Weihnachtskalender Teil 2
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Weihnachtszeit 2005
Frohe Weihnachten 2006

Lesestunde bei Oma



10.12 -"Das Weihnachtswunder

Opa Heinrich war seit einem Vierteljahr Witwer und fühlte sich sehr einsam: Nun stand auch noch das erste Weihnachtsfest ohne seine liebe Frau bevor und das machte ihn noch trauriger. Was konnte er nur machen, um wieder fröhlicher zu werden, denn für ihn musste das Leben doch noch weitergehen. Ja, wenn doch nur ein lebendiges Wesen um ihn herum wäre, dann ließe es sich besser klarkommen. Aber er sah keinen Ausweg.
Nun war der Heilige Abend gekommen und Opa Heinrich hatte kaum Lust aufzustehen. Wozu denn auch wohl? Müde schleppte er sich durch den Tag. Dann entschloss er sich doch dazu, sich sein Lieblingsessen zu kochen und danach hatte er vor, sich durchs Fernsehen unterhalten zu lassen. Aber er wurde immer wieder abgelenkt durch den Gedanken an seine verstorbene Frau, was ihn wieder traurig werden ließ.

Auf einmal horchte er auf: Was war das da eben für ein Geräusch? Hörte sich an wie ein Jaulen. Da war es wieder. Es kam von draußen vor der Tür. Opa Heinrich öffnete sie und traute seinen Augen kaum. Vor der Tür fand er einen kleinen schmutzigen Hund, der ihn traurig, aber erwartungsvoll ansah. Es war ein kleiner Terrier, ein Westie. Seine Fellfarbe war schwer auszumachen. "Na, denn komm erst mal rein, kleiner Kerl", sagte Opa Heinrich und der Hund ließ sich das nicht zweimal sagen.
Schon war er in der Wohnung und ich weiß aus Erfahrung, wenn ein Hund über der Schwelle des Hauses geht, bleibt der Hund auch da. Opa Heinrich fütterte ihn erst mal mit den Resten von seinem Weihnachtsessen und merkte, wie hungrig der kleine Hund war. Dann steckte er ihn in die Badewanne, denn das hatte er bitter nötig.
Als Opa Heinrich ihn abfrottiert hatte, traute er abermals seinen Augen kaum, denn der Kleine war auf einmal schneeweiß und sah wunderschön aus. "Du bist ja wirklich ein Hübscher", meinte Opa Heinrich. Zu Dir würde der Name Schneeflöckchen passen. Aber da das etwas lang ist, wurde dann Flöckchen daraus.
Opa Heinrich fühlte sich zum ersten Mal nach dem Tod seiner lieben Frau überhaupt nicht mehr einsam. Dann fiel ihm aber ein, dass der Hund wohl einen Besitzer haben musste. Obwohl, ein Halsband trug er nicht. Schweren Herzens entschloss sich Opa Heinrich eine Suchanzeige in der regionalen Zeitung aufzugeben, denn es musste doch alles seine Ordnung haben.

Die Zeit verging, aber niemand meldete sich auf die Anzeige. War der kleine Hund ausgesetzt worden? Opa Heinrich wusste es nicht. Aber eins wusste er ganz bestimmt: Flöckchen war sein ganz persönliches Weihnachtswunder und sie lebten noch viele Jahre schön und friedlich miteinander.

Diese Geschichte hat sich tatsächlich ereignet, nicht ganz so, aber so ähnlich!





11.12 - "Stollenbacken mit Hindernissen"

In dem Hause ist heute große Aufregung, denn es sollen die Stollen, der Festkuchen, gebacken werden. Die gute Mutter hat alle Hände voll zu tun mit Heranschaffen der einzelnen Bestandteile, mit Anordnen und Ruhe gebieten, eine schwere Aufgabe, da die Kinder heute noch mehr außer Rand und Band sind als sonst.
Endlich bringt Miene die große Mulde, in der der Teig für die Stollen angerührt werden soll; das große Werk kann beginnen. Rings umher stehen die Kinder um zuzuschauen. Das Mehl wird eingeschüttet, Milch dazu, Butter, so dass ein Brei entsteht, den Miene emsig mit ihren kräftigen Händen drückt und knetet. Fritzchen bemerkt auf dem danebenstehenden Tisch die Schale mit Streuzucker, ihn treibt das Gelüste zu prüfen, wie es schmecke. So reckt der Taugenichts sich in die Höhe, um mit dem nassen Finger einzutippen, verliert aber das Gleichgewicht, stößt gegen die Schale, welche vom Tische fliegt und ihren ganzen Inhalt über den Fußboden verstreut. Fritz kriegt Schläge, und Miene muss neuen Zucker vom Kaufmann holen.
Mittlerweile ist es den beiden älteren Kindern, Otto und Hedwig, langweilig geworden, so tatenlos dazu stehen; wenn was Neues kommt, sind sie ja früh genug da, in der Zwischenzeit spielen sie Ball, necken und jagen sich. Die Mama hat anderes zu tun, als sich nach ihnen groß umzuschauen. Als nun Miene wieder frisch beim Kneten ist, fliegt plötzlich ein schwarzer Gegenstand an die Wand, prallt ab und springt mitten in den Teig, den Miene gerade hoch aufgeworfen hat, und versinkt in ihm. Lautlose Stille!
Endlich ruft Mama: “Was ist denn das?”
Hedwig sagt leise: “Otto hat den Schuh an die Wand geworfen; er wollte sehen, ob er ihn als Ball fangen könnte!”
“Ja, da ist er falsch abgesprungen!” meint Otto.
“Ach, diese Kinder!” ruft Mama erbittert. “Wartet, ihr bekommt eure Schläge noch! Nun aber raus mit euch, und dass ihr euch hier nicht wieder blicken lasst.” Die Kinder ziehen ab.
Nachdem der unselige Schuh aus dem Teig herausgegraben war, zeigt es sich, dass Otto sich gerade einen recht schmutzigen ausgesucht hatte. Mit tiefem Seufzer muss Mama einen großen Teil des bald fertigen Teiges opfern und die Arbeit von neuem beginnen.
“Mach schnell, Miene! Hol aus der Küche noch die Milch zum Zugießen!” Miene eilt hinaus, kommt aber sofort bestürzt zurück.
“Die Katze ist bei der Milch gewesen; ich fand sie eben mit dem Kopf tief in den Topf!” schreit sie.

“Da hört aber alles auf!” ruft Mama. “Was nun? Unsere letzte Milch! Versuche, neue Milch zu erhalten. Aber schnell!”
Miene läuft mit dem Topf über die Straße, von einer Milchhandlung in die andere; alle sind heute ausverkauft, da in allen Haushaltungen mehr Milch gebraucht wird. Endlich erwischt sie irgendwo noch einige Reste und eilt damit heim. Ehe die Milch aufgekocht ist, vergeht Zeit, währenddessen die Hausfrau schier in Verzweiflung geraten will, denn sie fürchtet, der Teig wird nicht mehr recht aufgehen. Und eine lockere, schöne Stolle ist doch der Stolz der Hausfrau.
“Ich backe nie wieder Stollen”, versichert sie, indem der Backtrog mit dem Inhalt am warmen Ofen, sorgsam zugedeckt, hingestellt wird. “Mag ein anderer den heillosen Ärger durchmachen; ich nicht.”
Als Miene am nächsten Mittag, den so oft arg gefährdeten Stollen vom Bäcker über die Straße heimträgt, freut sie sich über das trotzdem herrlich gelungene Werk. Ich ahne sogar, dass niemals den Kindern ein Festkuchen so prächtig geschmeckt hat wie der diesjährige. Ob Mama auch zufrieden war? Ob sie später wieder selbst gebacken hat?


12.12 - "Roswithens Weihnachtswunsch"

Die Sache begann sehr harmlos. Als ich vor Jahren einmal mit Roswithen spazierenging, fragte sie mich: “Vater, magst du gern Ziegen leiden?”
Ich kann eigentlich nicht behaupten, dass ich Ziegen überwältigend reizvoll finde. Ich antwortete also langsam und gedehnt:
“Nun jaaaa - hm - wie man`s nimmt - warum nicht?”
“Ich schrecklich gern!” seufzte Roswitha. “So kleine junge Ziegen find` ich reizend!”
Ja, wenn sie noch klein sind, sind sogar Menschen reizend.
Dachte ich, sagte ich natürlich nicht. Damit schien dieses Thema erschöpft. Die Lektüre seiner Kinder kann man nicht sorgfältig genug überwachen. Ich hatte es daran fehlen lassen: Roswitha erwischte eine Geschichte mit einer Ziege darin. Es war “Heidi” von Johanna Spyri, eine nette Geschichte, wenn nur keine Ziege drin wäre und wenn die nicht noch obendrein “Schneehöppli” hieße. Nun hatte Roswithens Sehnsucht einen Namen: “Schneehöppli”, nun saß die Sehnsucht fest.
“Wenn ich verheiratet bin, dann kann ich doch tun, was ich will, nicht?”
Sie nahm mein Schweigen für Bejahung.
“ - und wenn ich den Ludwig heirate, denn kauf ich mir `ne Ziege, und die soll Schneehöppli heißen. Wenn ich Fritz heirate, der will drei Kinder haben; aber wenn ich Ludwig heirate, der will keine Kinder haben, denn schaff ich uns `ne Ziege an.”
Von Zeit zu Zeit rückte der Termin des Ziegenkaufes ein tüchtiges Stückchen vor.
“Wenn ich groß bin, dann kauf ich mir usw.” - “Wenn ich nicht mehr zur Schule gehe und `n ganzen Tag frei habe, dann kauf ich mir usw.”
Als einmal wieder die Weihnacht nahe war, wurde Roswitha nach ihren Wunsch gefragt.
“Mein höchster Wunsch ist ja natürlich `ne Ziege, aber - “
“Aber Liebling”, rief meine Frau, “wie sollen wir denn hier in der Stadt eine Ziege halten! Wenn wir so ein Tierchen anschaffen, muss es doch sein Recht haben! Wo sollen wir es denn unterbringen!”
“Hm”, machte Roswitha mit nachdenklichem Gesicht, “in der Küche kann sie ja nicht sein?”
“Nein”, erklärte meine Frau entschieden, “in der Küche kann sie ja nicht sein!” Dieser Versuchsballon war geplatzt.
“Das arme Tierchen würde sich gar nicht wohl fühlen bei uns”, versicherte meine Frau. Nein, wenn es sich nicht wohl fühlte, dann ging`s nicht, das sah Roswitha ein, wenigstens für einige Monate. Unglücklicherweise musste sie dann über den Robinson geraten. Hatte Heidi eine
Ziege gehabt, so hatte Robinson eine ganze Insel voll wilder Ziegen. Ich bin überzeugt, der arme Schiffbrüchige erschien Roswithen als der beneidenswerteste der Menschen, weil er in Ziegen förmlich schlampampen konnte.
Dann kaufte ich ein Haus auf dem Lande mit einem großen Garten, und dann musste ein Unglücksbengel aus dem Dorfe Roswithen eines Tages erzählen, er könne ihr eine kleine Ziege für eine Mark fünfzig verkaufen. -
Aufgelöst kam Roswitha nach Hause.
“Vater! Mutter! `ne Ziege kostet bloß eine Mark fünfzig! Ich hab` ja fünf Mark in mein`m Spartopf; darf ich sie mir holen?”
“Liebe Roswitha, es ist nicht wegen der Mark fünfzig; eine Ziege braucht doch auch einen ordentlichen Stall, und den haben wir nicht, können wir in unsern Garten auch gar nicht unterbringen.” - Damit war auch dieser Angriff abgeschlagen ...

