermutlich nicht vor Neujahr, wenn er so weiter macht“, meinte Ruphus.
„Aber die Idee ist nicht schlecht“, räumte Vingo ein. „Du meinst ....“
Der Zwerg nickte nachdrücklich und auch Ruphus verstand worauf er hinaus wollte.
„Na, dann leg mal los“, forderte er Vingo auf.
Der Schnee peitschte gegen die Windschutzscheibe des schnittigen Sportwagens und nötigte den Scheibenwischern Höchstleistung ab. Hinter dem Steuer kämpfte ein gutaussehender, junger Mann mit den widrigen Wetterbedingungen. Er schaffte es kaum, den Wagen auf der spiegelglatten Bergstedter Chaussee zu halten, und dabei war es noch ein gutes Stück hin bis zu seinen Eltern in Wohldorf. Aber das Wetter passte gut zu seiner Stimmung. Noch immer drückte die Erinnerung an einen Weihnachtsabend vor vier Jahren besonders an diesem Tag auf sein Gemüt und sorgte dafür, dass er sich deprimiert und einsam fühlte. Wer verlor schließlich schon gern die Liebe seines Lebens?
Und das an einem Weihnachtsabend?
Erschrocken trat er auf die Bremse, als in Höhe des Bergstedter Marktplatzes eine Schneeanhäufung auf der gesamten Fahrbahnbreite die Weiterfahrt unmöglich machte. Der Wagen quittierte das Manöver trotz sämtlicher elektronischen Hilfetools mit einem Schlingern, das er kaum ausgleichen konnte, bevor er endlich zum Stehen gelangte. Der Fahrer fluchte. Fast hätte man meinen können, es sei Zauberei im Spiel, die ihm die Weiterfahrt unmöglich und ihn zu seinem Umweg zwingen wollte, den er lieber vermeiden wollte. Den Weg über den Bergstedter Markt, und der würde ihn zwangsläufig an einem bestimmten Geschäft vorbeiführen. Mit einem Kribbeln im Magen setzte er den Blinker.
„Sämtliche Iglus lasse ich sie auf Hochglanz polieren“, fluchte der Weihnachtsmann. Er hatte ja schon viel in seinem langen Leben durchgemacht, aber so schwer, wie dieses Jahr, hatte noch kein Weihnachtsabend begonnen. Noch nicht einmal damals, als der Schlitten durch den TÜV gefallen war. Und dabei stand ihm die eigentliche Tour erst noch bevor, vorausgesetzt, er würde es schaffen, seine Mission zu erfüllen. Aber dazu musste er zunächst den Ständer holen. Zumindest flüsterte ihm dies seine innere Stimme hartnäckig zu. Um ein Haar wäre auch noch von einem Sportwagen über den Haufen gefahren worden, als er die Straße unterhalb der Kirche überquerte. Dann endlich hatte er den Stand erreicht. Natürlich war niemand mehr da. Selbst die Weihnachtsbeleuchtung war ausgeschaltet, und dabei hätte er die gut gebrauchen können. Der Ständer war nirgendwo zu sehen. Mit einem Ächzen ging er in die Hocke, um die Thujahecke entlang des Wegs näher in Augenschein zu nehmen.
Die Schaufensterdekoration des Spielzeugladens bot eine beleuchtete Winterlandschaft in Miniatur. Eine elektrische Eisenbahn drehte unermüdlich ihre Runden durch die winterliche Idylle. Übergroße Nußknacker ragten wie Riesen zwischen liebevoll bemalten Kerzenhäusern auf, und in der mit Kunstschnee verzierten Schaufensterscheibe spiegelte sich das Gesicht eines jungen Mannes mit nachdenklichem Blick. Der Schneefall durchnässte seinen teuren Anzug, doch das registrierte er nicht. Er war gefangen in der Vergangenheit.
