Weihnachtskalender Teil 2
Weihnachtskalender Teil 3
Weihnachtskalender Teil 4
Weihnachtszeit 2005
Frohe Weihnachten 2006



20.12 - Der allererste Weihnachtsbaum



Der Weihnachtsmann ging durch den Wald. Er war ärgerlich. Sein weißer Spitz, der sonst immer lustig bellend vor ihm herlief, merkte das und schlich hinter seinem Herrn mit eingezogener Rute her.

Er hatte nämlich nicht mehr die rechte Freude an seiner Tätigkeit. Es war alle Jahre dasselbe. Es war kein Schwung in der Sache. Spielzeug und Esswaren, das war auf die Dauer nichts. Die Kinder freuten sich wohl darüber, aber quieken sollten sie und jubeln und singen, so wollte er es, das taten sie aber nur selten.

Den ganzen Dezembermonat hatte der Weihnachtsmann schon darüber nachgegrübelt, was er wohl Neues erfinden könne, um einmal wieder eine rechte Weihnachtsfreude in die Kinderwelt zu bringen, eine Weihnachtsfreude, an der auch die Großen teilnehmen würden. Kostbarkeiten durften es auch nicht sein, denn er hatte so und soviel auszugeben und mehr nicht.

So stapfte er denn auch durch den verschneiten Wald, bis er auf dem Kreuzweg war. Dort wollte er das Christkindchen treffen. Mit dem beriet er sich nämlich immer über die Verteilung der Gaben.

Schon von weitem sah er, dass das Christkindchen da war, denn ein heller Schein war dort. Das Christkindchen hatte ein langes weißes Pelzkleidchen an und lachte über das ganze Gesicht. Denn um es herum lagen große Bündel Kleeheu und Bohnenstiegen und Espen- und Weidenzweige, und daran taten sich die hungrigen Hirsche und Rehe und Hasen gütlich. Sogar für die Sauen gab es etwas: Kastanien, Eicheln und Rüben.
Der Weihnachtsmann nahm seinen Wolkenschieber ab und bot dem Christkindchen die Tageszeit. „Na, Alterchen, wie geht's?“ fragte das Christkind. „Hast wohl schlechte Laune?“ Damit hakte es den Alten unter und ging mit ihm. Hinter ihnen trabte der kleine Spitz, aber er sah gar nicht mehr betrübt aus und hielt seinen Schwanz kühn in die Luft.

„Ja“, sagte der Weihnachtsmann, „die ganze Sache macht mir so recht keinen Spaß mehr. Liegt es am Alter oder an sonst was, ich weiß nicht. Das mit den Pfefferkuchen und den Äpfeln und Nüssen, das ist nichts mehr. Das essen sie auf, und dann ist das Fest vorbei. Man müsste etwas Neues erfinden, etwas, das nicht zum Essen und nicht zum Spielen ist, aber wobei alt und jung singt und lacht und fröhlich wird.“

Das Christkindchen nickte und machte ein nachdenkliches Gesicht; dann sagte es: „Da hast du recht, Alter, mir ist das auch schon aufgefallen. Ich habe daran auch schon gedacht, aber das ist nicht so leicht.“

„Das ist es ja gerade“, knurrte der Weihnachtsmann, „ich bin zu alt und zu dumm dazu. Ich habe schon richtiges Kopfweh vom vielen Nachdenken, und es fällt mir doch nichts Vernünftiges ein. Wenn es so weitergeht, schläft allmählich die ganze Sache ein, und es wird ein Fest wie alle anderen, von dem die Menschen dann weiter nichts haben als Faulenzen, Essen und Trinken.“

Nachdenklich gingen beide durch den weißen Winterwald, der Weihnachtsmann mit brummigem, das Christkindchen mit nachdenklichem Gesicht. Es war so still im Wald, kein Zweig rührte sich, nur wenn die Eule sich auf einen Ast setzte, fiel ein Stück Schneebehang mit halblautem Ton herab. So kamen die beiden, den Spitz hinter sich, aus dem hohen Holz auf einen alten Kahlschlag, auf dem große und kleine Tannen standen. Das sah wunderschön aus. Der Mond schien hell und klar, alle Sterne leuchteten, der Schnee sah aus wie Silber, und die Tannen standen darin, schwarz und weiß, dass es eine Pracht war. Eine fünf Fuß hohe Tanne, die allein im Vordergrund stand, sah besonders reizend aus. Sie war regelmäßig gewachsen, hatte auf jedem Zweig einen Schneestreifen, an den Zweigspitzen kleine Eiszapfen, und glitzerte und flimmerte nur so im Mondenschein.

Das Christkindchen ließ den Arm des Weihnachtsmannes los, stieß den Alten an, zeigte auf die Tanne und sagte: „Ist das nicht wunderhübsch?“

„Ja“, sagte der Alte, „aber was hilft mir das ?“

„Gib ein paar Äpfel her“, sagte das Christkindchen, „ich habe einen Gedanken.“

Der Weihnachtsmann machte ein dummes Gesicht, denn er konnte es sich nicht recht vorstellen, dass das Christkind bei der Kälte Appetit auf die eiskalten Äpfel hatte. Er hatte zwar noch einen guten alten Schnaps, aber den mochte er dem Christkindchen nicht anbieten.

Er machte sein Tragband ab, stellte seine riesige Kiepe in den Schnee, kramte darin herum und langte ein paar recht schöne Äpfel heraus. Dann fasste er in die Tasche, holte sein Messer heraus, wetzte es an einem Buchenstamm und reichte es dem Christkindchen.

„Sieh, wie schlau du bist“, sagte das Christkindchen. „Nun schneid mal etwas Bindfaden in zwei Finger lange Stücke, und mach mir kleine Pflöckchen.“

Dem Alten kam das alles etwas ulkig vor, aber er sagte nichts und tat, was das Christkind ihm sagte. Als er die Bindfadenenden und die Pflöckchen fertig hatte, nahm das Christkind einen Apfel, steckte ein Pflöckchen hinein, band den Faden daran und hängte den an einen Ast.

„So“, sagte es dann, „nun müssen auch an die anderen welche, und dabei kannst du helfen, aber vorsichtig, dass kein Schnee abfällt!“

Der Alte half, obgleich er nicht wusste, warum. Aber es machte ihm schließlich Spaß, und als die ganze kleine Tanne voll von rotbäckigen Äpfeln hing, da trat er fünf Schritte zurück, lachte und sagte; „Kiek, wie niedlich das aussieht! Aber was hat das alles für'n Zweck?“

„Braucht denn alles gleich einen Zweck zu haben?“ lachte das Christkind. „Pass auf, das wird noch schöner. Nun gib mal Nüsse her!“

Der Alte krabbelte aus seiner Kiepe Walnüsse heraus und gab sie dem Christkindchen. Das steckte in jedes ein Hölzchen, machte einen Faden daran, rieb immer eine Nuss an der goldenen Oberseite seiner Flügel, dann war die Nuss golden, und die nächste an der silbernen Unterseite seiner Flügel, dann hatte es eine silberne Nuss und hängte sie zwischen die Äpfel.