Aber eines Morgens beim Frühstück begann sie: “Vater, ich weiß was. Unten im Keller haben wir doch so `ne große Bücherkiste, nicht?” “Ja?” “Da machen wir einfach `ne Tür hinein, und dann ist das `n Ziegenstall.”
Da riss mir die Geduld. “Roswitha”, sagte ich ernst, “nun hörst du endlich auf mit deiner Ziege, nun hab ich`s satt. Du bekommst keine Ziege, und damit basta!”
Die Absage wirkte. Roswitha sprach weder von Stall noch Ziege mehr, nicht einmal andeutungsweise, nicht einmal zu den Geschwistern. Sie ging fortan still einher, aber nicht etwa traurig, nicht etwa gedrückt, nein, Roswitha schien durch ihren Verzicht gesetzter, ihre Augen, ihr ganzes Gesicht schien seelenvoller geworden zu sein.
Meine Frau und ich kamen spät in der Nacht aus fröhlicher Gesellschaft heim und wollten uns eben zur Ruhe begeben, da sahen wir auf dem Nachttischchen einen Brief liegen.
Auf dem Umschlag stand von Roswithens Hand: “An Mami und Papi”.
Wir öffneten und lasen gemeinsam:

Meine süßen geliebten Wonne-Eltern bitte bitte schenkt mir doch eine ganz kleine Ziege, ich will auch gar nichts zu meinem Geburtztag und zu Weinachten haben und ich will mir auch schrecklich Mühe in der Ortografi geben, Du sollst sehen, Mami, wenn ich groß bin, schreib ich ganz richtich, und ich will auch ein guter Mensch werden und garnicht mehr heftig und jezornig sein. Ich bitte euch so schrecklich, schenkt mir `ne Ziege, wenn Mutti mich unterichtet denk ich immer blos an die Ziege.
Tausend Billionen Küsse von eurer Roswitha.

Was soll ich weiter sagen - am nächsten Morgen bewilligten wir die Ziege.


13.12 - "Der Tannenbaum"

Eine schöne und nachdenkliche Weihnachtsgeschichte für Kinder und Erwachsene

Draußen im Walde stand ein niedlicher kleiner Tannenbaum; er hatte einen guten Platz, die Sonne beschien ihn mit warmen Strahlen, und ringsherum wuchsen viele größere Kameraden, Tannen und Fichten. Aber dem kleinen Tannenbaum schien nichts so wichtig wie das Wachsen; er achtete nicht der warmen Sonne und der frischen Luft, er kümmerte sich nicht um die Bauernkinder, die herausgekommen waren, um Erdbeeren und Himbeeren zu sammeln.
Oft kamen sie mit einem ganzen Topf voll oder hatten Erdbeeren auf einen Strohhalm gezogen, dann setzten sie sich neben den kleinen Tannenbaum und sagten:
“Wie niedlich klein der ist!”
Das mochte der Baum gar nicht hören.
Im folgenden Jahre war er ein langes Glied größer, und das Jahr darauf um noch eins, denn bei den Tannenbäumchen kann man immer an den Gliedern, die sie haben, sehen, wie viele Jahre sie gewachsen sind.
“Oh, wäre ich doch so ein großer Baum wie die andern!” seufzte das kleine Bäumchen, “dann könnte ich meine Zweige soweit umher ausbreiten und mit der Krone in die weite Welt hinausblicken! Die Vögel würden dann Nester zwischen meinen Zweigen bauen, und wenn der Wind weht, könnte ich so vornehm nicken, gerade wie die anderen dort!”
Er hatte gar keine Freude am Sonnenschein, an den Vögeln und den Wolken, die über ihn hinsegelten.
War es nun Winter und der Schnee lag ringsumher funkelnd weiß, so kam häufig ein Hase angesprungen und setzte gerade über den kleinen Baum weg. Oh, das war ärgerlich! Aber zwei Winter vergingen, und im dritten war das Bäumchen so groß, dass der Hase um dasselbe herumlaufen musste. “Oh, wachsen, wachsen, groß und alt werden, das ist doch das einzige Schöne in dieser Welt!” dachte der Baum.
Jeden Herbst kamen Holzfäller und fällten einige der größten Bäume, und dem jungen Tannenbaum, der nun ganz gut gewachsen war, schauderte dabei; denn die großen, prächtigen Bäume fielen mit Knacken und Krachen zur Erde. Die Zweige wurden abgehauen, die Bäume sahen ganz nackt, lang und schmal aus; sie waren fast nicht mehr zu erkennen. Aber dann wurden sie auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie davon, aus dem Wald hinaus.
Wohin sollten sie? Was stand ihnen bevor?
Im Frühjahr, als die Schwalben und Störche kamen, fragte sie der Baum: “Wisst ihr nicht, wohin sie geführt wurden? Seid ihr ihnen begegnet?
Die Schwalben wussten nichts, aber der Storch sah nachdenklich aus, nickte mit dem Kopfe und sagte: “Ja, ich glaube wohl; mir begegneten viele neue Schiffe, als ich aus Ägypten über das Mittelmeer flog. Auf den Schiffen waren prächtige Mastbäume, ich darf annehmen, dass sie es waren; sie hatten Tannengeruch. Ich kann vielmals grüßen, sie prangen, sie prangen!”
“Oh, wäre ich doch auch groß genug, um über das Meer hinfahren zu können! Was ist das eigentlich, dieses Meer, und wie sieht es aus?”
“Ja, das ist weitläufig zu erklären!” sagte der Storch, und damit ging er.
“Freue dich deiner Jugend!” sagten die Sonnenstrahlen; “freue dich deines frischen Wachstums, des jungen Lebens, das in dir ist!”
Und der Wind küsste den Baum, und der Tau weinte Tränen über ihn, aber das verstand der Tannenbaum nicht.
Wenn es auf Weihnachten zuging, wurden ganz junge Bäume gefällt, Bäume, die oft nicht einmal so groß oder gleichen Alters mit unserem Tannenbaum waren, der weder Rast noch Ruhe hatte, sondern immer davon wollte; diese jungen Bäume, und es waren gerade die allerschönsten, behielten immer alle ihre Zweige; sie wurden auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie von dannen zum Walde hinaus.
“Wohin sollen diese?” fragte der Tannenbaum. “”Sie sind nicht größer als ich, einer ist sogar viel kleiner; weswegen behalten sie alle ihre Zweige? Wohin fahren sie?”
“Das wissen wir! Das wissen wir!” zwitscherten die Sperlinge. “Unten in der Stadt haben wir in die Fenster geschaut! Wir wissen, wohin sie fahren! Oh, sie gelangen zur größten Pracht und Herrlichkeit, die man sich denken kann. Wir haben in die Fenster gesehen und erblickt, dass sie mitten in der warmen Stube aufgepflanzt und mit den schönsten Sachen , vergoldeten Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug und vielen hundert Lichtern geschmückt werden.”
“Und dann?” fragte der Tannenbaum und bebte in allen Zweigen. “Und dann? Was geschieht dann?”
“Ja, mehr haben wir nicht gesehen! Das war unvergleichlich schön!”
“Ob ich wohl bestimmt bin, diesen strahlenden Weg zu betreten?” jubelte der Tannenbaum. “Das ist noch besser, als über das Meer zu ziehen! Wäre es doch erst Weihnachten! Nun bin ich hoch und entfaltet wie die anderen, die im vorigen Jahr davon geführt wurden! Oh, wäre ich erst auf dem Wagen, wäre ich doch in der warmen Stube mit all der Pracht und Herrlichkeit! Und dann? Ja, dann kommt noch etwas Besseres, noch Schöneres, warum würden sie mich sonst so schmücken? Es muss noch etwas Größeres, Herrlicheres kommen! Aber was?”
“Freue dich unser!” sagten die Luft und das Sonnenlicht; “freue dich deines Lebens im Freien!”
Aber er freute sich durchaus nicht; er wuchs und wuchs, Winter und Sommer stand er grün. Die Leute, die ihn sahen, sagten:
“Das ist ein schöner Baum!” Und zur Weihnachtszeit wurde er von allen zuerst gefällt. Die Axt hieb tief durch das Mark; der Baum fiel mit einem Seufzer zu Boden, er fühlte einen Schmerz, eine Ohnmacht, er konnte gar kein Glück empfinden, er war betrübt, von der Heimat scheiden zu müssen, von dem Flecke, auf dem er emporgeschossen war; er wusste ja, dass er die lieben, alten Kameraden, die kleinen Büsche und Blumen ringsumher nie mehr sehen würde, ja vielleicht nicht einmal die Vögel. Die Abreise hatte durchaus nichts Behagliches.
Der Baum kam erst wieder zu sich selbst, als er im Hofe, mit anderen Bäumen abgeladen, einen Mann sagen hörte: “Dieser hier ist prächtig! Wir brauchen nur diesen!”
Nun kamen zwei Diener in vollem Staat und trugen den Tannenbaum in einen großen, schönen Saal. Ringsherum an den Wänden hingen Bilder, und bei dem großen Kachelofen standen große chinesische Vasen mit Löwen auf den Deckeln; da waren seidene Sessel, große Tische voll von Bilderbüchern und Spielzeug für hundert mal hundert Taler, wenigstens sagten das die Kinder. Der Tannenbaum wurde in ein großes, mit Sand gefülltes Fass gestellt, aber niemand konnte sehen, dass es ein Fass war, denn es wurde rundherum mit grünem Zeug behängt und stand auf einem großen, bunten Teppich. Oh, wie der Baum bebte! Was wird da noch vorgehen? Die Diener und die Mädchen schmückten ihn. An einem Zweig hängten sie kleine Netze, aus farbigem Papier ausgeschnitten, jedes Netz war mit Zuckerwerk gefüllt; vergoldete Äpfel und Walnüsse hingen herab, als wären sie festgewachsen, und über hundert rote, blaue und weiße kleine Lichter wurden in den Zweigen festgesteckt. Puppen, die wie Menschen aussahen - der Baum hatte früher nie solche gesehen -, schwebten im Grünen, und hoch oben in der Spitze wurde ein Stern befestigt. Das war prächtig, ganz außerordentlich prächtig!
“Heute abend”, sagten alle, “heute abend wird er strahlen!”
Oh, dachte der Baum, wäre es doch Abend! Würden nur die Lichter bald angezündet! Und was dann wohl geschieht? Ob da auch Bäume aus dem Walde kommen, mich zu sehen, und die Sperlinge gegen die Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschmückt stehen werde? Ja, er wusste gut Bescheid, aber er hatte ordentlich Borkenschmerzen vor lauter Sehnsucht, und Borkenschmerzen sind für einen Baum ebenso schlimm wie Kopfschmerzen für uns andere.
Nun wurden die Lichter angezündet. Welcher Glanz! Welche Pracht! Der Baum bebte in allen Zweigen dabei, so dass eins der Lichter das Grüne anbrannte; es sengte ordentlich.
Nun durfte der Baum nicht einmal beben. Oh, das war ein Grauen! Ihm war bange, etwas von seinem Staat zu verlieren; er war ganz betäubt von all dem Glanze. Da gingen beide Flügeltüren auf, und eine Menge Kinder stürzte herein, als wollten sie den ganzen Baum umwerfen, die älteren Leute kamen bedächtig nah; die Kleinen standen ganz stumm, aber nur einen Augenblick, dann jubelten sie wieder, dass es laut schallte, sie tanzten um den Baum herum, und ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt.