„Ein wenig zu spät, um noch ein Geschenk zu kaufen.“
Erstaunt drehte sich der junge Mann um und erblickte einen älteren Herrn, der wirkte, als habe er gerade die Arktis zu Fuß durchquert. In der Hand trug er einen Weihnachtsbaumständer. Trotz des desolaten Erscheinungsbildes strahlte der Mann etwas Gütiges aus, das den jungen Mann dazu verleitete, anders zu antworten, als er es normalerweise getan hätte. „Ich bin nur aus einer alten Erinnerung an jemanden, der mir sehr nahe stand und hier gearbeitet hat, ausgestiegen, aber jetzt muss ich weiter“, sagte er mit leichter Wehmut in der Stimme. „Schöne Weihnachten.“
Der Weihnachtsmann horchte auf. Also hatte er sich nicht getäuscht, als er den jungen Mann vor dem Schaufenster entdeckte. Das musste Tim sein. Und plötzlich wusste der Weihnachtsmann, was er tun musste.
„Schöne Weihnaaacchhh..“, stöhnte er, griff sich theatralisch an die Brust und sackte an der Schaufensterscheibe in den Schnee hinab.
„Bleiben Sie ruhig, ich rufe einen Arzt“, versuchte Tim erschrocken, den vermeintlich angeschlagenen Weihnachtsmann zu beruhigen, während er seine Kleidung nach dem Handy abtastete. Doch der Weihnachtsmann winkte ab.
„Das dauert zu lange, aber wenn sie mich nach Hause fahren könnten, es ist nicht weit?“
Tim schaute skeptisch, angesichts des Vorschlags. War das ganze nur eine Farce? Mit einem Seufzen willigte er ein, schließlich war Weihnachten. „Aber das Ding da kommt in den Kofferraum“, sagte er mit einem Wink auf den desolaten Ständer.
Das drängelnde Klingeln an der Haustür ließ Svenja vor Schreck beinahe die Kiste mit Weihnachtskugeln aus den Händen fallen. Was war denn nun schon wieder los? Mit ein paar schnellen Schritten war sie an der Tür. „Ja, ja, ich komme ja schon“, rief sie, doch als sie die Tür öffnete, blieb ihr die Sprache weg, als sie erkannte, wer da hinter ihrem arg in Mitleidenschaft gezogenen Helfer Einlass begehrte.
Ihre Jugendliebe Tim.
Das Strahlen, das ihre Augen plötzlich leuchten ließ, brachte den Weihnachtsmann zum Schmunzeln. „Schön, dass Sie sich so freuen, mich wiederzusehen“, brummte er. „Ohne diesen jungen Mann, der so freundlich war, mich herzufahren, hätte ich es allerdings nie geschafft. Kommen Sie doch einen Augenblick herein“, forderte er Tim auf, der sein Glück kaum fassen konnte und dem Weihnachtsmann wie ein Schlafwandler folgte.
„Svenja“, krächzte er. „Bist du das wirklich?“
„Nein, ich bin die Weihnachtsfee, aber was tust du denn hier?“
„Ich hatte vor dem Spielzeugladen angehalten, als dein Bekannter aufgetaucht ist.“
„Vor dem Spielzeugladen? Könnte es sein, dass du nach mir Ausschau gehalten hast?“
Der Weihnachtsmann grinste wie ein Honigkuchenpferd als er das noch immer verliebte Paar betrachtete. Sein Gefühl sagte ihm, dass er das Richtige getan hatte und sich alles zum Guten wenden würde. „Ich sehe, ich bin hier überflüssig. Wird Zeit, dass sich jemand um den Baum kümmert“, verkündete er fröhlich und verschwand in Richtung Wohnzimmer.
„Nat, nat, nat?“, wurde er dort von Stuka begrüßt, die noch immer am Fenster stand.
„Ja, es dauert noch. Geduld ist wohl nicht deine Stärke“, seufzte der Weihnachtsmann. Zufrieden stellte er den Ständer neben dem Baum ab. Dann erinnerte er sich, dass er noch immer nichts gegessen hatte. Mission hin oder her. Verhungert würde er niemanden etwas nützen.
„Lisa, kommst du mal, ich möchte dir jemanden vorstellen“, erklang Svenjas glückliche Stimme im Hintergrund, während der Weihnachtsmann sich auf die Suche nach der Küche begab, neugierig gefolgt von Stuka, die hinter ihm her watschelte. Gegen ein wenig Brot hätte sie nichts einzuwenden.