„Was sagst nun, Alterchen?“ fragte es dann. „Ist das nicht allerliebst?“

„Ja“, sagte der, „aber ich weiß immer noch nicht...“

„Komm schon!“ lachte das Christkindchen. „Hast du Lichter?“

„Lichter nicht“, meinte der Weihnachtsmann, „aber 'nen Wachsstock!“

„Das ist fein“, sagte das Christkind, nahm den Wachsstock, zerschnitt ihn und drehte erst ein Stück um den Mitteltrieb des Bäumchens und die anderen Stücke um die Zweigenden, bog sie hübsch gerade und sagte dann; „Feuerzeug hast du doch?“

„Gewiss“, sagte der Alte, holte Stein, Stahl und Schwammdose heraus, pinkte Feuer aus dem Stein, ließ den Zunder in der Schwammdose zum Glimmen kommen und steckte daran ein paar Schwefelspäne an. Die gab er dem Christkindchen. Das nahm einen hellbrennenden Schwefelspan und steckte damit erst das oberste Licht an, dann das nächste davon rechts, dann das gegenüberliegende. Und rund um das Bäumchen gehend, brachte es so ein Licht nach dem andern zum Brennen.

Da stand nun das Bäumchen im Schnee; aus seinem halbverschneiten, dunklen Gezweig sahen die roten Backen der Äpfel, die Gold- und Silbernüsse blitzten und funkelten, und die gelben Wachskerzen brannten feierlich. Das Christkindchen lachte über das ganze rosige Gesicht und patschte in die Hände, der alte Weihnachtsmann sah gar nicht mehr so brummig aus, und der kleine Spitz sprang hin und her und bellte.

Als die Lichter ein wenig heruntergebrannt waren, wehte das Christkindchen mit seinen goldsilbernen Flügeln, und da gingen die Lichter aus. Es sagte dem Weihnachtsmann, er solle das Bäumchen vorsichtig absägen. Das tat der, und dann gingen beide den Berg hinab und nahmen das bunte Bäumchen mit.

Als sie in den Ort kamen, schlief schon alles. Beim kleinsten Hause machten die beiden halt. Das Christkindchen machte leise die Tür auf und trat ein; der Weihnachtsmann ging hinterher. In der Stube stand ein dreibeiniger Schemel mit einer durchlochten Platte. Den stellten sie auf den Tisch und steckten den Baum hinein. Der Weihnachtsmann legte dann noch allerlei schöne Dinge, Spielzeug, Kuchen, Äpfel und Nüsse unter den Baum, und dann verließen beide das Haus so leise, wie sie es betreten hatten.

Als der Mann, dem das Häuschen gehörte, am andern Morgen erwachte und den bunten Baum sah, da staunte er und wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Als er aber an dem Türpfosten, den des Christkinds Flügel gestreift hatte, Gold- und Silberflimmer hängen sah, da wusste er Bescheid. Er steckte die Lichter an dem Bäumchen an und weckte Frau und Kinder. Das war eine Freude in dem kleinen Haus wie an keinem Weihnachtstag. Keines von den Kindern sah nach dem Spielzeug, nach dem Kuchen und den Äpfeln, sie sahen nur alle nach dem Lichterbaum. Sie fassten sich an den Händen, tanzten um den Baum und sangen alle Weihnachtslieder, die sie wussten, und selbst das Kleinste, das noch auf dem Arm getragen wurde, krähte, was es krähen konnte.

Als es helllichter Tag geworden war, da kamen die Freunde und Verwandten des Bergmanns, sahen sich das Bäumchen an, freuten sich darüber und gingen gleich in den Wald, um sich für ihre Kinder auch ein Weihnachtsbäumchen zu holen. Die anderen Leute, die das sahen, machten es nach, jeder holte sich einen Tannenbaum und putzte ihn an, der eine so, der andere so, aber Lichter, Äpfel und Nüsse hängten sie alle daran.

Als es dann Abend wurde, brannte im ganzen Dorf Haus bei Haus ein Weihnachtsbaum, überall hörte man Weihnachtslieder und das Jubeln und Lachen der Kinder.

Von da aus ist der Weihnachtsbaum über ganz Deutschland gewandert und von da über die ganze Erde. Weil aber der erste Weihnachtsbaum am Morgen brannte, so wird in manchen Gegenden den Kindern morgens beschert.


Hintergrundwissen: Das Schmücken des Weihnachtsbaumes fing schon vor dem 19. Jahrhundert mit Äpfeln, Nüssen, Gebäck und Zuckerzeug an, auch andere vorhandene Früchte wurden daran gehängt. Später wurden diese Früchte bei reichen Familien versilbert und vergoldet.

Unseren heutigen Glasschmuck am Baum entstand vermutlich aus der Not heraus, ein armer Glasbläser aus dem Thüringer Ort Lauscha hatte 1847 nicht genug Geld, um sich die teuren Walnüsse und Äpfel zu kaufen. So stellte er diese aus Glas her und schmückte so den Baum zum Weihnachtsfest. Im Jahr 1848 war dies schon eine Tradition und es wurden von den Glasbläsern Kugeln in verschiedenen Größen hergestellt und verkauft.

Durch den Bau der neuen Gasanstalt in Lauscha 1867 wurde die Massenfertigung ermöglicht, denn nun konnte eine sehr heiße Gasflamme erzeugt werden, welche das Blasen großer und dünnwandiger Kugeln ermöglichte. 1870 gelang es Justus von Liebig, Glaskörper mit einer Silberlösung zu beschichten und zum Glänzen zu bringen.

Die ersten Christbaumkugeln in den USA wurden um 1880 vom US-Amerikaner Frank Winfield Woolworth importiert. Bis 1939 gab es die Kugeln und figürlichen Christbaumschmuck, der in verschiedene Formen hinein geblasen wurde. 1907 gründeten die Glasbläser die Glasbläser-Genossenschaft des Meininger Oberlandes e.G.. Dadurch erhielt die Produktion nochmals einen Auftrieb und die Gewinnmargen für die Glasbläser stiegen. Inflation und Wirtschaftskrise in Deutschland wurde durch den Erfolg beim Export der Glaswaren gemildert.

Bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg waren die Thüringer Hersteller konkurrenzlos, dann stieg eine Wiener Firma in das Geschäft ein, und ab den 1920er Jahren gab es weitere Konkurrenz aus Gablonz in Böhmen. Der Christbaumschmuck aus Gablonz wurde aus Glasperlen angefertigt, vor allem Sterne erfreuten sich größerer Beliebtheit.