Was machen sie? dachte der Baum. Was soll geschehen? Die Lichter brannten gerade bis auf die Zweige herunter, und wo sie niederbrannten, wurden sie ausgelöscht, und dann erhielten die Kinder die Erlaubnis, den Baum zu plündern. Oh, sie stürzten auf denselben ein, dass es in allen Zweigen knackte; wäre er nicht mit der Spitze an der Decke festgemacht gewesen, so wäre er umgestürzt.
Die Kinder tanzten mit ihren prächtigen Spielzeug herum, niemand sah nach den Baume, ausgenommen das alte Kindermädchen, welches kam und zwischen die Zweige blickte, aber es geschah nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein Apfel vergessen sei.
“Eine Geschichte, eine Geschichte!” riefen die Kinder und zogen einen kleinen, dicken Mann gegen den Baum hin, und er setzte sich gerade unter demselben. “Denn so sind wir im Grünen”, sagte er, “und der Baum kann besonders Nutzen davon haben, zuzuhören! Aber ich erzähle nur eine Geschichte. Wollt ihr die von Ivede-Avede oder die vom Klumpe-Dumpe hören, der die Treppen hinunterfiel und dann doch noch die Prinzessin erhielt?”
“Ivede-Avede!” schrien einige, “Klumpe-Dumpe!” schrien andere. Das war ein Rufen und Schreien! Nur der Tannenbaum schwieg ganz still und dachte: “ Komme ich gar nicht mit, werde ich nichts dabei zu tun haben? Er war ja mit gewesen, hatte ja geleistet, was er sollte.
Der Mann erzählte von Klumpe-Dumpe, welcher die Treppen hinunterfiel und doch die Prinzessin erhielt. Die Kinder klatschten in die Hände und riefen: “Erzähle, erzähle!” Sie wollten auch die Geschichte von Ivede-Avede hören, aber sie bekamen nur die von Klumpe-Dumpe. Der Tannenbaum stand ganz stumm und gedankenvoll, nie hatten die Vögel im Walde dergleichen erzählt. Klumpe-Dumpe fiel die Treppe hinunter und bekam doch die Prinzessin! Ja, ja, so geht es in der Welt zu! dachte der Tannenbaum und glaubte, dass es wahr sei, weil es ein so netter Mann war, der es erzählte.
Ja, ja! Vielleicht falle ich auch die Treppe hinunter und bekomme eine Prinzessin! Und er freute sich, den nächsten Tag wieder mit Lichtern und Spielzeug, Gold und Früchten aufgeputzt zu werden. Morgen werde ich nicht zittern! dachte er. Ich will mich recht aller meiner Herrlichkeit freuen. Morgen werde ich wieder die Geschichte von Klumpe-Dumpe und vielleicht auch die von Ivede-Avede hören. Und der Baum stand die ganze Nacht still und gedankenvoll.
Am Morgen kamen die Diener und das Mädchen herein.
Nun beginnt der Staat aufs Neue! dachte der Baum; aber sie schleppten ihn zum Zimmer hinaus, die Treppe hinauf auf den Boden und stellten ihn in einen dunklen Winkel, wohin kein Tageslicht schien. Was soll das bedeuten, dachte der Baum. Was soll ich hier wohl machen? Was mag ich hier wohl hören sollen? Er lehnte sich gegen die Mauer und dachte. Er hatte Zeit genug, denn es vergingen Tage und Nächte; niemand kam herauf, und als endlich jemand kam, so geschah es, um einige große Kasten in den Winkel zu stellen; der Baum stand ganz versteckt, man musste glauben, dass er ganz vergessen war.
Es ist Winter draußen! dachte der Baum. Die Erde ist hart und mit Schnee bedeckt, die Menschen können mich nicht pflanzen; deshalb soll ich wohl bis zum Frühjahr hier zum Schutz stehen! Wäre es hier nur nicht so dunkel und schrecklich einsam! Nicht einmal ein kleiner Hase! Das war doch schön da draußen im Walde, wenn Schnee lag und der Hase vorbeisprang. Ja selbst als er über mich hinwegsprang; aber damals mochte ich es nicht leiden. Hier oben ist es doch schrecklich einsam!
“Piep!, piep!” sagte da eine kleine Maus und huschte hervor; und dann kam noch eine kleine. Sie beschnüffelten den Tannenbaum und dann schlüpften sie zwischen dessen Zweige.
“Es ist eine greuliche Kälte”, sagten die kleinen Mäuse, “sonst ist hier gut sein; nicht wahr, du alter Tannenbaum?”
“Ich bin gar nicht alt!” sagte der Tannenbaum, “es gibt viele, die weit älter sind denn ich!”
“Woher kommst du”, fragten die Mäuse, “und was weißt du?” Sie waren gewaltig neugierig. “Erzähl uns doch von den schönsten Orten der Erde! Bist du dort gewesen? Bist du in der Speisekammer gewesen, wo Käse auf den Brettern liegen und Schinken unter der Decke hängen, wo man auf Talglicht tanzt, mager hineingeht und fett herauskommt?”
“Das kenne ich nicht”, sagte der Baum; “aber den Wald kenne ich, wo die Sonne scheint und die Vögel singen!” Und dann erzählte er alles aus seiner Jugend. Die kleinen Mäuse hatten früher nie dergleichen gehört, und sie horchten auf und sagten:
“Wieviel du gesehen hast! Wie glücklich du gewesen bist!”
“Ich?” sagte der Tannenbaum und dachte über das, was er selbst erzählte, nach. “Ja, es waren im Grunde ganz fröhliche Zeiten!” Aber dann erzählte er vom Weihnachtsabend, wo er mit Kuchen und Lichtern geschmückt war.
“Oh, sagten die kleinen Mäuse, “wie glücklich du gewesen bist, du alter Tannenbaum!”
“Ich bin gar nicht alt!” sagte der Baum, “erst im diesem Winter bin ich vom Walde gekommen! Ich bin in meinem allerbesten Alter, ich bin nur so aufgeschossen!”
“Wie schön du erzählst!” sagten die kleinen Mäuse, und in der nächsten Nacht kamen sie mit vier anderen kleinen Mäusen, die den Baum erzählen hören sollten, und je mehr er erzählte, desto deutlicher erinnerte er sich selbst an alles und dachte: Es waren doch ganz fröhliche Zeiten! Aber sie können wiederkommen! Klumpe-Dumpe fiel die Treppe hinunter und erhielt doch die Prinzessin, vielleicht kann ich auch eine Prinzessin bekommen. Und dann dachte der Tannenbaum an eine kleine niedliche Birke, die draußen im Walde wuchs, das war für den Tannenbaum eine wirklich schöne Prinzessin.
“Wer ist Klumpe-Dumpe?” fragten die kleinen Mäuse. Da erzählte der Tannenbaum das ganze Märchen, er konnte sich jedes einzelnen Wortes entsinnen. Die kleinen Mäuse waren aus lauter Freude bereit, bis an die Spitze des Baumes zu springen. In der folgenden Nacht kamen weit mehr Mäuse, und am Sonntag sogar zwei Ratten, aber die meinten, die Geschichte sei nicht hübsch, und das betrübte die kleinen Mäuse, denn nun hielten sie auch weniger davon.
“Wissen Sie nur die eine Geschichte?” fragten die Ratten.
“Nur die eine”, antwortete der Baum; “die hörte ich an meinem glücklichsten Abend, aber damals dachte ich nicht daran, wie glücklich ich war.”
“Das ist eine höchst jämmerliche Geschichte! Kennen Sie keine von Speck und Talglicht? Keine Speisekammergeschichte?”
“Nein!” sagte der Baum.
“Ja, dann danken wir dafür!” erwiderten die Ratten und gingen zu den Ihrigen zurück.
Die kleinen Mäuse blieben zuletzt auch weg, und da seufzte der Baum: “Es war doch ganz hübsch, als sie um mich herum saßen, die beweglichen kleinen Mäuse, und zuhörten, wie ich erzählte! Nun ist auch das vorbei! Aber ich werde daran denken, mich zu freuen, wenn ich wieder hervor genommen werde.”
Aber wann geschah das? Ja, das war eines Morgens, da kamen Leute und wirtschafteten auf dem Boden; die Kasten wurden weggesetzt, der Baum wurde hervorgezogen, sie warfen ihn freilich ziemlich hart gegen den Fußboden, aber ein Diener schleppte ihn gleich nach der Treppe hin, wo der Tag leuchtete.
Nun beginnt das Leben wider! dachte der Baum; er fühlte die frische Luft, die ersten Sonnenstrahlen, und nun war er draußen im Hofe. Alles ging geschwind, der Baum vergaß völlig sich selbst zu beachten, da war so vieles ringsumher zu sehen. der Hof stieß an einen Garten, und alles blühte darin; die Rosen hingegen frisch und duftend über das kleine Gitter hinaus, die Lindenbäume blühten, und die Schwalben flogen umher und sagten: “Quirrewirrevit, mein Mann ist kommen!” Aber es war nicht der Tannenbaum, den sie meinten.
“Nun werde ich leben!” jubelte dieser und breitete seine Zweige weit aus; aber ach, die waren alle vertrocknet und gelb; und er lag da zwischen Unkraut und Nesseln. Der Stern von Goldpapier saß noch oben an der Spitze und glänzte im hellen Sonnenschein.
Im Hofe selbst spielten ein paar von den Kindern, die zur Weihnachtszeit den Baum umtanzt hatten und so froh über ihn gewesen waren. Eins der kleinsten lief hin und riss den Goldstern ab. “Sieh, was da noch an dem hässlichen, alten Tannenbaum sitzt!” sagte es, und trat auf die Zweige, so dass sie unter seinen Stiefeln knackten.
Der Baum sah auf all die Blumenpracht und Frische im Garten, er betrachtete sich selbst und wünschte, dass er in seinem dunklen Winkel auf dem Boden geblieben wäre; er gedachte seines freien Lebens im Walde, des lustigen Weihnachtsabends und der kleinen Mäuse, die so munter die Geschichte von Klumpe-Dumpe angehört hatten.
“Vorbei, vorbei!” sagte der arme Baum. “Hätte ich mich doch gefreut, als ich es noch konnte! Vorbei, vorbei!”
Der Diener kam und hieb den Baum in kleine Stücke, ein ganzes Bund lag da; hell flackerte es auf unter dem großen Braukessel. Der Baum seufzte tief, und jeder Seufzer war einem kleinen Schusse gleich; deshalb liefen die Kinder, die da spielten, herbei und setzten sich vor das Feuer, blickten hinein und riefen: “Piff, paff!” Aber bei jedem Knalle, der ein tiefer Seufzer war, dachte der Baum an einen Sommerabend im Walde oder an eine Winternacht da draußen, wenn die Sterne funkelten; er dachte an den Weihnachtsabend und an Klumpe-Dumpe, das einzige Märchen, welches er gehört hatte und zu erzählen wusste - und dann war der Baum verbrannt.
Die Jungen spielten im Garten, und der kleinste hatte den Goldstern auf der Brust, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen hatte; nun war der vorbei, und mit dem Baum war es auch zu Ende und mit der Geschichte auch, und so geht es mit allen Geschichten!