Der Weihnachtsmann war mit sich zufrieden. Der Kühlschrank hatte zwar nicht allzuviel hergegeben, die Küchenuhr stand auf Viertel vor Sechs, seine Mission hatte er nicht erfüllt, aber all das störte ihn nicht mehr. Immerhin hatte er dem Schicksal auf die Sprünge geholfen und zusammengefügt, was zusammengehörte und damit zwei Herzenswünsche erfüllt. Was wollte er mehr, wenngleich ........
„Tust du mir einen Gefallen?“
Erstaunt stellte der Weihnachtsmann fest, dass Lisa im Türrahmen stand. Sie strahlte mindestens so sehr, wie es der Weihnachtsbaum nach getaner Arbeit tun sollte.
„Svenja hat sich mit Tim wieder vertragen, und Tim hat gesagt, er kann uns helfen, dass ich nicht weg muss. Ich mag ihn. Sein Papa kann helfen, hat er gesagt. Ist das nicht toll“, sprudelte es aus ihr heraus. „Ich habe mir so gewünscht, dass ein Wunder geschieht, und nun ist es passiert.“
„Das freut mich für dich Lisa“
„Nat, nat, nat“, pflichtete Stuka ihm bei, die gerade den Rest einer Brotscheibe vertilgte.
„Aber was habe ich damit zu tun?“
Lisa wurde rot.
„Glaubst du, dass ein Brief an den Weihnachtsmann noch ankommt, wenn du ihn heute noch in den Briefkasten wirfst?“
Ein warmes Gefühl durchströmte den Weihnachtsmann.
„Aber ich dachte, du glaubst nicht an den Weihnachtsmann.“
„Das habe ich doch nur so gesagt, weil ich enttäuscht war, dass meine Wünsche nicht erfüllt wurden“, sagte Lisa leise.
„Weißt du, manchmal muss man nur ein wenig Geduld haben, dann gehen Wünsche auch in Erfüllung.“
„Nat, nat, nat“, bestätigte Stuka.
„Und vielleicht sind deine Wünsche ja auch nie beim Weihnachtsmann angekommen. Hast du sie denn aufgeschrieben und sie ihm geschickt?“
Lisa schüttelte den Kopf.
„Und nun möchtest du ihm deine Wunschliste noch zukommen lassen.“
Erneut schüttelte Lisa den Kopf. Dabei fischte sie einen zerknitterten Zettel nebst Buntstift aus der Tiefe ihrer Kleidung hervor. „Schreib einfach auf, was ich sage“, bat sie.„Nun gut, dann laß mal hören.“



Lieber Weihnachtsmann,
bitte sei nicht böse, dass ich nicht an Dich geglaubt habe.
Heute aber sind so viele Dinge, die ich mir gewünscht habe, in Erfüllung gegangen, dass ich sicher bin, Du hast hier geholfen. Dafür danke ich Dir. Wenn Du Zeit hast, schau doch einmal bei mir vorbei. Svenja, Tim, Stuka und ich würden uns sehr darüber freuen. Ich glaube, Stuka hat auch noch einen Wunsch. Sei doch so lieb,
und erfülle ihn ihr.
Deine Lisa
Der Weihnachtsmann wischte sich unauffällig mit dem Mantelärmel über die Augen, nachdem er die letzten Worte niedergeschrieben hatte.
„Meinst du, er bekommt den Brief noch?“
„Mach dir keine Sorgen, ich werde ihn ihm persönlich überbringen“, versprach der Weihnachtsmann.
„Vielen Dank“, jubelte Lisa und umarmte den Weihnachtsmann innig. „Irgendwie bist du auch ein wenig wie der Weihnachtsmann“, sagte sie mit einem herzlichen Lächeln. „Dir fehlen nur ein paar Haare.“ Dann wandte sie sich um und rannte aus der Küche hinaus. „Svenja, Tim, ich muss euch etwas erzählen“, rief sie.
In der Küche blieben der Weihnachtsmann und Stuka allein zurück. Die Gans sah den Weihnachtsmann fragend an. Irgendwie spürte sie, dass gerade etwas Bedeutsames passiert war. „Mach’s gut Stuka, und grüß deinen Schwarm von mir“, sagte der Weihnachtsmann mit warmer Stimme, während die Küchenuhr auf achtzehn Uhr umsprang. Seine Zeit hier war abgelaufen. Eine Wolke aus glitzernden Sternenstaub in allen Farben des Regenbogens entstand plötzlich aus dem Nichts und schmiegte sich um den Weihnachtsmann, so daß Stuka erschrocken schnatterte.