In der DDR wurden die Familienbetriebe der Glasbläser zum VEB Glaskunst und Glasschmuck zusammengeschlossen. In der BRD kamen seit den 1950er Jahren auch Kugeln aus Kunststoff in Mode, da diese weniger zerbrechlich sind. Auch heute noch wird in der Glasbläserstadt Lauscha der gläserne Christbaumschmuck in traditioneller Handwerkskunst hergestellt.

„Die Weihnachtsgurke“
Viele große Einzelhändler sowie die Weihnachtsmärkte bieten eine große Auswahl von Christbaumschmuck in unterschiedlichstem Design an, darunter auch Kuriositäten wie Weihnachtsgurken. Dieser Brauch stammt aus den USA, dabei wird der Baum mit einer „Christmas Pickle“ etwas versteckt zwischen den Zweigen zu behängt. Derjenige, der als erster die grüne gut versteckte Weihnachtsgurke entdeckt, erhält ein zusätzliches Geschenk.

21.12 - "Wenn Papa an Weihnachten arbeitet



Der Papa von Alexander ist Busfahrer. Jeden Tag fährt er den Bus durch die Straßen der großen Stadt. Natürlich müssen die Busse auch an Weihnachten fahren. Gerade dann möchten viele Menschen ihre Familien besuchen und fahren mit dem Bus dorthin.

Normalerweise muss Alexanders Vater an Weihnachten nicht arbeiten. Aber dieses Jahr ist ein Kollege von ihm krank geworden und so muss er doch zum Dienst.

Es ist Heiligabend. Hinter allen Fenstern leuchten die Weihnachtsbäume mit ihren vielen Kerzen. Nur bei Alexander zu Hause brennen die Kerzen noch nicht. Weil der Vater nicht zu Hause ist, haben sie das Feiern auf den nächsten Tag verschoben.

"Mama, mir ist so langweilig" , sagt der kleine Alexander. "Kommt denn der Papa bald?" "Nein, Alexander, heute muss der Papa arbeiten", antwortet die Mutter. "Deshalb feiern wir ja auch morgen alle zusammen Weihnachten."

Alexanders Schwester Beate erzählt, dass die Mutter ihrer Freundin Miriam auch an Weihnachten arbeiten muss. Miriams Mutter ist Ärztin und weil auch an Weihnachten viele Menschen im Krankenhaus liegen, müssen auch die Ärzte und Krankenpfleger arbeiten.

Gelangweilt guckt Alexander aus dem Fenster. Draußen wird es schon langsam dunkel. Er denkt an seine Freunde, die jetzt alle zu Hause Weihnachten feiern und ihre Geschenke auspacken können. "Ich krieg meine Geschenke erst morgen", denkt er traurig. " Und der Papa? Dem ist doch bestimmt auch langweilig, so ganz allein ohne uns ..."

Als Alexander noch eine Weile darüber nachdenkt, kommt ihm auf einmal eine Idee. "Mama?" fragt er. "Können wir den Papa denn nicht besuchen?" "Ach ja bitte, Mama!" sagt jetzt auch Beate. "Wir können ja ein paar Plätzchen mitnehmen und den Weihnachtspunsch und ein bisschen im Bus mitfahren" , fügt sie hinzu.

Die Mama guckt erst erstaunt, dann überlegt sie kurz und lächelt. " Das ist eine gute Idee", sagt sie," ich erkundige mich mal, auf welcher Linie er heute fährt." In der Zentrale erfährt sie, dass Alexanders Vater heute die Strecke fährt, die ganz nah an ihrem Haus vorbeiführt.

Schnell packen sie ein paar Lebkuchen, eine Kanne mit heißem Punsch aus Tee und Saft, einen kleinen Tannenzweig mit einer Kerze und einer Kugel in eine Tasche. Dann ziehen sie ihre warmen Mäntel, die dicken Mützen und die Winterstiefel an und marschieren los.

Als Alexanders Vater in die Straße einbiegt, wo er zu Hause ist, denkt er an seine Familie, die auf ihn wartet, weil sie ohne ihn nicht Weihnachten feiern will. Dann fährt er die nächste Bushaltestelle an. Als er näher kommt, und die Busscheinwerfer auf die kleine Gruppe fallen, die an der Haltestelle steht, kriegt er ganz große Augen.

"Das gibt's doch gar nicht!" ruft er begeistert. Dann öffnet er die Türen und stürmt nach draußen. "Wie kommt ihr denn hierher? Das ist ja eine tolle Überraschung!" "Wir wollten dich besuchen und mit dir Weihnachten feiern, Papa", sagt Alexander und freut sich.

"Das ist aber eine gute Idee, steigt nur schnell ein, es ist kalt draußen!" Drinnen sagt Beate: "Wir haben dir auch Plätzchen und Punsch mitgebracht und einen kleinen Zweig für deinen Bus. Damit du nicht vergisst, das Weihnachten ist." "Hm, damit müssen wir leider warten, bis wir an der Endhaltestelle sind", sagt der Vater, "aber wir sind ja gleich da."

Alexander, Beate und die Mutter sind die einzigen Fahrgäste, die die zwei Stationen bis zur Endhaltestelle noch mitfahren. Dort hat der Vater eine kurze Pause. Sie schenken den Punsch in die mitgebrachten Tassen und legen die Lebkuchen auf rote Servietten. Der Tannenzweig mit Kugel und Kerze kommt in die Mitte und so feiern sie ein kleines Weihnachtsfest. "Fröhliche Weihnachten, Papa!" sagt Alexander noch, da müssen sie auch schon wieder alles einpacken.

Die Pause ist vorbei und mit dem Bus geht es in eine neue Runde. Alexander, Beate und ihre Mutter fahren natürlich mit. Den kleinen Tannenzweig mit der Kugel haben sie in den Bus gehängt. Damit es auch ein bisschen nach Weihnachten aussieht. An der nächsten Station steigt ein Vater mit seiner Tochter ein.

"Miriam!" ruft Beate begeistert und läuft zu ihr. "Was machst du denn da?" "Meine Mama arbeitet heute und wir wollen sie überraschen", sagt Miriam. "Wir haben uns auch schon etwas Tolles ausgedacht. Im Krankenhaus gibt es ein Wartezimmer für Leute, die plötzlich krank geworden sind. Dort setzen wir uns rein und warten, bis wir dran kommen. Und wenn ich dann drinnen bei meiner Mutter bin, dann erst sagen wir ihr, dass ich gar nicht krank bin, sondern sie nur besuchen will. Da freut sie sich bestimmt!"