14.12 - Ein tierisches Weihnachtserlebnis



Oscar und Freddi leben mit ihrer Menschenfamilie in NRW. Oscar ist ein Jackrussel-Terrier und Freddi ein Kater. Beide leben schon einige Jahre zusammen und sind richtig gute Freunde geworden. Sie leben gemeinsam mit ihrer Menschenfamilie in einem schönen Haus mit Garten. Zur Familie gehören: Papa Torsten, Mama Angela und die achtjährige Mona.

Es ist Heiligabend. Das ganze Haus ist schön geschmückt und es duftet überall nach weihnachtlichem Gebäck und Tannengrün. Vom Kaminofen her strahlt wohlige Wärme. Die Geschenke wurden schon verteilt und alle sitzen gemütlich beieinander. Natürlich sind Oscar und Freddi auch dabei. Oscar hat ein neues Zerrseil bekommen, dass er voller Freude herumzottelt. Freddi spielt gemeinsam mit Mona mit seiner neuen Spielmaus. Papa und Mama sitzen gemeinsam auf der Couch und genießen den Anblick des Tobens im Raum. Es ist ein harmonisches, friedliches Weihnachtsfest.
Aber, der Höhepunkt kommt erst nach den Feiertagen, zum Jahreswechsel. Die Familie hat sich in diesem Jahr etwas ganz Besonderes geschenkt, eine Reise nach Australien. Alle hatten diesen Wunsch schon sehr lange und nun ist es bald soweit. In wenigen Tagen geht es los. Alle freuen sich riesig darauf, die Silvesterfeier in Australien zu erleben.
Oscar und Freddi wissen natürlich, dass sie zu Hause bleiben müssen. Aber das ist nicht schlimm, denn sie dürfen während dieser Zeit zu ihren besten Freunden in der Nachbarschaft; zu Mops Luna und Kater Max.
Die Vorfreude auf die Reise ist bei allen riesig. Die Flugtickets wurden schon gekauft und liegen gut verwahrt in einer großen Kassette. Mona denkt gerade an die Reise und sagt: “ Mama, kannst Du mir bitte mein Ticket noch mal zeigen?” “Klar doch” sagt die Mama, ”komm wir schauen uns die Tickets noch mal gemeinsam an.” Mit diesen Worten ging sie zu einer Schublade, wo der Schlüssel für die Kassette liegt.
Aber, was ist das? Der Schlüssel ist nicht da. Kann doch nicht sein, denkt Mama Angela und schaut weiter in die Schublade. Aber dort liegt kein Schlüssel. So nimmt sie alles raus und legt es wieder hinein. Nur der Schlüssel ist nicht dabei. Mama Angela schaut nun ratlos durch`s Zimmer. Wo kann der Schlüssel sein? “Das gibt es doch gar nicht” sagt sie. Und nun wird Papa Torsten aufmerksam auf das Suchen. Er ist ein sehr ruhiger Mensch, sozusagen der Ruhepol der Familie. In bringt so schnell nichts aus der Fassung. Er meint nur: “ Macht keine Hektik. Der Schlüssel kann ja nicht weg sein.”
Das Treiben wird nun immer aufgeregter. Selbst die Tiere werden nun angesteckt vom hektischen suchen. Wer hat den Schüssel zuletzt in der Hand gehabt? Wer hat die Kassette als Letzter verschlossen? “Torsten, Du hast doch die Tickets gestern weggelegt” sagt Mama Angela, “also hattest Du auch den Schlüssel zuletzt in der Hand. Überleg doch mal bitte genau.” Aber, Papa Torsten war sich sicher: es hat den Schlüssel ordentlich weggelegt. Was nun? Mittlerweile suchen alle. Nichts zu finden. Was nun?
Auch die Tiere bemerken die Unruhe. Tiere haben ja ihre eigene Sprache. Sie kommunizieren anders miteinander als wir Menschen. Auf diese eigene Art und Weise fragt Oscar den Freddi: “Was ist denn eigentlich los hier? Eben war noch alles so gemütlich hier und nun laufen alle kreuz und quer durch`s Zimmer, durch das ganze Haus!” Freddi sagt: “Es geht um diesen Schlüssel für die Kiste. Er ist weg!”
Nun beginnen auch die beiden mit der Suche. Sie laufen und springen überall hin, in jede Ecke und jede Stelle des Hauses. Nun wird es wirklich wild hier. “Siehst du” sagt Papa Torsten zu Mama Angela,” was du angerichtet hast! Jetzt sind die Tiere auch vollkommen durchgedreht.” Woher sollte Papa Torsten wissen, dass die beiden genauso suchen wie ihre Menschen und auf ihre Art mithelfen den Schlüssel zu finden? Die wenigsten Menschen wissen, dass ihre Tiere viel mehr von dem verstehen, was wir Menschen sagen und tun, als wir uns vorstellen können. Oscar hat durch seinen Riecher natürlich die besten Voraussetzungen den Schlüssel zu finden, denn seine Nase ist bestens für diese Aufgabe geeignet.
Und so kam es denn auch. Oscar ist eben ein Profi im Auffinden von Dingen. Er hat den Schlüssel im Bad gefunden - neben der Hose, die Papa Torsten gestern getragen hat und die nun gewaschen werden sollte. Irgendetwas hatte Papa Torsten gestern abgelenkt, als er den Schlüssel ordentlich weglegen wollte. Wahrscheinlich war es ein Anruf und Papa Torsten steckte den Schlüssel “vorübergehend” in die Hosentasche als er zum Telefon ging.
Jedenfalls kam Oscar freudig und stolz mit dem Schlüssel im Maul in`s Wohnzimmer gerast und stoppte direkt vor Mama Angela. Just in diesem Augenblick rempelte der Freddi ihn versehentlich an, der aus einer Ecke gesprungen kam und die freudige Übergabe erleben wollte. Der Schlüssel fiel aus Oscars Maul direkt auf den Teppich vor Mama Angelas Füße. Erst jetzt sah sie ihn und hob ihn auf. “Komisch, was macht denn der Schlüssel hier auf dem Teppich?”, meinte sie nur. Alle Menschen schauten sich verwundert an. Wie konnte das denn sein? Es ist doch so ordentlich im Haus der Familie. Das hätte doch jemand bemerken müssen!
Nun sprang der Oscar Mama Angela an. Immer wieder sprang er hoch. Er wollte ihr sagen, dass er den Schlüssel gefunden und gebracht hat. Aber sie verstand ihn nicht. Oscar versuchte vergeblich es mitzuteilen. Das wäre doch ein schöner Grund für eine Extrabelohnung! Aber leider wurde nichts daraus und Oscar schaute traurig. Das merkten nun auch Freddi und Mona. Ja, Mona merkte auch, dass Oscar mit seinem Anspringen etwas Wichtiges mitteilen wollte. Mona rief Oscar zu sich. Sie schaute lange in seine traurigen Augen und hat wohl verstanden, was geschehen war. “Oscar, ich glaube Du hast den Schlüssel gefunden, bist ein ganz toller Hund. Die Erwachsenen können dich aber leider noch viel weniger verstehen als ich. Sei nicht traurig deswegen, ich gebe dir für deine Klugheit ein Leckerli!.”
Glücklich und zufrieden schaute sich nun die ganze Familie die Tickets an und gemeinsam träumten sie bei Kerzenschein und lieblicher Weihnachtsmusik vom schönen und abenteuerlichen Australien.


15.12 - "Die Geschichte vom Weihnachtsmarkt"

Am Tage vor Weihnachten war das Wetter hell und klar und der Schnee festgefroren. Da sagte die Tante zu den Kindern:
“Heute führe ich euch auf den Weihnachtsmarkt, lasst euch schnell die Mäntelchen anziehen und die Hütchen aufsetzen!”
Das brauchte sie nicht zweimal zu sagen, in einem Augenblick waren die Kinder fertig und nun ging es hinaus in den frischen, klaren Morgen. Man dachte aber gar nicht an die Kälte, denn in den Straßen war ein so geschäftiges Hin- und Herrennen, ein so hastiges Treiben, als ob der schönste Frühling angebrochen wäre. Und fast ein Frühlingsanblick war es auch, als die Tante nun mit den Kindern in die Straße einbog, welche zum Markte führt. Sie hielt Georg und Mathildchen an beiden Händen und so gingen sie durch zwei lange, dichte Reihen von Fichten-und Tannenbäumen aller Art, groß und klein, hell-und dunkelgrün, die sich prächtig ausnahmen und auf dem weißen, funkelnden Schnee. Um die Bäume herum war ein Drängen und Schieben, dass man kaum vorbei konnte, und überall begegnete man Leute, die ihre Bäume schon nach Hause trugen.
“Aber, Tante”, sagte Mathildchen, “ich dachte, das Christkindchen bringt alles, und nun holen sich doch da die Menschen ihre Christbäume selbst nach Hause.”
“Das ist wahr”, sagte die Tante, “aber du vergisst, dass sie das Christkind alle hierher geschickt, und unsichtbar geht es jetzt mit dem Nikolaus umher und sieht und hört alles, was hier vorgeht. Es gibt jetzt so viele Menschen auf der Welt, dass die beiden mit dem besten Willen nicht mehr alle Geschäfte allein fertig bringen können und da müssen sie sich schon von den großen Leuten ein wenig helfen lassen. Verstehst du das?”
“Ja, Tante, ganz gut”, antwortete Mathildchen und befriedigt gingen sie weiter nach dem Markte, wo eine Bude neben der andern stand, angefüllt mit begehrenswerten Herrlichkeiten. Auch da ging es munter zu und namentlich vor dem Puppenladen standen ganze Reihen von Kindern, die zusahen, wie die Puppen sich an langen Fäden hin-und herschaukelten.
Georg und Mathildchen sperrten Mund und Nase auf, die Tante aber ging bald da, bald dort an eine Bude, sprach leise einige Worte und ließ dann geheimnisvoll etwas in ihre große Markttasche gleiten.
“Tante, kaufe mir auch etwas”, bat Mathildchen, “die Puppe mit dem rosa Kleid möchte ich gerne haben, die gefällt mir!”
“Mir auch kaufen, eine Peitsche!” rief Georg. “Ihr seid klug”, sagte die Tante, ”ihr wollt also schon heute und morgen noch einmal beschert haben?” “Ja, Tante, recht gern!” rief das kleine mutwillige Volk und - was sollte die gute Tante machen? Sie kaufte die Puppe und die Peitsche und als sie erstere gerade dem Mathildchen hinreichen und in die ausgestreckte Hand geben wollte, hörte sie hinter sich sagen: “Ach, wenn doch die schöne Puppe mein wäre!” Sie sahen sich alle um, da stand ein Häuflein Kinder beieinander, vier oder fünf, die waren ganz blau und rot gefroren, denn sie hatten nur schlechte, dünne Kleider an und der Wind zerzauste ihre gelben, unbedeckten Haare. Das Kind, welches gesprochen, war ein wenig kleiner als Mathildchen und streckte immer noch die Hand nach der Puppe aus, obgleich die größeren es am Rocke zupften und ihm wehrten. Ach, es hätte doch gar zu gern auch einmal in seinem Leben eine schöne, neue Puppe gehabt, aber es waren arme Kinder, für die Niemand den Christbaum schmückte und die sich mit dem bloßen Ansehen und Wünschen begnügen.
“Möchtest du die Puppe haben?” sagte die Tante freundlich zu dem kleinen Mädchen und Mathildchen zog sie am Kleid und flüsterte: “Liebe Tante, kaufe dem Kind doch auch eine!”
Die Tante aber schüttelte den Kopf und da das kleine Mädchen nicht antwortete, sondern jetzt verschämt wegsah, fragte sie den größten Knaben, ob sie Geschwister seien, wie sie hießen und wo sie wohnten. Er gab auf alles ordentlich Antwort, die Tante schrieb es in ihr Notizbuch, dann nickte sie den Kindern freundlich zu und ging weiter. “Aber Tante - ”sagte Mathildchen ganz erstaunt. “Komm nur schnell”, lautete die Antwort, “es ist viel zu kalt, um lange still zu stehen und wir haben noch eine Menge Geschäfte. Nicht wahr, Mathildchen, die Puppe mit dem rosa Kleid gibst du gern dem kleinen Mädchen und Georg überlässt seine Peitsche dem dicken Jungen mit der Schmutznase, der gerade so groß ist wie er?” “Ja, Tante, sehr gern!” riefen die Kinder, “aber sie sind ja nicht mehr da, wir haben sie im Gedränge verloren!” “Nur Geduld, sie werden sich schon wiederfinden. Da hat uns das unsichtbare Christkind einen Teil seiner Arbeit übertragen und wir müssen uns eilen, dass wir unsere Sache gut machen. Ihr werdet schon sehen, wie das ist.”
Nun kaufte die Tante noch allerlei hübsche Spielsachen ein, auch einige warme Kleidungsstücke, dann verschiedenes Gebackenes, Glaskugeln, Wachskerzen und zuletzt ein kleines Bäumchen, das Mathildchen zu ihrer höchsten Freude nach Hause tragen durfte. Das kleine Volk verging fast vor Neugierde, was es mit all den Dingen geben sollte, die Tante sagte aber nur: “Wartet bis heute Abend!”
Der Abend kam und mit ihm die trauliche Erzählerstunde. Die Kinder saßen eng an die Tante gedrückt und Georg seufzte so recht aus Herzensgrund. “Ach, jetzt brauchen wir nur noch einmal zu schlafen” - “und dann ist das liebe Christkindchen da!” fuhr Mathildchen fort und klatschte dabei jubelnd in die Hände. “Aber Tante, was erzählst du uns denn heute?” “Heute erzähle ich euch eine Geschichte vom Weihnachtsmarkt, die ist noch viel schöner als die unsrige werden wird; hört mir recht
aufmerksam zu.