Im Wohnzimmer hatte Lisa inzwischen berichtet. „Na dann laden wir ihn doch zum Dank zum Abendessen ein“, sagte Svenja und begab sich zur Küche, gefolgt von Lisa und Tim. „Hätten Sie Lust....“, begann sie und brach jedoch ab, als sie erstaunt feststellte, daß der Fremde verschwunden war. Nur Stuka, die einen leicht verstörten Eindruck machte, stand inmitten der Küche und blickte sich um, als suche sie etwas.
„Wo ist er hin?“, fragte Svenja erstaunt. Das Küchenfenster war verschlossen, und der Weg über die Haustür führte unweigerlich über das Wohnzimmer. Er konnte unmöglich verschwunden sein. „Das ist geradezu unheimlich“, sagte Svenja, die fragend zu Tim hinüber sah, doch der zuckte auch nur ratlos mit den Achseln. Beide fragten sich insgeheim, ob hier nicht mehr als bloßer Zufall im Spiel war. Aber es laut auszusprechen, trauten sie sich nicht. Lisa hingegen hatte solche Probleme nicht. Wenn sie es recht überdachte, gab es hierfür nur eine Erklärung, und die war so wunderbar, dass Lisa sie kaum fassen konnte.
„Vielleicht war er ein Helfer des Weihnachtsmannes oder vielleicht...“, sie stockte kurz, „war er sogar der Weihnachtsmann selbst“, führte sie den Satz ehrfürchtig zu Ende.
„Nat, nat, nat!“, pflichtete ihr Stuka mit Nachdruck bei.
„Steht die Reiseroute fest?“, fragte der Weihnachtsmann. Mit Stolz betrachtete er den prächtigen Schlitten, dessen Ladefläche vor Geschenken überquoll. Gleich sechs Rentiere hatte sein umsichtiger Helfer Ruphus diesmal davor angespannt.
„Alles einprogrammiert, Chef“, bestätigte Ruphus.
„Keine Geschenke vergessen?“
„Alle Wünsche wurden berücksichtigt“, beeilte sich Zwolgo zu versichern, der unter einem Stapel von Listen zu versinken drohte.
„Gut, gut“, freute sich der Weihnachtsmann. Voller Vorfreude kletterte er auf den Schlitten hinauf, wo ihn Ruphus bereits erwartete. Ein Blick über den Platz bestätigte ihm, dass die Abfahrt wie jedes Jahr von keinem der Bewohner des Weihnachtsdorfes versäumt wurde. Von überall winkten ihm Elfen und Zwerge zu. Kleine Fahnen wurden geschwenkt, und ein stimmungsvolles Nordlichtspektakel sorgte im Hintergrund für den angemessenen Rahmen.
„Also dann los“, sagte der Weihnachtsmann, worauf Ruphus den Befehl weitergab und der Schlitten sich auf einer Wolke von Sternenstaub unter dem Jubel der Zurückbleibenden in den Himmel hob. „Wir müssen übrigens noch einen kleinen Umweg einplanen“, wandte sich der Weihnachtsmann an Ruphus, dem Schlimmes schwante. Wenn der Weihnachtsmann so anfing, stand ihnen in der Regel ein haarsträubendes Abenteuer bevor. „Ein junger Gitarrenspieler in Hamburg braucht meine Hilfe. Es ist wirklich nur ein klitzekleiner Umweg...“
Vingo und Zwolgo blickten in selten stummer Eintracht dem kleiner werdenden Schlitten hinterher. Doch dann stutzten sie plötzlich. Normalerweise wurde das Entschwinden des Weihnachtsmanns in den nächtlichen Polarhimmel mit einem klassischen Weihnachtslied verabschiedet, das der Weihnachtsmann jedes Jahr neu aussuchte. Aber das, was nun plötzlich wie von Zauberhand erklang, hatten sie noch nie gehört.
„Driving home for Christmas....
With a thousand memories....“


Weihnachtskalender 2012


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