Beate lacht und auch ihre Mutter muss lachen. "Auf was für Ideen die Kinder kommen", sagt sie zu Miriams Vater. Der zuckt nur mit den Schultern und meint: "Ich finde es schön, wenn die Kinder auch denen eine Freude machen wollen, die an Weihnachten arbeiten müssen."

Dann setzen sie sich alle zusammen und während sie weiter fahren, erzählt Alexander, wie sie ihren Vater überrascht haben. Da lacht auch Miriams Vater. " Der muss ja gestaunt haben, als er euch an der Bushaltestelle gesehen hat!"

Gerade steigt eine ältere Frau in den Bus. Als sie den kleinen Tannenzweig mit der Kugel im Bus hängen sieht, sagt sie zu Alexanders Vater: "Na, da hat wohl jemand an sie gedacht, sie Armer." Alexanders Vater nickt. "Ich muss zwar heute arbeiten, aber meine Familie hat mich nicht vergessen! Sie haben mir Lebkuchen und Punsch und diesen kleinen Zweig mitgebracht!" "Ja,ja, mein Mann muss auch heute arbeiten, und damit er nicht so allein ist, besuche ich ihn", sagt die Frau. "Setzen sie sich doch zu meiner Familie, dann haben sie etwas Unterhaltung", schlägt Alexanders Vater vor. "Ja, gern", sagt die Frau und setzt sich neben Alexander. "Wie heißt du denn?" "Alexander", sagt Alexander. Dann fragt er neugierig: Was arbeitet denn ihr Mann? Ist er auch Busfahrer, wie mein Vati?" "Nein, er ist Nachtwächter. Er passt auf, dass keine Einbrecher in die Fabrik kommen", erzählt die Frau. " Und was bringen sie ihm mit?" fragt jetzt auch Beate. "Einen heißen Tee und ein paar Plätzchen, die ich selber gebacken habe", antwortet die Frau. "Wollt ihr mal probieren?" Alexanders Mutter sagt: "Danke, aber die sind doch für ihren Mann?" Da schlägt Alexander vor: "Wir können ja tauschen: Lebkuchen gegen Plätzchen!" "Das ist eine gute Idee ", lacht die Frau. "Mein Mann isst so gerne Lebkuchen und ich habe heute ganz vergessen, welche zu kaufen."

Also tauschen sie Plätzchen gegen Lebkuchen und sogar Miriam und ihr Vater bekommen ein paar Plätzchen, bevor sie aussteigen. Ein paar Stationen weiter fährt auf einmal ein Feuerwehrauto an ihnen vorbei. Aufgeregt guckt Alexander hinaus. "Schau, die müssen an Weihnachten auch arbeiten. Der Papa von meinem Freund Robert ist bei der Feuerwehr. Der hat gesagt, an Weihnachten haben sie immer viel zu tun. Viele Menschen sind nicht vorsichtig mit den Kerzen und dann brennt der ganze Weihnachtsbaum und dann muss die Feuerwehr zum Löschen kommen." Dann fragt er seine Mutter: "Ob der Robert seinen Vater an Weihnachten auch besuchen kann, wenn er arbeitet?" "Ich weiß nicht", antwortet die Mutter, "vielleicht ist das zu gefährlich." "Hm", sagt Alexander, "ich muss ihn unbedingt mal fragen." Wenig später steigt wieder eine Mutter mit zwei Kindern ein. Sie setzt sich zu Alexander und Beate. Sie haben eine große Tasche dabei, aus der eine Thermoskanne guckt und wenn man genauer hinsieht, glitzert auch ein Päckchen heraus. "Wo fahrt ihr denn hin", fragt Alexander neugierig, "besucht ihr auch jemanden?" Erstaunt guckt die Mutter herüber. Alexanders Mutter lächelt und sagt zu Alexander: " Sei nicht so neugierig!"

Aber Alexander lässt nicht locker. "Das ist nämlich mein Papa, der den Bus fährt und wir haben ihn besucht, weil heute Weihnachten ist!" sagt er stolz. "Das ist ja ein Zufall!" lacht die Mutter. "Wir sind auch gerade auf dem Weg, meinen Papa zu besuchen. Der ist bei der Polizei und muss heute auch arbeiten. Ich heiße Klaus und du?" "Alexander", sagt Alexander, "Was macht denn dein Papa bei der Polizei?" "Normalerweise Verbrecher jagen", meint Klaus, "aber heute ist er im Büro und da können wir ihn besuchen.. "Habt ihr auch Lebkuchen dabei?" fragt Beate. "Klar, Lebkuchen und Plätzchen und sogar ein Geschenk für Papa", sagt Christine, Klaus Schwester. "Da freut er sich aber bestimmt!" sagt Alexanders Mutter. Alexander ist begeistert. Alle, die an Weihnachten arbeiten müssen, bekommen Besuch und sind nicht allein.


22.12 - "Mümmelinas Großer Wunsch"

Es ist erstes Weihnachtsfest und das Kannichenmädchen Mümmelina ist total aufgeregt. Wird sich ihr großer Wunsch erfüllen. Eine große rote Schleife - die wünscht sie sich so sehr.

Es war Frühling. Mümmelina war noch klein. Bei ihrer ersten Entdeckungsreise am Waldrand fand sie etwas Sonderbares: einen von Ostern vergessenen Schokoladenhasen mit einer großen roten Schleife um den Hals. Mümmelina entdeckte den merkwürdigen Gesellen mitten im Gras. Er sah aus wie sie. Aber, er bewegte sich nicht als sie näher kam, hatte kein Fell und roch auch nicht wie ein Kaninchen sondern angenehm süßlich. Völlig verzückt hoppelte Mümmelina zu ihrer Mama, die in ihrer Nähe war.

“Mama, schau was ich entdeckt habe”, sagte sie zu ihr. Die Mama folgte ihr sofort, denn sie weiß: Mümmelina läßt nicht locker, wenn sie etwas will. Und so standen sie nun beide vor dem merkwürdigen Kaninchen. wenn sie etwas will. Die Kleine sagte: “ Mama, liebe gute Mama,, mach bitte die Schleife ab und mach sie mir um den Hals. Schau doch wie schön sie ist!” Die Mama versuchte es. Doch so sehr sie sich auch bemühte - die Schleife war zu kurz und passte nicht um Mümmelinas Hals. Mümmelina war sehr traurig. Aber die Mama wusste Rat um sie zu trösten, denn sie kannte Mümmelinas Vorliebe für Löwenzahn. “ Komm, mein Mädchen” sagte sie, “ dort drüben habe ich frischen grünen Löwenzahn gefunden. Wir sollten uns beeilen, bevor die anderen kommen und ihn finden.” Das wollte Mümmelina natürlich nicht und so hoppelten beide ganz schnell los und waren bald inmitten vieler frischer Löwenzahnblätter zu finden.