Vor vielen, vielen Jahren, als ihr noch lange nicht auf der Welt waret, ist der Weihnachtsmarkt schon eben so schön gewesen, als heute und alle Kinder der Stadt, die armen wie die reichen, gingen hin, sich die Herrlichkeiten zu betrachten. Das Christkind hatte schon damals die Gewohnheit, sich unbemerkt unter die Menge zu mischen; über sein weißes Kleid hatte es einen langen, dunklen Mantel gezogen und sein Blondköpfchen unter einer Kapuze versteckt. Niemand konnte es erkennen, und so hörte es, was die Leute miteinander redeten, was sie sich wünschten und vornehmlich achtete es auf die Kinder, ob sie sich bescheiden oder habgierig und unartig auf dem Weihnachtsmarkt benahmen. Gegen Abend kam es an eine Bude, in der waren die schönsten Kinderspielsachen des ganzen Marktes zu finden, und sie war ganz umdrängt von Kindern, die voll Sehnsucht und Bewunderung die wundervollen Puppen, die Kochherde, die zierlichen Porzellangeschirre, die Puppenmöbel, sowie die buntaufgezäumten Pferdchen, die Flinten, Trommeln und Trompeten betrachteten. Eines machte das Andere auf immer neue Wunder aufmerksam und Christkind freute sich an ihrer Freude und lachte fröhlich mit ihnen. Auf einmal sah es ganz am Ende der Bude ein kleines Mädchen von etwa zehn Jahren stehen, das einen schweren, zappelnden Buben auf dem Arm hielt, der fortwährend in die Höhe reichte, so dass die Kleine große Mühe hatte, ihn festzuhalten. Sie musste sehr arm sein, denn sie hatte ein ganz dünnes Röckchen an und ihre Arme waren halb entblößt, aber das Haar war ordentlich gekämmt und in zwei feste Zöpfe geflochten, unter denen ein paar dunkelblaue Augen gar gutmütig und freundlich hervorschauten. Sie lächelte bald dem Brüderchen zu, bald betrachtete sie die schönen Dinge mit einer Freude, dass man sich selbst darüber freuen musste. Christkindchen ging zu dem Mädchen, legte ihm leise die Hand auf die Schulter und sagte mit seiner süßen Stimme:
“Liebes Kind, die Sachen da gefallen dir wohl sehr gut; wähle dir etwas davon aus, was du am liebsten haben möchtest, ich will es dir zum Weihnachtsgeschenke geben.”
Das Kind war dunkelrot vor Freude, seine Augen leuchteten und durchliefen die bunte Reihe, die vor ihm prangte. Da reichte das Brüderchen wieder jauchzend mit dem Händchen empor. Das Mädchen drückte das Kind an sich, folgte seinem verlangenden Blick und sagte dann schüchtern, indem es die Augen niederschlug: “Wenn sie mir wirklich eine Freude machen wollen, so geben sie meinem Brüderchen die goldglänzende Trompete, die da oben hängt, er möchte sie gar zu gerne haben.”
Dem guten Christkind kamen die Tränen in die Augen, als es das hörte. Das war ein Kind nach seinem Sinn. Es gönnte dem Brüderchen lieber eine Freude, als sich selbst. Schnell nahm Christkind die Trompete herunter, reichte sie dem Brüderchen hin, das hell auflachte und ging weiter”:

“Da hätte doch das Christkind dem guten Mädchen auch etwas geben können!” rief Mathildchen eifrig. “Sei nur ruhig und höre weiter zu, Christkind macht es noch viel besser.

Da es alle Menschen kennt, so wusste es, dass das brave Schwesterchen, welches seinen Bruder so lieb hatte, Mariechen hieß, dass seine Eltern sehr arm waren und sie ganz am Ende der Stadt in einem alten, kleinen Häuschen wohnten.
Am nächsten Abend war Weihnacht. Schon flammten überall die Christbäume, jauchzten und lärmten die Kinder, in dem kleinen Häuschen aber war es dunkel und still. “Wir sind zu arm, wir können das Christkind nicht bestellen”, sagte die Mutter zu ihren fünf Kindern, als sie beieinander saßen und Eines derselben fragte, ob nicht das Christkind auch zu ihnen käme. Dabei weinte sie und die Kinder taten es auch. Nur der kleine Bruder war vergnügt, der schmetterte laut auf seiner Trompete und das gute Mariechen, welches das älteste der Geschwister war, weinte auch nicht und sagte: “Ach, wir sind doch vergnügt, wir haben einander ja so lieb.” Auf einmal aber ward es lebendig vor dem kleinen Hause; es klingelte so sonderbar und leise durch die dunkle Nacht und da kam ja wahrhaftig ein Eselein einher getrabt, neben dem ging ein dunkler Mann mit einem weißen, langen Bart und auf dem Esel saß ein wunderschöner Engel, mit weißen, glänzenden Flügeln und einem lichtblauen Gewande, das war wie der Winterhimmel mit flimmernden Sternen ganz übersät. Das konnte ja wohl niemand anders sein, als unser liebes Christkind mit seinem getreuen Nikolaus. Der band das Eselchen an der Türe fest, Christkind stieg ab, machte leise die Türe auf und Nikolaus trug die schweren Tragkörbe, die er dem Esel abgenommen, in das Haus hinein. In der Küche stellte sie alles nieder, dann schellte Christkind laut und lange, dass sie drinnen in der Stube in die Höhe fuhren und nach der Türe liefen, um zu sehen, was das bedeutete. Dass es so kommen würde, hatte sich der Nikolaus schon vorgestellt; er stand darum vor der Stubentüre und rief, als sie aufging, mit seiner Bärenstimme hinein: “Es soll niemand herauskommen, als das Mariechen!”
Da flohen alle vor Furcht wieder zurück und nur Mariechen kam unerschrocken heraus und sagte: “Da bin ich, was soll ich tun?”
“Komm in die Küche!” brummte der Nikolaus jetzt etwas sanfter und als sie hineinkam, da war diese ganz gefüllt von dem wunderbarsten Glanze und Mariechen sah das Christkind leibhaftig vor sich stehen. Nun erschrak es so sehr, dass es fast umgefallen wäre, Christkind aber fasste es in die Arme, küsste es auf die Stirne und sagte: “Kennst du mich noch?” und als Mariechen erstaunt mit dem Kopfe schüttelte, fuhr es fort: “Aber ich kenne dich, so wie ich alle guten und braven Kinder kenne. Ich war die Frau, die dir gestern auf dem Weihnachtsmarkt die Trompete für den Bruder gab, weil du ihm lieber als dir eine Freude gönntest und darum komm ich, um heute auch dir ein Vergnügen zu bereiten. Weil du so gerne gibst, sollst du jetzt deinen lieben Geschwistern und deiner Mutter an meiner Stelle bescheren. Ist dir das recht?”
Das gute Mariechen schluchzte laut vor Freude: “O Christkind”, rief es, soviel verdiene ich ja gar nicht.” “Weine jetzt nicht, Mariechen, sondern eile dich, wir müssen wieder fort”, sagte Christkind, “gehe hinein in die Stube und schicke sie alle in die Kammer, damit wir anfangen können.”
Mariechen wusste nicht, ob es träume oder wache, aber es lief hinein in die Stube und rief zwischen Weinen und Lachen:
“Macht euch schnell alle hinein in die Kammer und guckt ja nicht durch`s Schlüsselloch, es kommt etwas sehr Schönes!”
Die Mutter wollte erst fragen, aber Mariechen bat sie so herzlich, mit den Geschwistern hinein zu gehen, dass sie sich fügte. Dann schloss Mariechen schnell die Tür hinter ihnen zu, lief in die Küche, dann wieder herein und holte auf Christkindchens Geheiß ein weißes Tuch aus dem Schrank, das es über den alten, schwarzen Tisch breitete. Nun fing der Nikolaus an auszupacken und seine Siebensachen in die Stube zu schleppen. Mitten auf den Tisch stellte er einen Christbaum, der war über die Maßen schön geschmückt und mit Lichtern ganz übersät. Der Baum stand in einem Moosgärtchen, indem weideten weiße Schafe mit goldenen Halsbändern und langen, roten Beinen und ein Schäfer saß auf einem Felsen und blies auf seiner
Schalmei, man hörte es aber nicht. Dann wurde um den Baum herum große Herzlebkuchen gelegt, für die Mutter und jedes der Kinder einen. Auf jedem schichtete Christkind Äpfel, Nüsse und Anisgebackenes auf und legte die Päckchen daneben, die Nikolaus ihm reichte. Da war für die Mutter ein warmes Tuch, für Gretchen ein Kleidchen und eine schöne Puppe, für Hans eine Mütze und ein Lesebuch, für Jakob ein Kittel und eine Flinte und für den kleinen Trompeter, der spaßiger Weise auch gerade Peterchen hieß, warme Schuhe und Strümpfe und ein paar wundernette Pferdchen mit roten Zäumen. Mariechen half auspacken und auflegen und war ganz außer sich vor Freude. Als sie fertig waren, sagte Christkind: “Für dich Mariechen, habe ich nichts, was meinst du dazu?” “O, liebes Christkind”, rief Mariechen und hob die gefalteten Hände in die Höhe, “ich bin doch die Glücklichste von allen; du gibst mir das Schönste und Beste, indem ich den andern bescheren und ihre Freude sehen darf.”
“Recht so, meine Kleine”, antwortete das Christkind und küsste Mariechen wieder auf die Stirne, “bleibe so gut und liebevoll und es wird dir wohl gehen auf Erden und alle Menschen werden dich lieben!”
“Wir müssen fort”, mahnte der Nikolaus, “wir sind noch lange nicht fertig.”
“Ich komme schon, alter Brummbär”, sagte Christkind, breitete seine Flügel auseinander, lächelte Mariechen noch einmal freundlich zu und - fort waren sie. Nur ganz aus der Ferne hörte man noch Eselchens Glöcklein erklingen.
In dem engen Häuschen aber erhob sich jetzt ein Jubel und Jauchzen, wie es in keinem der reichen, stattlichen Häuser froher und herzlicher gewesen. Auf Mariechens Ruf waren sie aus der dunklen Kammer herausgestürzt, standen erst einen Augenblick wie versteinert und dann brach die helle Freude los.
“Ach, was für ein schönes Kleid! - Wie, eine Flinte für mich? Ich schieß euch alle tot: Piff, Paff, Puff! - Ein Buch, ein Buch! Daraus lese ich euch vor! - Zieh Gaul, zieh!” So ging es wohl eine Viertelstunde lang ohne aufzuhören, man war fast taub von dem Lärm.
“Aber Mariechen, du hast ja gar nichts”, riefen auf einmal die Geschwister, nachdem sie sich an ihren Geschenken und dem strahlenden Christbaum satt gesehen. Die Mutter, die bis dahin nur durcheinander gelacht und geweint hatte, nahm ihr Mariechen in den Arm, küsste und drückte es fest und sagte zu den andern: “Seht ihr nicht, dass sie das Beste bekommen hat. Weil sie so gern gibt, durfte sie uns geben, und das ist immer noch zehnmal seliger als nehmen.

Wie nun die Tante schwieg, denn die Geschichte war zu Ende, blieben die Kinder noch ein Weilchen sitzen, dann sagte Mathildchen:
“Tante, ich möchte die rosa Puppe, welche du mir heute gekauft hast, gerne dem kleinen Mädchen bescheren, das wir heute auf dem Markt gesehen. Wenn wir nur wüssten, wie es heißt oder wo es wohnt!”
“Und ich will die Peitsche bescheren!” rief Georg. “Wollt ihr gerne?” sagte die Tante; “nun, das ist schön, da haben wir ja alle drei den gleichen Gedanken, und ich weiß auch, wie die Kinder heißen und wo sie wohnen. Heute Abend erlaubt euch die Mama ein Stündchen länger aufzubleiben; da sollt ihr mir eine ganze Weihnachtsbescherung für sie rüsten helfen!”
Georg und Mathildchen klatschten vor Freude in die Hände und liefen geschäftig hin und her, der Tante zu helfen. Erst wurde das Tannenbäumchen hereingebracht, welches sie auf dem Markte gekauft hatten, wurde in ein Moosgärtchen gesteckt, in dem gleichfalls rotbeinige Schafe weideten, und hernach feierlich die große Tasche herbeigeschleppt, die so viele Schätze verschlungen hatte und sie nun alle wieder herausgeben musste.
Die Kinder bekamen Nadel und Faden, damit fädelten sie die Glasperlen ein, dann wickelten sie feinen Draht um die goldenen und silbernen Nüsse und knüpften lange Seidenfäden an die Konfektstücke. Die Tante hing alles auf, befestigte die Kerzchen an dem Baume und bald stand er fertig geschmückt vor ihnen. Dann wurden die Spielsachen und Kleidungsstücke, welche die Tante besorgt, herbeigeholt, für jedes Kind ein Päckchen davon gemacht und sein Name darauf geschrieben. Dass die rosa Puppe und die Peitsche mit dabei waren, versteht sich von selbst.
Sie waren kaum fertig, als es anklopfte und eine Frau hereintrat, die gar ärmlich, aber reinlich gekleidet war. Die Tante begrüßte sie freundlich und sagte zu ihr: “Liebe Frau, da haben wir, mein Mathildchen, mein Georg und ich eine kleine Christbescherung für ihre Kinder hergerichtet. Nehmen sie alles mit sich, verstecken sie es daheim und morgen Abend, wenn es fünf Uhr schlägt, zünden sie den Kinderchen den Christbaum an, da brennt er gerade zur selben Zeit mit den unsrigen.” Die Frau war überglücklich; sie drückte die Tante die Hand, küsste Georg und Mathildchen und packte dann mit deren Hilfe alles wohl zusammen.
Nun waren aber die Kinder sehr müde, so wie die Tante auch. Sie setzte sich mit ihnen noch einen Augenblick auf das Sofa und nahm jedes in einen Arm, da sagte Mathildchen, indem es sein Köpfchen an die Schulter der Tante legte: “Tante, ich bin so vergnügt! Ich denke gar nicht mehr daran, dass morgen schon Weihnachten ist, ich meine, es habe mir schon beschert!”
“Ich bin auch vergnügt, mein Goldkind”, antwortete die Tante, “denn das gibt eine Bescherung nach meinen Sinn. Aus den großen, allgemeinen Bescherungen, wo die armen Kinder in fremden Häusern und unter den Augen von fremden Leuten in einen Saal mit einigen Christbäumen getrieben werden, wo sie sich kaum umzusehen, noch weniger sich laut zu freuen wagen, und dann, wenn sie heimkommen, ihr dunkles Stübchen noch dunkler finden, mache ich mir im Grunde nicht viel. Wenn ich ein König wäre, müsste am Weihnachtsabend in jedem Häuschen, wo Kinder sind, ein Christbaum brennen und wäre er auch nicht größer als meine Hand!” Die Tante sagte das eigentlich nur für sich, denn die Kinder hätten es doch nicht verstanden und schliefen auch schon halb.

Als es aber wieder Abend war, da brauchte die Tante nichts mehr zu erzählen, denn da war der heilige Christ selber gekommen und hatte alle Wünsche, Träume und Hoffnungen in glückselige Wirklichkeit verwandelt. Georg und Mathildchen waren außer sich vor Freude, sie wussten kaum, was sie zuerst und am meisten bewundern sollten. Mathildchen stand vor einer herrlichen Puppenküche und war bereits in voller Tätigkeit, einen Kuchen zusammen zu rühren, da rief sie plötzlich aus ihrem Jubel heraus:
“Ach Tante, eben denk ich dran! Jetzt ist es auch hell bei den armen Kindern und beschert es bei ihnen. Das ist doch noch das Allerschönste!” “Ja, das Allerschönste!” wiederholte Georg von seinem neuen Schaukelpferde aus.


16.12 -"Familie Bär und die Sache mit dem Weihnach



Familie Bär und die Sache mit dem Weihnachtsbaum”
In einem Wald, hinter dicken Bäumen gut versteckt, lebt Familie Bär in ihrer Bärenhöhle. Da sind Mama Bär, Papa Bär, Brumml und seine Schwester Tapsi.

Brumml heißt eigentlich Bruno, aber weil er so oft brummig ist, hat ihn sein Vater irgendwann einmal Brumml getauft und seitdem heißt er so. Tapsi liebt ihren großen Bruder sehr, sie folgt ihm auf Schritt und Tritt, was Brumml gar nicht mag.

Draußen ist es bitterkalt, es ist Winter und der Schnee fällt in dicken Flocken vom Himmel. Bald ist Weihnachten. Drinnen in der Bärenhöhle ist es kuschelig warm. Überall duftet es schon nach Bärenmamas Weihnachtsplätzchen.

Heute backt sie die leckeren Honigkuchen. Mmmmhh, riecht das gut! Brumml läuft in die Küche. „Darf ich einen haben, Mama?" fragt er. „Ach, Brumml, die Honigkuchen sind doch noch ganz hart, die müssen ein bisschen liegen, bis sie so weich sind, dass man sie essen kann" , vertröstet ihn die Mutter. „Hm", brummt Brumml , „ Immer muss ich warten." Das schöne Päckchen mit der roten Schleife darf er auch noch nicht aufmachen. Ob da wohl ein Geschenk für ihn drin ist? Als Brumml am nächsten Morgen aufwacht, weiß er: „Noch dreimal schlafen, dann ist Weihnachten!" Das weiß auch sein Vater und beim Frühstücken sagt er zu Brumml: „ Weißt du was, du bist ja jetzt schon groß. Wie wäre es, wenn du diesmal in den Wald gehst und uns einen Weihnachtsbaum holst?"

Brumml ist ganz stolz, denn bis jetzt hat der Vater den Weihnachtsbaum immer selbst geholt. „ Ich will auch mit!" ruft Tapsi. Und die Mutter nickt: „ Geh nur mit, du kannst Brumml tragen helfen."

Tapsi ist Feuer und Flamme, nur Brumml ist nicht mehr so begeistert. Sie ziehen ihre dicken Jacken an und gehen los. Mitten hinein in den verschneiten Winterwald. Als sie ein Stück gegangen sind, fällt Tapsi auf, dass sie noch nie so weit von zu Hause weg war, die warme Höhle ist schon lange nicht mehr zu sehen.

„Weißt du denn auch, wo unser Weihnachtsbaum steht?" fragt sie Brumml. Der brummelt: „Ja,ja, geh nur hinter mir her." „Aber ich hab schon ganz kalte Füße", jammert Tapsi. Da seufzt Brumml, dreht sich um, nimmt seine Schwester an der Hand und sagt: „Komm, wir rennen ein bisschen. Schau, da vorne ist sie schon, die Weihnachtsbaumlichtung!"

Und tatsächlich! Vor ihnen stehen ganz viele Weihnachtsbäume, einer dicht neben dem anderen. „Ui, sind das viele!" staunt Tapsi. „Welchen nehmen wir denn?" Hm, lass mal sehen", meint Brumml ganz fachmännisch und geht langsam durch die Weihnachtsbäume hindurch.

„Guck mal, der ist doch schön!" kräht Tapsi aufgeregt. „Oder der, der ist noch viel schöner!" Schließlich hat Brummel den richtigen Baum gefunden, auch Tapsi findet ihn schön. „Jetzt musst du zur Seite gehen", sagt Brumml, „jetzt zeig ich dir mal, wie ein richtiger Bär einen Baum ausreißt!"

Tapsi guckt ganz gespannt zu. Brumml geht ganz nah an den Stamm heran, atmet noch einmal tief ein, obwohl die Nadeln ganz schön pieken, dann umarmt er den ganzen Baum. Er lehnt sich ein bisschen nach hinten und wieder ein bisschen nach vorne und wieder ein bisschen nach hinten... „Klack!" Was war das?

Verdutzt lässt Brumml den Baum los und schaut nach oben. Nichts zu sehen. „Warst du das etwa?" fragt er Tapsi. Aber die ist ganz unschuldig. „Das kam von oben. Ich hab´s genau gesehen!" sagt sie. Im Schnee finden sie eine Nuss. Seltsam. Wieder versucht es Brumml, wieder bekommt er von oben eine Nuss auf den Kopf.

Ärgerlich guckt er den Baum hinauf, und da sieht er auf einmal ein Eichhörnchen, nein zwei, drei - es werden immer mehr. „Was macht ihr denn mit dem Baum? Man kann ja gar nicht mehr in Ruhe schlafen!" ruft ein Eichhörnchen wütend hinunter. „Das ist unser Weihnachtsbaum!" ruft Tapsi und Brumml sagt tapfer: „Den reiß ich jetzt aus und nehme ihn mit nach Hause."

„Nix da!" schimpft das Eichhörnchen und auf einmal prallen lauter Nüsse auf die Köpfe von Brumml und Tapsi. „Das ist unser Baum!" Erschrocken laufen Brumml und Tapsi nach Hause. Dort erzählen sie dem Vater die ganze Geschichte. „Na, das wollen wir doch mal sehen", sagt Papa und geht mit Brumml und Tapsi zur Weihnachtsbaumlichtung.

Diesmal haben sie eine Axt, eine Säge und die Schaufel mitgenommen. Eigentlich wäre Tapsi lieber zu Hause bei der Mutter geblieben, aber dann wollte sie doch sehen, wie der Papa den Weihnachtsbaum bekommt. Außerdem sind ihre Füße vom vielen Laufen inzwischen ganz warm geworden, und weit findet sie es jetzt eigentlich auch gar nicht mehr.

Als sie an der Lichtung ankommen, ist von den Eichhörnchen weit und breit nichts mehr zu sehen. Papa Bär schaut Brumml an und sagt: „Na, wo sind denn jetzt die Eichhörnchen?" Brumml guckt sich um und sagt: „Aber eben waren sie noch da..." Dann geht Papa Bär zu dem Weihnachtsbaum, den Tapsi und Brumml zuvor ausgesucht hatten.

Gerade setzt er die Säge an, da geschieht es. „Klack!" Papa Bär fährt herum: „Warst du das etwa, Brumml?" „Nein, Papa" , sagt Brumml und zeigt nach oben auf den Baum. Dort tauchen auf einmal immer mehr Eichhörnchen auf, mit Nüssen und Eicheln bewaffnet. „Wollt ihr wohl unseren Baum in Frieden lassen!" „So eine Gemeinheit, jetzt wollen sie ihn auch noch absägen!" „Macht, dass ihr wegkommt!!!"

Und schon werden Papa Bär, Brumml und Tapsi von den wütenden Eichhörnchen mit Nüssen und Eicheln beworfen, so dass sie ganz schnell die Säge fallen lassen. Papa Bär ist verblüfft. „Jetzt siehst du es, Papa", sagt Brumml, und Tapsi nickt eifrig. Da, da sind sie!" Immer mehr Nüsse hagelt es von oben. Papa Bär ruft hinauf:"Hört auf, hört auf, wir wollen mit euch reden!"

Da werden die Nüsse langsam weniger. „Ja? Wollt ihr euch endlich entschuldigen?" fragen die Eichhörnchen. Aber Papa Bär schüttelt den Kopf. „Nein, wir brauchen den Baum doch für Weihnachten. Könnt ihr denn nicht auf einen anderen Baum umziehen?" Statt einer Antwort hagelt es wieder Nüsse. Da kommt Tapsi auf einmal eine Idee. Sie zupft ihren Papa am Ärmel und sagt: „Du Papa, wir könnten den Baum doch ausgraben und in einen Eimer stellen. und nach Weihnachten pflanzen wir ihn wieder ein."

Papa Bär wiegt den Kopf hin und her. Er denkt nach. Einen Baum ausgraben? Das bedeutet viel Arbeit Andererseits wären die Eichhörnchen vielleicht damit einverstanden. „Hm", sagt er und kratzt sich den Kopf. Dann ruft er wieder nach oben: „Wir haben eine Idee: wir könnten ja den Baum ausgraben und nach Weihnachten wieder einpflanzen?" „Wir sollen euch also den Baum für Weihnachten leihen?"