Das Jahr verging. Mümmelina wuchs zu einem hübschen hellgrauen Kaninchen heran.

Nun ist also Weihnachten, der Heilige Abend. Mümmelinas Familie ist sehr groß. Es ist recht eng im Kaninchenbau. Für die Eltern war es nicht einfach, genügend Geschenke für alle Kinder zu organisieren. Bei Kaninchen ist es üblich, dass die Kinder als Geschenk etwas Frisches zu Fressen bekommen: am besten Möhren als besonderer Leckerbissen im Winter. Die Kanincheneltern haben das ganze Jahr über fleißig gesammelt und alle Möhren in einem kühlen Extragang des Baus gut versteckt.

Ob die Eltern wirklich für jeden eine Möhre haben? Alle Kinder hüpften durcheinander vor Aufregung.

Nur Mümmelina saß still in einer Ecke. Sie hat die Schleife, die sie so gern gehabt hätte, das ganze Jahr über nicht vergessen. Natürlich denkt sie: die Eltern werden keine Schleife für sie haben. Woher auch? Wie soll ein Kaninchen eine Schleife besorgen?

Endlich war es soweit. Die Eltern verteilten die Geschenke. Nacheinander riefen sie jedes Kind zu sich und jeder erhielt sein Geschenk, seine Möhre. Und nun war Mümmelina an der Reihe. Die Mama rief sie zu sich. Aber Mümmelina sah keine Möhre in der Pfote ihrer Mama. Sie befürchtete das Schlimmste. Hatte sie die Eltern zu sehr genervt mit dieser Schleife? Immer wieder sprach sie davon. Wird sie nun deshalb kein Geschenk, keine Möhre erhalten? Mümmelina war gar nicht wohl zumute. Während alle anderen fröhlich und zufrieden ihre Möhren verspeisten, hoppelte Mümmelina ganz langsam und mit gesenktem Kopf zu ihrer Mama.

Und nun saß sie vor ihr und tatsächlich...die Mama sagte:” Ich habe leider keine Möhre für dich, Mümmelina”. “Macht nichts” sagte Mümmelina, “ das ist nicht so schlimm. Es war sicher schwer für euch so viele Möhren zu organisieren.” “Ja” sagte die Mama, “es war diesmal besonders schwer! Wir haben nur das hier für dich. Es ist leider keine Möhre. Schau, ob Du es trotzdem haben möchtest.” Mümmelina schaute wenig interessiert auf das, was ihr die Mama entgegenhielt. “Aber, das ist ja...das ist ja...Mama!” rief Mümmelina ganz laut - ”das ist ja eine rote Schleife!” Sie konnte sich gar nicht beruhigen. Die Mama band ihr die Schleife nun um den Hals, was gar nicht so leicht war, weil Mümmelina so sehr zappelte vor Freude. “Oh Mama, liebe gute
Mama, vielen vielen Dank dafür!” sagte Mümmelina und dann war sie auch schon weg, um allen anderen ihre neue rote Schleife zu zeigen.

Wie war es möglich den Wunsch zu erfüllen? Nun, die Kaninchenmama fand diese Schleife im Herbst an einem Gartenzaun. Wahrscheinlich war sie von einem Geschenk abgemacht worden und durch den Wind weggeweht. Für die Menschen ist so eine Schleife weniger wichtig, aber die kleine Mümmelina machte sie nun zum glücklichsten Kaninchenmädchen der Welt.


23.12"Wie der alte Christian Weihnachten feierte"



“Wie der alte Christian Weihnachten feierte”
“Kind”, sagte am Vortage des Weihnachtsfestes meine gute Mutter zu mir, “Kind, geh, bring dem alten Christian seine Kuchenstolle und dies Paket.

Sag, ich ließ` ihn schön grüßen, und er möchte das Fest und das neue Jahr gesund und ruhig verleben. Diesmal wär` zuviel Arbeit, ich könnt` nicht selber abkommen.”
Ich blickte etwas erstaunt und beunruhigt aus meinem Buche auf. Ich kannte den mürrischen alten Waldhüter recht gut; wie oft hatte ich mich als kleines Mädchen vor seinem großen, rostigen Schnurrbart gefürchtet, wenn er uns beim Beerensuchen auf verbotenen Plätzen überraschte und uns mit seinem Brummbass aufschreckte und davonjagte.
Jetzt freilich hatten wir ihn nicht mehr zu fürchten, denn er war schon seit etwa zwei Jahren pensioniert. Mach dem Tode des alten Försters, dem er sehr ergeben war, hatte auch er um seine Entlassung gebeten. Das Reißen in den Füßen sei zu arg, meinte er, er könne nicht mehr stundenlang im Walde umherlaufen; und mein Vater, der Arzt im Städtchen war,
hatte ihm das gewünschte Attest ausgestellt.