Papa Bär nickt. Die Eichhörnchen denken nach. Sie reden so lange miteinander, bis Brumml kalte Füße bekommt. Außerdem ärgert er sich, weil ausgerechnet seine kleine Schwester diese Idee hatte."Was ist denn jetzt?" ruft er drängelnd hinauf. Die Eichhörnchen fragen zurück: „Bekommen wir ihn dann auch sicher wieder?"

„Klar!" meint Brumml. „Und wo sollen wir hin, während ihr mit unserem Baum Weihnachten feiert?" „Ihr könnt doch einfach mitkommen und mit uns Weihnachten feiern", schlägt Tapsi vor. Dann guckt sie ihren Papa an, etwas erschrocken über ihren eigenen Mut. „Oder Papa, das geht doch?"

Papa Bär runzelt die Stirn, seufzt bedächtig und schließlich nickt er. „Ui ja !" ruft Tapsi ganz begeister. „Also gut" , sagen die Eichhörnchen, „aber seit bloß vorsichtig beim Ausgraben!" „Ja,ja", brummt Brumml, froh, dass es nun endlich wieder weiter geht. Schon kommen die Eichhörnchen den Baum herunter geturnt, dann beginnen Brumml und sein Vater, den Baum auszugraben.

Dabei kommen die beiden ganz schön ins Schwitzen. Aber schließlich ist es geschafft und der Baum steht im Kübel. Gemeinsam machten sie sich auf den Heimweg. Papa Bär trägt den Baum und die Axt, Brumml die Säge und die Schaufel, und Tapsie achtet darauf, dass die Eichhörnchen auch hinterherkommen.

Als sie endlich zu Hause sind, staunt Mama Bär über das merkwürdige Gespann. „Wen habt ihr denn da mitgebracht?" fragt sie. „Das sind die Eichhörnchen, die auf dem Baum wohnen. Jetzt feiern sie mit uns Weihnachten!" „Aha", sagt Mama Bär und guckt ihren Mann erstaunt an. Aber der sagt lieber gar nichts mehr dazu und zuckt nur mit den Schultern. Schließlich machen sie sich gemeinsam daran, den Weihnachtsbaum zu schmücken.

Das geht dieses Jahr natürlich viel leichter, denn die Eichhörnchen helfen und sind flink dabei, die Äpfel und Schleifen auf den Ästen zu verteilen. Brumml findet das toll und auch Papa Bär bekommt langsam wieder bessere Laune. „Vielleicht war das doch gar keine so schlechte Idee, die Eichhörnchen einzuladen", meint er Schließlich. Und als der Weihnachtsbaum fertig geschmückt ist, tanzen sie gemeinsam mit den Eichhörnchen den Weihnachts - Bärentanz.

Es war das schönste Weihnachten seit eh und je.


17.12 - "Nelli und das Weihnachtswunder"



Die kleine Nelli lebt im Wald. Nelli ist ein kleines Reh. Wenn es schön ist und die Sonne scheint, tollt sie den ganzen Tag mit ihren Freunden durch den Wald.

Aber jetzt ist es Winter geworden, die Sonne scheint nicht mehr so warm und Nelli ist es langweilig. Langsam trottet sie zu einer Lichtung, an der die Bäume nicht so dicht stehen. Aber da, wo sie im Sommer noch im duftenden Gras liegen konnte und nur den Hals auszustrecken brauchte, um an die würzigen Kräuter zu kommen, ist jetzt nur ein harter, gefrorener Boden zu sehen. vorsichtig versucht sie, einen Halm aus dem Boden zu rupfen, aber er schmeckt ihr gar nicht. Dann überlegt sie, was sie heute wohl tun könnte.

„Ich laufe einfach mal los, vielleicht finde ich ja einen von meinen Freunden“ , denkt sie sich. Und schon rennt sie los, mitten in den Wald hinein. Je weiter sie kommt, desto dichter wird der Wald.

Aber sie weiß, dass am Rande des Waldes Menschen in kleinen Häusern wohnen. Die machen immer so lustige Sachen, da will Nelli zugucken. Hinter einem Baum sieht sie plötzlich etwas Weißes.

„Hoppel, bist du das?“ fragt sie und guckt um den Baum herum. „Hallo Nelli! Das ist aber schön, dass du vorbeikommst“ , freut sich der Hase. „ Wollen wir was spielen?“ Nelli macht ein wichtiges Gesicht: „ Ich kann jetzt nicht spielen, ich muss dringend nachsehen, was die Menschen am Waldrand heute tun.“ „ Soso, sagt Hoppel. „Meinst du, ich könnte da mitkommen?“ „Hm, tja, da muss ich mal überlegen“ , sagt Nelli und legt den Kopf schief, als würde sie nachdenken.

Hoppel wundert sich. So war Nelli doch sonst nie? Da lacht Nelli übermütig und sagt: „Na klar, komm mit!“ Schon saust sie los, dass Hoppel Mühe hat, ihr hinterherzukommen. Je näher sie den Häusern kommen, desto aufgeregter werden sie. Sie verstecken sich hinter ein paar Bäumen und Sträuchern und sehen zu.

Die Menschen bei den Häusern laufen eilig hin und her. Sie tragen viele Pakete bei sich, die sie in den Häusern tragen. Alle Päckchen sehen unterschiedlich aus. Da gibt es kleine und große, längliche und dicke, runde, solche in blauem Papier, und andere in rotem, manche tragen große Schleifen, andere glitzern wieder.

„Merkwürdig“ , denkt Nelli, „das machen sie doch sonst nicht?“ Dann sieht sie etwas, das noch viel seltsamer ist. Manche der Menschen tragen einen kleinen Baum mit ins Haus. „Siehst du das“ , zischt Hoppel und stupst Nelli an. „Ja“ , flüstert Nelli. „Komisch, im Wald wachsen doch so viele Bäume. Was machen die denn mit den Bäumen im Haus?“ „Komm, das sehen wir uns näher an“ , schlägt Hoppel vor. „Meinst du wirklich?“ fragt Nelli zweifelnd. „Meine Mutter hat immer gesagt, ich soll nicht so nahe zu den Menschen gehen, da kann es gefährlich für mich sein.“ „Ach, was soll denn schon passieren, sie sehen uns doch gar nicht“, meint Hoppel.

Vorsichtig schleichen sie sich ein wenig näher, bis es ihnen gelingt, von draußen in ein Fenster zu sehen. Im Haus glitzert und funkelt es, und als sie genauer hinsehen, erkennen sie, dass da so ein kleiner Baum steht. „Ooohhh“ , staunt Nelli. Der kleine Baum im Zimmer ist über und über mit Kugeln, Schleifen und Äpfeln verziert. Außerdem gibt es da noch vieles, was Nelli nicht kennt, das glitzert und funkelt. Nelli kann sich gar nicht satt sehen. Auch Hoppel hat Augen und Ohren ganz weit aufgemacht und guckt immer noch durch´s Fenster. „Was ist das alles nur?“ fragt er Nelli. „Ich hab keine Ahnung“, meint Nelli, „aber fest steht: ich will auch so einen Baum haben. Dann kann ich ihn mir den ganzen Tag anschauen und muss keine Angst haben, dass mich jemand dabei entdeckt.“ „Wie willst du denn das anstellen?“ fragt Hoppel neugierig. „Das weiß ich auch noch nicht“ , sagt Nelli. „Komm, gehen wir nach Hause.“

Gemeinsam laufen sie nach Hause und auf dem Weg unterhalten sie sich immer noch über den geschmückten Baum, den sie gesehen haben. „Mama, ich will auch so einen Baum“ , sagt Nelli zu ihrer Mutter, nachdem sie ihr alles erzählt hat. Die Mutter schüttelt ein bisschen den Kopf und sagt dann: „Aber das ist ein Weihnachtsbaum für Menschen, Nelli!“ „Bitte, Mama, bitte, ich will auch bestimmt immer ganz brav sein“, bettelt Nelli.

Da muss die Mutter lächeln. Wenn Nelli so etwas schon verspricht, muss es ihr wirklich ernst sein mit dem Wunsch nach so einem Baum. „Ich kann dir nichts versprechen“ , sagt sie zu Nelli, „ aber ich werde mir etwas überlegen.“ Abends, als Nelli endlich im Bett ist und von ihrem Weihnachtsbaum träumt, geht sie in den Wald und ruft alle ihre Freunde zusammen.

Auf einem großen Platz in der Mitte treffen sie sich. „Hört mal alle her, meine lieben Freunde“, sagt Nellis Mutter. „Wie ihr wisst, feiern die Menschen jetzt Weihnachten und meine Nelli ist heute mal wieder etwas zu nahe zu ihren Häusern gelaufen. Dort hat sie durch ein Fenster einen Weihnachtsbaum gesehen und jetzt will sie auch so einen.“

„Aber das ist doch ein Weihnachtsbaum für Menschen“ , lässt sich da ein alter Dachs vernehmen. „Ja, das ist doch nichts für uns“ , sagt ein Uhu und schüttelt den Kopf. „Diese Kinder!“ „Ich weiß, ich weiß“, stimmt Nellis Mutter zu, „aber sie wünscht ihn sich doch so sehr. Hat denn keiner eine Idee, wie wir das machen können?“ Eine kleine Maus, die gerade erst dazu gekommen ist, macht sich ganz groß und sagt: „Das ist doch ganz einfach! Dass ihr mit euren großen Köpfen da nicht draufkommt?!“ „Sei nicht so frech“, schimpft da ein alter Hase, „sag uns lieber, was du für eine Idee hast.“ „Ganz einfach“, erklärt die Maus. „Wir suchen uns einen kleinen Tannenbaum auf der Lichtung aus und den schmücken wir für Nelli.“

Die Tiere nicken, ja, das wäre eine gute Idee. „Und mit was willst du den Tannenbaum schmücken, du neunmalkluger Schlauberger?“ fragt der Uhu von seinem Ast herunter. „Hm“ , sagt die Maus und da fällt ihr nichts mehr ein. „Ganz einfach: von uns könntet ihr ein paar Bucheckern und Nüsse haben“, schlagen die Eichhörnchen vor. „Und wir bringen ein paar Möhren und Äpfel mit“, sagen die Hasen.

Auf einmal sind alle Feuer und Flamme. „Ja, das machen wir!“ „Wollt ihr mir wirklich helfen?“ fragt Nellis Mutter ganz gerührt. „Sicher, komm wir suchen schon einmal einen Baum aus. Und morgen früh treffen wir uns alle auf der Lichtung. Dass mir auch jeder etwas mitbringt!“ sagt der Uhu, der sich ein bisschen als der König des Waldes fühlt. Nellis Mutter und der Uhu suchen einen wunderschönen kleinen Tannenbaum für Nelli aus. Das ist gar nicht so einfach, denn es gibt viele Tannenbäume auf der Lichtung. Gerade haben sie den richtigen gefunden, da kommen auch schon die ersten Tiere wieder.

Eichhörnchen bringen Nüsse, Bucheckern und Eicheln, die Hasen haben Möhrchen und rote Äpfel mitgebracht. Weil die Eichhörnchen darin am geschicktesten sind, verteilen sie die Sachen auf dem Tannenbaum. Die kleine Maus ist auch da und schleppt lange Gräser an, die sie an den Zweigen zu Schleifen bindet.

Da kommen auch die Vögel hinzu. Sie schenken Nelli für ihren Baum ihre schönsten Federn und haben auch noch ein paar Kerne aus den Vogelhäusern mitgebracht, die sie einfach über den Baum verteilen.

Am Abend schließlich ist er fertig. Herrlich geschmückt steht er auf der Lichtung. Zufrieden betrachten Nellis Mutter und die anderen Tiere ihr Werk. „Da wird Nelli aber staunen“, sagt Hoppel, als er den Baum sieht. Auch Nelli, die zu neugierig war, um zu Hause auf ihre Mutter zu warten, kommt jetzt aus ihrem Versteck hervor.

„Der glitzert ja überhaupt nicht!“ sagt sie ganz enttäuscht. „Den Kindern kann man es aber auch nie recht machen!“ schimpft der Uhu und fliegt noch einen Ast höher. „Warte nur bis morgen, du wirst schon sehen“, tröstet sie die Mutter.