Seitdem hatten wir einen neuen Förster und einen neuen Waldhüter, und beide nahmen es nicht so genau mit uns Kindern. Der alte Christian Merkenthin aber zog zur Witwe Klemm draußen in der Vorstadt, die dem Walde am nächsten lag, und ließ sich selten blicken.
Meine Mutter, der meine Unruhe nicht entgangen war, lächelte: “Geh nur, Kind, er ist in seiner Stube anders, als du ihn sonst kennst, und du bist schon groß und verständig genug, um deine Freude an dem prächtigen alten Mann zu haben.”
Ich nahm meinen Mut zusammen, als ich die gute Mutter so reden hörte, klappte mein Buch zu, langte Hut und Mantel vom Riegel und machte mich gehbereit.
“Wenn du dem Christian ein wenig Gesellschaft leisten willst, kannst du das gern tun”, sagte meine Mutter noch, indem sie mir sorglich die Pakete in den Arm legte, “um sechseinhalb Uhr wird beschert, da musst du wieder hiersein.”
Ich nickte still, sagte ihr lebewohl und ging mit leiser Neugier im Herzen und etwas Bangigkeit die Hauptstraße der Stadt hinunter.
Ich beschleunigte meine Schritte und war bald aus der Häuserreihe heraus.
Die Wiesen, die sich bis zum Waldrande ausbreiteten, lagen im tiefen Schnee, und auf den kahlen Ästen der Kirschbäume, die die Chaussee begrenzten, hockten und flatterten Hunderte von Krähen, die wohl vergebens nach Futter suchten.
An den beiden verschneiten Kornmühlen vorbei, die leise im Winde knarrten, kam ich mit rotgefrorener Nase und steifen Fingern endlich bei dem Häuschen der Witwe Klemm an, wo mich ein kleiner schwarzer Spitz mit wütendem Gebell ansprang. Die Frau des Hauses, die auf sein Kläffen herauskam, rief ihn zurück und maß mit großen Augen den unerwarteten Besuch. Auf meine Bitte führte sie mich jedoch bereitwillig die steile Holztreppe hinan auf den kleinen, mit frischem Sand bestreuten Flur, wo sie an eine der Türen klopfte. Ohne lange das Herein abzuwarten, öffnete sie, steckte den Kopf in die Spalte und meldete: “Eine kleine Jungfer wünscht Euch zu sprechen, Herr Merkenthin”, worauf sie die Tür weit aufsperrte und mit einem schnellen neugierigen Blicke verschwand.
Dichter Tabaksqualm umfing mich, als ich zögernd näher trat und die Tür hinter mir zuzog; und zuerst sah ich weiter nichts als die mir wohlbekannte, aufrechte Gestalt mit der Jagdjobbe und den hohen Wasserstiefeln, die er, wie ich sah, auch im Hause trug. Auf sein knurriges, doch nicht gerade unfreundliches: “Na, was bringst du denn?” kam ich mutig näher und legte mein Pakete auf den Tisch.
“Das schickt Euch Mutter, Herr Merkenthin, und Ihr möchtet es nicht übelnehmen, wenn sie diesmal nicht selber käme, es wäre zuviel im Hause zu tun.”
Der Alte hatte unterdessen die Stolle ausgewickelt und die Strickjacke und die Strümpfe mit kritischen Blicken gemustert. Die Besichtigung schien zu seiner Zufriedenheit ausgefallen zu sein, denn er legte alles wie zärtlich unter den kleinen Tannenbaum, der auf einer weißen Serviette auf der Kommode stand, versenkte sich in die Betrachtung seiner Schätze oder hing sonst seinen Gedanken nach; jedenfalls schien er meine kleine Anwesenheit ganz vergessen zu haben.
Meine Augen hatten sich indessen an den Rauch gewöhnt, und ich ließ sie nun in dem kleinen Zimmer umherwandern.
Die Wand, an der ich lehnte, wurde fast ganz von einem großen schwarzen Ledersofa ausgefüllt, das mit seinem eingesunkenen Sitz und seinen breiten Armlehnen gewiss von Urgroßmutters Zeiten herstammte. Neben mir, auf einer der Lehnen, lag eine große graue Katze zusammengerollt und schlief. Ich streichelte ihr dickes Fell, da erhob sie sich langsam, machte einen Buckel und gab mir deutlich zu verstehen, dass sie noch mehr gestreichelt sein wollte. In demselben Augenblick flatterte etwas über mir, und als ich hochsah, kam ein größerer Vogel und setzte sich auf meine Schulter.
Der alte Christian drehte sich um und brummte: “Magst du Tiere leiden, kleine Doktorn?” Ich nickte eifrig und stand ganz still, um den kleinen Gast auf der Schulter nicht zu verscheuchen. Des Alten Stimme wurde jetzt etwas sanfter: “Ich mag eigentlich keine Vögel im Zimmer; was in den Wald gehört, soll im Walde bleiben, aber der Bengel will nicht wieder fort, trotzdem der gebrochene Flügel lange auskuriert ist. Es ist ein Star und ein kluger Vogel”, fügte er hinzu, und ich sah, wie seine Augen liebevoll nach dem Tierchen hinblickten.
Oh, mein Peter weiß schon, wie weit er gehen darf”, knurrte der Alte, “und allein lass` ich die beiden nicht, einer von ihnen spaziert in die Küche, wenn ich fortgehe; aber nun setz dich doch auf das Sofa, du hast einen weiten Weg gehabt in der Kälte, ich will dir was Warmes zu trinken holen.” Er verschwand durch die Tür, und ich streichelte abwechselnd den Vogel, der ruhig auf meiner Schulter blieb, und die Katze, die sich wohlig an meinem Ärmel rieb. Eine geschnitzte Wanduhr tickte laut, und über mich kam ein warmes Gefühl von Heimlichkeit und Weihnachtsfreude. Die Tannenzweige, die hinter dem kleinen Spiegel über der Kommode steckten, und das mit weißen Lichtern geschmückte Bäumchen verbreiteten einen lieben Duft, selbst der Tabaksqualm kam mir nun recht gemütlich vor.
Christian kam mit einem Glase Grog aus der Küche; legte einen Pfefferkuchen auf ein vergoldetes Tellerchen, das er aus der obersten Kommodenschublade nahm, und reichte mir beides. Der alte Mann sah recht hilflos und ungeschickt dabei aus, aber mir gefiel es, und mein junges Herz fing an, den bärbeißigen Geber zu verstehen und zu lieben, wie nur Kinder lieben können, schnell und unmittelbar. Ich wollte ihm eigentlich sagen, dass uns solche Getränke verboten seien, fürchtete aber ihn zu kränken und schwieg. Tapfer trank ich die scharfe heiße Brühe, im stillen hoffend, dass meine Eltern es mir verzeihen würden. War ich doch damals schon zwölf oder dreizehn Jahre alt und begriff, dass Recht und Unrecht nicht so leicht zu sondern sind wie Äpfel und Nüsse, und dass man sein Herz so erziehen muss, dass es ohne große Mühe das kleinere Unrecht und das größere Recht herausfühlt.
Der alte Christian sah befriedigt zu, wie ich schluckweise trank und meinen Pfefferkuchen mit der Katze und dem Star teilte. Plötzlich sagte er: “Hast du Zeit, eine Stunde mit mir in den Wald zu gehen? Du kannst mir tragen helfen.” Ich nickte und sah ihn erwartungsvoll an. “Nun ja”, fuhr er fort, als er meine fragenden Augen sah, “nun ja, die Kreatur soll doch auch wissen, dass Weihnachten ist.” Damit nahm er den Starmatz von meiner Schulter, ging in die Küche, und ich hörte an seinem Zureden, dass er den Vogel in seinen Bauer sperrte.
Mir brannten die Backen vor Freude; ich ahnte wohl, was der alte Waldhüter, der sein halbes Leben in Gemeinschaft mit den Tieren des Waldes zugebracht hatte, tun wollte, und ich war glücklich, dieser seltsamen Bescherung beiwohnen zu dürfen. War ich doch von klein auf daran gewöhnt, auch die Tiere als Gottesgeschöpfe zu betrachten, sie zu schonen und zu lieben, wie ein erwachsener Bruder seine unmündigen Geschwister schonen und lieben soll.
Als der alte Christian gleich darauf mit seiner Pelzmütze, den Wasserstiefeln und einem Sack über der Schulter wieder in die Wohnstube trat, glich er ganz und gar dem Weihnachtsmann aus dem Märchen, und ich ließ mir wie im Traum den vollgepackten Henkelkorb über den Arm hängen. Er nahm noch einen Spaten und mehrere Tannenzweige mit und schritt mir voran und die Treppe hinab. “Adjes, Frau Klemm”, rief er durch die halboffene Küchentür seiner Wirtin zu, “in ein bis zwei Stunden bin ich wieder da.” - “Gut, Herr Merkenthin”, klang es zurück, und ich ging und öffnete die Haustür.
Der Spitz ließ uns mit leisem Knurren passieren. “Die Menschen sind auch misstrauisch, warum sollte es das Viehzeug nicht sein”, sagte mein Begleiter, “ihm kommt noch mehr Übles zu als unsereinem”, und damit schritten wir der ungefähr eine Viertelstunde entfernten Schonung zu.
Die Sonne neigte sich schon tief nach Westen und stand wie eine dunkelrote Scheibe am Himmel; ein kühler Wind strich über die Felder. Wir mussten am Ortskirchhof vorbei, und mein Blick streifte die in tiefen Schnee gebetteten Gräber. Nie war ich bisher im Winter hierher gekommen; ich kannte den Kirchhof nur voller Grün und Blumen, und eine Ahnung von der Feierlichkeit alles Gewesenen streifte meine junge Seele.
Der alte Christian war stehengeblieben. “Warte ein paar Minuten”, sagte er, “ich bin gleich wieder hier.” Damit stellte er den Sack neben mir, nahm den Spaten und die grünen Zweige und verschwand hinter der eisernen Pforte. Ich sah ihm nach. Ein Schwarm Krähen flog bei seinem Eintritt in die Höhe, und ich verfolgte mit meinen Blicken die Vögel, wie sie krächzend dem Walde zuflogen.
Ob die Tiere auch etwas vom Tode wussten? ...
Aus dem Hause des Totengräbers, der ein Stück weiter die Straße hinauf wohnte, klang plötzlich doppelstimmig: “O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit”, und mein bewegliches Kinderherz streifte mit einem Lächeln die kleine Wehmut ab und wurde wieder hell und weihnachtsfröhlich, als gäbe es keine Kirchhöfe und keine hungrigen Krähen mehr auf der Welt.

Jetzt kam auch der alte Christian zurück, aber ohne die grünen Zweige. “Hab` meiner guten Frau und der kleinen Käte da drin bloß sagen wollen, dass ich am Weihnachtsabend an sie denke”, brummte er, nahm ohne mich weiter anzusehen seinen Sack auf und ging etwas schneller als vorher dem Walde zu.
Ich ließ ihn vorausgehen und horchte auf den Klang des Weihnachtsliedes, der noch eine ganze Weile mit uns mitging; mir war, als wäre ich in der Kirche. Ich hätte dem alten Manne, der seine liebsten Menschen hatte begraben müssen und nun allein unter dem Weihnachtsbaum stehen würde, so herzlich gern etwas Liebes gesagt; aber ich wusste nicht, wie ich das beginnen sollte, und so ging ich schweigend hinter ihm her. Unvermutet kam mir da meine liebe Mutter in den Sinn; ich begriff, warum sie gerade dem alten Christian heut eine Herzensfreude bereiten wollte, und eine große Dankbarkeit überkam mich, ein neues schönes Gefühl von Liebe und Erkenntnis.
Der Wald, der sich jetzt vor uns ausbreitete, kam mir in seiner weißen Einsamkeit fast schöner vor als im Sommer. Der Wind hatte sich gelegt, wir hörten nur den weichen Ton unserer Schritte und dann und wann ein leises Knacken im Holze, das von dürren Ästen herrührte, denen die Schneelast zu schwer geworden war.
Christian bleib stehen: “Nun wollen wir unsere Weihnachtstische herrichten”, sagte er, nahm seinen großen Sack von der Schulter und band ihn auf. Was da nicht alles zum Vorschein kam! Hammer und Zange, Bindfaden und Nägel, Messer und Schere; und wozu er wohl alle die Strohmatten und zugespitzten Stäbe brauchen würde, die er aus den Tiefen des Sackes hervorholte. Meine Neugierde sollte bald gestillt werden, denn ich musste meinen Korb hinsetzen und ihm bei seiner wunderlichen Arbeit behilflich sein.