Am nächsten Morgen ganz in der frühe, noch bevor die Sonne aufgegangen ist, weckt sie Nelli. Gemeinsam gehen sie zu der Stelle, an der der geschmückte Weihnachtsbaum steht. Über Nacht hat der Frost den Wald erreicht und es ist sehr kalt. Überall sieht man den Reif auf den Bäumen. Der kleine Tannenbaum sieht aus wie am Abend zuvor. Ein wenig Reif liegt auch auf seinen Ästen, aber von Glitzern keine Spur. Nelli, die schon auf ein Wunder gehofft hat, ist enttäuscht.

„Aber Mama, er sieht doch noch genauso aus wie gestern. Er funkelt und glitzert überhaupt nicht so wie der, den ich bei den Menschen gesehen habe.“ Nellis Mutter nickt geduldig und bleibt vor dem Baum stehen.

Da geht auf einmal die Sonne über dem Wald auf und als die Sonnenstrahlen den kleinen Baum erreichen, da fängt er auf einmal an zu glitzern und zu funkeln, dass Nelli die Augen zu machen muss, so hell ist es. „Ohhh, das ist aber schön!“ staunt sie und kann sich gar nicht satt sehen. Die Mutter lächelt. „Siehst du, Nelli, du musst nur Geduld haben.“

Vor lauter Freude fängt Nelli an zu tanzen und bald kommen auch die anderen Tiere aus dem Wald. Als sie Nelli vor lauter Freude um den Baum springen sehen, da freuen sie auch und gemeinsam tanzen sie einen Weihnachtstanz um ihren Weihnachtsbaum herum.


18.12 - "Die Weihnachtsmaus"



Ausgerechnet in der Weihnachtszeit musste uns so etwas passieren! Ich kam morgens nichts ahnend in die Speisekammer, da fiel mir eine Packung Cornflakes auf den Kopf. Einfach so, ohne dass jemand anwesend war! Sie musste wohl nicht richtig im Regal gestanden haben und war von allein heruntergefallen...

Doch dann erblickte ich das Kräutersalz. Der Deckel war offen, es war umgefallen und ein Teil des Inhalts lag daneben, auf dem Küchenschrank verstreut. Als ich schliesslich noch die aufgerissenen Rosinen fand, gab es keinen Zweifel mehr: wir waren nicht allein im Haus!

Nun wohnen wir nicht erst seit gestern auf dem Lande und sind uns durchaus bewusst, dass Herbst und Winter die Jahreszeiten sind, in denen die Mäuse in den Häusern Zuflucht suchen. Aber gerade zu Weihnachten? Wie viel Pech kann man denn haben?!! Und überhaupt, sie sollten doch schon längst in den Häusern sein! Warum lief denn da draußen noch immer eine frei herum?

Nun, da half alles nichts, wir mussten schleunigst Fallen aufstellen und sie bald möglichst fangen. Denn jetzt war es ernst. Mit einer Maus in der Speisekammer ist nicht zu spaßen! Es ist Maus gegen Mensch. Entweder bekommt SIE den Weihnachtsbraten (und -kuchen) oder WIR! Wenn wir das Fest nicht gänzlich ruiniert wissen wollten, hatten wir schnell zu handeln!

Gesagt, getan. Ich räumte die ganze Kammer leer. Zum einen um zu sehen, wie umfassend der Schaden war und zum anderen, um alles noch rechtzeitig vor dem Fest wieder sauber zu haben und die angeknapperten Vorräte ergänzen zu können. Die Arbeit war mühselig, anstrengend und zeitraubend, denn unsere Speisekammer ist in der Regel so voll gestopft, dass man damit glatt ein ganzes Regiment für ein halbes Jahr lang durchbringen könnte. Und zu Weihnachten ist sie ganz bestimmt nicht leerer!

Endlich war ich fertig, mein Mann hatte die Fallen aufgestellt und sogar das Fenster war jetzt geputzt! Aber etwas hatte mich stutzig gemacht. Normalerweise riecht es ‘nach Maus’, wenn man ‘Nager-Besuch’ hat und auch hatte ich keine Exkremente gefunden. Schon komisch, aber vermutlich war sie noch nicht so lange in der Kammer gewesen, als ich den Schaden entdeckt hatte und versteckte sich jetzt hinter Küchenschrank oder Regalen... Wer weiß!

Die Tage verstrichen, der heilige Abend rückte immer näher, aber keine Maus war in die Fallen gegangen, obgleich der Speisekammerboden einem Mienenfeld glich.
Wir hatten nur die feinsten Spezialitäten in die Fallen gepackt, von denen wir wussten, dass eine jede ‘Feinschmecker-Maus’ sie lieben würde: die saftigsten, frischen Rosinen und winzige ‘After-Eight’-Stückchen!

Inzwischen hatten wir einen weiteren ‘Angriff’ auf das Lebensmittellager feststellen können. Also es war klar, wir mussten nun energischer zu Werks gehen! Doch was tun? Verzweifelt wandten wir uns an die ‘Ratten-Frau’, die Dame, die für solche Problematiken in unserer Gemeinde zuständig ist.

Nein, Ratten hätten wir sicher nicht, meinte sie entschlossen und gab mir eine Liste über alles mögliche andere Getier, das bei uns Zuschlupf gefunden haben könnte und riet mir, direkt unter dem Fenster eine Falle aufzustellen, die das Tier lebendig fangen könnte.
“Und sieh zu, dass es eine richtig große Falle ist, denn du weißt nicht, was sich da alles herumtreiben kann! Es können in der Tat recht große Tiere sein”.
Kreidebleich eröffnete ich meinem Mann die Neuigkeiten. Er eilte daraufhin in den nächsten Baumarkt.

Noch einen Tag bis Heiligabend! Ich hatte langsam die Nase voll vom täglichen Putzen, ‘Lebensmittel-Wegwerfen’ und ‘wieder-neu-Erstatten’, in der Hoffnung, dass wir morgen dann doch noch ein gutes und unangeknappertes Mahl einnehmen würden können!

Am Morgen des Heiligen Abends traute ich mich überhaupt nicht mehr in die Speisekammer. Was nun, wenn gar nichts mehr vom Festtagsessen übrig war? Dann wäre unser schönes Fest ruiniert, bevor es überhaupt angefangen hatte! Glücklicherweise bot mein Mann sich an, die Fallen zu überprüfen und kam alsbald schelmisch lachend zurück.

“Wir haben den Übeltäter gefangen!” rief er freudig aus.
“Wie schlimm ist es?” kreischte ich hysterisch.
“Ist überall Blut? Hat sie alles angefressen? Darf ich den ganzen Heiligabend wischen und putzen?” Ich war den Tränen nahe.

“Nein, kein Blut, wir haben sie lebendig gefangen und soweit ich sehen kann, muss sie in die Falle gegangen sein, gleich nachdem sie durchs Fenster gekommen war... aber du solltest in Zukunft wirklich aufpassen, dass du das Fenster nicht mehr so weit offen stehen lässt...!” er schaute mich jetzt eher spöttisch an.
“Ach noch was: Ehe ich es vergesse! Es ist keine Maus, sondern eine Katze!”
“Waaas?!” schrie ich nun noch hysterischer.

Jetzt waren die Kinder dazugekommen und wollten unbedingt den ungebetenen Besucher begutachten und schließlich erklang es einstimmig, als sie sahen, dass es sich noch um ein recht junges und hübsches Kätzchen handelte:
“Mami, Mami dürfen wir die Katze behalten? Ich will auch sonst gar nichts zu Weihnachten, nur die Katze behalten dürfen!”

Und so kam es, dass wir die verkannte Maus feierlich ins Haus einluden und zwangsweise in den Kreis der Familie aufnahmen.
Jedoch hat sie sich seither den Spitznamen ‘Mausi’ gefallen lassen müssen!


19.12 -Plätzchenduft im ganzen Haus



Wieder diese dunkle Jahreszeit. Wieder Dezember. Wieder diese langen Nächte und kurzen Tage. Und wieder die Familie, die quengelt, ich soll Plätzchen backen.
"Nein!" sage ich dieses Mal entschieden. "Ich backe in diesem Jahr keine Plätzchen. Mann und Sohn gucken mich an, als ob ich ihnen soeben mitgeteilt hätte, dass ich beabsichtige, nach Timbuktu auszuwandern. Alles, nur das nicht. Sie flehen. Sie nörgeln. Sie schimpfen. Und ich argumentiere damit, dass es keinen Spaß macht, viele Stunden in der Küche zuzubringen, nochmals Stunden mit deren Reinigung beschäftigt zu sein, die Produkte meiner Schweiß treibenden Arbeit sich noch am Backtag bis auf die Hälfte dezimieren zu sehen, um dann festzustellen, dass anschließend niemand mehr von den Keksen isst. Nicht nur nicht im Dezember, nein auch am Fest selbst wird alles Mögliche gegessen und genascht, nicht aber Mutters Kekse.
Ich schlug vor, in eine gute Konditorei zu gehen, und ein paar von diesen wunderbaren Keksen zu kaufen, die so schön aussehen, wie ich es niemals hinkriegen würde. Aber sie schüttelten beiden heftig die Köpfe und argumentierten: "Aber das riecht doch so schön im ganzen Haus." Okay, da hatten sie ja nun Recht. Trotzdem habe ich keine Lust, Kekse für den Mülleimer zu produzieren. Basta!
Im letzten Jahr hatte ich logisch überlegt und nur noch die Hälfte Kekse gebacken. In der Hoffnung, dass dann alle an einem Tag aufgegessen würden. Aber die Rechnung ging nicht auf. 1. hatte ich fast genau so viel Arbeit, weil es der verschmutzten Küche egal ist, ob zehn oder fünf Bleche gebacken wurden und 2. haben sie von der Hälfte eben wieder nur die Hälfte gegessen. Ob sie es unverschämt gefunden hätten, alles auf einmal zu essen, oder ob ausgerechnet im letzten November ihr Keksappetit nur halb so groß war, bleibt unbekannt. Mein Entschluss stand fester denn je: In diesem Jahr keine Kekse.
Nun waren meine beiden Süßen nicht gewillt, auf selbst gebackene Weihnachtssüßigkeiten zu verzichten. Und weil Muttern dieses Mal nicht als Produzentin zur Verfügung stand passierte, was passieren musste. Die beiden wälzten Backbücher, kauften Frauenzeitschriften mit Plätzchenrezepten und bereiteten sich akribisch auf den großen Backtag vor. Wenn eine Frau kocht oder backt, geht sie in die Küche, schmeißt Ofen und Herd in Gang und legt los. Männer jedoch planen alles bis in die kleinste Kleinigkeit. Sie lasen die Rezepte, murmelten was von Kouvertüre, Petit Fours und viele andere leckere Ausdrücke. Ich schmunzelte, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie das hinkriegen würden. Meine Kekse, die ich immer genau nach Anweisung backte, sahen nie so umwerfend toll aus, wie sie in den Zeitschriften oder Backbüchern abgebildet waren. Aber die beiden hatten - so schien es - den Anspruch, es besser zu machen als ich.
Ich gebe zu, dass ich ein bisschen in meinem hausfraulichen Stolz gekränkt war. Und ein bisschen juckte es mich doch, ihnen zu zeigen, wer hier besser backen konnte. Doch ein Zurück gab es nun nicht mehr für mich. Zu viel hatte ich daran gesetzt, mein Ziel zu erreichen. Um nicht in irgendeine Versuchung zu kommen, in den nachmittäglichen Backvorgang einzugreifen, verzog ich mich für einige Stunden.
Ja, es stimmt, ich war sehr neugierig, als ich nach Hause kam. Was dort dekorativ in einer Schale angerichtet war, verschlug mir den Atem. Vanillekipferl mit Puderzucker, Zimtsterne mit rosa Verzierungen und vieles mehr. "Alle Achtung!" Das Kompliment meinte ich wirklich ernst.
Erst am Abend im Bett fiel mir auf, dass etwas gefehlt hatte. Der Duft. Genau! Der Plätzchenduft im ganzen Haus.




Weihnachtskalender 2012


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