Da, wo dichtes Astwerk den Schnee abgefangen hatte, so dass der Boden nur wenig damit bedeckt war, bauten wir unsere Speisekammern. Zwei Ecken einer Matte banden wir etwa meterhoch an einem Baumstamm fest, während die beiden anderen Ecken auf zwei in der Nähe eingebohrten Pfählen befestigt wurden.
So entstand ein gedeckter kleiner Raum, der den hungrigen Tieren gut zugängig war. Wir säuberten ihn vollends vom Schnee, und nun kam auch mein Korb und sein Inhalt an die Reihe. “Hier am Waldrand hält sich Meister Lampe gern auf”, sagte der alte Christian; dabei langte er Kohlblätter und Rüben aus dem Korbe, um sie dem Häschen aufzubauen und in etwas seinen Winterhunger zu stillen. “Es ist ein Jammer, wieviel Gutes unnütz auf dem Kehrichthaufen verkommt”, fügte er hinzu, “wo doch soviel dankbares kleines Gesindel in der Welt umherläuft; ja, ja, der Mensch denkt kaum an seinesgleichen, wie sollte er der Kreatur gedenken.” - Ich nickte ernsthaft und nachdenklich, und dann gingen wir weiter.
Alle fünfhundert Schritt etwa schufen wir ein neues Tischlein-deckdich. Aber nicht bloß für die Hasen, auch für dieVögel wurde liebevoll gesorgt. Futterkästen mit allerlei Samen, Sonnenblumen- und Kürbiskernen wurden in Ast und Strauch untergebracht; Talgklöße und Speckschwarten, ja ein paar Gänsegerippe und Bratenkeulen mussten sich die Bäume aufbinden lassen. “Die sind für die Meisen und Spechte, auch für die Rotkehlchen und das andere kleine Viehzeug, denen der Flug übers Meer zu weit ist”, meinte der Christian; “hoffentlich naschen ihnen die Krähen und Dohlen nicht das Beste weg. Aber die wollen ja auch leben”, fügte er leise hinzu, “auch dem Bösesten knurrt der Magen, ja, wenn der Hunger nicht wäre, wenn der Hunger nicht wäre!”
So stapften wir weiter durch den dichten Schnee, und während unser Gepäck immer leichter wurde, wurden unsere Herzen immer heller und weihnachtsfreudiger, und ich weiß nicht, wie es kam, plötzlich war mir das schönste Lied auf den Lippen, und ich sang es leise vor mich hin:
“Es ist ein Ross entsprungen aus einer Wurzel zart ...”
Der Alte hörte andächtig zu, und als es zu Ende war, wiederholte er: “Mitten im kalten Winter - ja, mitten im kalten Winter, da blüht`s oft drinnen am besten auf, aber das wirst du noch nicht verstehen, kleine Doktorn.”
Nein, ich verstand es damals noch nicht, jedoch ich fühlte, dass der alte Christian was Liebes damit meinte, und fasste nach seiner alten runzligen Hand.
Das Schönste vom Tage sollten wir aber noch erleben. In einer Lichtung stand plötzlich ein großer Hirsch vor uns, und mehrere junge Hirsche und Hirschkühe kamen hinter ihm her. Er hob den Kopf mit dem schönen Geweih und sah uns klug und furchtlos an. Auf das leise Pfeifen des Alten kam er zutraulich näher und das ganze Rudel mit ihm. Wir warfen ihnen Brot und Kartoffeln zu, die sie sogleich verzehrten, ja, der große Hirsch wurde so dreist, dass er aus meiner ausgestreckten Hand ein Stück Brot nahm, und ihr könnt euch gewiss denken, wie sehr ich mich darüber freute.
“Es ist Schonzeit, da weiß die Kreatur, dass sie was riskieren kann”, brummte der Alte; aber auch aus seinen umbuschten grauen Augen zuckte die Freude über das hübsche Bild.
Das schrille Geläute eines Schlittens, der auf der nahen Landstraße daherkam, ließ unsere lieben Gäste jäh auffahren und die Flucht ergreifen. Ich sah ihnen bedauernd nach. “Sie finden schon wieder her, kleine Doktorn”, sagte Christian, “hier ist seit vielen Jahren ihr Futterplatz.”
Nun sah ich erst, dass etwa hundert Schritt von uns ein kleines festes Strohdach auf Pfählen aufgerichtet war und dass noch geringe Futterreste verstreut umherlagen. Mein Begleiter nahm aus dem Korbe reichlich Rosskastanien, Eicheln, getrocknete Lupinen und das noch übrige Brot und baute es dem Wilde als Weihnachtsgabe auf.
“Kommen die Rehe auch hierher?” fragte ich und hoffte im stillen, auch diesen hübschen Tieren nah bei sehen zu dürfen. “Nein, denen müssen wir woanders bescheren”, meinte der Alte, “die haben eine feine Nase und lieben den Hirschgeruch nicht. Und kiesätig ist die Bande auch”, fügte er hinzu, “wenn sie nichts Grünes mehr finden, fressen sie höchstens ein bisschen Korn und feines Heu, na, sie sollen auch ihr Teilchen kriegen. Aber aus der Hand werden sie dir wohl kaum fressen, du kleine Hexe, es ist ein furchtsamer Chor; komm, ich weiß die Stellen, wo sie gern äsen, sie sollen heute auch extra Leckeres haben.”
Wir gingen noch etwas tiefer in den Wald und fanden bald an einer ziemlich versteckten Lichtung Spuren von Rehwild und einen ähnlichen Futterplatz wie zuvor. Hier legen wir Korn und Heu nieder und verhielten uns eine Weile mäuschenstill; die kleinen Gäste wollten sich aber nicht blicken lassen.
“Morgen früh werden sie die Bescherung schon finden”, schmunzelte der Alte und band noch den Rest unserer Vorräte für die Vögel in die Bäume.
Es war auch mittlerweile Zeit geworden, an den Heimweg zu denken.
Die Sonne war lange untergegangen, und nur der Schnee leuchtete uns aus dem Dickicht hinaus. Es war empfindlich kalt geworden, ich schlug den Mantelkragen hoch und steckte die fast erstarrten Hände in die Ärmel.
“Komm nur, kleine Doktorn”, tröstete mich mein Begleiter, “der Schneiderwirt wohnt nicht weit von hier, der hat einen feinen Schlitten, und haste nicht gesehen sind wir zu Hause, das wäre doch ein extra Weihnachtsspaß, wie?” Und damit zog er mich frierende kleine Person durch das Gewirr der Stämme auf nur ihm bekannten Pfaden vorwärts, und bald waren wir auf der Landstraße. Hier grüßte uns schon von weitem das grüne Licht einer Laterne, die zum Wirtshaus zum Bären gehörte. Peter Holtzen, ein früherer Schneider, hauste darin, und man nannte ihn in der ganzen Gegend den Schneiderwirt.
Wir traten mit Behagen in die warme Wirtsstube, und die gute Mutter Holtzen zog mir gleich die nassen Schuhe und Strümpfe aus und hing sie über die Messinghaken, die in den riesigen grünen Kachelofen eingeschraubt waren. Meine nackten Füße steckte sie in warme Pantoffeln, brachte mir eine Tasse heiße Milch, und nach ein paar Minuten wusste ich nichts mehr von Frost und Kälte.
Der alte Christian trank ein Glas Warmbier, rauchte dazu sein Pfeifchen und plauderte mit Peter, dem Schneiderwirt, über die Schlachten bei Wörth und Sedan, und wie kalt es in jenem Winter gewesen war; ich hörte den beiden alten Soldaten mit Interesse zu.
“Bist `ne wackre Dirn”, sagte der alte Christian zu mir, als wir eine halbe Stunde später in dem hübschen Wirtsschlitten unter lustigem Geläute nach Hause fuhren, “bist `ne wackre Dirn, kleine Doktorn, ich ließ das Vater und Mutter extra bestellen und viele Grüße und schönen Dank dazu!” Damit sprang er vor seiner Tür aus dem Schlitten, winkte noch mal mit der Pfeife, und der Kutscher fuhr weiter meinen elterlichen Hause zu.
Ich lief die Treppe hinauf und fiel meiner Mutter um den Hals. Mein Herz war zu voll; erst nach und nach konnte ich von allem erzählen. Aber nie zuvor hatten mir die Lichter am Tannenbaum so hell gestrahlt, und nie zuvor hatte ich Eltern und Geschwister so lieb gehabt wie an diesem Weihnachtsabend!
Zwischen dem alten Christian und mir entspann sich seit jenem Tage eine wirkliche Freundschaft, die bis zum Tode des alten Mannes dauerte. Oft saß ich an freien Nachmittagen in seinem Stübchen, las ihm die Zeitung vor oder beschäftigte mich mit seinen Haustieren, für die ich meist diesen oder jenen Leckerbissen bereit hielt.
Am Tage vor Weihnachten aber gingen wir regelmäßig in den Wald, um die Tiere zu füttern, und ich sammelte schon Wochen vorher für unsere Lieblinge.
Manch ein echtes und kluges Wort ist damals aus dem Munde des alten Christian in meine Seele geglitten und hat dort eigene Weihnachtskerzen angezündet, die hell und lieblich auf meinen Lebensweg leuchteten.




Weihnachten


Kontakt